ADHS & Autismus

Definition von Autismus aus Sicht von Autisten

Ian Ford – A Field Guide to Earthlings. An Autistic/Asperger view of neurotypical behavior

Ian Ford hat einen Leitfaden für „Erdlinge“ geschrieben – aus Sicht eines Asperger-Autisten auf neurotypische (NT) Verhaltensweisen.

Das Buch schließt mit einer Autismus-Definition aus seiner Sicht, die ich übersetzt wiedergebe:

1. Autisten entwickeln eine Art von Gehirn, die natürliche, ungefilterte Reize zulässt und sie nicht (so stark )durch kulturelle Bedeutung filtert.
Die Person wird nicht desensibilisiert, und sieht, hört und berührt die Welt direkter als es erwachsene NT tun, weil das symbolische Filtern die Sinne nicht gegen die Welt schützt.

2. Die Person wird in typischen NT-Umgebungen als hochsensibel eingeschätzt, und lernt den Umgang damit, indem sie „zumacht“ (shutdown) oder andere Techniken anwendet. Das autistische Stimming und „Problemverhalten“ könnten vorwiegend Nebenwirkungen der Reizüberflutung sein.

3. Die Person entwickelt keine Sprache, oder eine geringere Abhängigkeit zur Sprache; weil sie direkten Input erhalten, brauchen sie die Sprache nicht als Werkzeug der Wahrnehmung, die Rückmeldungen zwischen Sprache, Gestik und kulturellen Symbolen sind nicht entwickelt. Das erklärt die die grundsätzlichen Kommunikationsprobleme.

4. Wird die Sprache weniger benutzt, entwickelt die Person eine höhere kognitive Unabhängigkeit, und folgt nicht dem Herdentrieb. Das führt dazu, dass sie „in ihrer eigenen Welt leben“ oder nicht angepasst sind. Ist die Angepasstheit sehr gering, wird die Person weniger dazu in der Lage sein, von anderen zu lernen, und wird ein geringeres Allgemeinwissen erlangen, wodurch es für sie schwieriger wird, unabhängig zu leben. Die kognitive Unabhängigkeit kann sie jedoch zu Spezialinteressen führen, über die sie eine Menge lernen können.

5. Die Langzeitwirkungen, von NTs zahlenmäßig übertroffen zu werden, bedeuten … a) die Person hat wenig bis gar keine Gelegenheit, auf Gleichgesinnte zu treffen und versagt entsprechend dabei, zwischenmenschliche Tiefe und Fähigkeiten reifen zu lassen, b) die Person wird verurteilt und ständig durch NTs genötigt, was als Niedermachen wahrgenommen wird; der Selbstwert gerät ins Wanken, was zu chronischem Stress, Angsterkrankungen und Depressionen führt.

Zusammengefasst besteht Autismus aus ungefilterter Wahrnehmung, die zu hoher Reizsensitivität führt, niedriger kultureller Anpassung und kognitiver Unabhängigkeit. Weitere Symptome, die von Psychologen aufgeführt werden, sind lediglich Nebenwirkungen dieser Basissymptomatik.

Das allgemeine Verständnis von Autismus beschönigt den Unterschied zwischen kultureller Anpassung und Sozialisierung, indem behauptet wird, Autisten hätte soziale Defizite. Genauer gesagt zeigen Autisten eine geringe kulturelle Anpassung. Wenngleich wir uns nicht so intensiv wie NTs an sozialen Strukturen beteiligen, haben wir mitunter die gleichen Bedürfnisse nach Kontakt wie andere auch. Direkter Blickkontakt gilt etwa in den USA als angemessen, in anderen Kulturen aber nicht. Fehlender Blickkontakt gilt jedoch als einer der Anzeichen für Autismus.

Eine autistische Bekanntschaft von Ford wird nachfolgend im Buch zitiert:

Die Diagnose lässt uns an unserer eigenen Kompetenz zweifeln und die der Leute überschätzen, die uns sagen, wir würden etwas falsch machen.Im Gegensatz zu dem, was sie über uns glauben, sind NTs nicht besser in sozialen Fähigkeiten, Emotionen bei anderen erkenen oder Empathie. Das soll nicht bedeuten, dass wir gut darin sind, sondern sie von Natur aus nicht besser oder schlechter als wir damit zurechtkommen. Sie sind einfach auf andere Arten schlecht darin, aber diese werden in dieser Kultur und in dieser Zeit weniger wahrgenommen, weil sie als normal gelten. Es ist ihre Kultur, die letzten Endes auf ihre besonderen Eignungen und Defizite optimiert wurde: Setz einen NT alleine in eine Versammlung oder Konferenz voller Aspies und dann sieh einmal, wie kompetent sie dann sind). Sie erkennen außerdem weniger, wann sie Fehler machen, was ihre Wahrnehmung bezüglich ihrer eigenen Kompetenzen weiter verzerrt.

Die emotionalen Schwierigkeiten bei Autisten laufen auf 4 Dinge hinaus, und keines davon behandelt uns von Natur aus als fehlerhaft:

  1. wir fühlen – sensorisch und emotional – stärker als NTs
  2. wir sind gegenüber Emotionen von anderen empfindlicher als NTs, und „erfassen“ ihre Emotionen schneller und stärker
  3. wir durchlaufen unsere Emotionen schneller als NTs (NTs beharren emotional)
  4. wir erhalten sehr, sehr, sehr (kann ich das nochmal betonen? SEHR) schlechte Daten darüber, was wir und andere fühlen, was uns aus allen nachfolgenden Berechnungen wirft, und es uns unmöglich macht, die „richtige“ Antwort herauszufinden.

Der Schweregrad von Autismus kann folgendermaßen verstanden werden:

  • schwerer = erscheint untypischer?
  • schwerer = schwerer beeinträchtigt im Alltag, oder mehr Hilfe benötigt? (Aber: Bedarf an Hilfe ist keine Eigenschaft einer Person, es ist die Folge einer Sache, nicht die Sache selbst)
  • schwerer = weniger Kompensationen entwickelt?

Das Konzept des Spektrums erfasst nicht die innewohnende Vielfalt. Manche Leute brauchen deutlich mehr Hilfe als andere, weil ihr Spezialinteresse ihnen kein Geld einbringt, oder wegen körperlichen Einschränkungen, die nichts mit Autismus zu tun haben. Manche schlugen vor, es statt einem Spektrum eher als eine Landschaft mit vielen Varianten zu sehen.

Autistische Einsamkeit ist die Folge von Isolation, während neurotypische Einsamkeit eher ein vorübergehender Geisteszustand oder Sinnestäuschung ist. Ratschläge von NTs treffen oft nicht den Kern des Problems, wie er von Autisten erfahren wird.

Ian Ford beschreibt 62 verschiedene neurotypische Verhaltensmuster und ihre Ursachen, gibt aber in seinem Buch nur wenige Ratschläge, seine wichtigste Empfehlung:

Bleib authentisch und bewahre Deinen natürlichen Vorteil!

Temple Grandin – The Autistic Brain

Dr. Temple Grandin ist führende Expertin für Viehhaltung, Wissenschaftlerin und Dozentin für Tierwissenschaften, und Autistin. Sie ist der Ansicht, dass Autisten eine spezielle Denkweise haben, die sich in die drei Typen Denken in Wortfakten (word-fact thinking), in Mustern (pattern thinking) und in Bildern (visual thinking) aufteilen lässt. Sie hält fest, dass Autismus individuell stark verschieden ist, dass Probleme mit Reizüberflutung stärker in den Mittelpunkt der Forschung und Therapien rücken sollten, und dass die Stärken von Autisten nicht als Nebenprodukt einer schlechten Verdrahtung, sondern als Produkt der Verdrahtung im Gehirn aufgefasst werden können.

Interessante Passagen sind von mir nachfolgend auf Deutsch zusammengefasst bzw. zitiert:

Selbsteinschätzung (KEINE Diagnose)

Weitere Listen über Verhaltensweisen von (Asperger-) Autisten findet ihr hier:

Diagnose-Standards

In Europa wird derzeit (Stand, Januar 2015) nach dem ICD-10 (Version 2012) diagnostiziert; ICD = International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problem

Das Asperger-Syndrom nach dem ICD-10

In den USA wurde bis 2014 nach dem DSM-IV diagnostiziert, der einschließt

  • F 84.0 Kanner oder frühkindlichen Autismus
  • F 84.5 Asperger-Syndrom
  • F 84.1 Atypischer Autismus (PDD-NOS)

Ab 2015 werden im DSM-V  alle Autismus-Subtypen zu den Autismus-Spektrum-Störungen (ASS, amerik. ASD) zusammengefasst.

Kritik zu diesem Vorgehen kommt von Temple Grandin, siehe Kapitel 5.

Kommentar von Kirsten Lindsmith, autistische Bloggerin und Künstlerin:

Asperger ist bloß ein anderes Wort für „hochfunktional“ und die Trennlinie zwischen Autismus und Asperger war immer komplett willkürlich. Aus traditioneller Sicht ist „Autismus“ mit Hypolexie (Sprachverzögerung) verbunden, während „Asperger“ mit Hyperlexie (fortgeschrittene Sprache) daherkommt. Aber viele „klassische Autisten“ waren hyperlexische Kinder, und viele mit Asperger diagnostizierte waren hypolexisch. Der neue DSM vereint alle diese unterschiedlichen Begriffe unter dem selben Diagnose-Überbegriff Autismus-Spektrum-Störung (ASD). Die Kriterien sind nun auch für Erwachsene gültig, die gelernt haben, ihre Kindheitssymptome zu kompensieren. Ich glaube, dass in Zukunft, wenn die Forschung voranschreitet, der ASD-Oberbegriff erneut in spezifischere Subtypen von Autismus aufgeteilt werden wird – die sich nach außen ähnlich zeigen, aber verschiedene Ursprüngen aufweisen und von verschiedenen Therapien und Behandlungen profitieren. Doch derzeit ist nach meinem Empfinden das Niederreißen von sprachlichen Barrieren das, was wir am meisten brauchen.

Quelle: https://kirstenlindsmith.wordpress.com/2014/10/21/whats-your-function/

Erscheinungsbild des Asperger-Syndroms im Erwachsenenalter

asperger-symptome-springer

Achtung: Die hier angegebenen Symptome wurden möglichst praxisnah erstellt und entsprechen nicht 1:1 den derzeit gängigen diagnostischen Kriterien gemäß ICD-10 / DSM-IV; die Symptome können dabei in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden sein.

Quelle: http://www.springermedizin.at/artikel/16431-das-asperger-syndrom-bei-erwachsenen

Autismus-Symptome bei jungen Mädchen (vor der Schule)

Spezifische Autismus-Subtypen?

Bruining et al. (2010) hat diagnostizierte Autisten mit bestimmten Genotypen, hier 22q11 deletion syndrom und 47,XXY, mit Hilfe des ADI-R (Goldstandard) untersucht. Es gab klare Unterschiede zwischen beiden Genotypen sowie im Vergleich mit idiopathischen Autisten (d.h. ohne eindeutige genetische Ursache), zudem war die Zahl der autistischen Symptome verringert, bei 47,XXY vor allem repetitive Verhaltensmuster und beschränkte Interessen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Genotypen Subtypen im breiten autistischen Spektrum bilden.

In 10 bis 15 % der Fälle liegt die Ursache im Defekt eines einzelnen Gens.  Nach Cohen et al. (2005) wird bei 5 % der Autismus-Betroffenen eine Chromosomenaberration beobachtet.

Weitere Chromosomaberrationen, die mit einem autistischen Phänotyp einhergehen,
betreffen Regionen auf 7q, eine Mikrodeletion auf 17p11.2 (Smith-Magenis-Syndrom), das 22q13 Deletions-Syndrom, die Anzahl der X- und Y-Chromosomen und das Down-Syndrom.

Quelle: Genetik des Autismus, Martin Holtmann et al., 2006, S. 172 (Volltext)

Überschneidung von Autismus mit Persönlichkeitsstörungen, Phobien, Zwangsstörungen und ADHS

aus Lehnhardt et al. (2013)

differentialdiagnostik.

ADHS

Typen von ADHS (englisch)

Werden nur die Kriterien der oberen Liste erfüllt, spricht man von ADS, werden beide erfüllt von ADHS.

Kriterien für ADHS nach dem DSM-IV nach der Deutschen Bundesärztekammer. sowie im neuen DSM-V (nur auf Englisch)

Mehr zu ADHS auf weltsichtig.de

2 Gedanken zu “ADHS & Autismus

  1. Danke, das ist sehr ausführlich und aufschlussreich, insbesondere bezüglich der neuen Regelung ab 2015. :-) Liebe Grüße! Meike

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