Medial geschürter Hass gegen Klinefelter

Dank Google Alert erhalte ich regelmäßig eine Benachrichtigung, wenn etwas über Klinefelter geschrieben wird. So wie auch dieser Artikel, wo es um einen jungen Doppelmörder geht, bei dem man die Ursache sucht, weshalb er zwei junge Menschen scheinbar grundlos umbrachte. Da liegt es natürlich auf der Hand, dass es genetische Ursachen für den Doppelmord gibt. Immerhin werden Menschen als Mörder geboren, so diese „Zeitung“. Niemals sind es die äußeren Umstände. So leicht kann man sich abputzen und Sündenböcke finden. In diesem Fall das Klinefelter-Syndrom. Und warum?

Laut Begründung des Redakteurs sei im Prozess die Frage aufgetaucht, ob der Angeklagte am Klinefelter-Syndrom erkrankt sei.

Symptome könnten unter anderem ein geringes Selbstvertrauen, Stimmungsschwankungen und Wutausbrüche sein.
Das Ergebnis war dann jedoch negativ und nett diese Schlussfolgerung daraus:
Damit sei medizinisch nach wie vor unklar, wie es dazu kommen konnte, dass ein junger Mensch einen neunjährigen und einen Ex-Schulkollegen umbrachte.
Diese „Logik“ ist auf so vielen Ebenen falsch, dass es einen nur graust. Deutschland zurück in den 30ern? Was wäre denn bei einer positiven Chromosomenanalyse gewesen?
„Damit sei medizinisch klar, wie es dazu kommen konnte, dass ein Mensch zum Doppelmörder wurde – er hatte das Klinefelter-Syndrom.“
Dass man hier pauschal einer Gruppe Menschen unterstellt, alleine durch ihre besondere Variante der Geschlechtschromosomen (47,XXY statt 46,XY) würden sie zu Mördern und Verbrechern, und dabei noch die Chuzpe besitzt, auf die Seite eines Selbsthilfevereins zu verlinken, ist schon ein unfassbarer Fehltritt.
Die oben beschriebenen Symptome treffen auf jeden Menschen zu, der sich in einer subjektiv ausweglosen Situation befindet. Studien zeigen schon länger, dass die äußeren Begleitumstände entscheidend sind, nicht die Genetik alleine. Wie viele Mörder werden schon später genetisch untersucht? Was sagt das schon aus? Im Fall von Klinefelter hat z.B. Richard-Devantoy et al. (2014) herausgefunden, dass zwei Mörder mit Klinefelter-Syndrom beide einen niedrigen sozioökonomischen Status besaßen, arbeitslos waren und unter Alkoholmissbrauch litten. Auch breiter angelegte Studien, z.B. Stochholm et al. (2012) kommen zu einem ähnlichen Ergebnis, sobald man Wohnort, Lebensstandard, Bildung, Einkommen, etc. berücksichtigt.
Nur, weil ich das Klinefelter-Syndrom besitze, und nicht einmal das ist per se angeboren – denn nicht alle Menschen mit 47,XXY-Chromosomensatz entwickeln einen niedrigen Testosteronspiegel und benötigen eine Ersatztherapie oder wollen diese -, werde ich nicht zum Verbrecher und Mörder, nicht einmal in Phasen „geringen Selbstvertrauens, Stimmungsschwankungen und Wutausbrüche.“
Die Umwelt, das Umfeld, tragen einen gehörigen Anteil daran, wie sich über Jahre hinweg ein geringes Selbstvertrauen entwickelt. Mangels Wertschätzung, mangels Akzeptanz der Andersartigkeit, durch versteckte oder offene Diskriminierung, durch Mobbing, durch Leistungsgedanken, aber auch durch den Druck der Gesellschaft, dass nur das Zeugen von Nachkommen von Bedeutung ist und keine andere Möglichkeit der Selbstverwirklichung (während die formalen und finanziellen Anforderungen an eine Adoption oder künstliche Befrüchtung sehr hoch sind) etc.
Stimmungsschwankungen können viele Ursachen haben, ein schwankender Hormonspiegel, eine nicht gut eingestellte Hormontherapie (blame the doctor!), aber auch die Folgen einer traumatisierenden Umwelt, das mangelnde Vertrauen zu Bezugsmenschen, das ständige Schwanken zwischen Hoffnung und Niedergeschlagenheit.
Und nicht zuletzt Wutausbrüche haben verschiedene Ursachen, einerseits kann es an der Hormontherapie liegen, andererseits aber auch an Unverständnis für die Lebenssituation, an Overload-Situationen mit Reizüberflutung (ein Merkmal, das sehr viele Klinefelter-Menschen teilen, gemeinsam mit Autisten), sei es akustisch oder emotional.
Was immer es auch auslöst, es liegt wohl weniger an denen Genen, sondern daran, wie Menschen mit anderen Menschen umgehen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft entsprechen.
Vielleicht gibt es aber manchmal aber auch schlicht keine Erklärungen und man muss damit leben, dass es die Geisteskrankheit gibt, ohne dafür eine medizinische Ursache zu finden. In jedem Fall sollten sich Journalisten hüten, eine ganze Minderheit unter Generalverdacht zu stellen. Selbst wenn dieser Verdacht vom Gericht ausging, sollte ein Journalist recherchieren können und reflektieren, dass ein solcher Generalverdacht nicht haltbar ist.

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