Temple Grandin – „The Autistic Brain“

Vor wenigen Monaten stieß ich dank einer Asperger-Autistin auf das Buch „The Autistic Brain“ von Dr. Temple Grandin, führende Expertin für Viehhaltung, Wissenschaftlerin und Dozentin für Tierwissenschaften, und Autistin. Sie ist der Ansicht, dass Autisten eine spezielle Denkweise haben, die sich in die drei Typen Denken in Wortfakten (word-fact thinking), in Mustern (pattern thinking) und in Bildern (visual thinking) aufteilen lässt. Sie hält fest, dass Autismus individuell stark verschieden ist, dass Probleme mit Reizüberflutung stärker in den Mittelpunkt der Forschung und Therapien rücken sollten, und dass die Stärken von Autisten nicht als Nebenprodukt einer schlechten Verdrahtung, sondern als Produkt der Verdrahtung im Gehirn aufgefasst werden können.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und kapitelweise zunächst auf Englisch zusammengefasst, und dann interessante Passagen zusammengefasst, teils mit eigenen Worten, teils mit direkten Übersetzungen oder Zitaten.

Zusammenfassung und Übersetzung:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen (The Meanings of Autism)

2. Gehirnforschung (Lighting Up the Autistic Brain)

3. Sequenzierung des Gehirns (Sequencing the Autistic Brain)

4. Verstecken und Suchen (Hiding and Seeking)

5. Hinter die Labels schauen (Looking Past the Labels)

6. Kenne Deine Stärken! (Knowing your own strengths!)

7. Umdenken in Bildern (Rethinking in pictures)

8. Von den Rändern zur Mitte (From the Margins to the Mainstream)

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8. Kapitel: Von den Rändern zur Mitte

Im achten und letzten Kapitel von Temple Grandins The Autistic Brain, From the Margins to the Mainstream, geht es um das Thema Talente, Erfahrung und Fleiß, und um ein paar abschließende Ratschläge an Autisten, mit dem Alltagsleben besser klarzukommen.

Die Beziehung zwischen Natur und Fördern wurde in den vergangenen Jahren immer populärer, etwa die 10 000 Stunden-Regel. Die Regel besagt:

Um in einem Bereich ein Experte zu werden, muss man zumindest X Stunden Arbeit hineinstecken.

Oder banaler ausgedrückt: Üben, üben, üben!

Grandin stellt klar, dass man keine natürliche Begabung für einen bestimmten Job besitzt, weil zielgerichtete natürliche Begabungen nicht existieren. Üben alleine reicht nicht für ein Talent. Temple Grandin hatte Zugang zu demselben Computerterminal wie Bill Gates, aber wurde trotzdem kein Computergenie – weil sie eine andere Art des Denkens hat.

Ihrer Ansicht nach wird Erfolg durch eine Mischung aus Talent und üben bestimmt, üben alleine reicht nicht, denn wenn es im Gehirn Defizite gibt, dann sind diese nicht überwindbar. Neuroanatomie ist keine Bestimmung, ebenso wenig Genetik. Sie sagen nicht, wer man sein wird, aber wer man sein könnte. Es geht also darum, reale Stärken aufzubauen, und das Gehirn so zu formen, dass es das tun kann, was es am besten kann.

Die Plastizität des Gehirns ist nachgewiesen, u.a. an einer Studie von Londoner Taxifahrer, die innerhalb weniger Jahren den Stadtplan auswendig können müssen. Gehirne sind in der Lage, diese Unmengen an Informationen zu speichern, sich zu verändern, aber sie bilden sich auch wieder zurück – wie ein Muskel -, wenn sie nicht trainiert werden.

Grandin hebt die Vorteile der Tablet-Computer hervor:

1. Sie sind cool, es ist nichts mehr, was jemand als behindert stigmatisiert.

2. Sie sind deutlich günstiger als Geräte zur Kommunikationsunterstützung für Autisten in Klassenräumen.

3. Man sieht direkt, was man tippt oder schreibt, ohne die Verzögerung vom Schauen auf die Tastatur und dann zum Bildschirm.

Und sie liefern unzählige Anwendungsmöglichkeiten, Apps, Webinars, etc…

Man darf deswegen nicht die Defizite vergessen, aber in der Vergangenheit wurde so stark auf die Defizite fokussiert, dass man die Stärken aus den Augen verloren hat.

Für Grandin ist Autismus zweitrangig, sie ist in erster Linie Expertin für Vieh, und streicht aus ihrem Kalender explizit Tage heraus, die ausschließlich der „Rinderzeit“ gehören.

„Autismus ist sicherlich ein Teil von mir, aber ich lasse es nicht zu, mich darüber definieren zu lassen.“

Dasselbe gilt für die undiagnostizierten Asperger-Autisten im Silicon Valley. Sie werden nicht dadurch definiert, dass sie sich im autistischen Spektrum befinden, sondern durch ihre Jobs. Manche Menschen werden dazu natürlich nie Gelegenheit haben. Ihre Einschränkungen sind zu schwerwiegend, als dass sie sie bewältigen können. Aber was ist mit denen, die dazu in der Lage sind? Und was ist mit denen, die zwar nicht dazu in der Lage sind, aber die produktivere Leben führen könnten, falls man ihre Stärken identifizieren und kultivieren könnte?

Eine Möglichkeit dies herauszufinden ist die der verschiedenen Denkweisen: Denken in Wörtern, Denken in Mustern, Denken in Bildern.

Bildung

Grundschüler zusammen zu unterrichten, ist gut für die Sozialisierung. Aber wenn man alle Schüler, Autisten und Nichtautisten, in einer Klasse unterrichtet und sie alle gleich behandelt, ist das ein Fehler: Der Autist steht alleine, wird an den Rand gedrängt, bis man sich dazu entscheidet, ihn in eine Sonderschule zu bringen, wo er mit einem Haufen nichtverbaler Kinder unterrichtet wird.

Grandin nennt ein Beispiel aus ihrer Schulzeit. Sie verdankt sehr viel ihrem damaligen Wissenschaftslehrer, der ihre Stärken in Mechanik und Ingenieurswesen erkannte. Aber in einem Punkt irrte er sich: Als er sah, dass Grandin Schwierigkeiten mit Algebra hatte, verdoppelte er seine Anstrengungen. Er verstand nicht, warum ihr Gehirn nicht auf dem abstrakten, symbolischen Weg funktionierte, welcher das Lösen von X voraussetzt. Was er hätte tun können: Sie nicht dahingehend zu drängen, was nicht funktionierte, sondern sich auf ihre Stärken zu konzentrieren. Ingenieurswesen ist nicht abstrakt, sondern konkret, mit Formen und Winkeln, es handelt von Geometrie.

Aber nein. Der Lehrplan sagt, Algebra kommt vor Geometrie, und Geometrie kommt vor Trigonometrie usw. Vergiss nie, dass Du kein Algebra brauchst, um Geometrie zu lernen.

Sich auf die Stärken konzentrieren, sie vorziehen können, und wenn das Kind mit der Geräuschkulisse in der Kantine nicht umgehen kann, soll es alleine essen.

Die oben genannten Denkweisen kann man bereits im Schulalter erkennen. Ein Kind, das gerne mit Lego spielt, kann sowohl ein visual thinker als auch ein pattern thinker sein, allerdings betrachten sie Lego auf verschiedene Weise:

Der visual thinker möchte Objekte schaffen, die so wie in der Vorstellung aussehen.

Der pattern thinker denkt hingegen darüber nach, wie Teile des Objekts zusammenpassen könnten.

Grandin hatte große Probleme mit textbasierenden Physikaufgaben. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das Problem aussieht, da ihr Arbeitsgedächtnis überfordert war. Würde sie jedoch spezifische Beispiele des Problems mit verschiedenen Formeln vergleichen, könnte sie die Muster der Probleme erkennen.

Pattern thinker können das intuitiv, sie sind viel schneller damit, solche Probleme zu lösen und sind daher eher talentiert in Musik oder Mathematik. Sie verstehen die Form hinter einer Funktion, sie können Probleme mit dem Lesen haben, hängen ihre Mitschüler in Algebra jedoch weit ab, ebenso in Geometrie. Word-fact thinker sind jene, die seitenweise Monologe halten, die Filmzitate bringen, einen Fahrplan auswendig herunterrattern. Es wird wenig bringen, sie im Kunstunterricht durchzudrücken. Ihre Stärken liegen im Schreiben. Sie neigen aber dazu, Überzeugungen zu entwickeln, von denen sie nicht leicht abzubringen sind, im Internet ist daher Vorsicht geboten, wenn man sie einen Blog entwickeln lässt. Entsprechend ihrer Denkweise lassen sich die Kinder und später junge Erwachsene auch auf das Berufsleben vorbereiten.

Zum Abschluss bringt Grandin noch ein paar wichtige Kommentare bezüglich der hohen Arbeitslosigkeit unter Autisten:

1. Keine Ausreden!

„Ich bin nicht interessiert an…“ ist keine gute Entschuldigung. Es bedeutet bloß, dass man härter arbeiten muss als andere, um eine Aufgabe zu erledigen. „Ich habe eine Lernbehinderung“ ist eine noch schlechtere Entschuldigung, wenn Desinteresse dahintersteckt.

2. Stell Dich gut mit anderen (Play well with others)

Sie hört zu viele Asperger-Autisten sagen, dass sie Probleme mit der Authorität hätten. Es gibt einen Grund, warum der Chef Chef heißt – weil er der Chef ist. Beschwerden also direkt an ihn, nicht an ihm vorbei.

Es geht nicht nur darum, Konfrontationen zu vermeiden, sondern anderen auch eine Freude zu machen.

3. Regele Deine Emotionen

In dem man lernt, zu weinen. Du musst nicht vor Publikum heulen, oder vor Deinen Kollegen. Aber wenn es nur die Wahl gibt, auszuflippen oder zu heulen, dann heule. Buben, die heulen, können für Google arbeiten. Buben, die ihre Computergeräte zerstören, nicht.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird die Emotionsregelung vom Frontallappen top-down gesteuert. Wenn man die Emotion nicht kontrollieren kann, muss man sie verändern. Wenn man seinen Job behalten will, muss man lernen, Wut in Frustration umzuwandeln.

4. Denke an Dein Benehmen

Selbst wenn man bereits erwachsen ist, ist es nie zu spät, zu lernen, welche Äußerungen unpassend oder verletzend sind.

5. Verkaufe Deine Arbeit, nicht dich selbst.

Personalabteilungen sind üblicherweise von Leuten besetzt, die den Schwerpunkt auf Teamfähigkeit legen, sie könnten daher denken, dass ein Autist nicht geeignet sei. Sie könnten nicht dazu in der Lage sein, die verborgenen Talente hinter dem sozial sonderbaren Verhalten zu erkennen. Eine bessere Strategie könnte es sein, direkt zum Leiter der Abteilung Kontakt aufzunehmen, in die man möchte (auch „Vitamin B“, B = Beziehungen, genannt). Es kann außerdem nicht schaden, seine Stärken in Form von Portfolios oder Broschüren darzustellen, und mittels der modernen Handytelefonie kann man diese ständig mit sich führen und ggf. anderen zeigen.

6. Nutze Mentoren

Viele erfolgreiche Asperger-Autisten sagten, sie hatten einen Mentor, einen Lehrer, der ihre Stärken erkannte und fokussierte.

Fazit:

Statt rein nach den Defiziten zu gehen, sollte man von Gehirn zu Gehirn schauen, von Stärken zu Stärken, dann sind autistische Arbeitnehmer keine Fälle aus Nächstenliebe, sondern wertvolle Beitragende zur Gesellschaft.

Wenn jemand nicht gerne telefonieren mag, sondern lieber per E-Mail kommuniziert, dann sollte man ihm diese Möglichkeit zugestehen, solange er die Leistung erbringt.

Beispiele für die einzelnen Denkweisen:

Visual thinker Pattern thinker Word-fact thinker
Architekt Programmierer Journalist
Fotograf Ingenieur Übersetzer
Tiertrainer Physiker Bibliothekar
Graphikkünstler Musiker Börsenanalyst
Schmuckdesigner Statistiker Buchhalter
Meteorologe Mathematiklehrer Sprachtherapeut
Automechaniker Chemiker Historiker
Landschaftsplaner Forscher Jurist
Biologielehrer Elektriker Schriftsteller
Tiertrainer Versicherungsstatistiker Reiseleiter

„I know that trying to imagine where we’ll be sixty years from now is a fool’s errand. But I have confidence that whatever the thinking about autism is, it will incorporate a need to consider it brain by brain, DNA strand by DNA strand, trait by trait, strength by strength, and maybe, most important of all, individual by individual“

Ich weiß, dass die Vorstellung, wo wir in 60 Jahren sein werden, aussichtslos ist. Aber ich vertraue darauf, dass die Ansichten über Autismus die Notwendigkeit miteinschließen werden, es von Gehirn zu Gehirn, von DNA-Strang zu DNA-Strang, von Eigenheit zu Eigenheit, von Stärke zu Stärke zu betrachten – und vielleicht, was von alledem das Wichtigste ist: von Individuum zu Individuum.

Die davor zusammengefassten Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!

7. Umdenken in Bildern

Strengths and Talents in XXY

Media reports, specialists and support groups mainly talk about testosterone deficit, resulting infertility and further physical effects of Klinefelter’s syndrome. I found several anecdotal evidence as well as rare neuroimaging studies suggesting that the additional X chromosome could also lead to strengths and talents in XXY. Core theme of this article will be the different types of thinking presented in Temple Grandins book „The Autistic Brain“. Weiterlesen

Die Stärken und Talente der XXY

Autistic Pride und XXY Pride

In einem Asperger-Forum wurde einmal heftig diskutiert, ob man mit dem Asperger-Syndrom auch Stärken in Verbindung bringen dürfe. Schließlich bekomme man die Diagnose ausschließlich als Folge eines Leidensdruck und unter Stärken leide man schließlich nicht [auch wenn ich diese Behauptung bei Hochbegabten oder allgemein talentierten Menschen, die sich nicht verwirklichen können, in Frage stelle]. Die anderen, die auch noch stolz auf ihren Autismus sind, seien gar keine echten Autisten, denn der Leidensdruck sei offenbar nicht vorhanden, dazu wurde generell die „autistic-pride„-Bewegung gezählt. Tja, mit diesem Pride ist es schon ein Leid, wie der Asperger-Autist dasfotobus hier verbloggt (sehr lesenswert).

Mir wurde vorgeschlagen, doch eine „Klinefelter-Pride“-Bewegung zu gründen.  Davon halte ich nichts, denn das Klinefelter-Syndrom ist der Sammelbegriff der Symptome, die aus dem Testosteronmangel (Hypogonadismus) resultieren. Darauf muss kein Betroffener stolz sein! Die Vermengung von XXY (Genotyp) und Klinefelter (Phänotyp) sorgt jedes Mal von Neuen dafür, dass man XXY-Geborene nur aus der Defizitsichtweise betrachtet. Wenn überhaupt, müsste es also „XXY-Pride“ heißen.

Ich persönlich kann diesem Pride-Begriff aber wenig abgewinnen. Stolz kann man auf die eigene Leistung sein. Ich bin weder für reines Defizitdenken noch für ein völliges Ignorieren der Schwächen. Zu schnell könnte man sich darin wiederfinden, in schwierigen Situationen zu sagen „ich kann das nicht, weil ich bin XXY“. Sicherlich fallen *einigen* XXY von uns gewisse Dinge schwieriger als *vielen* 46,XY-Männern.

Produkte der Genetik, nicht Nebenprodukte einer Störung

Eine Aussage von Temple Grandin bzw. von Michelle Dawson geht mir nicht aus dem Kopf:

Was ist, wenn die Stärken von Autisten nicht Nebenprodukte einer schlechten Verdrahtung sind, sondern Produkte der Verdrahtung?

Zu den Stärken von Autisten sind einige Veröffentlichungen erschienen, u.a.

Zuletzt genannte Studie betont, dass mit Stärken und Talenten hier keine Savant-Fähigkeiten gemeint ist! Savants sind Menschen, die eine Inselbegabung besitzen, aber es gibt weltweit höchstens 100 Savants. Die Figur Raymond in dem Film Rainman stellt einen Savant da und wird fälschlicherweise seitdem als typisch für Autisten betrachtet.

Temple Grandin stellt klar, welche besonderen Eigenheiten Autisten im Durchschnitt aufweisen:

  • Verstärkte Wahrnehmung von Details
  • Fähigkeit, Verbindungen herzustellen
  • Gutes Langzeitgedächtnis

Wer etwa…

  • Unmengen an Programmcode beherrscht (pattern thinking): IT-Programmierer, Musiker, Wissenschaftler
  • Fahrpläne auswendig lernen kann (word-fact thinking): Journalisten, schreibende Zunft.
  • in Bilder denkt (visual thinking): Graphiker, Künstler, Fotografen

… der braucht genügend Speicherplatz im Gehirn, um all diese Daten abrufen zu können.

Besonders Wissenschaftlern kommt die Fähigkeit entgegen, verschiedene Daten miteinander verknüpfen zu können, um Theorien aufzubauen und Schlussfolgerungen zu ziehen.

Was wissen wir über XXY?

Wenig.

Mir ist bisher keine einzige Studie bekannt, die XXY mit Stärken und Talenten zusammenbringt.Das hat sicherlich Gründe ….

  • Historisch betrachtet handelt es sich mit dem von Harry Klinefelter entdeckten und nach ihm benannten Klinefelter-Syndrom um eine körperliche Störung, die medizinisch behandelt werden muss.
  • Wenn die Anzahl der Geschlechtschromosomen (= Karyotyp) festgestellt wird, sei es vor der Geburt (führt leider in rund 70 % der Fälle zur Abtreibung), nach der Geburt oder – wie bei den meisten spätdiagnostizierten XXY – im Rahmen einer anderen medizinischen Untersuchung – , dann sieht der Arzt: 47, XXY, also Klinefelter-Syndrom, bitte zu einem Facharzt für Urologie/Andrologie/Endokrinologie gehen und mit Testosteronbehandlung fortfahren.
  • In vielen Studien werden XXY-Männer ausschließlich als Klinefelter-Patienten bezeichnet, was einerseits unterstellt, dass der Testosteronmangel immer behandelt werden muss, und andererseits den betroffenen Männern abspricht, dass da außer dem Testosteronmangel noch mehr sein kann, was einen XXY-Mann definiert.
  • Selbsthilfegruppen betonen zwar, dass XXY ganz normale Männer sind, aber sehen abseits von den Auswirkungen des Testosteronmangels alles losgelöst von diesem Karyotyp.

Wenn ich sehe, wie sich unter Bottom-up-Thinkern, also Forschern, die nicht in vorgefertigten Kategorien denken (Top-Down-Thinker), sondern aufgrund der Datenlage versuchen, Schlussfolgerungen zu ziehen, das Bild über Autismus gewandelt hat, dann sage ich: Es wird Zeit, dass das bei XXY auch passiert. Die viel geringere Häufigkeit von XXY gegenüber Autisten in der Bevölkerung darf keine Ausrede sein, sich mit XXY nicht näher zu befassen. Wenn nur ein Drittel der XXY-Männer diagnostiziert wird, bleiben zwei Drittel unerkannt – und es wäre vermessen anzunehmen, dass sie alle aufgrund ihrer Unauffälligkeit unerkannt bleiben. Vielleicht fanden sie bisher keinen, der ihren Sorgen und Nöten zuhört. Und diejenigen, die nie Probleme haben werden, müssen sich damit auch nie beschäftigen.

Welche Art von Denker kommen bei XXY gehäuft vor?

Das sehr spannende Kapitel in The Autistic Brain über die drei Denkweisen (siehe oben) hinterlässt die Frage, ob auch XXY zu einer bestimmten Denkweise häufiger neigen.

Lassen wir einmal die Schlagworte Klinefelter und Autismus weg: Ich würde vermuten, dass, wenn vermehrt Defizite in der Sprachentwicklung und Kommunikation auftreten, sich Menschen eher zurückziehen,  häufiger alleine sind, sich eher und länger mit Spezialinteressen beschäftigen und wahrscheinlicher Fortgeschrittener oder Experte auf diesem Gebiet werden. Kreativität und extreme Kommunikationsfreudigkeit schließen sich beinahe aus. Wer nur mit anderen Menschen zusammen ist, hat keine Zeit, Ideen zu entwickeln, wer nie Langeweile empfindet oder Auszeiten nimmt, kann keine Kreativität entstehen lassen. Idealerweise befindet man sich ein kreativer Geist innerhalb des Kontinuums zwischen extremer Introvertiertheit und extremer Extrovertiertheit.

Der Kinderpsychiater Jay Giedd fand bei 40 XXY-Kindern ein größeres Volumen an grauer Materie auf der rechten Gehirnseite, welche räumliche (visuelle) und rechnerische Fähigkeiten kontrolliert. Berichte von Konferenzen und Webseiten zeigen, dass Interessen wie Mathematik, Computer, Schach, Musik und Kunst verstärkt bei XXY auftreten und viele in diesen Gebieten beruflich tätig sind. Aufgrund der vermehrt auftretenden Lese- und Rechtschreibschwäche bei XXY-Männern könnte man vermuten, dass word-fact-thinking seltener auftritt. XXY wären demzufolge eher pattern oder visual thinker.

Es wäre interessant, das systematisch zu untersuchen. Einerseits durch eine Statistik unter XXY-Männern selbst (in diversen Selbsthilfegruppen und Organisationen), andererseits individuell durch verschiedene Tests, da gibt es beispielsweise den VVIQ, den Vividness of Visual Imagery-Quotient sowie den Grain-Resolution-Test, von der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov entwickelt. Es gibt auch Tests, die auf räumliche (spatial) Fähigkeiten abzielen und damit auf Pattern-Thinking, etwa dieser Test, bei dem man Objekte im Raum manipulieren muss. Wer eine solche Schreibwut wie ich entwickelt, ist wahrscheinlich zusätzlich oder von Grund auf auch ein word-fact-Thinker.

Wer gut im unbekannten Gelände navigieren kann, ein fotografisches Gedächtnis besitzt, sich etwa hunderte oder gar tausende Pflanzenarten merkt und wiedererkennt, oder künstlerisch tätig ist, ist ebenfalls ein visueller Denker.

Vorläufige Schlussfolgerungen nach knapp 8 Monaten Recherche:

Menschen mit zusätzlichem X-Chromosom und Autisten zeigen offenbar Gemeinsamkeiten in der Gehirnverdrahtung, mit der Neigung zu Denken in Bildern und Mustern (visual thinking, pattern thinking), das kann man hier durchaus als Stärke verbuchen, da je nach Denkweise bestimmte Berufe bevorzugt geeignet sind.

Folgende, unvollständige Beispiele stammen aus dem Buch von Temple Grandin – The Autistic Brain (S. 204-206)

Visual thinker Pattern thinker Word-fact thinker
Architekt Programmierer Journalist
Fotograf Ingenieur Übersetzer
Tiertrainer Physiker Bibliothekar
Graphikkünstler Musiker Börsenanalyst
Schmuckdesigner Statistiker Buchhalter
Meteorologe Mathematiklehrer Sprachtherapeut
Automechaniker Chemiker Historiker
Landschaftsplaner Forscher Jurist
Biologielehrer Elektriker Schriftsteller
Tiertrainer Versicherungsstatistiker Reiseleiter

Wer, wie ich bis vor wenigen Monaten, relativ wenig bisher mit Autismus bzw. Autisten direkt zu tun hatte, wird verwundert feststellen, dass Autisten weit mehr Berufe als nur den klassischen IT-Programmierer ausüben.

In der oben verlinkten Studie über Asperger-Autisten (n = 136) in Berlin studieren 60 % Sozial- und Geisteswissenschaften und nur 30 % Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Wie sich Berufe und Studienrichtungen bei XXYs verteilen, würde mich natürlich brennend interessieren.

Wer mag, bitte kommentieren – DANKE :)

PS: I will add an english version of this article soon.

7. Kapitel: Umdenken in Bildern

Im siebten Kapitel von The Autistic Brain geht Temple Grandin selbstkritisch auf Kritik einer Leserin an ihrem Buch „Thinking in Pictures“ ein. Damals dachte sie, alle Autisten denken in Bildern, bis sie darauf hingewiesen wurde, dass das nicht der Fall sei.

Jeder Autist ist verschieden.
Grandin fand heraus, dass es drei Typen von Denkern gibt:

  • verbal thinker (so denken die meisten neurotypischen Menschen: in Wort und Schrift)
  • visual thinker (in Bildern denken, vor allem Künstler und Graphiker)
  • pattern thinker (Denken in Mustern)

Ein klassischer pattern thinker ist der IT-Programmierer, der Code benutzt. Auch Kreuzworträtsel und Sudoku entwerfen ist pattern thinking. Die besten Puzzles werden von Mathematikern und Musikern gemacht. Muster findet man überall, etwa im Goldenen Schnitt, in Wortanfängen, z.B. fangen im Deutschen kleine runde Dinge oft mit Kn an: Knopf, Knospe, Knauf, Knoblauch, während lange dünne Dinge mit Str anfangen: Straße, Strahen, Strand, Streifen, Strahlen. So brachte sich Daniel Tammet, der innerhalb einer Woche fließend isländisch beherrschte, selbst Deutsch bei.

Künstler erkennen Muster oft schon lange, bevor wissenschaftliche Formeln dafür entdeckt wurden, etwa van Goghs 1889 entworfenes Starry Night mit turbulenter Strömung, dessen Gleichung nicht vor den 30ern gefunden wurde: Mathematische Denkweise ohne es zu wissen.

Es gibt zwei Typen von Mathematikern:

Jene, die Algebra beherrschen: Zahlen und Variablen.
Jene, die geometrisch denken: in Formen

Schach ist ein klassisches Beispiel für pattern thinking:

Schachmeister sehen unmittelbar zwar nur einen Zug voraus, aber es ist immer der Richtige. Sie erkennen nicht mehr Möglichkeiten, sondern die besseren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist, dass sie besser im Erkennnen und Abspeichern von Mustern sind – was von kognitiven Wissenschaftlern „chunks“ genannt wird. Chunks sind eine Sammlung vertrauter Informationen.

Ein durchschnittliches Kurzzeitgedächtnis ist imstande, 4-6 chunks zu speichern.
Ein Schachmeister kann dagegen bis zu 50 000 chunks behalten.

Patternicity ist definiert als

tendency to find meaningful patterns in both meaningful and meaningless data.

Neigung, bedeutungsvolle Muster in bedeutungsvollen und bedeutungslosen Daten zu finden.

Grandin stieß durch Internetrecherche auf Artikel der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov, die visuell thinking in object thinking (Bilder) und spatial thinking (räumliche Muster) unterteilt.

Es gibt zwei visuelle Leitungen im Gehirn:

der dorsale (rückseitige, obere) Weg: Optische Erscheinung von Objekten: Farben, Details

der ventrale (bauchseitige, untere) Weg: wie sich Objekte räumlich zueinander verhalten

Ob jemand ein Objektdenker oder ein Raumdenker ist, lässt sich anhand von diversen Tests feststellen, etwa durch den Vividness of Visual Imagery Quotient (VVIQ). Maximal können 80 Punkte erreicht werden, visual artists erreichen durchschnittlich 70,19 Punkte. Temple Grandin kam auf 71 Punkte – was ihre Stärke, in Bildern zu denken, verkörpert.

Ein weiterer Test ist der grain-resolution-Test, ebenfalls ein objektbezogener Test, bei dem es darum geht, wie grob- oder feinkörnig Materialien aufgelöst sind, z.B. ein Betonboden, Avokadoschalen oder Hühnerhaut. Visual artists erreichen durchschnittlich 11,75 Punkte, während Wissenschaftler und Architekten nicht mehr als 9 Punkte schaffen. Grandin kam auf 17, was sie verwunderte, da sie doch eine Wissenschaftlerin sei.

In Bildern denken bedeutet nicht, ein Objekt im Raum zu manipulieren, sondern seine Sichtweise auf das Objekt zu ändern. Wenn Grandin sich etwa eine große Anlage für Rindviecher (cattle handle facility) vorstellt, dreht sie nicht das Objekt, sondern bewegt ihre Augen um das Objekt herum.

Ein Mensch, der gerne schreibt UND Wissenschaftler ist, ist sowohl verbaler als auch räumlicher Denker.

Warum trifft diese Schlussfolgerung nicht auf Grandin zu? Die Antwort ist: Autismus.

In eine von Kozhevnikovs Artikeln gibt es eine Übung mit zwei abstrakten Gemälden: Eines mit großen rauschenden Farbspritzern, der ganze Eindruck des Bildes war dynamisch. Das andere mit verschiedenen Arten geometrischer Formen, der Eindruck war statisch. Beim dynamischen dachte sie an ein Kampfflugzeug, das sie in einem gerade gelesenen Buch gesehen hat, im statischen sah sie Mutters Nähkorb.

Auf die Frage danach, welches Gefühl sie beim Betrachten der Bilder entwickele, bzw. welche emotionale Reaktion sie in ihr auslöse, entgegnete sie: „Keines. Sie sieht Mutters Nähkorb darin, weil es wie Mutters Nähkorb aussehe.

Künstler benutzen emotionale Begriffe, um Bilder zu beschreiben: Zusammenprall, Durchbruch, extreme Spannung, während Wissenschaftler emotionslose Begriffe benutzen: Quadrate, Flecken, Kristalle, scharfe Kanten, Textilmuster.

Wissenschaftler beschreiben, was sie wortwörtlich sehen, während Künstler beschreiben, was sie im übertragenen Sinne (bildlich) sehen.

Wie Michelle Dawson, die autistische Eigenheiten nicht als positiv oder negativ, sondern als exakt bewertet, weist Grandin greifbaren Objekten keine emotionale Reaktion zu. Sie behandelt sie als Objekte, wortwörtlich, sie kann sie nicht im Raum manipulieren.

Grandin sieht Katastrophen, bevor sie passieren, etwa, als die Airbags zahlreiche Kinder töteten, weil sie für erwachsene Menschen entworfen wurden. Oder das Unglück im Reaktor von Fukushima, dessen Notstromgenerator sich im Keller direkt am Meer befand. Grandin ist ein visual thinker, aber ebenfalls eine Wissenschaftlerin – wegen Autismus.

Die Fähigkeit, in objektbezogenen Bildern zu denken + Autismus = wissenschaftlicher Kopf.

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!

6. Kapitel: Kenne Deine Stärken!

Kapitel 6 von Temple Grandin – The Autistic Brain: Knowing your own strengths.

Dieses Kapitel ist nicht nur für Autismus generell, für die Verhältnisse in Europa im Besonderen ein Paradigmenwechsel, sondern lässt sich auch gut auf 47,XXY übertragen [dazu in einem separaten Blogeintrag mehr).

Bisher setzte jede Forschungstätigkeit im Bereich im Autismus den Schwerpunkt auf kognitive Einschränkungen („was läuft falsch?“) und Stärken wurden lediglich als Nebenprodukte einer schlechten Verdrahtung gesehen, statt als Produkte einer Verdrahtung.

Michelle Dawson ist eine autistische Autismusforscherin in Montreal, Kanada, die wissenschaftliche Studien über Autismus gezielt danach überprüft, auf welcher Datengrundlage Aussagen über Autismus getroffen werden [ihr Twitteraccount ist sehr empfehlenswert].

Bisher wurden Stärken als Kompensation für Defizite gesehen, allerdings stellte man in einem 2009 erschienenen Review von Artikeln, die diese Annahme machten, fest, dass diese umgekehrte Hypothese selten haltbar ist.

Erste atemberaubende Erkenntnisse kamen durch die Verwendung zweier Intelligenztests:
Der Wechsler-Test ist teils verbal, teils nonverbal aufgebaut, während der Raven-Test vollständig nonverbal ist.

Beim Wechsler-Test schnitten ein Drittel der Autisten als „low functioning“ ab, während beim Raven-Test nur 5 % low-functioning waren und ein Drittel hochintelligent. Die Intelligenz von Autisten wurde bisher unterschätzt!

Wir fangen jetzt in der Phase 3 (siehe 5. Kapitel) an, autismusähnliches Verhalten auf von Eigenschaft zu Eigenschaft zu betrachten und können autismusähnliche Eigenschaften ebenso von Gehirn zu Gehirn betrachten.

Temple Grandin betont an dieser Stelle, dass sie nicht suggerieren möchte, dass Autismus eine tolle Sache sei. Aber: Es ist wichtig, realistisch gesehen, von Fall zu Fall individuelle Stärken zu erkennen.

Die beiden nonverbalen Autisten aus Kapitel 5 liefern dazu unterschiedliche Statements:

Fleischmann: „Repariere mein Gehirn!“
Tito antwortet auf die Frage, ob er normal sein möchte: „Warum sollte ich Dick sein und nicht Tito?“ – er unterscheidet also sehr wohl zwischen dem handelnden (nonverbalen) Ich und dem denkenden Ich.

Mit Stärken sind ausdrücklich nicht „Savant-Fähigkeiten“ gemeint, die extrem selten unter Autisten vorhanden sind.

Eine Stärke von Autisten ist die besondere Detailwahrnehmung.

Detailwahrnehmung wurde im Kontext der „weak central coherence“ wahrgenommen, d.h. statt dem Gesamtbild nehmen Autisten nur Details wahr. Sie stellt das Herz der Einschränkungen im kommunikativen/interaktiven Bereich dar. Autisten tun sich eher schwer mit Gesichterkennung, nehmen dafür nur Teile des Gesichts oder sonstige Merkmale wie Haare, Kleidung, etc. wahr. Ihr Stärke liegt weniger in der Erkennung von sozialen Mustern, dafür in der Erkennung reiner Muster.Autisten sind beispielsweise gut bei Test mit eingebetteten Figuren, einer Variante des „in einem Bild sind Fehler versteckt“.

Studien haben ergeben, dass Autisten bei Aufgaben mit Sprachen sowohl den visuellen als auch räumlichen Bereich stärker als neurotypische Menschen aktivieren, möglicherweise, um das Defizit in sozialer Interaktion auszugleichen. In einer fMRI-Studie von 2008 fand man heraus, dass neurotypische Menschen bei der visuellen Suche vor allem in einem Bereich Gehirnaktivität zeigen, im occipitalotemporalen Bereich (visuelle Verarbeitung), während bei Autisten in allen Bereichen Aktivität gemessen wurde.

„Bottom-up“ thinking

Zurück zu Michelle Dawon, sie folgt der wissenschaftlichen „bottom-up“-Methode: Ideen stammen von allen verfügbaren Fakten.

Dem gegenüber steht die „top-down“-Methode: Daten erfassen und allgemeine Ideen von wenigen Quellen manipulieren –> Autismus ist gleichzusetzen mit Defiziten.

Wenn ein Forscher Dawson gegenüber aussagt „es ist so gut, etwas Positives in den Daten über Autismus zu sehen“, entgegnet Dawson: „Ich sehe das als genau an!“

Sie braucht sehr viele Daten, ehe sie Schlussfolgerungen zieht.Dafür schießen ihre Modelle nie übers Ziel hinaus, sie sind beinahe unfehlbar genau. Dieses Gefühl der Gewissheit führt bei autistischen Naturwissenschaftlern mitunter zum Ruf, sehr unnachgiebig und unerschütterlich zu sein. Haben sie einmal einen Beweis erhalten, wird ihre Haltung inflexibel, da sie Stück für Stück in mühsamer Arbeit die Logik dahinter erfahren haben.

„Die Schönheit einer Gleichung oder eines Beweises“

Im Gegensatz dazu ist bei top-down-Denkern die Gewissheit nicht zwingend erbracht, nicht ohne genügend unterstützende Beweise.

Bottom-up bedeutet hingegen: Ein falsches Detail beeinflusst das Gesamtbild nicht.

Assoziatives Denken

Grandins Gehirn funktioniert wie eine Suchmaschine, ihr corpus callosum bildete wesentlich mehr horizontale Fasern als normal, die im parietalen Bereich (Erinnerungen/Gedächtnis) bündeln. Viele Autisten besitzen ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis. Über ihr Langzeitgedächtnis gibt es dafür überraschend wenig Studien, die letzte von 2002 beschäftigte sich mit der Fragestellung, ob das Langzeitgedächtnis bei Autisten beeinträchtigt sei. Fakt ist: Um Details aufzunehmen, braucht man Erinnerungen, und jede Menge Daten.

„If you can’t see the trees, you’ll never see the forest.“

Kreatives Denken

Kreativität wurde im Journal Science folgendermaßen definiert:

plötzliches, unerwartetes Erkennen von Konzepten oder Fakten in einem neuen Verhältnis, das bisher nicht gesehen wurde

Das ist passiert, als Michelle Dawson die gesamte bisher dagewesene Autismusforschung, die Defizite identifiziert , auf den Kopf stellte. Sie benutzte dieselben Konzepte und Fakten wie die anderen, aber sah sie „in einem neuen noch nicht gesehenen Verhältnis“.

Grandin würde nicht so weit gehen zu sagen, dass alle Autisten kreativ sein, oder dass Kreativität ein schönes Nebenprodukt von Autismus sei. Studien des gesamten Genoms zeigen, dass manche „de novo copy number variations“ sich bei Autismus und Schizophrenie überlappen, und sehr kreative Menschen zeigen ein erhöhtes Risiko für Schizophrenie oder andere Psychopathologien.  Autistisch zu sein erhöht die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Art von Kreativität.

„Bottom-up, details-first“-Denker haben wahrscheinlicher kreative Durchbrüche, da sie nicht wissen, wohin die Reise hinführen wird. Sie häufen Details an, ohne zu wissen, was sie bedeuten und ohne notwendigerweise emotionale Bedeutung beizumessen. Sie streben nach Verbindungen, die sie hoffentlich zum großen Ganzen führen werden, aber sie wissen nicht, wo das sein wird, bis sie dort angekommen sind. Sie erwarten Überraschungen.

Das autistische Gehirn ist wahrscheinlicher dafür geeignet, einen kreativen Satz nach Vorne zu machen.

  • beachtet Details
  • mächtiges Gedächtnis
  • Fähigkeit, Verbindungen herzustellen

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

5. Kapitel: Hinter die Labels schauen.

Im zweiten Teil von „The autistic brain“ von Dr. Temple Grandin geht es um die diagnostischen Begrifflichkeiten und wie hilfreich diese im Alltag von Autisten sind.

Grandin beginnt mit dem Skikurs und wie schlecht sie Skifahren kann, man fand heraus, dass ihr Cerebellum 20 % kleiner als der Durchschnitt ist, was motorische Koordinationsschwierigkeiten erklärt. Sie könnte jetzt sagen, dass sie nicht Skifahren kann, weil sie autistisch ist, oder wegen ihrem kleineren Cerebellum.

Die Veränderung des Cerebellums beschreibt die biologische Ursache des Symptoms, das ist der Unterschied zwischen einer Diagnose und einer Ursache. Wie fragwürdig labels (Bezeichnungen) sind, sieht man anhand der im vorherigen Kapitel beschriebenen Über- und Unterreaktion auf die gleiche Erfahrung: Zu viel Information.

Von außen betrachtet kann Grandin nicht Skifahren, weil sie Autistin ist. Vom Inneren her ist es dagegen das Cerebellum. Das ist das Problem der Label-fixierten Denker.

Don’t worry about labels. Tell me what the problem is. Let’s talk about specific symptomes.

Ein Individuum ist gekennzeichnet durch Unterschiede im Gehirn, etwa durch Unterschiede im corpus callosum, im cerebellum, durch die Anzahl der de novo Genmutationen, durch die Position der Mutationen auf dem Chromosom: ein breites Kontinuum.

Im Jahr 2011 stellte ein Artikel fest, dass viele akzeptiert haben, dass bestimmte austische Eigenheiten wie soziale Probleme, beschränkte Interessen und Probleme mit der Kommunikation ein Kontinuum umfassen, das von der Allgemeinbevölkerung bis zu Autismus in der Extremform reicht. Man braucht keine Autismusdiagnose mehr, um sich auf dem Spektrum wiederzufinden.

Der Autismusfragebogen, von Simon Baron-Cohen erfunden, besteht aus 50 Aussagen, die bei Kontrollpersonen eine durchschnittliche Punktzahl 16 von 50 ergaben, 80 % derer mit Autismusdiagnose oder verwandter Störung hatten über 32 Punkte. Aber wo liegt der Schwellenwert für Autismus? Das interessiert Label-fixierte Denker.

Label-thinking – sich an Bezeichnungen festklammern

Label-thinking kann zur eingeschränkten Denkart führen, ich kann das und das nicht tun, weil ich autistisch bin, es kann aber auch dazu führen, dass man durch die Diagnose beruhigt ist, aber sich fragt, wie Außenstehende darüber denken. Schätzungsweise die Hälfte der Mitarbeiter in technischen Firmen im Silicon Valley würden als autistisch diagnostiziert werden, was sie tunlichst vermeiden. Eine Generation davor hätten sie als schlicht als begabt gegolten, jetzt, wo es eine Diagnose gibt, versuchen sie Ghettoisierung zu vermeiden.

Label-thinking beeinflusst die Behandlung: Ein autistisches Kind mit Magendarmproblemen wird nicht behandelt, weil es heißt „Oh, Autismus, das ist das Problem!“ Dabei bedeutet das nicht, dass die Probleme nicht behandelt werden können.

Es beeinflusst auch die Forschung: Die Forscher beklagen sich oft darüber, dass die Größe der Fehlerbalken bei autistischen Daten doppelt so groß sind wie bei Kontrollpersonen. Was darauf hindeutet, dass in einem Sample große Abweichungen gibt, die in Subgruppen kategorisiert werden müssten.

Es wird behauptet, dass manche Lösungen für sensorische Überreizungen bei Autisten nicht funktionieren, dabei sah Temple Grandin selbst, dass es funktionierte, etwa gefärbte Sonnengläser. Allerdings funktioniert dieser Trick im Schnitt nur bei 3-4 von 20 Autisten, da Individuen im unterschiedlichen Ausmaß an Reizfilterschwäche leiden.

Die Schlussfolgerung der Forscher: Die Hilfsmittel funktionieren nur bei 15-20 % der Autisten, d.h. aber, es hilft durchaus, wenn auch nur einer Subgruppe.

Sie möchte Labels aber auch nicht verteufeln, sie sind wichtig für die Diagnose, Behandlung und um schlicht nicht ignoriert zu werden. Vorteile entstehen im medizinischen Bereich, in der Erziehung, Versicherungsbeiträge und bei sozialen Programmen. Zudem macht es für Forscher durchaus sein, autistische Personen mit Kontrollpersonen zu vergleichen, allerdings nicht immer, denn: Autismus ist keine „one-size-fits-all„-Diagnose. Erst der Mangel an Genauigkeit der Diagnose definiert das Spektrum.

Problematik der neuen DSM-V-Kriterien für Autismus

Im DSM-IV ging man von einem Triadmodell aus:

  1. Defizite in der sozialen Interaktion
  2. Defizite in der sozialen Kommunikation
  3. Beschränkte, wiederholende Verhaltensmuster und Interessen

Der DSM-V wirft 1. und 2. in einen Topf der Kommunikationsdefizite, das Dyadmodell:

  1. Defizite in der sozialen Kommunikation und Interaktion
  2. Beschränkte, wiederholende Verhaltensmuster und Interessen

Dass soziale Kommunikation und Verhaltensmuster getrennt werden müssen, ist wissenschaftlich nachvollziehbar, da unterschiedliche Teile des Gehirns betroffen sind. Die Vereinigung von sozialer Interaktion und Kommunikation jedoch nicht.

Soziale Interaktion umfasst nonverbales Verhalten wie z.B. Augenkontakt oder Lächeln.

Soziale Kommunikation umfasst die verbale und nonverbale Fähigkeit, sich mit jemandem zu unterhalten, gleiche Ideen und Interessen zu teilen.

In einer Studie von 2011 fand man in 200 fMRI und DTI-Studien heraus, dass im bildgebenden Verfahren keine Grundlage für diese Einteilung gibt. Die Autoren schlugen sogar zwei weitere Kategorien entsprechend dem DSM-IV vor.

Im DSM-IV gab es die folgenden 3 Kategorien:

  • Autistische Störung (klassischer Autismus)
  • Asperger-Autismus
  • Nicht näher spezifierte tiefgreifende Entwicklungsstörung (atypischer Autismus, PDD-NOS)

Im DSM-V gibt es nur noch eine Kategorie:

  • Autismus-Spektrum-Störung

Was ist mit PDD-NOS und Asperger passiert?

Vorher war es so: Der große Unterschied zwischen Asperger und klassischer Autismus ist Sprachverzögerung. Wenn man vorher eine Sprachverzögerung als Kind aufwies, fiel man in die Autismus-Kategorie. Falls nicht, unter Asperger. Jetzt fallen auch Aspies in die Autismuskategorie, die keine Sprachverzögerung aufweisen.

Was ist mit vorher nichtdiagnostizierten Autisten, die nur die eine Hälfte der Dyade erfüllen: Defizite sozialer Kommunikation und Interaktion, aber nicht beschränkte Verhaltensmuster und Interessen? Das zählt künftig zur Kommunikationsstörung, genauer gesagt Soziale Kommunikationsstörung, worum es sich grundsätzlich um Autismus ohne wiederholende Verhaltensmuster und beschränkte Interessen handelt. Was grundsätzlich Quatsch ist! Die sozialen Beeinträchtigungen sind nach Grandin der Kern von Autismus, weniger wiederholende Verhaltensmuster.

„So having a diagnosis of social impairment that’s distinct from the diagnosis of autism is the same like having a diagnosis of autism that is distinct from the diagnosis of autism“

Eine Diagnose „soziale Beeinträchtigungen“ zu erhalten, die von Autismus unterschieden wird, ist das gleiche wie eine Autismus-Diagnose zu erhalten, die sich von der Autismus-Diagnose unterscheidet.

Jene, die vorher als Aspies diagnostiziert worden wären, müssten lernen, dass sie offiziell nicht mehr zu den neurologischen Entwicklungsstörungen gehören, sondern zu einer anderen Diagnosekategorie zusammen mit Unruhe stiftend, Impulskontrolle und Verhaltensstörungen. Die Entscheidung dafür wird letzendlich von der Einzelmeinung eines Arztes getroffen – was unwissenschaftlich erscheint.

Aus biologischer Sicht: Die neue Diagnosekategorie umfasst 6 Diagnosen, wovon nur eine eine wissenschaftliche Grundlage aufweist: Störung der Impulskontrolle (Jähzornigkeit). Neuroimaging zeigt, dass in diesem Fall die  Kontrolle vom Frontal Cortex Richtung Amygdala nicht funktioniert. Bei den anderen Diagnosen riecht es nach Temple Grandin sehr nach „wenn wir das so benennen, müssen wir ihnen keine Autismus-Unterstützung geben und können die Polizei die Angelegenheit erledigen lassen.“ Der DSM könne diese Kategorie genauso „Werft sie ins Gefängnis“ nennen.

Zweitens übersehen diese Diagnosen den begabten, aber oft frustrierten typischen Aspie, der in einer wenig verständnisvollen Umgebung arbeitet.

PDD-NOS umfasste laut DSM-IV jene Entwicklungsstörungen, die die Autismuskriterien nicht erfüllen, weil sie zu spät einsetzten, atypische und/oder unterschwellige Symptome aufweisen. Im DSM-V kommen sie hingegen in eine weitere Kategorie neurologischer Entwicklungsstörungen: intellektuelle Entwicklungsstörungen – spezifische, intellektuelle oder allumfassende Entwicklungsverzögerung, die nicht näher klassifiziert werden.

Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab, dass von 657 nach dem DSM-IV diagnostizierten Autisten nur 60 % gemäß DSM-V die Diagnose Autismus behalten würden. Auswirkungen hätte dies vor allem auf die staatlich [in den USA] garantierten Ansprüche auf Unterstützung bzw. Hilfeleistungen. Auch auf die Forschung hätte dies Einfluss: Jetzt würden sprachverzögerte und nicht sprachverzögerte Autisten in einen Topf geworfen. Ein Blick in die Literatur zeigt, dass sprachverzögerte Autisten wesentlich stärker mit Reizproblemen zu kämpfen haben. Die Vergleichbarkeit in der Forschung wäre nicht mehr gegeben.

Der DSM-V besteht dank label-fixiertem Denken aus einer Fülle von Diagnosen, für die es gar nicht genügend Gehirnsysteme gibt.

Statt über die Benennung einer Zusammenstellung von Symptomen nachzudenken, könnten wir den einzelnen Symptomen nun bestimmte Ursachen zuordnen. Die Forschung wäre nun so weit, dass wir Symptome und Biologie verbinden können (*).

Das Kapitel beschließt mit einem Rückblick auf die Geschichte der Autismus-Diagnosen:

Phase I umfasst die Zeit von 1943 bis 1980, von der Entdeckung des Autismus durch Kanner bis zum DSM-III. In dieser Zeit suchte man die Ursache von Autismus, wegen der damalig populären Psychoanalyse mehr im Verhalten durch Erziehung („Kühlschrankmutter“).

Phase II reicht von 1980 bis 2013, bis zum DSM-IV, als man spezifische Symptome suchte, um Geisteskrankheiten zu behandeln.

Phase III startet nun ab 2014 mit den großen Fortschritten in den Neurowissenschaften und in der Genetik. Wie Phase I geht es um Ursachenforschung, aber mit 3 großen Unterschieden:

  1. Es geht weniger um Denken als um das Gehirn. Neurowissenschaften und Genetik erlauben einen tieferen Einblick.
  2. Es handelt sich um eine Suche nach Ursachen (Mehrzahl!), die der Komplexität des Gehirns geschuldet sind.
  3. Wir sollten nicht nach einer oder mehrerer Ursachen für Autismus suchen, sondern für das jeweilige Symptom im gesamten Spektrum.

Die Zukunft besteht nach Temple Grandin im Fokus auf Symptome statt auf Diagnosen („labels“), und Forscher sollten nicht auf Selbstbeobachtungen scheißen.

Statt alle Autisten müsste man kleine Subgruppen mit sehr spezifischen Eigenheiten betrachten, auf Symptom-neben-Symptom-Basis, mit spezifischen Änderungen im Gehirn.

Die Behandlung könnte vielmehr in gemeinsamen Mechanismen statt auf psychiatrische Diagnosekategorien wurzeln.

(*) Ergänzung:

Dieser Meinung ist auch einer der führenden Autismusforscher, Jaak Panksepp:

[…] psychology needs to become biologically-oriented. We have this wonderful discipline, but one where people seem to be doing the same thing over and over again, especially with the many verbal and pencil and paper approaches. Psychology departments have very few people that really understand the way the brain operates, and that is a great shortcoming of the area. If we all knew much more about the brain, we would be able to help kids with problems, as well as adults with problems, much better. We could finally become a solid science.

Quelle: http://www.autism-help.org/points-brain-chemistry-autism.htm

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen