6. Kapitel: Kenne Deine Stärken!

Kapitel 6 von Temple Grandin – The Autistic Brain: Knowing your own strengths.

Dieses Kapitel ist nicht nur für Autismus generell, für die Verhältnisse in Europa im Besonderen ein Paradigmenwechsel, sondern lässt sich auch gut auf 47,XXY übertragen [dazu in einem separaten Blogeintrag mehr).

Bisher setzte jede Forschungstätigkeit im Bereich im Autismus den Schwerpunkt auf kognitive Einschränkungen („was läuft falsch?“) und Stärken wurden lediglich als Nebenprodukte einer schlechten Verdrahtung gesehen, statt als Produkte einer Verdrahtung.

Michelle Dawson ist eine autistische Autismusforscherin in Montreal, Kanada, die wissenschaftliche Studien über Autismus gezielt danach überprüft, auf welcher Datengrundlage Aussagen über Autismus getroffen werden [ihr Twitteraccount ist sehr empfehlenswert].

Bisher wurden Stärken als Kompensation für Defizite gesehen, allerdings stellte man in einem 2009 erschienenen Review von Artikeln, die diese Annahme machten, fest, dass diese umgekehrte Hypothese selten haltbar ist.

Erste atemberaubende Erkenntnisse kamen durch die Verwendung zweier Intelligenztests:
Der Wechsler-Test ist teils verbal, teils nonverbal aufgebaut, während der Raven-Test vollständig nonverbal ist.

Beim Wechsler-Test schnitten ein Drittel der Autisten als „low functioning“ ab, während beim Raven-Test nur 5 % low-functioning waren und ein Drittel hochintelligent. Die Intelligenz von Autisten wurde bisher unterschätzt!

Wir fangen jetzt in der Phase 3 (siehe 5. Kapitel) an, autismusähnliches Verhalten auf von Eigenschaft zu Eigenschaft zu betrachten und können autismusähnliche Eigenschaften ebenso von Gehirn zu Gehirn betrachten.

Temple Grandin betont an dieser Stelle, dass sie nicht suggerieren möchte, dass Autismus eine tolle Sache sei. Aber: Es ist wichtig, realistisch gesehen, von Fall zu Fall individuelle Stärken zu erkennen.

Die beiden nonverbalen Autisten aus Kapitel 5 liefern dazu unterschiedliche Statements:

Fleischmann: „Repariere mein Gehirn!“
Tito antwortet auf die Frage, ob er normal sein möchte: „Warum sollte ich Dick sein und nicht Tito?“ – er unterscheidet also sehr wohl zwischen dem handelnden (nonverbalen) Ich und dem denkenden Ich.

Mit Stärken sind ausdrücklich nicht „Savant-Fähigkeiten“ gemeint, die extrem selten unter Autisten vorhanden sind.

Eine Stärke von Autisten ist die besondere Detailwahrnehmung.

Detailwahrnehmung wurde im Kontext der „weak central coherence“ wahrgenommen, d.h. statt dem Gesamtbild nehmen Autisten nur Details wahr. Sie stellt das Herz der Einschränkungen im kommunikativen/interaktiven Bereich dar. Autisten tun sich eher schwer mit Gesichterkennung, nehmen dafür nur Teile des Gesichts oder sonstige Merkmale wie Haare, Kleidung, etc. wahr. Ihr Stärke liegt weniger in der Erkennung von sozialen Mustern, dafür in der Erkennung reiner Muster.Autisten sind beispielsweise gut bei Test mit eingebetteten Figuren, einer Variante des „in einem Bild sind Fehler versteckt“.

Studien haben ergeben, dass Autisten bei Aufgaben mit Sprachen sowohl den visuellen als auch räumlichen Bereich stärker als neurotypische Menschen aktivieren, möglicherweise, um das Defizit in sozialer Interaktion auszugleichen. In einer fMRI-Studie von 2008 fand man heraus, dass neurotypische Menschen bei der visuellen Suche vor allem in einem Bereich Gehirnaktivität zeigen, im occipitalotemporalen Bereich (visuelle Verarbeitung), während bei Autisten in allen Bereichen Aktivität gemessen wurde.

„Bottom-up“ thinking

Zurück zu Michelle Dawon, sie folgt der wissenschaftlichen „bottom-up“-Methode: Ideen stammen von allen verfügbaren Fakten.

Dem gegenüber steht die „top-down“-Methode: Daten erfassen und allgemeine Ideen von wenigen Quellen manipulieren –> Autismus ist gleichzusetzen mit Defiziten.

Wenn ein Forscher Dawson gegenüber aussagt „es ist so gut, etwas Positives in den Daten über Autismus zu sehen“, entgegnet Dawson: „Ich sehe das als genau an!“

Sie braucht sehr viele Daten, ehe sie Schlussfolgerungen zieht.Dafür schießen ihre Modelle nie übers Ziel hinaus, sie sind beinahe unfehlbar genau. Dieses Gefühl der Gewissheit führt bei autistischen Naturwissenschaftlern mitunter zum Ruf, sehr unnachgiebig und unerschütterlich zu sein. Haben sie einmal einen Beweis erhalten, wird ihre Haltung inflexibel, da sie Stück für Stück in mühsamer Arbeit die Logik dahinter erfahren haben.

„Die Schönheit einer Gleichung oder eines Beweises“

Im Gegensatz dazu ist bei top-down-Denkern die Gewissheit nicht zwingend erbracht, nicht ohne genügend unterstützende Beweise.

Bottom-up bedeutet hingegen: Ein falsches Detail beeinflusst das Gesamtbild nicht.

Assoziatives Denken

Grandins Gehirn funktioniert wie eine Suchmaschine, ihr corpus callosum bildete wesentlich mehr horizontale Fasern als normal, die im parietalen Bereich (Erinnerungen/Gedächtnis) bündeln. Viele Autisten besitzen ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis. Über ihr Langzeitgedächtnis gibt es dafür überraschend wenig Studien, die letzte von 2002 beschäftigte sich mit der Fragestellung, ob das Langzeitgedächtnis bei Autisten beeinträchtigt sei. Fakt ist: Um Details aufzunehmen, braucht man Erinnerungen, und jede Menge Daten.

„If you can’t see the trees, you’ll never see the forest.“

Kreatives Denken

Kreativität wurde im Journal Science folgendermaßen definiert:

plötzliches, unerwartetes Erkennen von Konzepten oder Fakten in einem neuen Verhältnis, das bisher nicht gesehen wurde

Das ist passiert, als Michelle Dawson die gesamte bisher dagewesene Autismusforschung, die Defizite identifiziert , auf den Kopf stellte. Sie benutzte dieselben Konzepte und Fakten wie die anderen, aber sah sie „in einem neuen noch nicht gesehenen Verhältnis“.

Grandin würde nicht so weit gehen zu sagen, dass alle Autisten kreativ sein, oder dass Kreativität ein schönes Nebenprodukt von Autismus sei. Studien des gesamten Genoms zeigen, dass manche „de novo copy number variations“ sich bei Autismus und Schizophrenie überlappen, und sehr kreative Menschen zeigen ein erhöhtes Risiko für Schizophrenie oder andere Psychopathologien.  Autistisch zu sein erhöht die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Art von Kreativität.

„Bottom-up, details-first“-Denker haben wahrscheinlicher kreative Durchbrüche, da sie nicht wissen, wohin die Reise hinführen wird. Sie häufen Details an, ohne zu wissen, was sie bedeuten und ohne notwendigerweise emotionale Bedeutung beizumessen. Sie streben nach Verbindungen, die sie hoffentlich zum großen Ganzen führen werden, aber sie wissen nicht, wo das sein wird, bis sie dort angekommen sind. Sie erwarten Überraschungen.

Das autistische Gehirn ist wahrscheinlicher dafür geeignet, einen kreativen Satz nach Vorne zu machen.

  • beachtet Details
  • mächtiges Gedächtnis
  • Fähigkeit, Verbindungen herzustellen

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

Vielfalt statt Definitionen

Im deutschen Aspieforum schrieb ein Neurobiologe den folgenden Beitrag über den Zusammenhang von Autismus und Schizophrenie, auch im Hinblick auf andere Veranlagungen interessant:


Generell muss man ganz klar sagen, dass die biologische Realität der psychiatrischen Erkrankungen stark fließend verläuft und es selten zu 100% exakt abgegrenzten Phänomenen kommt, da wir mit AD(H)S, Schizophrenie und Autismus allesamt Krankheitsbilder haben, die sich im Hinblick auf die betroffenen Hirnstrukturen stark überschneiden. Dadurch kommt es auch zu einem fließenden Übergang und Kombinationen dieser Krankheiten.

Letztendlich musst du verstehen, dass eine Diagnose eine Definition ist. Das bedeutet, man hat eine bestimmte Ansammlung von Symptomen beobachtet und darüber eine Krankheitsdefinition erschaffen, ohne bereits über die Ursachen der Beobachtung etwas zu wissen.

Da die Krankheiten unabhängig voneinander beschrieben wurden, sind Mischformen in diesen Definitionen nicht ursprünglich eingeschlossen.

In gewissem Sinne kann es dir egal sein, welche Diagnose du hast, denn das ist letztendlich lediglich der Name, den die Ärzte für dein Problem gewählt haben. Am Ende ist doch nur die Frage entscheidend, womit dir geholfen ist.

[…]

Ich zitiere im Wortlaut etwa einen namhaften Professor der Psychiatrie, wenn ich schreibe:

Einige Experten des Fachgebietes sind der Meinung, dass die gegenwärtige DSM-Diagnostik so weit von der tatsächlichen biologischen Realität entfernt liegt, dass sie den Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft teilweise gar behindern kann. Wir müssen uns letztendlich von einem einseitigen Krankheitsverständnis von Einzeldefinitionen lösen und lernen, psychiatrische Erkrankungen als negative Extremformen in der Bevölkerung vorhandener Charaktereigenschaften zu verstehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Das heißt nicht, dass die gesamte Psychiatrie Unsinn ist. Es heißt nur, dass die Fachwelt sich der Unschärfe der natürlichen Gegebenheiten durchaus bewusst ist und derzeit diskutiert, wie man Diagnoseinstrumente verbessert, damit die Definition an sich nicht der angemessenen Behandlung einer Krankheit im Wege steht.

Quelle: Aspie.de-Forum