Leitfaden für Eltern und Lehrer von XXY/Klinefelter

Vorwort:

Zufällig fand ich diesen Leitfaden, als ich nach einem Zusammenhang zwischen Klinefelter-Syndrom und der Schwierigkeit, mit Hintergrundgeräuschen (Reizfilterschwäche) umzugehen, suchte. Auch, wenn meine Schulzeit schon lange vorbei ist, erkannte ich mich in einigen geschilderten Konfliktsituationen wieder. Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Paul Collingridge (KSA) habe ich wichtige Passagen des Leitfaden ins Deutsche übersetzt.

  • um auch anderen Betroffenen im Erwachsenenalter die Möglichkeit zu geben, sich selbst besser zu verstehen; mit der Kindheit und Schulzeit Frieden zu schließen
  • damit Eltern ihre XXY-Jungen besser verstehen und frühzeitig fördern können
  • damit Lehrer begreifen, was für die Betroffenen wichtig ist und sensibilisiert für Betroffene werden, die noch keine Diagnose erhalten haben

Viele der geschilderten Probleme treffen auch auf autistische Kinder zu.

Der übersetzte Leitfaden ist auch als PDF abrufbar: bitte anklicken.

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Verschiedene Wege der Kommunikation

Das ist eine (nicht ganz wörtliche) Übersetzung des vorherigen englischen Beitrags, die sich meinen persönlichen Erfahrungen als XXY-Mensch zuwendet.

Für viele Menschen ist das persönliche Gespräch selbstverständlich, um wichtige Dinge zu besprechen. Verbal nicht beeinträchtigte Menschen bevorzugen die verbale Kommunikation. Sie lehnen die Schriftform eher ab, weil sie annehmen, dass es viel einfacher sei, jemanden einfach nur zu treffen und die Angelegenheit beizulegen, indem man Argumente austauscht, statt sich lange E-Mails zu schreiben und ähnlich lang antworten zu müssen. Das kostet zu viel Zeit. Wenn man Therapeuten oder Coaches darauf anspricht, werden sie Dir ähnliches sagen: Es ist besser, eine Angelegenheit, von Angesicht zu Angesicht beizulegen als über E-Mail oder andere schriftliche Kommunikationswege (z.B. SMS, Messenger, Whatsapp, etc.).

Auge in Auge kommunizieren ist ein Minenfeld

Was ich über mich selbst gelernt habe: Kommunikation ist unabhängig von der gewählten Form ein Minenfeld. Dennoch tue ich mir mit der direkten Kommunikation schwerer als mit der Schriftform. Wenn ich der Person gegenübersitze, mit der ich über etwas Wichtiges reden muss (kein Smalltalk), wo ich meine Meinung durchzusetzen beabsichtige, dann fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu treffen und sogar vollständige Sätze zu bilden, weder auf Deutsch noch auf Englisch (auch wenn mir letzteres mehr liegt). Verzögerungen bei der Aufnahme von Gehörtem tragen dazu bei, dass ich leichter den Faden verliere, weil ich Zeit brauche, um über das nachzudenken, was gesagt wurde, aber das Gespräch bereits voranschreitet und ich Gefahr laufe, zu vergessen, was gesagt wurde. Ich neige außerdem dazu, mich mehr darauf zu konzentrieren, was ich sagen will statt dem anderen zuzuhören. Das führt oft dazu, dass meine Argumentation lausig wird und ich Argumente vorbringe, die natürlich zu emotional sind und nicht auf Fakten basieren, und entsprechend nicht den Gesprächspartner überzeugen.

Ebenso passiert es gelegentlich, dass mit einer bestimmten Absicht in ein Gespräch gehe, und während dem Reden den Faden verliere. Ich bin mir zwar dessen bewusst, und dass die Diskussion in eine falsche Richtung abdriftet und Gefahr läuft, mit dem schlechtestmöglichen Ergebnis abzuschließen (d.h. ich hatte keinen Erfolg, sondern habe meine Situation nach dem Gespräch sogar noch verschlechtert), aber ich kann es nicht aufhalten.

Zusammenbrüche und Grübeleien als Nachwirkungen

Nach derartigen Diskussionen bin ich oft völlig erschöpft und brauche eine Pause an einem ruhigen Ort. Denn Übersensibilitäten verschlechtern sich nach dem Versuch „socialising“ zu betreiben, und jedes Geräusch und jede Bewegung in meiner Umgebung ist nur noch zuviel. Ich fühle dann den starken Impuls mich zurückzuziehen und ich sollte Menschenansammlungen besser vermeiden, um nicht eine Panikattacke zu erleiden. Manchmal verstumme ich und will für Stunden einfach nicht mehr reden oder antworten (ärgerlich, wenn mir in der Stadt dann gerade in solchen Phasen ein aufdringlicher Zeitungsverkäufer über den Weg läuft, oder ich von Aktivisten in der Fußgängerzone angequatscht werde). In anderen Fällen werde ich sehr sarkastisch und andere sind über die Wahl meiner Worte verwundert, besonders, wenn der Sarkasmus unangebracht ist. Nach worst-case-scenario-Gesprächen kommt zudem eine lange Zeit auf mich zu, in der ich wiederholt über den Gesprächsverlauf nachdenke, was ich hätte besser sagen oder weglassen sollen. Die Grübeleien sind typisch für Gespräche, die Auge in Auge stattfinden. Ich kenn das auch von anderen XXY-Menschen.

Ablenkungen tragen dazu bei, den Gesprächsfaden zu verlieren

Kommunikation bedeutet für unsere Gesprächspartner, dass sie uns mehr Zeit geben müssen. Unser Kopf ist vollgestopft mit Gedanken, mit zurecht gelegter Argumentation und Alternativen, aber unseren Gedanken Ausdruck zu verleihen, ist verzögert. Wortfindung ist oft ein Thema, auch das schlechte Kurzzeitgedächtnis hält uns davon ab, sich fachlich begründete Argumente in Erinnerung zu rufen. Für ein gut strukturiertes Gespräch, wenn es sich nicht vermeiden lässt, sind Notizen unerlässlich. Notizen helfen dabei, eigene Argumente ins Gedächtnis zu rufen, und wichtige Aussagen des Gegenübers niederzuschreiben. Zudem leiden wir oft hochgradig unter Ablenkungen, etwa Leuten, die gleichzeitig reden, Baulärm, Staubsaugergeräusche, tickende Uhren oder ein im Hintergrund laufendes Radio – ein derartiger Lärm lenkt stark ab und trägt dazu bei, rasch den Faden zu verlieren. Das Gleiche gilt für Unterbrechungen, wenn eine andere Person den Raum betritt und etwas will.

Körpersprache und Mimik könnten – für beide – irreführend sein

Neben Ablenkungen und den Faden verlieren haben wir außerdem Schwierigkeiten im Erkennen von Gesichtsausdrücken. Wir können zwar zwischen gut (fröhlich) und schlecht (wütend, traurig) unterscheiden, oft aber nicht zwischen wütend und traurig. In einem wichtigen Gespräch könnten wir den Bogen überspannen, und nicht bemerken, wann wir besser aufhören, unsere Argumentation zu verfolgen. Zudem passt unser Gesichtsausdruck nicht immer zum Inhalt dessen, was wir gerade sagen, und das kann das Gegenüber verwirren. Es könnte damit enden, dass uns das Gegenüber nicht glaubt, wenn wir zu argumentieren versuchen, und Körpersprache und Mimik schuldbewusst aussehen, oder wir sogar unabsichtlich lächeln, während wir über ein ernstes Thema reden.

Wie bereits anfangs gesagt, ist die direkte Kommunikation für VIELE von uns ein Minenfeld. Ich möchte aber betonen, dass nicht ALLE XXY damit Schwierigkeiten haben.

 

Die größten Vorteile der schriftlichen Kommunikation

  • Sie ermöglicht es mir, meine Gedanken zu sammeln, zu sortieren, und auszusprechen, ohne unter Druck zu geraten.
  • Sie ermöglicht es mir, meine Argumentation zurechtzulegen, und ich habe auch Zeit, über Fragen/Antworten nachzudenken, ehe ich darauf reagiere.
  • Ich hab die Möglichkeit, meine Argumente Schritt für Schritt anzubringen, ohne Gefahr zu laufen, den Faden zu verlieren und Wichtiges zu vergessen.
  • Ich bin nicht durch die Umgebung abgelenkt oder durch irreführende Gesichtsausdrücke (Ich bemerke nicht, wenn jemand gute Laune nur vortäuscht).
  • Ich hab Notizen in der Hand, die leicht in Erinnerung rufen kann. Zudem vergesse ich Gesagtes rasch und wichtige Aussagen können verlorengehen.)

Natürlich bin ich mir den Vorteilen der direkten Kommunikation bewusst, doch gelten diese Vorteile nicht für MICH. Ich weiß zudem, dass ich die Nachteile des Schreibens nicht vermeiden kann, wie etwa irreführende Aussagen, weil das Gegenüber mein Gesicht und meine Körpersprache nicht sieht (andererseits besser für mich, wenn er/sie das nicht tut), wenn ich eine Aussage kundgebe. Sie könnte falsch und möglicherweise beziehungsschädigend interpretiert werden, je nachdem, welches Bild und welche Vorurteile über mich existieren. Verbal kommunizierende Menschen sind dem Schreiben gegenüber allerdings eher abgeneigt, weil es zu viel Zeit kostet. Warum sollte man eine lange E-Mail schreiben, wenn man jemanden anrufen kann oder sich von Angesicht zu Angesicht unterhält?

Verschieden bedeutet nicht schlechter!

Abschließend noch ein wichtiges Anliegen: Ich beschrieb verschiedene Wege zu kommunizieren – das impliziert nicht, dass verbal oder schriftlich besser oder schlechter ist. In meinen Augen sind beide Wege gleichwertig und gültig. Es gibt noch viel mehr Menschen, die das Schreiben bevorzugen, etwa Autisten (besonders die nonverbalen), Menschen mit Mutismus, gehörlose Menschen, oder die krankheitsbedingt nicht sprechen können. Welche Ursachen oder Begründungen auch dazu führen, dass man das Schreiben der verbalen Kommunikation vorzieht – es sind legitime Formen der Kommunikation.

Lesen, Sprache und Ausdruck

An meine frühe Kindheit kann ich mich kaum erinnern, wohl aber daran, schon immer gerne gelesen zu haben. Von diversen Abenteuerbüchern, vielfach Wolfgang Hohlbein (irgendwann ermüdend, da immer gleicher Handlungsaufbau und immer häufiger dieselben Formulierungen), über die Kriminalliteratur bis hin zu den Naturwissenschaften war in der Schulzeit alles mit dabei. Bevorzugt las ich am Abend und in der Nacht, entsprechend kurz war der Schlaf während der Schulwoche, aber im Zweifelsfall ging das Buch immer vor.

In der Grundschule machte sich die Liebe zum Lesen und das Gefühl fürs Schreiben bereits bemerkbar, als ich durchgehend im Diktakt Null Fehler hatte, selten ein Fehler. Rechtschreibung und Grammatik waren in der gesamten Schulzeit nie ein Problem, auch bei den Fremdsprachen nicht.

Im Gymnasium mangelte es am ehesten am Ausdruck, denn ich neigte dazu, zu verschachtelt zu schreiben und von der Intention nicht dort zu landen, wie ich intendierte. Später besserten sich die Ausdrucksfehler und Satzkürze (Würze) jedoch – besonders, als ich den inneren Monolog entdeckte, erst durch Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl, und dann durch James Joyce‘ Ulysses. In der Maturazeitschrift veröffentlichte ich einen „Inneren Monolog“, der dort ungefähr so exotisch wirkt wie mein derzeitiger Artikel im N#MMER-Magazin. Ich mochte die Nachahmung, vielleicht übertrieb ich es dabei ein wenig, denn weder gelang es mir in sich so konsequent noch so spannend zu schreiben wie meine Vorbilder. Ich schrieb aber auch ohne Absicht einer Veröffentlichung diverse Gedichte und besonders Kurzgeschichten. Die längste Kurzgeschichte hatte 10 Seiten, sonst blieb es meist bei einer Seite. Ich schrieb auch über Träume und versuchte die aufgeschriebenen Träume zu deuten, sofern meine Erinnerung der Bilder ausreichte.

Inwiefern Ausdruck und Inhalt eines Textes hervorragend oder mangelhaft sind, ist nicht nur abhängig vom Sender, sondern auch vom Empfänger. Bei einem Deutschlehrer produzierte ich die beste Lügengeschichte im Münchhausenstil, beim anderen Deutschlehrer kassierte ich durchgehend schlechte Noten in der Erörterung und beim nachfolgenden Deutschlehrer wieder beste Noten in derselben literarischen Form. Bereits damals fand ich Gefallen an einer Güterabwägung, an der Suche nach Vor- und Nachteilen und am Spielen des Advocatus Diaboli, indem man sich bewusst auf die Gegenseite stellt, um Argumente dafür zu hören bzw. die Gegenargumente entkräften zu lassen.

Nachdem ich ohne eigenen Dialekt aufwuchs, nur ansatzweise hört man etwas fränkisch heraus, passe ich mich wie ein Chamäleon immer der Sprache und den Dialekten meiner Umgebung an. Als ich lange in Tirol lebte, schnappte ich viele Dialektwörter auf, leibte mir diese wie Vokabeln ein und wenn ich über mehrere Stunden mit Tirolern in Kontakt war, verfiel ich in einen tirolerischen Dialekt und Sprachmelodie. Ich hatte während meines Studiums auch öfter mit Vorarlbergern zu tun, kannte Oberösterreicher, Steirer und Südtiroler. Im Gegensatz zu vielen deutschen Kollegen hatte ich keine Mühe, die teils sehr schwer verständlichen Dialekte rasch zu verstehen. Redewendungen blieben bei mir hängen, bestimmte Arten, die Grammatik anders auszudrücken oder Wörter zu verkürzen. Wann immer ich mit Menschen eines bestimmten Dialekts zu tun habe, passe ich mich dem Dialekt an. Im Englischen hängt es wieder davon ab, ob ich mit einem native speaker rede oder mit einem anderen Ausländer, der ebenso langsameres, gebrocheneres und einfacheres Englisch spricht. Bei einem native speaker erhöhe ich automatisch mein Sprachtempo, manchmal ziehen auch die Vokabeln mit und die Wortfindung geschieht wesentlich flüssiger.

Dieses Imitieren ist ein Wesenszug meiner Interaktion mit Sprache. Früher bedauerte ich es oft, keinen identititätstiftenden Dialekt zu besitzen. Studienkollegen gleicher Herkunft erkannten sich am Dialekt, wildfremde Menschen plauderten plötzlich beim Einkaufen, weil sie feststellten, dass sie aus dem gleichen Ort kommen. Die hörbare Herkunft verbindet – in anderen Fällen distanziert sie oft, wenn die mit fremdenfeindlich gefärbtem Unterton gestellten Gegenfragen wie „Und Du kommst aus Deutschland?“ – „Und nach dem Studium kehrst Du nach Deutschland zurück?“ – „Wie gefällt Dir Dein Urlaub hier?“ nur auf die Herkunft abzielen, und suggerieren, dass es völlig undenkbar sei, dass man gerne im Ausland lebt und einen neuen Heimathafen gefunden hat. Besonders schwierig ist das natürlich, wenn man – wie ich – keinen Dialekt besitzt, Heimat nicht zwingend als den Ort betrachtet, wo man aufgewachsen ist, sondern eher gewillt war, neue Welten zu entdecken und sich schließlich woanders heimisch zu fühlen. Schwierig mag es auch für jene sein, die den ursprünglichen Dialekt behielten, aber schon Jahrzehnte in der neuen Heimat leben.

Sprache ist für mich etwas Spannendes. Im Schulalter brachte ich mir etwas Latein bei und las dazu leidenschaftlich gerne in einem 40 Jahre alten Fremdwörterlexikon, suchte nach Merkmalen, wie man sich Fremdwörter selbst herleiten kann und charakteristische Endungen lateinischer oder griechischer Ausdrücke, ich entschied mich damals als einer der wenigen Männer gegen Englisch als Leistungskurs und für Französisch, lernte später aber dennoch Englisch, indem ich Reclam-Hefte mit Vokabelerklärungen durchlas (z.B. Forrest Gump or Fahrenheit 451), viel später kamen englische DVDs mit deutschen, später englischen Untertiteln hinzu. Weitere Sprachen hätten mich noch interessiert, etwa Türkisch oder die Gebärdensprache, aber bisher hat es sich noch nicht ergeben.

Mit dem sprachlichen Ausdruck beim Sprechen mag es sich anders verhalten als beim Schreiben, wobei ich bemerke, dass es mir viel besser gelingt, mich sowohl schriftlich als auch mündlich auf Englisch auszudrücken. Daher hier auch die gelegenen Sprünge in englische Blogtexte. Ich weiß nicht genau, woran das liegt – aber die Wortfindung ist oft flüssiger als im Deutschen, intuitiver vor allem.

Was ich hier festhalten möchte, ist, dass häufig geäußerte Probleme mit der Sprache, Wortfindung, dem Lesen und Schreiben nicht bei jedem Kind oder Erwachsenen mit Klinefelter-Syndrom auftreten müssen, und sich oft individuell sehr unterschiedlich repräsentieren. Länger fürs Schreiben zu brauchen, bedeutet noch lange nicht, langsam im Lesen zu sein oder schlechter lesen zu können. Verbale Intelligenz ist nicht die einzige Messgröße. Länger für die Wortfindung zu brauchen, impliziert ebenso wenig, dümmer oder langsamer im Begreifen zu sein. Verbaler und schriftlicher Ausdruck sind vom logischen Denken mitunter entkoppelt, das Gehirn kann schon viel weiter sein.

Deswegen sollte man Menschen, die mit dem Schreiben und Sprechen Probleme haben, nicht unterschätzen. Zeit ist dabei ein wichtiger Faktor. Für etwas länger brauchen ist in unserer kapitalistisch erzogenen Gesellschaft eine Sünde, dabei kann sie ein echter Gewinn sein, wenn man aus dem Zeit Raubendem Kreativität schöpft.