Neurologische Merkmale von 47,XXY

Im Juli 2015 erschien ein Artikel der Universität Leiden über „Neural systems for social cognition: gray matter volume abnormalities in boys at high genetic risk for autism symptoms, and a comparison with idiopathic autism spectrum disorder“ (Goddard et al.) – hier als PDF vollständig herunterladbar.

Die Studie beschäftigt sich mit den „grauen Zellen“ bei Buben mit 47,XXY. Diese haben genetisch bedingt eine hohe Wahrscheinlichkeit für Autismus. Die Ergebnisse wurden mit 46,XY und mit Buben verglichen, deren Autismus-Ursache unbekannt ist (auch idiopathischer Autismus genannt).

Einschub

Aufbau des Gehirns und die Bedeutung der grauen Substanz verständlich erklärt:

Zitat:

Alleine die Großhirnrinde nimmt in etwa die Hälfte des Hirnvolumens ein. Diese lässt sich in vier Lappen unterteilen. Hierbei übernimmt der Frontallappen die Aufgaben der Steuerung motorischer Vorgänge. Zudem ist er aber auch an der Steuerung von Antrieb, Motivation und weiterer psychischer Leistungen beteiligt. Parietal-, Temporal- und Occipitallappen dienen hauptsächlich der Verarbeitung von Signalen der Sinnesorgane. Die Sensibilität sowie alle Berührungsreize werden jedoch vom Parietallappen gesteuert. Die optischen Reize werden im Occipitallappen interpretiert. Der Temporallappen verarbeitet alle eingehenden akustischen Informationen. Die Großhirnrinde lässt sich in sechs Schichten definieren, welche über die Art und Verteilung der enthaltenden Nervenzellen definiert werden. Diese sechs Schichten tragen den Namen graue Substanz (graue Zellen).

Einschub Ende

Für die Studie hat man 16 Buben mit 47,XXY herangezogen, wovon 4 in Testosteronersatztherapie waren, sowie 16 Buben mit Autismus und 16 Buben mit normalen Chromosomensatz (46,XY) ohne gesundheitliche Auffälligkeiten („klinisch unauffällig“). Alle waren zwischen 9 und 18 Jahre alt. Keiner der Autisten wurde medikamentös behandelt. In der 47,XXY-Gruppe war der IQ niedriger, zudem traten häufiger Depressionen und Angsterkrankungen auf. 9 47,XXY-Buben wurden schon vor der Geburt genetisch identifiziert, die anderen 7 wurden über Selbsthilfegruppen und Aufrufe zur Teilnahme an der Studie gefunden. Ausgeschlossen wurden Personen mit einem IQ kleiner 60 und mit vorliegendem Substanzmissbrauch bzw. Schädigungen des Gehirns durch Tumore oder Schlaganfälle.

Um festzustellen, ob autistisches Verhalten bei den Teilnehmern vorliegt, verwendete man den SRS (Social Responsiveness Scale). Dabei wurde ersichtlich, dass selbst beim Fehlen einer formalen Autismus-Diagnose erhebliche Beeinträchtigungen bei sozialer Kommunikation und Interaktion vorliegen können. Dies trifft auf 47,XXY zu. Ebenso hat man vermehrt von Schüchternheit, sozialem Rückzug und mangelndem Durchsetzungsvermögen berichtet.

Durch Studien bereits bekannt:

Im Gegensatz zu idiopathischen Autisten sind Menschen mit 47,XXY …

  • tendenziell ängstlicher in Gesellschaft und neigen vermehrt zu sozialen Phobien
  • anders bei der Verwendung von Smalltalk, beim Teilen von Dingen mit anderen und beim Interesse an anderen Kindern
  • aufgrund gestörter Exekutivfunktionen darin beeinträchtigt, sich in die Perspektive der anderen zu versetzen („Theory of Mind“), während bei Autisten eher Sprache und Gesichtererkennung eine Rolle spielen
  • bei der Benennung von Gesichtsausdrücken verstärkt aktiv im Frontalhirn, während Autisten ihre Amygdala verstärkt aktivieren.

Folgende Gehirnstrukturen sind an der Entschlüsselung sozialer Reize beteiligt:

  • Der superior temporal cortex (super temporal gyrus, STG, und sulcus) ist für die grundsätzliche Verarbeitung von Gesichtsinformationen zuständig (z.B. Blickverlagerung und Mundbewegungen) sowie für visuelle Wahrnehmungen generell („biologische Bewegung“).
  • Die Amygala ist für komplexere soziale Bewertungen zuständig, die einschätzt, ob eine Information relevant ist und Bedrohung oder Gefahr erkennt.
  • Der Orbifrontale Cortex (OFC) beinhaltet viele Aspekte der sozialen Kompetenz und kognitiven Verarbeitung, inkl. der Bewertung von Sinnensreizen, Belohnungs- und Bestrafungsverhalten, Entscheidungsfreudigkeit, Theory of Mind, Selbstreflexion und die Wiedergabe von Gesichtsausdrücken und Identität
  • Der insular cortex vermittelt die Erkennung und Reaktion auf emotionale Reize und die Wiedergabe der eigenen Gefühle und Emotionen.
  • Der medial frontal cortex ist daran beteiligt, Gesichteridentität, Theory of Mind zu interpretieren und sein Ich von anderen zu distanzieren.

Ergebnis der vorliegenden Studie:

Nach dem SRS gibt es im Verhalten zwischen der 47,XXY-Gruppe und den idiopathischen Autisten keine markanten Unterschiede.

Die 47,XXY zeigen verglichen mit den 46,XY deutlich weniger graue Substanz …

  • im linken und rechten insular cortex
  • im linken OFC
  • im rechten STG

Die 47,XXY zeigen verglichen mit den Autisten außerdem deutlich weniger graue Substanz …

  • im linken und rechten insular cortex
  • sowie im linken OFC

Diskussion:

  1. Die Verringerung des OFC in der Studie könnte eine anatomische Ursache für Schwierigkeiten im Umgang mit äußeren Reizen, Selbstreflexion, Identität und Theory of Mind sein.
  2. Die Verringerungen im insular cortex passt zur leichteren emotionalen Erregbarkeit der 47,XXY verglichen mit der Kontrollgruppe. Sie lassen sich außerdem leichter von Emotionen bei Entscheidungen beeinflussen.
  3. Der STG spielt eine Rolle bei der Verarbeitung von Mimik- und Blickrichtungsänderungen. Die rechtsseitige Verringerung steht im Einklang mit früheren Studien zu Beeinträchtigungen bei 47,XXY.

Die Ergebnisse stehen im Einklang mit der Feststellung, dass sich eine große Zahl an X-Chromosom-Genen im Gehirn auswirkt, und 47,XXY daher anfälliger für Veränderungen im Gehirn sind.

Das zweite Ziel der Studie war der Vergleich der grauen Substanz zwischen 47,XXY und idiopathischen Autisten:

Während sich vom Verhalten her zwischen beiden Gruppe keine nennenswerte Unterschiede zeigten, gibt es bei 47,XXY Abweichungen im linken und rechten insular cortex sowie im linken OFC.

Schlussfolgerungen:

Das Autismus-Spektrum zeigt eine große Vielfalt. Zahlreiche Verknüpfungen zwischen Genen und Gehirnregionen führen zu ähnlichem autistischen Verhalten.

Frühere Studien stellten ebenso Abweichungen bei Erwachsenen fest, was darauf hindeutet, dass sich diese bereits frühzeitig manifestieren und über die Zeit hinweg recht stabil sind.

Kinder und Jugendliche mit 47,XXY und Autismus zeigen signifikante Abweichungen in Gehirnregionen, die das Sozialverhalten steuern. Das deutet darauf hin, dass das zusätzliche X-Chromosom erhebliche Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung hat.

Zudem konnte nachgewiesen werden, dass Verhaltensbeobachtung alleine nicht ausreicht, um Unterschiede zwischen Autismus und 47,XXY festzustellen.

Die Zusammenhänge zwischen Genen, Gehirn und Verhalten sind sehr komplex, das betrifft nicht nur 47,XXY, sondern mitunter auch Autisten.

Ergänzung:

Während die vorliegende Studie ausschließlich auf Defizite eingeht, hat der Kinderpsychiater Dr. Jay Giedd am Nationalen Institut für Gesundheit (in den USA) geforscht und eine groß angelegte und mehrjährige Studie bei 47,XXY-Kindern unternommen. Er zeigt auf, dass die graue Substanz auf der rechten Gehirnseite vergrößert ist. Dieser Gehirnbereich steuert räumliche und rechnerische Fähigkeiten („Denken in Bildern und Mustern“). 47,XXY könnten diese Stärke dazu verwenden, die verringerten linken Gehirnbereiche zu kompensieren, die Sprachfunktionen und soziale Fähigkeiten steuert, und Defizite in diesen Bereichen erklären. (Quelle, 2013)

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8. Kapitel: Von den Rändern zur Mitte

Im achten und letzten Kapitel von Temple Grandins The Autistic Brain, From the Margins to the Mainstream, geht es um das Thema Talente, Erfahrung und Fleiß, und um ein paar abschließende Ratschläge an Autisten, mit dem Alltagsleben besser klarzukommen.

Die Beziehung zwischen Natur und Fördern wurde in den vergangenen Jahren immer populärer, etwa die 10 000 Stunden-Regel. Die Regel besagt:

Um in einem Bereich ein Experte zu werden, muss man zumindest X Stunden Arbeit hineinstecken.

Oder banaler ausgedrückt: Üben, üben, üben!

Grandin stellt klar, dass man keine natürliche Begabung für einen bestimmten Job besitzt, weil zielgerichtete natürliche Begabungen nicht existieren. Üben alleine reicht nicht für ein Talent. Temple Grandin hatte Zugang zu demselben Computerterminal wie Bill Gates, aber wurde trotzdem kein Computergenie – weil sie eine andere Art des Denkens hat.

Ihrer Ansicht nach wird Erfolg durch eine Mischung aus Talent und üben bestimmt, üben alleine reicht nicht, denn wenn es im Gehirn Defizite gibt, dann sind diese nicht überwindbar. Neuroanatomie ist keine Bestimmung, ebenso wenig Genetik. Sie sagen nicht, wer man sein wird, aber wer man sein könnte. Es geht also darum, reale Stärken aufzubauen, und das Gehirn so zu formen, dass es das tun kann, was es am besten kann.

Die Plastizität des Gehirns ist nachgewiesen, u.a. an einer Studie von Londoner Taxifahrer, die innerhalb weniger Jahren den Stadtplan auswendig können müssen. Gehirne sind in der Lage, diese Unmengen an Informationen zu speichern, sich zu verändern, aber sie bilden sich auch wieder zurück – wie ein Muskel -, wenn sie nicht trainiert werden.

Grandin hebt die Vorteile der Tablet-Computer hervor:

1. Sie sind cool, es ist nichts mehr, was jemand als behindert stigmatisiert.

2. Sie sind deutlich günstiger als Geräte zur Kommunikationsunterstützung für Autisten in Klassenräumen.

3. Man sieht direkt, was man tippt oder schreibt, ohne die Verzögerung vom Schauen auf die Tastatur und dann zum Bildschirm.

Und sie liefern unzählige Anwendungsmöglichkeiten, Apps, Webinars, etc…

Man darf deswegen nicht die Defizite vergessen, aber in der Vergangenheit wurde so stark auf die Defizite fokussiert, dass man die Stärken aus den Augen verloren hat.

Für Grandin ist Autismus zweitrangig, sie ist in erster Linie Expertin für Vieh, und streicht aus ihrem Kalender explizit Tage heraus, die ausschließlich der „Rinderzeit“ gehören.

„Autismus ist sicherlich ein Teil von mir, aber ich lasse es nicht zu, mich darüber definieren zu lassen.“

Dasselbe gilt für die undiagnostizierten Asperger-Autisten im Silicon Valley. Sie werden nicht dadurch definiert, dass sie sich im autistischen Spektrum befinden, sondern durch ihre Jobs. Manche Menschen werden dazu natürlich nie Gelegenheit haben. Ihre Einschränkungen sind zu schwerwiegend, als dass sie sie bewältigen können. Aber was ist mit denen, die dazu in der Lage sind? Und was ist mit denen, die zwar nicht dazu in der Lage sind, aber die produktivere Leben führen könnten, falls man ihre Stärken identifizieren und kultivieren könnte?

Eine Möglichkeit dies herauszufinden ist die der verschiedenen Denkweisen: Denken in Wörtern, Denken in Mustern, Denken in Bildern.

Bildung

Grundschüler zusammen zu unterrichten, ist gut für die Sozialisierung. Aber wenn man alle Schüler, Autisten und Nichtautisten, in einer Klasse unterrichtet und sie alle gleich behandelt, ist das ein Fehler: Der Autist steht alleine, wird an den Rand gedrängt, bis man sich dazu entscheidet, ihn in eine Sonderschule zu bringen, wo er mit einem Haufen nichtverbaler Kinder unterrichtet wird.

Grandin nennt ein Beispiel aus ihrer Schulzeit. Sie verdankt sehr viel ihrem damaligen Wissenschaftslehrer, der ihre Stärken in Mechanik und Ingenieurswesen erkannte. Aber in einem Punkt irrte er sich: Als er sah, dass Grandin Schwierigkeiten mit Algebra hatte, verdoppelte er seine Anstrengungen. Er verstand nicht, warum ihr Gehirn nicht auf dem abstrakten, symbolischen Weg funktionierte, welcher das Lösen von X voraussetzt. Was er hätte tun können: Sie nicht dahingehend zu drängen, was nicht funktionierte, sondern sich auf ihre Stärken zu konzentrieren. Ingenieurswesen ist nicht abstrakt, sondern konkret, mit Formen und Winkeln, es handelt von Geometrie.

Aber nein. Der Lehrplan sagt, Algebra kommt vor Geometrie, und Geometrie kommt vor Trigonometrie usw. Vergiss nie, dass Du kein Algebra brauchst, um Geometrie zu lernen.

Sich auf die Stärken konzentrieren, sie vorziehen können, und wenn das Kind mit der Geräuschkulisse in der Kantine nicht umgehen kann, soll es alleine essen.

Die oben genannten Denkweisen kann man bereits im Schulalter erkennen. Ein Kind, das gerne mit Lego spielt, kann sowohl ein visual thinker als auch ein pattern thinker sein, allerdings betrachten sie Lego auf verschiedene Weise:

Der visual thinker möchte Objekte schaffen, die so wie in der Vorstellung aussehen.

Der pattern thinker denkt hingegen darüber nach, wie Teile des Objekts zusammenpassen könnten.

Grandin hatte große Probleme mit textbasierenden Physikaufgaben. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das Problem aussieht, da ihr Arbeitsgedächtnis überfordert war. Würde sie jedoch spezifische Beispiele des Problems mit verschiedenen Formeln vergleichen, könnte sie die Muster der Probleme erkennen.

Pattern thinker können das intuitiv, sie sind viel schneller damit, solche Probleme zu lösen und sind daher eher talentiert in Musik oder Mathematik. Sie verstehen die Form hinter einer Funktion, sie können Probleme mit dem Lesen haben, hängen ihre Mitschüler in Algebra jedoch weit ab, ebenso in Geometrie. Word-fact thinker sind jene, die seitenweise Monologe halten, die Filmzitate bringen, einen Fahrplan auswendig herunterrattern. Es wird wenig bringen, sie im Kunstunterricht durchzudrücken. Ihre Stärken liegen im Schreiben. Sie neigen aber dazu, Überzeugungen zu entwickeln, von denen sie nicht leicht abzubringen sind, im Internet ist daher Vorsicht geboten, wenn man sie einen Blog entwickeln lässt. Entsprechend ihrer Denkweise lassen sich die Kinder und später junge Erwachsene auch auf das Berufsleben vorbereiten.

Zum Abschluss bringt Grandin noch ein paar wichtige Kommentare bezüglich der hohen Arbeitslosigkeit unter Autisten:

1. Keine Ausreden!

„Ich bin nicht interessiert an…“ ist keine gute Entschuldigung. Es bedeutet bloß, dass man härter arbeiten muss als andere, um eine Aufgabe zu erledigen. „Ich habe eine Lernbehinderung“ ist eine noch schlechtere Entschuldigung, wenn Desinteresse dahintersteckt.

2. Stell Dich gut mit anderen (Play well with others)

Sie hört zu viele Asperger-Autisten sagen, dass sie Probleme mit der Authorität hätten. Es gibt einen Grund, warum der Chef Chef heißt – weil er der Chef ist. Beschwerden also direkt an ihn, nicht an ihm vorbei.

Es geht nicht nur darum, Konfrontationen zu vermeiden, sondern anderen auch eine Freude zu machen.

3. Regele Deine Emotionen

In dem man lernt, zu weinen. Du musst nicht vor Publikum heulen, oder vor Deinen Kollegen. Aber wenn es nur die Wahl gibt, auszuflippen oder zu heulen, dann heule. Buben, die heulen, können für Google arbeiten. Buben, die ihre Computergeräte zerstören, nicht.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird die Emotionsregelung vom Frontallappen top-down gesteuert. Wenn man die Emotion nicht kontrollieren kann, muss man sie verändern. Wenn man seinen Job behalten will, muss man lernen, Wut in Frustration umzuwandeln.

4. Denke an Dein Benehmen

Selbst wenn man bereits erwachsen ist, ist es nie zu spät, zu lernen, welche Äußerungen unpassend oder verletzend sind.

5. Verkaufe Deine Arbeit, nicht dich selbst.

Personalabteilungen sind üblicherweise von Leuten besetzt, die den Schwerpunkt auf Teamfähigkeit legen, sie könnten daher denken, dass ein Autist nicht geeignet sei. Sie könnten nicht dazu in der Lage sein, die verborgenen Talente hinter dem sozial sonderbaren Verhalten zu erkennen. Eine bessere Strategie könnte es sein, direkt zum Leiter der Abteilung Kontakt aufzunehmen, in die man möchte (auch „Vitamin B“, B = Beziehungen, genannt). Es kann außerdem nicht schaden, seine Stärken in Form von Portfolios oder Broschüren darzustellen, und mittels der modernen Handytelefonie kann man diese ständig mit sich führen und ggf. anderen zeigen.

6. Nutze Mentoren

Viele erfolgreiche Asperger-Autisten sagten, sie hatten einen Mentor, einen Lehrer, der ihre Stärken erkannte und fokussierte.

Fazit:

Statt rein nach den Defiziten zu gehen, sollte man von Gehirn zu Gehirn schauen, von Stärken zu Stärken, dann sind autistische Arbeitnehmer keine Fälle aus Nächstenliebe, sondern wertvolle Beitragende zur Gesellschaft.

Wenn jemand nicht gerne telefonieren mag, sondern lieber per E-Mail kommuniziert, dann sollte man ihm diese Möglichkeit zugestehen, solange er die Leistung erbringt.

Beispiele für die einzelnen Denkweisen:

Visual thinker Pattern thinker Word-fact thinker
Architekt Programmierer Journalist
Fotograf Ingenieur Übersetzer
Tiertrainer Physiker Bibliothekar
Graphikkünstler Musiker Börsenanalyst
Schmuckdesigner Statistiker Buchhalter
Meteorologe Mathematiklehrer Sprachtherapeut
Automechaniker Chemiker Historiker
Landschaftsplaner Forscher Jurist
Biologielehrer Elektriker Schriftsteller
Tiertrainer Versicherungsstatistiker Reiseleiter

„I know that trying to imagine where we’ll be sixty years from now is a fool’s errand. But I have confidence that whatever the thinking about autism is, it will incorporate a need to consider it brain by brain, DNA strand by DNA strand, trait by trait, strength by strength, and maybe, most important of all, individual by individual“

Ich weiß, dass die Vorstellung, wo wir in 60 Jahren sein werden, aussichtslos ist. Aber ich vertraue darauf, dass die Ansichten über Autismus die Notwendigkeit miteinschließen werden, es von Gehirn zu Gehirn, von DNA-Strang zu DNA-Strang, von Eigenheit zu Eigenheit, von Stärke zu Stärke zu betrachten – und vielleicht, was von alledem das Wichtigste ist: von Individuum zu Individuum.

Die davor zusammengefassten Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!

7. Umdenken in Bildern

Strengths and Talents in XXY

Media reports, specialists and support groups mainly talk about testosterone deficit, resulting infertility and further physical effects of Klinefelter’s syndrome. I found several anecdotal evidence as well as rare neuroimaging studies suggesting that the additional X chromosome could also lead to strengths and talents in XXY. Core theme of this article will be the different types of thinking presented in Temple Grandins book „The Autistic Brain“. Weiterlesen

Die Stärken und Talente der XXY

Autistic Pride und XXY Pride

In einem Asperger-Forum wurde einmal heftig diskutiert, ob man mit dem Asperger-Syndrom auch Stärken in Verbindung bringen dürfe. Schließlich bekomme man die Diagnose ausschließlich als Folge eines Leidensdruck und unter Stärken leide man schließlich nicht [auch wenn ich diese Behauptung bei Hochbegabten oder allgemein talentierten Menschen, die sich nicht verwirklichen können, in Frage stelle]. Die anderen, die auch noch stolz auf ihren Autismus sind, seien gar keine echten Autisten, denn der Leidensdruck sei offenbar nicht vorhanden, dazu wurde generell die „autistic-pride„-Bewegung gezählt. Tja, mit diesem Pride ist es schon ein Leid, wie der Asperger-Autist dasfotobus hier verbloggt (sehr lesenswert).

Mir wurde vorgeschlagen, doch eine „Klinefelter-Pride“-Bewegung zu gründen.  Davon halte ich nichts, denn das Klinefelter-Syndrom ist der Sammelbegriff der Symptome, die aus dem Testosteronmangel (Hypogonadismus) resultieren. Darauf muss kein Betroffener stolz sein! Die Vermengung von XXY (Genotyp) und Klinefelter (Phänotyp) sorgt jedes Mal von Neuen dafür, dass man XXY-Geborene nur aus der Defizitsichtweise betrachtet. Wenn überhaupt, müsste es also „XXY-Pride“ heißen.

Ich persönlich kann diesem Pride-Begriff aber wenig abgewinnen. Stolz kann man auf die eigene Leistung sein. Ich bin weder für reines Defizitdenken noch für ein völliges Ignorieren der Schwächen. Zu schnell könnte man sich darin wiederfinden, in schwierigen Situationen zu sagen „ich kann das nicht, weil ich bin XXY“. Sicherlich fallen *einigen* XXY von uns gewisse Dinge schwieriger als *vielen* 46,XY-Männern.

Produkte der Genetik, nicht Nebenprodukte einer Störung

Eine Aussage von Temple Grandin bzw. von Michelle Dawson geht mir nicht aus dem Kopf:

Was ist, wenn die Stärken von Autisten nicht Nebenprodukte einer schlechten Verdrahtung sind, sondern Produkte der Verdrahtung?

Zu den Stärken von Autisten sind einige Veröffentlichungen erschienen, u.a.

Zuletzt genannte Studie betont, dass mit Stärken und Talenten hier keine Savant-Fähigkeiten gemeint ist! Savants sind Menschen, die eine Inselbegabung besitzen, aber es gibt weltweit höchstens 100 Savants. Die Figur Raymond in dem Film Rainman stellt einen Savant da und wird fälschlicherweise seitdem als typisch für Autisten betrachtet.

Temple Grandin stellt klar, welche besonderen Eigenheiten Autisten im Durchschnitt aufweisen:

  • Verstärkte Wahrnehmung von Details
  • Fähigkeit, Verbindungen herzustellen
  • Gutes Langzeitgedächtnis

Wer etwa…

  • Unmengen an Programmcode beherrscht (pattern thinking): IT-Programmierer, Musiker, Wissenschaftler
  • Fahrpläne auswendig lernen kann (word-fact thinking): Journalisten, schreibende Zunft.
  • in Bilder denkt (visual thinking): Graphiker, Künstler, Fotografen

… der braucht genügend Speicherplatz im Gehirn, um all diese Daten abrufen zu können.

Besonders Wissenschaftlern kommt die Fähigkeit entgegen, verschiedene Daten miteinander verknüpfen zu können, um Theorien aufzubauen und Schlussfolgerungen zu ziehen.

Was wissen wir über XXY?

Wenig.

Mir ist bisher keine einzige Studie bekannt, die XXY mit Stärken und Talenten zusammenbringt.Das hat sicherlich Gründe ….

  • Historisch betrachtet handelt es sich mit dem von Harry Klinefelter entdeckten und nach ihm benannten Klinefelter-Syndrom um eine körperliche Störung, die medizinisch behandelt werden muss.
  • Wenn die Anzahl der Geschlechtschromosomen (= Karyotyp) festgestellt wird, sei es vor der Geburt (führt leider in rund 70 % der Fälle zur Abtreibung), nach der Geburt oder – wie bei den meisten spätdiagnostizierten XXY – im Rahmen einer anderen medizinischen Untersuchung – , dann sieht der Arzt: 47, XXY, also Klinefelter-Syndrom, bitte zu einem Facharzt für Urologie/Andrologie/Endokrinologie gehen und mit Testosteronbehandlung fortfahren.
  • In vielen Studien werden XXY-Männer ausschließlich als Klinefelter-Patienten bezeichnet, was einerseits unterstellt, dass der Testosteronmangel immer behandelt werden muss, und andererseits den betroffenen Männern abspricht, dass da außer dem Testosteronmangel noch mehr sein kann, was einen XXY-Mann definiert.
  • Selbsthilfegruppen betonen zwar, dass XXY ganz normale Männer sind, aber sehen abseits von den Auswirkungen des Testosteronmangels alles losgelöst von diesem Karyotyp.

Wenn ich sehe, wie sich unter Bottom-up-Thinkern, also Forschern, die nicht in vorgefertigten Kategorien denken (Top-Down-Thinker), sondern aufgrund der Datenlage versuchen, Schlussfolgerungen zu ziehen, das Bild über Autismus gewandelt hat, dann sage ich: Es wird Zeit, dass das bei XXY auch passiert. Die viel geringere Häufigkeit von XXY gegenüber Autisten in der Bevölkerung darf keine Ausrede sein, sich mit XXY nicht näher zu befassen. Wenn nur ein Drittel der XXY-Männer diagnostiziert wird, bleiben zwei Drittel unerkannt – und es wäre vermessen anzunehmen, dass sie alle aufgrund ihrer Unauffälligkeit unerkannt bleiben. Vielleicht fanden sie bisher keinen, der ihren Sorgen und Nöten zuhört. Und diejenigen, die nie Probleme haben werden, müssen sich damit auch nie beschäftigen.

Welche Art von Denker kommen bei XXY gehäuft vor?

Das sehr spannende Kapitel in The Autistic Brain über die drei Denkweisen (siehe oben) hinterlässt die Frage, ob auch XXY zu einer bestimmten Denkweise häufiger neigen.

Lassen wir einmal die Schlagworte Klinefelter und Autismus weg: Ich würde vermuten, dass, wenn vermehrt Defizite in der Sprachentwicklung und Kommunikation auftreten, sich Menschen eher zurückziehen,  häufiger alleine sind, sich eher und länger mit Spezialinteressen beschäftigen und wahrscheinlicher Fortgeschrittener oder Experte auf diesem Gebiet werden. Kreativität und extreme Kommunikationsfreudigkeit schließen sich beinahe aus. Wer nur mit anderen Menschen zusammen ist, hat keine Zeit, Ideen zu entwickeln, wer nie Langeweile empfindet oder Auszeiten nimmt, kann keine Kreativität entstehen lassen. Idealerweise befindet man sich ein kreativer Geist innerhalb des Kontinuums zwischen extremer Introvertiertheit und extremer Extrovertiertheit.

Der Kinderpsychiater Jay Giedd fand bei 40 XXY-Kindern ein größeres Volumen an grauer Materie auf der rechten Gehirnseite, welche räumliche (visuelle) und rechnerische Fähigkeiten kontrolliert. Berichte von Konferenzen und Webseiten zeigen, dass Interessen wie Mathematik, Computer, Schach, Musik und Kunst verstärkt bei XXY auftreten und viele in diesen Gebieten beruflich tätig sind. Aufgrund der vermehrt auftretenden Lese- und Rechtschreibschwäche bei XXY-Männern könnte man vermuten, dass word-fact-thinking seltener auftritt. XXY wären demzufolge eher pattern oder visual thinker.

Es wäre interessant, das systematisch zu untersuchen. Einerseits durch eine Statistik unter XXY-Männern selbst (in diversen Selbsthilfegruppen und Organisationen), andererseits individuell durch verschiedene Tests, da gibt es beispielsweise den VVIQ, den Vividness of Visual Imagery-Quotient sowie den Grain-Resolution-Test, von der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov entwickelt. Es gibt auch Tests, die auf räumliche (spatial) Fähigkeiten abzielen und damit auf Pattern-Thinking, etwa dieser Test, bei dem man Objekte im Raum manipulieren muss. Wer eine solche Schreibwut wie ich entwickelt, ist wahrscheinlich zusätzlich oder von Grund auf auch ein word-fact-Thinker.

Wer gut im unbekannten Gelände navigieren kann, ein fotografisches Gedächtnis besitzt, sich etwa hunderte oder gar tausende Pflanzenarten merkt und wiedererkennt, oder künstlerisch tätig ist, ist ebenfalls ein visueller Denker.

Vorläufige Schlussfolgerungen nach knapp 8 Monaten Recherche:

Menschen mit zusätzlichem X-Chromosom und Autisten zeigen offenbar Gemeinsamkeiten in der Gehirnverdrahtung, mit der Neigung zu Denken in Bildern und Mustern (visual thinking, pattern thinking), das kann man hier durchaus als Stärke verbuchen, da je nach Denkweise bestimmte Berufe bevorzugt geeignet sind.

Folgende, unvollständige Beispiele stammen aus dem Buch von Temple Grandin – The Autistic Brain (S. 204-206)

Visual thinker Pattern thinker Word-fact thinker
Architekt Programmierer Journalist
Fotograf Ingenieur Übersetzer
Tiertrainer Physiker Bibliothekar
Graphikkünstler Musiker Börsenanalyst
Schmuckdesigner Statistiker Buchhalter
Meteorologe Mathematiklehrer Sprachtherapeut
Automechaniker Chemiker Historiker
Landschaftsplaner Forscher Jurist
Biologielehrer Elektriker Schriftsteller
Tiertrainer Versicherungsstatistiker Reiseleiter

Wer, wie ich bis vor wenigen Monaten, relativ wenig bisher mit Autismus bzw. Autisten direkt zu tun hatte, wird verwundert feststellen, dass Autisten weit mehr Berufe als nur den klassischen IT-Programmierer ausüben.

In der oben verlinkten Studie über Asperger-Autisten (n = 136) in Berlin studieren 60 % Sozial- und Geisteswissenschaften und nur 30 % Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Wie sich Berufe und Studienrichtungen bei XXYs verteilen, würde mich natürlich brennend interessieren.

Wer mag, bitte kommentieren – DANKE :)

PS: I will add an english version of this article soon.

7. Kapitel: Umdenken in Bildern

Im siebten Kapitel von The Autistic Brain geht Temple Grandin selbstkritisch auf Kritik einer Leserin an ihrem Buch „Thinking in Pictures“ ein. Damals dachte sie, alle Autisten denken in Bildern, bis sie darauf hingewiesen wurde, dass das nicht der Fall sei.

Jeder Autist ist verschieden.
Grandin fand heraus, dass es drei Typen von Denkern gibt:

  • verbal thinker (so denken die meisten neurotypischen Menschen: in Wort und Schrift)
  • visual thinker (in Bildern denken, vor allem Künstler und Graphiker)
  • pattern thinker (Denken in Mustern)

Ein klassischer pattern thinker ist der IT-Programmierer, der Code benutzt. Auch Kreuzworträtsel und Sudoku entwerfen ist pattern thinking. Die besten Puzzles werden von Mathematikern und Musikern gemacht. Muster findet man überall, etwa im Goldenen Schnitt, in Wortanfängen, z.B. fangen im Deutschen kleine runde Dinge oft mit Kn an: Knopf, Knospe, Knauf, Knoblauch, während lange dünne Dinge mit Str anfangen: Straße, Strahen, Strand, Streifen, Strahlen. So brachte sich Daniel Tammet, der innerhalb einer Woche fließend isländisch beherrschte, selbst Deutsch bei.

Künstler erkennen Muster oft schon lange, bevor wissenschaftliche Formeln dafür entdeckt wurden, etwa van Goghs 1889 entworfenes Starry Night mit turbulenter Strömung, dessen Gleichung nicht vor den 30ern gefunden wurde: Mathematische Denkweise ohne es zu wissen.

Es gibt zwei Typen von Mathematikern:

Jene, die Algebra beherrschen: Zahlen und Variablen.
Jene, die geometrisch denken: in Formen

Schach ist ein klassisches Beispiel für pattern thinking:

Schachmeister sehen unmittelbar zwar nur einen Zug voraus, aber es ist immer der Richtige. Sie erkennen nicht mehr Möglichkeiten, sondern die besseren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist, dass sie besser im Erkennnen und Abspeichern von Mustern sind – was von kognitiven Wissenschaftlern „chunks“ genannt wird. Chunks sind eine Sammlung vertrauter Informationen.

Ein durchschnittliches Kurzzeitgedächtnis ist imstande, 4-6 chunks zu speichern.
Ein Schachmeister kann dagegen bis zu 50 000 chunks behalten.

Patternicity ist definiert als

tendency to find meaningful patterns in both meaningful and meaningless data.

Neigung, bedeutungsvolle Muster in bedeutungsvollen und bedeutungslosen Daten zu finden.

Grandin stieß durch Internetrecherche auf Artikel der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov, die visuell thinking in object thinking (Bilder) und spatial thinking (räumliche Muster) unterteilt.

Es gibt zwei visuelle Leitungen im Gehirn:

der dorsale (rückseitige, obere) Weg: Optische Erscheinung von Objekten: Farben, Details

der ventrale (bauchseitige, untere) Weg: wie sich Objekte räumlich zueinander verhalten

Ob jemand ein Objektdenker oder ein Raumdenker ist, lässt sich anhand von diversen Tests feststellen, etwa durch den Vividness of Visual Imagery Quotient (VVIQ). Maximal können 80 Punkte erreicht werden, visual artists erreichen durchschnittlich 70,19 Punkte. Temple Grandin kam auf 71 Punkte – was ihre Stärke, in Bildern zu denken, verkörpert.

Ein weiterer Test ist der grain-resolution-Test, ebenfalls ein objektbezogener Test, bei dem es darum geht, wie grob- oder feinkörnig Materialien aufgelöst sind, z.B. ein Betonboden, Avokadoschalen oder Hühnerhaut. Visual artists erreichen durchschnittlich 11,75 Punkte, während Wissenschaftler und Architekten nicht mehr als 9 Punkte schaffen. Grandin kam auf 17, was sie verwunderte, da sie doch eine Wissenschaftlerin sei.

In Bildern denken bedeutet nicht, ein Objekt im Raum zu manipulieren, sondern seine Sichtweise auf das Objekt zu ändern. Wenn Grandin sich etwa eine große Anlage für Rindviecher (cattle handle facility) vorstellt, dreht sie nicht das Objekt, sondern bewegt ihre Augen um das Objekt herum.

Ein Mensch, der gerne schreibt UND Wissenschaftler ist, ist sowohl verbaler als auch räumlicher Denker.

Warum trifft diese Schlussfolgerung nicht auf Grandin zu? Die Antwort ist: Autismus.

In eine von Kozhevnikovs Artikeln gibt es eine Übung mit zwei abstrakten Gemälden: Eines mit großen rauschenden Farbspritzern, der ganze Eindruck des Bildes war dynamisch. Das andere mit verschiedenen Arten geometrischer Formen, der Eindruck war statisch. Beim dynamischen dachte sie an ein Kampfflugzeug, das sie in einem gerade gelesenen Buch gesehen hat, im statischen sah sie Mutters Nähkorb.

Auf die Frage danach, welches Gefühl sie beim Betrachten der Bilder entwickele, bzw. welche emotionale Reaktion sie in ihr auslöse, entgegnete sie: „Keines. Sie sieht Mutters Nähkorb darin, weil es wie Mutters Nähkorb aussehe.

Künstler benutzen emotionale Begriffe, um Bilder zu beschreiben: Zusammenprall, Durchbruch, extreme Spannung, während Wissenschaftler emotionslose Begriffe benutzen: Quadrate, Flecken, Kristalle, scharfe Kanten, Textilmuster.

Wissenschaftler beschreiben, was sie wortwörtlich sehen, während Künstler beschreiben, was sie im übertragenen Sinne (bildlich) sehen.

Wie Michelle Dawson, die autistische Eigenheiten nicht als positiv oder negativ, sondern als exakt bewertet, weist Grandin greifbaren Objekten keine emotionale Reaktion zu. Sie behandelt sie als Objekte, wortwörtlich, sie kann sie nicht im Raum manipulieren.

Grandin sieht Katastrophen, bevor sie passieren, etwa, als die Airbags zahlreiche Kinder töteten, weil sie für erwachsene Menschen entworfen wurden. Oder das Unglück im Reaktor von Fukushima, dessen Notstromgenerator sich im Keller direkt am Meer befand. Grandin ist ein visual thinker, aber ebenfalls eine Wissenschaftlerin – wegen Autismus.

Die Fähigkeit, in objektbezogenen Bildern zu denken + Autismus = wissenschaftlicher Kopf.

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!