Overload

Hatte diese Erlebnisse schon länger nicht mehr ausgeprägt, kann man ich an zwei Situationen im vergangenen Jahr erinnern. Die anderen habe ich wohl verdrängt. Ich beschreibe einfach mal, was ich erlebt habe.

Ich war verabredet in meinem Lieblingslokal. So gesehen kein neuer, unbekannter Ort. Die Fahrt mit den Öffis bis zum Lokal war noch problemlos, als ich aber vor dem Eingang stand, lärmte es von drinnen nach draußen. Das Lokal war bereits prall gefüllt und es war ziemlich laut. Menschen redeten durcheinander. Ich konnte nicht erkennen, wo noch ein freier Platz war bzw. ob die Verabredung schon da war.

Ich weiß nicht, wie man das nennt, aber wenn ich an einen Ort mit vielen Menschen komme, besonders Geschäfte, aber auch etwa eine Marktzeile, dann prasseln zu viele Reize auf mich ein. Ich bin dann so damit beschäftigt, die Reize zu verarbeiten, dass die Kommunikation schwierig wird. In solchen überwältigten Momente vergesse ich zum Beispiel bitte oder danke zu sagen, oder verhaspel mich schon bei der Anrede, schaffe es nicht, die Frage so zu stellen, dass das Gegenüber versteht, was ich sagen möchte. Bisweilen bin ich so fixiert darauf, zu sagen, was ich mir vorher mühsam zurecht gelegt habe, dass mich die Reizüberflutung aus dem Konzept bringt. Es liegt wohl an der generellen Schwierigkeit, etwas gleichzeitig tun zu können. Äußere Reize und Gedankenchaos zu verarbeiten, und gleichzeitig sich verbal zu äußern.

Jedenfalls hat mich die Lautstärke abgeschreckt, gleich hineinzugehen, und dann schaukelte sich auch der Lärmpegel vor dem Lokal sukzessive auf: der starke Verkehr auf der Straße nebenan, das Klappern, wenn die Autofahrer über den Gleistrog der Straßenbahnschienen fahren, läutende, hämmernde Kirchenglocken, vorbeigehende Passanten, die sich laut unterhalten.

Genau in dem Moment, in dem ich tief Luft holen wollte, um das beginnenden „fight-or-flight“-Gefecht im Kopf zu unterdrücken, werde ich von einem Straßenzeitungsverkäufer angelabert, der auf mein erstes Nein das obligatorische „Eine kleine Spende vielleicht?“ nachschiebt, und erst mit dem dritten, schon etwas bestimmteren Nein abzieht. In dem Moment bin ich fast explodiert. Bereits beim letzten Overload, bei dem ich ebenfalls in einem überfüllten Lokal verabredet war, wurde ich innerhalb weniger Minuten gleich von zwei Zeitungsverkäufern angeredet, die ein Nein nicht akzeptieren wollte. Da hatte ich einen dann angeherrscht mit „Nein, verdammt!“ und bin daraufhin regelrecht geflohen, weg von den Geräuschen zurück nach Hause. Ich habe nichts gegen Zeitungsverkäufer, Gott bewahre, ich mag nur nicht, aktiv angeredet zu werden. Wenn ich in einer extrovertierten Stimmung bin, gehe ich offensiv auf einen zu und kaufe ihm was ab, aber sonst bin ich eher froh, durch eine Fußgängerzone zu gehen, ohne angeredet zu werden. Weil ich spontan oft nicht so gut reden kann, wie wenn ich Gelegenheit hatte, mir die Worte zurechtzulegen, oder einen guten Tag habe, und intuitiv gut reden kann.

Jedenfalls zog ich mich zurück, ging ins nächste McDonald, weil ich einen Bärenhunger hatte, und die Stresssituation ihren Tribut forderte und den Hunger noch steigerte. Ich schämte mich dafür, dass ich das gute Essen im Lokal verschmähte, und die Lautstärke im McDonald, begonnen mit dem ganzen Rumgepiepse der Küchengeräte, trägt meist auch nicht dazu bei, sich zu entspannen. Aber ich schaute vorher durch die breiten Fensterfassaden hinein, sah, dass noch genügend Platz war und konnte deswegen hineingehen. Danach ging ich erneut hinaus auf die Straße, wieder zu viel Lärm, noch dazu zu viele Menschen unterwegs. Ich hasse es, wenn Menschen hinter mir gehen, ich mich bedrängt fühle, schneller zu gehen. Meist gehe ich so schnell, dass niemand hinter mir gehen kann. In dem Moment war mir allerdings alles zu viel, ich stieg in die U-Bahn hinab, mit dem Plan nach Hause zu fahren, weil ich innerlich begriff „das wird nichts mehr, ich muss da jetzt raus“.

In diesem Moment, kurz bevor die U-Bahn kam, signalisierte meine Verabredung per SMS, dass sie schon auf mich wartet. Den Anruf davor hatte ich natürlich überhört, da ich nie höre, wenn mein Handy klingelt. Imstande, zurückzurufen, fühlte ich mich allerdings nicht. Ich ging langsam zurück zum Lokal, atmete tief ein und aus, versuchte mir klarzumachen, dass ich den Abend noch retten kann, wenngleich frustriert war, wie ich die 40minütige Verspätung erklären sollte. Irgendwas zwischen Panikattacke, Reizüberflutung oder schlicht Stresssituation. Dieses Mal zögerte ich nicht vor dem Eingang – ich ging gleich hinein, hatte anfangs Probleme, mich zu konzentrieren, die relevanten Stimmen auszufiltern. Mit Alkohol betäubte ich die äußeren Reize, fand zur inneren Ruhe zurück. Das sollte keine Standardmethode werden, möchte damit nicht sagen, dass ich Alkohol eine gute Lösung finde. In dieser Situation war es die Einzige, die mir einfiel. Mir fehlten die Achtsamkeitsskills, um mich weiter zu beruhigen.

Gut besuchte Lokale verhindern seit jeher, dass ich alleine hineingehe. Sie verhindern je nach Tagesform auch – wie in diesem Fall -, dass ich eine Verabredung treffe. Gleichzeitig Ausschau halten, wo jemand sitzt, die Umgebungsgeräusche, eventuell noch auf die Frage eines Kellners reagieren stresst mich. Ich habe einen guten Wochenmarkt um die Ecke, gehe aber nie hin, weil das offensive Fragen der Marktständler Stress verursacht. Ich würde gerne in kleine Läden gehen statt in Supermärkte oder Discounter, aber wenn ich von Menschen, Preisschildern, zu viel Auswahl oder dem „sich erst einmal umsehen müssen“ übermannt werde, vergesse ich, wie man kommuniziert.

Ich weiß nicht, ob man das mit Schüchternheit erklären kann – wenn ich in sozialen Netzwerken schreibe, käme man nie auf die Idee, dass ich schüchtern sei. Ebenso wenig im Gespräch mit Bekannten oder Freunden. Auch wenn der Schritt zum realen Treffen bei mir zunächst ausschließlich schriftlich erfolgen muss. Mit jemandem Unbekannten reden fällt mir schwer, da ich kein Smalltalk kann. Das sprichwörtliche Eis brechen muss dann jemand anders für mich übernehmen.

Jedenfalls bin ich einerseits froh, dass ich es trotzdem geschafft habe, noch ins Lokal zu gehen, andererseits nehme ich auch mit, dass ich es mir nicht unnötig kompliziert machen muss. Das nächste Mal würde ich das Treffen auf den Öffnungszeitpunkt des Lokals legen, wenn also noch keine Gäste da sind. Zuerst da sein, und dann füllt sich das Lokal, das geht. Dann kann ich mich auf den steigenden Lärmpegel einstellen.

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