Lesen, Sprache und Ausdruck

An meine frühe Kindheit kann ich mich kaum erinnern, wohl aber daran, schon immer gerne gelesen zu haben. Von diversen Abenteuerbüchern, vielfach Wolfgang Hohlbein (irgendwann ermüdend, da immer gleicher Handlungsaufbau und immer häufiger dieselben Formulierungen), über die Kriminalliteratur bis hin zu den Naturwissenschaften war in der Schulzeit alles mit dabei. Bevorzugt las ich am Abend und in der Nacht, entsprechend kurz war der Schlaf während der Schulwoche, aber im Zweifelsfall ging das Buch immer vor.

In der Grundschule machte sich die Liebe zum Lesen und das Gefühl fürs Schreiben bereits bemerkbar, als ich durchgehend im Diktakt Null Fehler hatte, selten ein Fehler. Rechtschreibung und Grammatik waren in der gesamten Schulzeit nie ein Problem, auch bei den Fremdsprachen nicht.

Im Gymnasium mangelte es am ehesten am Ausdruck, denn ich neigte dazu, zu verschachtelt zu schreiben und von der Intention nicht dort zu landen, wie ich intendierte. Später besserten sich die Ausdrucksfehler und Satzkürze (Würze) jedoch – besonders, als ich den inneren Monolog entdeckte, erst durch Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl, und dann durch James Joyce‘ Ulysses. In der Maturazeitschrift veröffentlichte ich einen „Inneren Monolog“, der dort ungefähr so exotisch wirkt wie mein derzeitiger Artikel im N#MMER-Magazin. Ich mochte die Nachahmung, vielleicht übertrieb ich es dabei ein wenig, denn weder gelang es mir in sich so konsequent noch so spannend zu schreiben wie meine Vorbilder. Ich schrieb aber auch ohne Absicht einer Veröffentlichung diverse Gedichte und besonders Kurzgeschichten. Die längste Kurzgeschichte hatte 10 Seiten, sonst blieb es meist bei einer Seite. Ich schrieb auch über Träume und versuchte die aufgeschriebenen Träume zu deuten, sofern meine Erinnerung der Bilder ausreichte.

Inwiefern Ausdruck und Inhalt eines Textes hervorragend oder mangelhaft sind, ist nicht nur abhängig vom Sender, sondern auch vom Empfänger. Bei einem Deutschlehrer produzierte ich die beste Lügengeschichte im Münchhausenstil, beim anderen Deutschlehrer kassierte ich durchgehend schlechte Noten in der Erörterung und beim nachfolgenden Deutschlehrer wieder beste Noten in derselben literarischen Form. Bereits damals fand ich Gefallen an einer Güterabwägung, an der Suche nach Vor- und Nachteilen und am Spielen des Advocatus Diaboli, indem man sich bewusst auf die Gegenseite stellt, um Argumente dafür zu hören bzw. die Gegenargumente entkräften zu lassen.

Nachdem ich ohne eigenen Dialekt aufwuchs, nur ansatzweise hört man etwas fränkisch heraus, passe ich mich wie ein Chamäleon immer der Sprache und den Dialekten meiner Umgebung an. Als ich lange in Tirol lebte, schnappte ich viele Dialektwörter auf, leibte mir diese wie Vokabeln ein und wenn ich über mehrere Stunden mit Tirolern in Kontakt war, verfiel ich in einen tirolerischen Dialekt und Sprachmelodie. Ich hatte während meines Studiums auch öfter mit Vorarlbergern zu tun, kannte Oberösterreicher, Steirer und Südtiroler. Im Gegensatz zu vielen deutschen Kollegen hatte ich keine Mühe, die teils sehr schwer verständlichen Dialekte rasch zu verstehen. Redewendungen blieben bei mir hängen, bestimmte Arten, die Grammatik anders auszudrücken oder Wörter zu verkürzen. Wann immer ich mit Menschen eines bestimmten Dialekts zu tun habe, passe ich mich dem Dialekt an. Im Englischen hängt es wieder davon ab, ob ich mit einem native speaker rede oder mit einem anderen Ausländer, der ebenso langsameres, gebrocheneres und einfacheres Englisch spricht. Bei einem native speaker erhöhe ich automatisch mein Sprachtempo, manchmal ziehen auch die Vokabeln mit und die Wortfindung geschieht wesentlich flüssiger.

Dieses Imitieren ist ein Wesenszug meiner Interaktion mit Sprache. Früher bedauerte ich es oft, keinen identititätstiftenden Dialekt zu besitzen. Studienkollegen gleicher Herkunft erkannten sich am Dialekt, wildfremde Menschen plauderten plötzlich beim Einkaufen, weil sie feststellten, dass sie aus dem gleichen Ort kommen. Die hörbare Herkunft verbindet – in anderen Fällen distanziert sie oft, wenn die mit fremdenfeindlich gefärbtem Unterton gestellten Gegenfragen wie „Und Du kommst aus Deutschland?“ – „Und nach dem Studium kehrst Du nach Deutschland zurück?“ – „Wie gefällt Dir Dein Urlaub hier?“ nur auf die Herkunft abzielen, und suggerieren, dass es völlig undenkbar sei, dass man gerne im Ausland lebt und einen neuen Heimathafen gefunden hat. Besonders schwierig ist das natürlich, wenn man – wie ich – keinen Dialekt besitzt, Heimat nicht zwingend als den Ort betrachtet, wo man aufgewachsen ist, sondern eher gewillt war, neue Welten zu entdecken und sich schließlich woanders heimisch zu fühlen. Schwierig mag es auch für jene sein, die den ursprünglichen Dialekt behielten, aber schon Jahrzehnte in der neuen Heimat leben.

Sprache ist für mich etwas Spannendes. Im Schulalter brachte ich mir etwas Latein bei und las dazu leidenschaftlich gerne in einem 40 Jahre alten Fremdwörterlexikon, suchte nach Merkmalen, wie man sich Fremdwörter selbst herleiten kann und charakteristische Endungen lateinischer oder griechischer Ausdrücke, ich entschied mich damals als einer der wenigen Männer gegen Englisch als Leistungskurs und für Französisch, lernte später aber dennoch Englisch, indem ich Reclam-Hefte mit Vokabelerklärungen durchlas (z.B. Forrest Gump or Fahrenheit 451), viel später kamen englische DVDs mit deutschen, später englischen Untertiteln hinzu. Weitere Sprachen hätten mich noch interessiert, etwa Türkisch oder die Gebärdensprache, aber bisher hat es sich noch nicht ergeben.

Mit dem sprachlichen Ausdruck beim Sprechen mag es sich anders verhalten als beim Schreiben, wobei ich bemerke, dass es mir viel besser gelingt, mich sowohl schriftlich als auch mündlich auf Englisch auszudrücken. Daher hier auch die gelegenen Sprünge in englische Blogtexte. Ich weiß nicht genau, woran das liegt – aber die Wortfindung ist oft flüssiger als im Deutschen, intuitiver vor allem.

Was ich hier festhalten möchte, ist, dass häufig geäußerte Probleme mit der Sprache, Wortfindung, dem Lesen und Schreiben nicht bei jedem Kind oder Erwachsenen mit Klinefelter-Syndrom auftreten müssen, und sich oft individuell sehr unterschiedlich repräsentieren. Länger fürs Schreiben zu brauchen, bedeutet noch lange nicht, langsam im Lesen zu sein oder schlechter lesen zu können. Verbale Intelligenz ist nicht die einzige Messgröße. Länger für die Wortfindung zu brauchen, impliziert ebenso wenig, dümmer oder langsamer im Begreifen zu sein. Verbaler und schriftlicher Ausdruck sind vom logischen Denken mitunter entkoppelt, das Gehirn kann schon viel weiter sein.

Deswegen sollte man Menschen, die mit dem Schreiben und Sprechen Probleme haben, nicht unterschätzen. Zeit ist dabei ein wichtiger Faktor. Für etwas länger brauchen ist in unserer kapitalistisch erzogenen Gesellschaft eine Sünde, dabei kann sie ein echter Gewinn sein, wenn man aus dem Zeit Raubendem Kreativität schöpft.

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2 Gedanken zu “Lesen, Sprache und Ausdruck

  1. Zitat: „Verbaler und schriftlicher Ausdruck sind vom logischen Denken mitunter entkoppelt, das Gehirn kann schon viel weiter sein.“

    Was bei mir durchaus schon dazu geführt hat, dass ich ganz Absätze innerlich schon abgehandelt hatte, aber nicht auf das Papier gebracht hatte.

    Dieses Phänomen habe ich auch schon bei meinen Kindern beobachten können. (hier aber aus der autistischen Sicht betrachtet / bestehende Diagnosen der Kinder)

    Deutsch- bzw. Sprachenlehrer sind für meine Begriffe sowieso eine besondere „Gattung“ (RW) Mensch. Sie behaupten immer, objektiv einen Text zu lesen. Aber die Notengebung ist oft zutiefst subjektiv.

    Sprache unterliegt immer der Interpretation des Lesenden.

  2. Ich spreche schon lokales schwäbisch, meine hochbegabte Schwester allerdings fast reines hochdeutsch. Als ich beruflich mit Norddeutschen zu tun hatte, habe ich mich geärgert, dass ich deren Ausdrücke und deren Dialekt übernommen hatte. Bis ich wieder normal sprach dauerte es mehrere Monate. Das Fach “Deutsch“ war in der Realschule zu bewältigen. In Diktaten war ich sehr gut, in allem anderen mittelmäßig, da ich nur wenig auf mein Papier brachte und oft Artikel und Pronomen doppelt schrieb oder vergaß (deswegen muss ich heute noch sehr aufpassen um ein einwandfreies Deutsch zu produzieren).

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