Was verursacht XXY: ein Exkurs zur X-Inaktivierung

Eine sinngemäße Übersetzung nach James Moore (dessen aufschlussreiche Erklärungen zu einem wichtigen Bestandteil meines Blogs werden), Leiter von www.genetic.org

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XXY ist keine vererbte Veranlagung, sondern ein „Unfall“ während der Meiose, Non-disjunction genannt (eine Visualisierung dazu).

Der Mechanismus, der die Störung verursacht, ist eine Fehlfunktion der X-Inaktivierung. Dieser Artikel erklärt wunderbar, weshalb beide X-Chromosomen bei Frauen „miteinander auskommen“, nicht aber bei Individuen mit XXY:

Interessante Auszüge aus dem Artikel:

Bei Frauen ist eines der beiden X-Chromosom in jeder Zelle inaktiv, ein recht drastischer Schritt, wenn man bedenkt, dass auf einem X-Chromosom über 1000 Gene enthalten sind. Jede Kopie eines X-Chromosoms enthält Genversionen, die nicht auf dem Partner-Chromosom enthalten sind, weshalb Frauen eine höhere Gendichte als Männer mit dem einzelnen X-Chromosom besitzen. Noch wissen die Forscher nicht, wie eine Zelle das Chromosom aussucht, das inaktiv bleibt, aber sie haben eine Reihe von Molekülen identifiziert, die die Stillegung einleiten. Der Anführer dieser Molekülgruppe ist Xist. Xist-Moleküle hüllen das betreffende X-Chromosom ein wie ein Bienenschwarm. Männer müssen mitunter mehr Proteine von ihrem X-Chromosom ausgehend produzieren, weil sie nur eines besitzen. Für Frauen wäre das ein Dilemma, sie würden sich überdosieren, daher wird ein X-Chromosom stillgelegt. Dafür können sie defekte Gene leichter durch die gesunde Kopie des zweiten X kompensieren, während Männer viel anfälliger für Defekte auf dem X-Chromosom sind, z.B. Farbenblindheit. Aber das X-Chromosom birgt auch Risiken bei Frauen. Wenn eine Zelle damit aufhört, Xist herzustellen, wacht das inaktivierte X-Chromosom auf. Die zusätzlich produzierten Proteine können zu unkontrolliertem Zellwachstum und damit zu Krebs führen.

Die Leute fragen oft, woher wir *wissen*, dass das zusätzliche X tatsächlich das zusätzliche Chromosom – im Gegensatz zum Y, das extra sein könnte. Die Fehler der X-Inaktivierung sind ein exzellenter Beweis dafür, dass das zweite X-Chromosom zusätzlich ist. XXY ist keine Frau mit einem angehängten Y, sondern ein Mann mit einem extra X. Und zwei X-Chromosomen kommen nicht miteinander aus.

Gemäß von Experten wie Dr. Nicole Tartaglia (eXtraordinarY Kids Clinic in Denver) führt die Sichtweise zur X-Inaktivierung über drei Wege:

  1. Die beiden X-Chromosomen könnten ihre Botschaften verdoppeln – die Botschaft damit verstärken (zu viel)
  2. Die beiden X-Chromosomen könnten widersprüche Botschaften senden – eines sagt „ja“ und das andere „nein“ (gemischte Botschaft)
  3. Beide X-Chromosomen könnten stumm bleiben, wenn eines von beiden senden sollte (ungenügend)

Diese drei Varianten veranschaulichen, wie Unterschiede in der X-Inaktivierung das Spektrum möglicher Auswirkungen ausmachen können. Das Scheitern der X-Inaktivierung unterscheidet sich wesentlich von Botschaft zu Botschaft.

Zu beachten ist außerdem, dass beispielsweise bei XYY kein Mechanismus für Y-Inaktivierung existiert. Es wird niemals vorausgesetzt, dass zwei Y-Chromosomen nebeneinander existieren, weshalb die beiden Y-Chromosomen von Beginn an nicht miteinander klarkommen (wie „typische Männer“). Doch die Auswirkungen sind ähnlich … eines der beiden Y-Chromosomen versagt bei der Abschaltung und das andere übernimmt das Reden.

Wenn man weitere Variationen betrachtet, etwa XXXXY, XXYY, etc…, und dass Fehler bei der X- (und Y-) Inaktivierung kombiniert werden, liegt es auf der Hand, dass zusätzliche Chromosomen zu immer größeren Auswirkungen führen. Umgekehrt hilft uns das auch beim Verständnis, weshalb die Mosaikform 46,XY/47,XXY leichter betroffen ist. Abhängig davon, wie sich die Mosaikform äußert, sind manche Betroffene sogar fertil.

Ein letztes Wort noch zu den Streitigkeiten darüber, wie XXY mit der Geschlechterfrage „männlich/weiblich“ zusammenhängt. Es gibt ÄUSSERST seltene Fälle mit Frauen und XXY-Chromosomensatz. Die bekannten Fälle lassen sich an einer Hand abzählen. In diesen Fällen ist das Y-Chromosom zusätzlich und macht sich durch Bruchstücke des angehefteten Y-Chromosoms  am sonst typisch weiblichen XX-Aufbau bemerkbar. Die neuesten Informationen deuten darauf hin, dass viele Frauen an ihren beiden X-Chromosom ein Bruchstück des Y-Chromosom angeheftet haben könnten, aber das ist ein ganz anderes Phänomen, das nichts mit 47,XXY zu tun hat.

Seltener Fall von 46,XX/47,XXY bei einer Sportlerin

In Sachen Berichterstattung zum Klinefelter-Syndrom sieht es im deutschsprachigen Raum eher mau aus. Aus Österreich stammen die letzten Artikel von 2006 bzw. 2009 (beide im „Standard“ erschienen), im Hinblick auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Männern mit Gynäkomastie (die in rund 80 % aller Klinefelter-Betroffenen auftritt) gibt es noch diesen Artikel vom 18.02.2014, der das Klinefelter-Syndrom gesondert hervorhebt, entsprechend aber nur auf körperliche Auswirkungen eingeht.

Eher zufällig stieß ich auf einen Artikel über Intersexualität im Sport beim Nachrichtenmagazin „Spiegel“.

Das Phänomen der Polin Ewa Klobukowska mit ihren 47 Chromosomen und der XXY-Konstellation etwa bezeichnen Ärzte als Klinefelter-Syndrom. Es entsteht schon in der frühen Embryonalentwicklung und kommt dadurch zustande, dass sich die Geschlechtschromosomen der Eltern nicht richtig teilen.

Auch das Wiener Wochenmagazin „Falter“ erwähnt diese Chromosomenkonstellation:

Die polnische Sprinterin Ewa Klobukowska (Weltrekord Staffellauf 1964) hatte zusätzlich zu ihren beiden X-Chromosomen ein Y-Chromosom

Im englischen Wikipedia werde ich jedoch darauf aufmerksam, dass es sich nicht um eine eindeutige 47,XXY-Variation handelt, sondern um eine seltene Mosaikform:

Medical publications revealed that Klobukowska is a genetic mosaic of XX/XXY.

Der betreffende Artikel von 1991 verdeutlicht, dass es sich hier um eine Mosaikform handelt,also sowohl Zellen mit dem normalen weibl. Chromosomensatz 46,XX und dem Klinefelter-Chromosomensatz 47,XXY vorhanden sind. Jedoch muss diese Mosaikform nicht zwingend zu einem weiblichen Erscheinungsbild führen, wie diese wissenschaftliche Studie belegt. Hier hat ein Junge trotz XX,XXY-Chromosomensatz ein männliches Erscheinungsbild.

In den meisten Fällen einer Mosaikform (die weniger als 20 % aller Klinefelter-Betroffenen ausmacht) handelt es sich aber um den Chromosomensatz 46,XY/47,XXY mit eindeutig männlichem Erscheinungsbild.

Fazit: Die Natur mag es ungern schwarz und weiß, sie lässt sich nicht so leicht nur anhand der Chromosomenanzahl und -art in die Karten schauen. Es lebe die Vielfalt!