47,XXY – nach meinem Verständnis …

Auf diesem Blog ist es ruhig geworden, vor allem mangels neuen Erkenntnissen, aber auch der deprimierten Feststellung, dass sich am geringen Wissensstand über Klinefelter seitens der Ärzte wenig ändern wird. In Österreich gilt das noch mehr als in Deutschland, weil Österreich ein medizinisches Entwicklungsland ist. Sich seinen (neuen) Ärzten bezüglich neuen Erkenntnissen über Klinefelter und zusätzlicher Diagnosen mitzuteilen, ist auf mündlichem Weg fast nicht möglich. Die Katze beißt sich hier natürlich in den Schwanz, denn mit einer kommunikativen Störung fällt es mir noch schwerer, in wenigen Worten auf den Punkt zu kommen. Ich müsste zu weit ausholen und kein Arzt nimmt sich soviel Zeit für mich. Lediglich auf schriftlichem Weg kann ich darauf hinweisen, wobei ich dabei Gefahr laufe, zu ausschweifend zu schreiben.

Eine weitere Frage, die ich sehr früh hier thematisiert habe, ist, ob man sich seinem Arbeitgeber gegenüber outen soll. Anfangs habe ich das neutral gesehen, inzwischen glaube ich, dass die Vorgesetzten von so einer Diagnose heillos überfordert und unnötige Ängste und Vorurteile geschürt werden. Für mich persönlich haben die -als typisch geltenden – Auswirkungen des Klinefelter-Syndroms und auch die damit verbundene Therapie, die Testosteronzufuhr, keinen direkten Einfluss auf meine Leistungsfähigkeit. Wie viele X-Chromosomen ich besitze, merkt man mir in der Arbeit nicht an. Ob ich Kinder kriegen kann, und warum ich so dünne Arme habe, spielt keine Rolle, allenfalls ist man wiederkehrend mit den schmerzhaften Aussagen kommentiert „Auch Du wirst irgendwann Familie haben.“ oder „Warte mal, bis Du Kinder hast.“, etc… Man weiß genau, dass das nie der Fall sein wird, außer man findet eine Partnerin mit Kindern. Über das Klinefelter-Syndrom ist öffentlich NICHTS bekannt. Wiederkehrende Artikel in diversen Print- und Online-Medien fokussieren rein auf die Unfruchtbarkeit und auf den Mangel an männlichen Merkmalen – nichts, worüber man gerne mit Kollegen und Vorgesetzten sprechen oder gar als Einstieg für eine Offenlegung benutzen möchte. Die Hintergründe dieses Syndroms sind so komplex, dass es wissenschaftlich noch nicht komplett erforscht, geschweige denn verstanden wurde. Wie soll man etwas erklären, was nicht erklärbar ist?

Als ich hier anfing zu bloggen, stieß ich zuvor erstmals auf einen für mich bahnbrechenden Artikel über einen Zusammenhang zwischen Klinefelter und Autismus. Ich passte nicht ins Schema F vieler Klinefelter-Betroffene und konnte mich mit diesen nicht identifizieren. Mit Autismus bzw. dem Asperger-Syndrom konnte ich es. Inzwischen, drei Jahre später, kenne ich *einige* Fälle, wo beides auftritt. Heute stieß ich auf einen Zeitungsartikel in der seriösen britischen Zeitung „The Guardian“ (abgerufen am 10.7.2017):

„Felix has a genetic disorder, Klinefelter syndrome, and is on the autism spectrum, meaning he struggles to deal with sensory overload. The stench – along with an unwelcome night-time accompaniment of jackhammers and concrete saws – sends him into meltdown.

“The constant noise, the constant smell – it actually is having such an impact,” Waters said. “He will literally throw himself on the floor and have a tantrum because to him this is an overwhelming sensory impact. He doesn’t have the cognitive ability to say this will go away in a day or so. He’s trapped in his own mind.”

Der Betroffene hat das Klinefelter-Syndrom und ist im autistischen Spektrum, d.h., er hat Probleme im Umgang mit Reizüberflutung. Ständiger Lärm und Gestank bedeuten für ohne einen überwältigenden sensorischen Einfluss, sodass er sich regelrecht auf den Boden wirft und einen Wutanfall bekommt. Er besitzt nicht die kognitive Fähigkeit zu sagen, dass es nach einem Tag oder so weggehen wird. Er ist in seinen eigenen Gedanken gefangen.

Erdrückende Belege für einen genetischen Zusammenhang:

Ich möchte nachfolgend erläutern, weshalb ich die folgenden Abbildungen für so wichtig halte.

1 Autismus-Spektrum-Fragebogen

Das Setting ist einfach: Eine Kontrollgruppe (gemeint sind Menschen mit normaler Chromosomenanzahl) und Klinefelter-Männer wurden mit dem autistischen Fragebogen (AQ nach Baron-Cohen) getestet. Der Schwellenwert, ab dem ein Screening für Autismus in Betracht gezogen werden sollte, liegt bei 26. Die Kontrollgruppe schnitt durchwegs unter 26 ab, die Mehrheit unter 15. Die Klinefelter-Personen hingegen mehrheitlich über 20, meist über 25.

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Van Rijn S. et al., Social Behaviour and autistic traits in a sex chromosomal disorder: Klinefelter (47 XXY) syndrome, J Autism Dev Disord, 2008, 38: 1634-1641

2 ADI-R Score: Die Kernbereiche von Autismus

Domain I betrifft soziale Interaktion, Domain II Kommunikation und Domain III stereotype, wiederkehrende Verhaltensmuster/Interessen. Untersucht wurden 51 Klinefelter-Personen. Es hat sich gezeigt, dass Klinefelter-Personen in den beiden Kernbereichen von Autismus, Kommunikation und Interaktion, gleichermaßen betroffen sind. Im Gegensatz zum klassischen Autismus (also keine bekannte genetische Ursache) sind eingeschränkte Verhaltensmuster schwächer betroffen. Das kann bedeuten: Sie zeigen ihren Autismus seltener nach außen, indem sie weniger mit den Händen flattern, zappeln, schaukeln, weniger eng begrenzte Interessensgebiete aufweisen, etc. Für die Diagnose kann das jedoch heißen, dass Klinefelter-Autisten häufiger unerkannt bleiben, weil sie nicht die typischen nach außen hin sichtbaren autistischen Merkmale zeigen.

Fig 1. ADI-R-Score

Quelle: Bruining H. et al., Psychiatric Characteristics in a self-selected sample of boys with Klinefelter Syndrome, Pediatrics, 2009, 123, e865

3 Überschneidungen von Klinefelter mit Autismus

Ein Leitartikel von Lehnhardt et al (2013) geht über typische Autismus-Symptome. Ich habe damals typische Beschreibungen von Klinefelter-Kindern mit denen in der Tabelle verglichen und kam zu dem verblüffenden Ergebnis, dass in allen Punkten eine Übereinstimmung besteht:

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Quelle: Lehnhardt et al., Diagnostik und Differential-Diagnose des Asperger-Syndroms im Erwachsenenalter, Dtsch Arztebl Int., 2013, 10 (45): 755-763

Für Erwachsene sieht das anhand zahlreicher Beispiele in der Symptomatik so aus:

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Quelle: http://www.springermedizin.at/artikel/16431-das-asperger-syndrom-bei-erwachsenen

4 Einordnung von Personen mit zusätzlichen X-Chromosomen im autistischen Spektrum

Hier hat man Mädchen und Buben mit zusätzlichem X-Chromosom zusammengefasst, also sowohl 47,XXX als auch 47,XXY. Es gibt zwischen beiden Gruppen einige Übereinstimmungen, was darauf hinweist, dass nicht das Testosteron(defizit) hier den Unterschied macht, sondern das zusätzliche X-Chromosom die entscheidende Rolle spielt. Autismus ist keine Ja/Nein-Frage, sondern eine dimensionale Größe, d.h., sie reicht von vollkommen unautistisch bis schwer autistisch. Der SRS-Score (Social Responsiveness Score) gibt die Anzahl der autistischen Verhaltensweisen an, der Schwellenwert für eine Autismus-Diagnose liegt bei 70:

Autisten ohne zusätzliches X-Chromosom („ASD“) befinden sich mit 95 deutlich darüber.

Die nichtautistische Kontrollgruppe liegt mit 25 weit darunter.

Die XXX/XXY-Gruppe erreicht mit 65 einen Wert knapp unter dem Schwellenwert. Sie befinden sich also im Durchschnitt viel näher an einer Autismus-Diagnose als an einer Nicht-Diagnose.

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Quelle: Auswirkung des zusätzlichen X-Chromosoms

Ich stelle die These auf, dass Klinefelter lediglich eine von mehreren Auswirkungen des zusätzlichen X-Chromosoms ist. Klinefelter ist nicht 47,XXY und 47,XXY ist nicht Klinefelter. Bei jenen 47,XXY-Betroffenen, die nicht autistisch sind oder so wenig autistische Merkmale aufweisen, dass sie nicht für eine Autismus-Diagnostik in Frage kommen, hängt es von der Aktivität der Gene auf dem zweiten X-Chromosom ab.

Meine Literaturliste zu 47,XXY/Klinefelter-Syndrom ist die wahrscheinlich umfangreichste im deutschsprachigen (und englischsprachigen) Raum. Im Gegensatz zu den Fachleuten bin ich nicht an einen spezifischen Fachbereich gebunden und sehe leichter unerwartete Verbindungen zu den anderen Ursachen und Auswirkungen. Dafür mangelt es mir natürlich an Tiefe in den Fachgebieten selbst und am Verständnis komplexer genetischer und neurologischer Zusammenhänge.

Aufgrunddessen halte ich es in meinem eigenen Fall für zielführender, die Asperger-Thematik anzusprechen, wenn es um Offenlegung von Diagnosen geht. Strenggenommen fußt meine Asperger-Diagnose auf dem zweiten X-Chromosom, aber Ursachen interessieren die wenigsten, die Auswirkungen sind das Thema und da besteht in der Literatur eine Fülle an Material über Asperger, aber nahezu nichts (Verständliches) über Klinefelter.

So, ich möchte meine Leser nicht mit meinen Ausschweifungen über Asperger langweilen, weil das ja nicht alle Auswirkungen bei 47,XXY betrifft.

Darum noch kurz zu den physischen Aspekten dieser Diagnose. Idealerweise finden die hier geschilderten Kontrollen statt. In der Praxis wissen aber sehr viele Ärzte nicht, dass die bloße Zugabe von Testosteron etwa nicht ausreicht, um den Abbau der Knochendichte zu verzögern (aufhalten lässt er sich leider nicht), sondern eine zusätzliche Gabe von Vitamin-D notwendig ist. Ansonsten gilt zur Therapie gegen Knochenschwund das, was man bei vielen Erkrankungen des Bewegungsapparats empfiehlt: Viel Bewegung, genügend trinken, wenig/kein Alkohol und gesund ernähren. Das betrifft gleichermaßen das Risiko aufgrund des gestörten Fettstoffwechsels an Diabetes zu erkranken. Über Chancen und Risiken einer Testosterontherapie, auch im Hinblick auf die Genderidentität und bei intersexuellen Betroffenen (wenige, aber vorhanden), habe ich hier ausführlich geschrieben. Eine leichte Entscheidung, frühzeitig mit Testosteron zu beginnen, ist es nie. Randnotiz: Subjektiv kommt mir vor, als sehe ich heute im Alltag wesentlich mehr Menschen mit – auf den ersten Blick – unklarer Genderidentität, sprich, man weiß nicht, obs ein Manderl oder Weiberl ist, also noch vor zwanzig Jahren. Die Gesellschaft öffnet sich und das Angebot für Betroffene wächst, wie hier in Österreich.

Das „leidige“ zweite Chromosom?

Das leidige zweite X-Chromosom: Internationales Experten-Treffen in Münster befasst sich mit dem Klinefelter-Syndrom

Danke für die „neutrale“ Schlagzeile, Universität Münster!

Ja, wenn es um Kinderlosigkeit geht, dann ist das zweite X-Chromosom definitiv leidig! Es gibt aber nicht nur Betroffene, die unter dem Klinefelter-Syndrom leiden, sondern die ihren Weg gehen und sich damit abgefunden haben, die auch keine Kinder wollen. Für jene Minderheit, die nicht durch eine Testosteronersatztherpie vermännlicht werden will, sind die vermeintlichen Defizite ganz selbstverständlicher Teil ihres XXY-Daseins.

Allerdings hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass das zusätzliche X-Chromosom auch auf subtilerer Ebene wirkt. Es beeinflusst zum Beispiel den Stoffwechsel und begünstigt kardiovaskuläre Erkrankungen

Leider werden auch in dieser Pressemitteilung die psychischen Aspekte von 47,XXY wieder unterschlagen. Dabei gibt es hierzu reichlich Forschungsarbeiten von z.B. Tartaglia (USA), van Rijn, Bruining (beide Niederlande) oder Cederlöf (Schweden), die eben nicht einen Zusammenhang zwischen Testosteronmangel und Psyche, sondern zwischen dem mehrzähligen X-Chromosom und kognitiven Auffälligkeiten herstellen.

Autismus, Klinefelter, Kinderwunsch und Trauer

Auf der Suche nach deutschsprachigen Erwähnungen eines Zusammenhangs (bzw. eines Dementis) von Klinefelter-Syndrom und Autismus bin ich auf die öffentlich zugängliche Vereinszeitung des deutschen Vereins 47xxy-Info gestoßen.

Dort berichtet eine Frau von ihren Erfahrungen mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann, der mutmaßlich das Klinefelter-Syndrom hatte. Zuerst war ich positiv davon angetan, dass erstmalig auf einer deutschsprachigen Klinefelter-Vereinsseite der Begriff Autismus auftauchte. Dann las ich jedoch weiter.

Die Tendenz zu Depressionen, die wohl auch früher schon, aber sicher in den letzten anderthalb
Jahrzehnten stärker gegeben hat, wäre zu vermeiden gewesen. Mit einem muskulösen
Körper und mit einer besseren Stimmung hätte er die Ratschläge der Mediziner nach gesunder
Ernährung und ausreichender Bewegung leichter umsetzen können. Der Diabetes wäre in dem
Maße vermutlich gar nicht erst ausgebrochen, denn er tritt hauptsächlich durch den Hormonmangel
oder durch das überzählige, zweite X-Chromosom vermehrt auf (Prof. Zitzmann).

Hier werden schon einmal verschiedene Aussagen getroffen, die nach derzeitigem Stand so pauschal nicht haltbar sind.

1. Es ist richtig, dass sich die Stimmung bei vielen Menschen durch die Substitution verbessert hat, vor allem, weil es die Müdigkeit herabsetzt. Man fühlt sich mit Energie und Antrieb ausgestattet. Depressionen haben allerdings vielschichtige Ursachen. Hormonungleichgewicht ist nur eine davon.

2. Der muskulöse Körper entsteht nicht alleine durch das Testosteron! Menschen mit Klinefelter-Syndrom weisen generell einen veränderten Körperbau mit erhöhtem Körperfett und verringerter Muskelmasse auf. Dass sich die Muskelmasse verbessert, wurde bisher nur bei (älteren) 46,XY-Männern nachgewiesen und ist ja auch vom Bodybuilding bekannt. Männer mit normaler Chromosomenanzahl verarbeiten jedoch Testosteron ganz anders als 47,XXY-Männer. Wie sich die Testosterontherapie langfristig auf die Muskelkraft bei Klinefelter auswirkt, wurde noch nicht untersucht.

3. Wenn Diabetes durch das überzählige X-Chromosom auftritt, wäre er genetisch bedingt und ließe sich nicht korrigieren. Daher wäre diese Aussage ein Widerspruch. Derzeit gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, dass die Hormontherapie die Insulinresistenz verringert. Es kann höchstens einen indirekten, vorbeugenden Effekt geben, wenn die körperliche Fitness positiv beeinflusst wird. Das setzt aber auch voraus, dass man aktiv wird, seine Ernährung umstellt und Bewegung treibt. Zudem kann es auch vererbt worden sein.

Weiter im Text …

Was ist mit den Kindern, die schon im Kindergartenalter mit offenen Augen durch die
Welt gehen und sehen, wie viel herzlicher andere Väter mit ihren Kindern umgehen? Welcher
Verlust, welcher Mangel von Anfang an. Ich habe mit Bewunderung den einen oder
anderen Bericht von Asperger-Autisten gelesen, und da denke ich, dass es heute sicher auch
viele gibt, die sich anders entwickeln, als es bei meinem Mann der Fall war, die ihr Verhalten reflektieren,
die dazulernen. Ich möchte trotzdem jeder jungen Frau, die plant, mit einem Mann
mit Klinefelter-Syndrom Kinder zu bekommen, raten, einige Lebensberichte oder Erzählungen
über Asperger zu lesen. Und wenn sie das Gefühl hat, dass ihr das bekannt vorkommt, dann gut zu
überlegen, was sie tut.

[…]

Für viele Asperger-Autisten ist ein Angehöriger, der stirbt, einfach weg (z. B. in Buntschatten
und Fledermäuse: Mein Leben in einer anderen Welt von Axel Brauns). Stellen Sie sich vor, ihr
gemeinsames Kind stirbt. Und für ihren Partner ist das Kind einfach weg. Wie wollen Sie an der
Seite von so jemandem trauern? Sie werden das kaum aushalten!

Ist es wirklich erstrebenswert, einen Kinderwunsch nur deswegen nicht in Betracht zu ziehen, weil im Falle eines vorzeitigen Todes des gemeinsamen Kindes die individuelle Trauer anders ausfällt?

Unfruchtbare Männer leisten viel, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen

Weiters ist es so, dass über 90 % der Männer mit Klinefelter-Syndrom unfruchtbar sind, und wahrscheinlich nur ein Bruchteil sich gemeinsame Kinder vorstellen kann, die entweder aus künstlicher Befruchtung, anderen Techniken oder Adoption kommen. Und die, wenn sie Kinder wollen, dafür wahrscheinlich ein hohes finanzielles Risiko eingehen müssen. Ich möchte damit sagen, dass der Kinderwunsch dann auch seine Berechtigung hat.

Stiefkind-Syndrom statt Autismus?

Die Frau berichtet, dass alle drei Kinder aus heterologer Insemination entstanden ist, d.h. durch die Samenspende eines Dritten. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass diese Art der Erfüllung eines Kinderwunsches auch seelisch problematisch ist. Heutige Techniken versuchen bei Klinefelter-Männern, noch lebensfähige Spermien aus dem eigenen Hoden zu extrahieren, ggf. einzufrieren, um später eigene Kinder zu bekommen.

Ich glaube, es ist kein Geheimnis auf dieser Welt, dass Stiefväter seltener eine gute zwischenmenschliche Beziehung zu ihren Kindern aufbauen. Das kann also durchaus eine Rolle gespielt haben, dass sich der Vater hier nicht als Vater gefühlt hat, wenn zudem die durch einen Dritten gezeugten Kinder vom Charakter her anders sind als der leibliche Vater, oder sich auch die Kinder dem Vater gegenüber nicht so verhalten haben wie dem leiblichen Vater gegenüber, auch abhängig davon, wann sie über die Samenspende aufgeklärt wurden. Leider kenne ich keine Studie darüber, inwiefern sich in der Vaterrolle bei Inseminationsfamilien Identifikationsprobleme mit den eigenen Kindern ergeben, aber ich möchte nicht ausschließen, dass das hier eine Rolle gespielt hat.

Es muss hier also nicht Autismus vorgelegen haben, zumal das einzige geschilderte Symptom für Autismus im ganzen Text die Probleme beim Kontakte knüpfen sind. Alleine aus dem Umstand eines Rabenvaters auf das Asperger-Syndrom zu schließen, entbehrt jeder seriösen Grundlage.

Autismus bedeutet nicht Mangel an Empathie

Davon abgesehen weiß ich von Asperger-Vätern, dass sie sehr wohl Liebe für ihr Kind empfinden können, auch wenn sie es möglicherweise auf andere Art zeigen als neurotypische Väter. Sie ist nach außen möglicherweise nicht sofort sichtbar, aber sie ist da. Autisten haben generell Schwierigkeiten damit, Emotionen richtig auszudrücken, aber das heißt nicht, dass sie keine Emotionen haben! Keine Frau kann bei einem neurotypischen Vater ausschließen, dass sich dieser dem Kind gegenüber schlecht verhält! Autismus potenziert dieses Risiko nicht!

Ebenso wenig trifft es zu, dass für „viele“ Asperger-Autisten ein Angehöriger einfach weg ist. Ich bin selbst Asperger-Autist und leide sehr unter dem Tod nahestehender Menschen. Ich kann es vielleicht nicht direkt ausdrücken, wirke äußerlich gefasst oder gar teilnahmslos, aber das ist eben nur die Außensicht! Die Mehrheit der Autisten hat ein starkes Gefühlsleben, schottet sich aber entweder nach außen ab, oder zeigt es überdeutlich. Es ist aber nicht so, dass sie keine Trauer empfinden können! Davon abgesehen hat auch jeder neurotypische Mensch eine andere Art zu trauern. Manche verdrängen und wollen sofort wieder arbeiten, andere werden depressiv und abhängig von ihren Mitmenschen. Und andere verarbeiten den Tod durch Schreiben oder andere Aktivitäten. Nur, weil Trauer äußerlich nicht sichtbar ist, bedeutet das nicht, dass sie auch innerlich nicht vorhanden ist!

Ist der XXY-Autismus anders?

Schließlich kann man den durch extra X-Chromosome bedingten Autismus nicht zwangsläufig als identisch mit Autismus betrachten, dessen Ursache unbekannt ist (idiopathischer Autismus, siehe Beitrag davor), d.h., Autisten mit zusätzlichem X-Chromosom zeigen deutlich seltener starke autistische Symptome (seit der Kindheit) und werden eventuell daher auch seltener diagnostiziert. Das Risiko, dass es sich bei einem Klinefelter-Autisten (zweifache Diagnose derzeitig nur bei 10-30 % aller diagnostizierten Klinefelter) um verschlossenen Menschen handelt, der schwerwiegende Probleme hat, seine Gefühle der Umwelt mitzuteilen, ist also geringer – jedenfalls nach den bisher vorliegenden Studien, die Klinefelter mit diagnostiziertem Autismus auf den Schweregrad der Symptome untersucht haben (bisher nur bei Kindern und Jugendlichen untersucht worden).

Zusammenfassung:

Einerseits ist bis heute nicht zweifelsfrei bewiesen, dass die Testosterontherapie bei allen Betroffenen Depressionen lindert, die Muskelkraft stärkt und Diabetes verhindert, andererseits kann man im vorliegenden Fall aufgrund der empfundenen Kälte gegenüber der Kinder nicht zwangsläufig von einer Autismus-Diagnose ausgehen. Die Methode, mithilfe einer Samenspende den Kinderwunsch zu erfüllen, kann eine (frustrierende) Rolle gespielt haben. Weiters sind laut Text weder die Klinefelter- noch die Autismus-Diagnose bestätigt, und es werden auch keine signifikanten Symptome aufgezählt, die Autismus wahrscheinlich machen.

Deswegen möchte ich nach der Lektüre dieses Erfahrungsberichts dringend davon abraten, diesen als allgemein gültig für alle XXY-Männer [mit Kinderwunsch], geschweige denn als typisch für Asperger-Autisten zu betrachten.

PS: Ich spreche der Frau nicht ab, dass sie negative Erfahrungen gemacht hat, ebenso schließe ich hier keine Diagnose aus, aber ich möchte dazu appellieren, keine vorschnelle Schlüsse aus einem Einzelbericht zu ziehen, und einen Kinderwunsch mit einem Klinefelter-Mann kategorisch auszuschließen, egal ob er Autist ist oder nicht.

Tellerrand, Selbstkritik und Diversität des Spektrums

Je weiter ich im eigenen Erkenntnisprozess fortschreite, desto weniger kann ich die Beweggründe meiner Mitmenschen nachvollziehen. Das gleichförmige „mit dem Strom schwimmen“, nichts zu hinterfragen. „was gesagt wird, gehört gemacht“, selbst wenn es rational nicht begründbar ist.

Das stetige Hinterfragen ist ein kontinuierlicher Lernprozess über das ganze Leben hinweg. Für mich sind dabei zwei Aspekte ausschlaggebend:

  • Über den eigenen Tellerrand schauen
  • Selbstkritisch bleiben

Beide Eigenschaften fehlen vielen (herrschenden) Menschen leider. Kritisieren lässt sich niemand gerne, sich selbst kritisieren und Fehler eingestehen, fällt noch schwerer.

Aus der Sicht eines XXY bedeutet Selbstkritik für mich:

Ich bin kein Mediziner, kenne nur sehr oberflächlich die Vorgänge im Körper bei hormonellen Schwankungen, die Zusammenhänge mit der Psyche und dem Körper, und was durch die Geschlechtschromosomen verursacht wird und was nicht. Ich bin auch nicht in der Lage, professionelle Studien zu machen, die wissenschaftlichen Maßstäben gerecht werden. Was vielleicht ein genereller Vorteil ist, sowohl was Klinefelter, 47,XXY allgemein als auch Autismus betrifft: Ich bin mit keinem von allen aufgewachsen, konnte mich nie an bestimmten Denkmodellen orientieren, und gehe daher ziemlich frei von anderen Meinungen auf die Themen zu.

Ich weiß, dass man als Fachspezialist zum Tunnelblick neigt. Als autistischer XXY tendiert man dazu, alle XXY ins autistische Spektrum zu schubladisieren. Andere neigen dazu, nur von sich auszugehen. So behauptete mir gegenüber ein XXY: Nur weil er keine Probleme mit Hintergrundgeräuschen habe, könne XXY nichts mit Reizfilterschwäche zu tun haben. Nur, weil er noch nie etwas von dieser oder jener Studie gehört habe, hätte das alles nichts mit XXY zu tun. Allgemein wird so getan, als ob die gestiegene Häufigkeit für Depressionen ausschließlich auf die Kinderlosigkeit zurückzuführen sei, oder nur mit dem Testosteronmangel zusammenhängen könne.

In Autisten-Communities verhält es sich ganz ähnlich: Nur, weil jemand scheinbar gegenteilige Symptome zeige, könne er kein Autist sein. Sie machen die Diagnosekriterien daran fest, wie sie selbst diagnostiziert wurden und übersehen, dass Autismus (und XXY als mögliche Autismus-Ursache) ein großes Spektrum umfassen.

Selbstkritik bedeutet, zu hinterfragen, ob der eigene Standpunkt das Maß aller Dinge ist. Hat man bereits ausgelernt und weiß schon alles? Gerade im medizinischen Bereich gilt das NICHT. Seit Einführung der psychiatrischen Diagnosen haben sich die Kriterien und Beschreibungen stetig gewandelt. Es kann also gut sein und ist meist auch so, dass der Kenntnisstand vor 20 Jahren veraltet ist. Wenn man sich alleine betrachtet, wie viele tausende wissenschaftlichen Veröffentlichungen seitdem erschienen sind, erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass das damalige, sehr vereinfachende Bild von 47,XXY = Klinefelter-Syndrom = Testosteronmangel heute noch gültig ist.

Ebenso sind nicht alle XXY und Autisten weniger intelligent, unfähig zu kommunizieren oder Freundschaften zu schließen noch sind alle Rain Man und haben Inselbegabungen. Die weltweite Vernetzung und Erfahrungsaustausch bringt so viele neue Erkenntnisse in den vergangenen 20 Jahren, dass die wissenschaftliche Forschung nicht mehr hinterherkommt. Während die Forscher noch rätseln, ob und warum Männer so viel häufiger als Frauen zu Autismus neigen, sehen autistische Forscherinnen und Autorinnen konkrete Unterschiede in den autistischen Symptomen zwischen Männern und Frauen, ebenso wie Frauen mit ADS leichter übersehen werden, weil es weniger auffällt bzw. weniger störend auf das Umfeld wirkt.

Über den Tellerrand schauen bedeutet für mich, damals getroffene Aussagen nicht als für die Ewigkeit festzementiert zu interpretieren. Und eine Aussage ist nicht automatisch richtig, nur weil ein Experte sie getroffen hat. Auch Experten müssen selbstverständlich begründen, wie sie dazu kommen. Moment, aber machen sie das auch? Nur, wenn man sie dazu auffordert. Der durchschnittliche Patient wird selten anzweifeln, warum eine Aussage zustandekommt. Er glaubt es einfach, weil er oder sie der Experte ist. Fachärzte werden also relativ selten vom Patienten mit Fragen gelöchert, wie Aussagen oder Behandlungsansätze zustandekommen (heutzutage recherchieren Patienten selbst nach, wobei sich allerdings auch gefährliches Halbwissen ansammeln kann), zumal dazu oft auch die Zeit fehlt. Es ist nahezu unmöglich, sich mit einem Facharzt mal ausführlich über „seine Störung“ zu unterhalten, außer man ist mit einem befreundet.

Tellerränder zu überblicken bedeutet auch, einen Blick von außen zu haben. Ich bin weder ein klassischer Autist noch ein klassischer XXY. Ich gehöre zu den 25 %, die keine Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben (eher das Gegenteil), dafür habe ich weder ausgeprägte repetitive Verhaltensmuster noch besonders licht- oder berührungsempfindlich. Die fehlende absolute Identifikation führt dazu, dass ich mir eher vorstellen kann, dass die Grenzen nicht scharf gesetzt sind, sondern fließende Übergänge existieren. Und dass auch Menschen am Rande des Spektrums durchaus ähnliche Probleme haben. Ob jemand zappelt oder nicht, muss erst mal nichts mit der Kommunikationsfähigkeit oder Reizfilterschwäche zu tun haben.

Die Mischung aus Selbstkritik (ich bin nicht perfekt, ich weiß nicht alles) und über den Tellerrand schauen (es gibt Dinge, die ich vorher nicht kannte, die ich mir zwar nicht vorstellen kann, aber existieren können) resultiert letzendlich in der Akzeptanz der Vielfalt. Weg von Schwarzweiß, hin zum Spektrum des Möglichen.

Über den Tellerrand schauen bei Klinefelter bedeutet für mich:

Es gibt die Männer, die Familien gründen wollen und depressiv werden, wenn sie zeugungsunfähig sind.

Genauso gibt es Individuen, die sich als weiblich identifizieren und statt Testosteron eine Östrogentherapie bevorzugen.

Über den Tellerrand schauen bei Autismus bedeutet für mich:

Es gibt mehr weibliche Autisten als angenommen wird, weil bei manchen (nicht allen) ihr Verhalten anders aussieht als bei männlichen Autisten. Ebenso gibt es männliche Autisten, die überempathisch und hochsensibel sind. Meine These ist, dass typische Klinefelter-Autisten eher die weibliche Autismus-Ausprägung zeigen, bedingt durch niedrigen Testosteronspiegel und das zusätzliche X-Chromosom. Manche Studien deuten in diese Richtung, etwa dass Klinefelter seltener mit stereotypem Verhalten und Interessen einhergeht, was auch bei weiblichen Autisten häufiger der Fall ist. Ebenso erhält die XXY-Mehrheit eher eine ADS als eine ADHS-Diagnose – eine weitere Parallele zu Frauen, die eher ADS als ADHS diagnostiziert werden.

Abseits vom Zusammenhang Klinefelter – Autismus sehe ich eine Diagnose nicht an den Leidensdruck geknüpft. Da XXY eine Ursache von Autismus ist, behält der Betroffene sein zweites X-Chromosom selbst dann, wenn kein Leidensdruck (mehr) gegeben ist. Ebenso wenig verändern sich die Gene der idiopathischen Autisten (also derer, mit unbekannter genetischer Ursache), wenn sie gelernt haben, sich anzupassen, und nicht durchwegs zu leiden.

Tony Attwood’s Positivdiagnose von Autismus soll hier als Beispiel dafür genannt werden, sich selbst nicht ausschließlich als behindert oder psychiatrisch gestört zu betrachten. Schwächen erkennen, Stärken fördern. Autismus ist weder nur durch das Umfeld eine Behinderung noch hat das Umfeld hier gar keinen Einfluss. Tellerrand heißt, sein Vorstellungsvermögen zu erweitern, mehr Möglichkeiten zuzulassen.

Das bedeutet gerade im deutschsprachigen Raum: Autismus ist bis jetzt unterteilt in frühkindlich, Asperger und hochfunktional. Alles, was nicht da reinpasst, ist atypisch. In Nordamerika nennt man es nur noch Spektrum, und in der Forschung wird diese Einteilung zunehmend obsolet. Die bisherigen Unterteilungen basierten ausschließlich auf dem beobachtbaren Verhalten, während durch die Fortschritte in der Genetik jetzt spezifische Gentypen als Ursachen erkannt werden.

Verhalten ist subjektiv bewertet, während Gentests nicht lügen (und bevor die Diskussion beginnt: Die hohen Abtreibungsraten bei XXY und AutismSpeaks-Bestrebungen, weniger Autisten auf die Welt zu setzen, sind eine andere Baustelle). Eine dritte Möglichkeit sind Gehirnscans, aber wenn man da die letzten Studien zusammenfasst, sind die Gehirne der Autisten so verschieden, dass es kaum charakteristische Kennzeichen gibt bzw. so verdeckt sind, dass man sie noch nicht gefunden hat.

Ich bin natürlich aus Eigeninteresse eher zur Gentyp-Betrachtung geneigt, weil ich Klinefelter/XXY nicht mehr unabhängig von Autismus betrachten kann. De fakto sind die meisten aufgelisteten Symptome für Klinefelter auch Autismus-Symptome. Und umgekehrt beobachtet man auch bei Autisten gehäufter hormonelle Schwankungen, etwa Frauen mit erhöhten Testosteronwerten oder allgemein häufiger Transgender-Identitäten.

Schlussfolgerung:

Ich bin offen gegenüber neuen Theorien, gehe dennoch sehr kritisch mit den Datengrundlagen um, (insbesondere Anzahl der Teilnehmer einer Studie und Aussagekräftigkeit der Auswahl bzw. Kontrollgruppe). scheue nicht davor zurück, aufgrund der vorhandenen Datenlage eigene Theorien aufzustellen (bottom-up-approach), und mir mehr zwischen Himmel und Erde vorzustellen, was mir bis dahin bekannte Denkmodelle vorgegeben haben. Ich bin trotz Pharmalobby und Paranoia durchaus interessiert, was in den USA dazu geforscht wird, und schaue auch gerne in andere Länder. Diese Offenheit ist für mich essentiell, sonst könnte ich nicht dazu schreiben. Auch wenn es subjektiv vorbelastet ist, berücksichtige ich Erfahrungsberichte, besonders wenn sie in großer Zahl vorliegen. Und ich lese mich selbst dazu ein, schreibe Forscher und Ärzte an und gebe nicht auf, wenn keine oder eine negative Antwort kommt. Letzendlich macht es mich auch toleranter. Vor meinen intensiven Recherchen hatte ich das Autismus-Klischée im Kopf, das ADHS-Klischée, kannte weder Intersexuelle noch Transgender. Der Horizont hat sich massiv erweitert, das macht doch einiges entspannter, was die eigene Identität betrifft.

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über 47,XXY und Klinefelter-Syndrom (2015)

Vor kurzem ist ein neuer wissenschaftlicher Artikel aus Dänemark erschienen, und zwar von Skakkebaek et al. (2015). Er trägt den Titel

Neuropsychology and socioeconomic aspects of Klinefelter syndrome: new developments

Die Absicht der Autoren war, vom Hörensagen und kleinen Studien wegzugehen und stattdessen die neuesten Artikel mit groß angelegten Studien zusammenzufassen. Daher gibt es kaum Erwähnungen von Genderidentität, Reizfilterschwäche und anderen Themen, zu denen es bisher kaum Studien gibt. Die Autoren sind Teil einer großen Klinik mit mehr als 300 Betroffenen und haben im Laufe der vergangenen Jahre beträchtliches klinisches Wissen angesammelt. Entsprechend konnten sie große klinische Studien mit Klinefelter-Betroffenen durchführen.

Zusammenfassung

Blau markiert eigene Anmerkungen

Verbaler Ausdruck, Verhalten und psychische Begleitdiagnosen

Die Mehrheit der XXY-Menschen hat Defizite bei den verbalen Fähigkeiten, entsprechend sind die IQ-Werte auch leicht unterdurchschnittlich. Am häufigsten sind eine verzögerte Sprachentwicklung im Kindesalter, generelle Lernbehinderungen beim Lesen und Buchstabieren, flüssigem Sprechen, bei Satzbau, Wortfindung, Verständnis und Entschlüsselung mündlicher Informationen sowie eine verzögerte Verarbeitung des Gesagten. Ebenso sind die Exekutivfunktionen betroffen (Aufmerksamkeit, Pläne machen, Anpassungsfähigkeit der Impulskontrolle (response inhibition flexibility).

Im Gegensatz dazu gibt es keine Beeinträchtigung im räumlichen und visuellen Sehen sowie des Leistungs-IQ (performance IQ). Studien des amerikanischen Kinderpsychiaters Jay Giedd zeigen sogar, dass das visuelle und räumliche Denken der XXY eine Stärke ist. Viele XXY haben außerdem ein gutes Bildergedächtnis.

XXY-Menschen weisen ein charakteristisches Persönlichkeitsprofil auf, das aus höherer emotionaler Instabilität (Neurotizismus) und geringerer Extrovertiertheit, Offenheit gegenüber Erfahrungen und Pflichtbewusstsein besteht. Einzelbeobachtungen von XXY-Menschen bestätigen das – Ängstlichkeit, erhöhe emotionale Erregbarkeit, emotionale Schwierigkeiten, Schüchternheit, ruhiges, passives, verschlossenes Verhalten und Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen treten gehäuft auf.

Bei XXY werden generell gehäuft Depressionen diagnostiziert ( 70 % bei XXY vs. 35 % bei der Normalbevölkerung), Autismus (11-27 % vs. 2-3 % bei Buben und Männern) sowie ADHS (63 % vs. 5 %), ebenso Angsterkrankungen und Schizophrenie. XXY leiden häufiger unter psychischem Stress und höherer emotionaler Instabilität, was zu Depressionen und Angsterkrankungen beiträgt.

Unterschiede in den Gehirnregionen

  • Das Gesamtgehirnvolumen sowie die der grauen und weißen Materie sind deutlich kleiner.
  • Ebenfalls kleiner sind die des Schläfenlappens, Hippocampus und der Amygdala.
  • Außer einer Studie zeigen alle keine Korrelation zwischen Gehirnvolumen und kognitiver Leistung. Bedeutender scheinen daher kleinräumigere Gehirnunterschiede.
  • XXY-Menschen zeigen eine verringerte Aktivität in den Gehirnregionen, die mit der Verarbeitung von Gesichtsausdruck (untere Schläfenregionen) und des limbischen Systems (Amygdala, Insula) zusammenhängen.

Inwiefern die Herkunft des X-Chromosoms von Mutter oder Vater, die Inaktivierung des zweiten X-Chromosoms und die CAG-Repeat-Länge des Androgen-Rezeptors eine Rolle spielen, ist noch ungeklärt.

Bildung, Lebensstandard, Sterblichkeit und Kriminalität

Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass Verhaltensauffälligkeiten, Lernbehinderungen, niedrige Bildungsabschlüsse und Kriminalität vorhanden sind. Ebenso führen viele aber auch ein normales Leben und der Einfluss der Klinefelter-Syndroms verringert sich mit fortschreitendem Alter. Das soziale Umfeld und frühzeitiges Eingreifen sind sehr wichtig. In Ländern und Regionen mit wenig erfahrenen Spezialisten ist der therapeutische Nutzen möglicherweise weniger zufriedenstellend, und im zunehmenden Alter können sich depressive Verstimmungen und Ängste eher verschlimmern.

XXY-Menschen sind deutlich seltener in einer Beziehung, gehen später in eine solche und werden seltener und später Vater. Immerhin 25 % der in Dänemark registrierten XXY-Männer sind Vater geworden, vermutlich großteils aufgrund von Spendersamen.

Niedrige Bildungsabschlüsse führen zu geringerem Einkommen während der gesamten Lebenszeit, viele scheiden vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus (43,5 versus 60,3 Jahre). Die Sterblichkeit ist fast doppelt so hoch, wenngleich teilweise durch Zusammenleben mit dem Partner und Bildungsabschluss beeinflusst (ohne diese weniger auffällig). Die Kriminalität war generell unauffälliger, wenn man den sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund berücksichtigt hat.

Nur 25 % der XXY werden diagnostiziert, die Mehrheit erst im Erwachsenenalter.

Daraus resultieren zahlreiche Probleme:

1. Alle derzeitigen XXY-Studien unterliegen möglicherweise einem Selektionsdruck und das derzeitige Wissen umfasst nicht die nichtdiagnostizierten Fälle.

2. 90 % der XXY bleiben bis zum 15. Lebensalter unentdeckt; damit wird ein wichtiges Fenster verpasst, wo man Symptome korrigieren oder abschwächen kann.

3. Das derzeitige Diagnoseverfahren sollte geändert werden, und ein neues eingeführt werden, z.B. XXY durch den Guthrie-Test bei Neugeborenen zu diagnostizieren.

Eine frühzeitige Diagnose kann dazu beitragen, die kognitiven Funktionen, Lernen, verbale Fähigkeiten und Verhalten zu verbessern, vorausgesetzt, die frühzeitige Testosteronergänzungstherapie ist effizient und neuropsychologische Intervention vor der Pubertät effektiv.

Ebenso kann die körperliche Gesundheit verbessert werden, da eine erhöhte Gefahr für Typ-2-Diabetes, metabolisches Syndrom und Osteoporose bestehen.

Schlussfolgerung:

Der neurokognitive Phänotyp des Klinefelter-Syndroms ist klar abnormal und die Notwendigkeit psychologischer und kognitiver Behandlung ist in vielen Fällen offensichtlich. Abnormal mag aus klinischer Sicht richtig sein, aus Sicht eines XXY würde ich trotz aller Probleme VERSCHIEDEN sagen.

***

Weitere (eigene) Anmerkungen:

1. In der Genetik und Verhaltenswissenschaft konzentriert man sich normalerweise auf Defizitdenken bei genetischen Anomalien, dennoch wäre es für uns Betroffene hilfreich, wenn man auch Stärken und positive Eigenschaften hervorheben würde.

2. Die große Mehrheit dieser Studien verwendet den Begriff „Männer oder Buben mit Klinefelter-Syndrom“, womit stets eine Minderheit an XXY-Menschen vernachlässigt wird, die sich nicht als Männer identifiziert. Entweder weil sie intersexuell geboren wurden, oder als Transgender, die als Heranwachsender oder Erwachsener später als Frau durchgehen wollen. Andere identifizieren sich zwar als Mann, aber lehnen die Maskulinisierung durch die Testosterontherapie dennoch ab. Ein paar XXY haben außerdem das Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (CAIS) und Testosterontherapie ist für sie keine geeignete Therapie. In der XXY-Community wird heftig darüber gestritten, ob ein frühzeitiges Eingreifen durch Testosterontherapie für alle XXY-Kinder einen Nutzen darstellt, da Transgender oder Personen, die nicht maskulinisiert werden wollen, mitunter nicht dafür geeignet sind oder stattdessen sogar eine Östrogentherapie benötigen. In diesen Fällen scheint der Begriff Klinefelter-Syndrom (der sich auf Hypogonadismus = Testosterondefizit bezieht) nicht angemessen.

Auf meine Nachfrage haben die Autoren geantwortet, dass sie bisher ein paar XXY-Menschen trafen, die schwul sind und sehr wenige als intersex und transgender identifizieren. Dennoch zeigt ihre Forschung keine Hinweise darauf, dass dies häufiger bei XXY als unter Männern allgemein vorkommt. In ihrer Klinik betreuen sie auch Transgender und CAIS-Menschen und sind daher im Umgang mit dieser Patientengruppe vertraut.

Sie raten zur Testosteronergänzung nicht als Allheilmittel, sondern zu einer maßgeschneiderten Therapie für den Einzelnen. Manche erhalten Spritzen, andere Gelanwendung auf die Haut. Sie raten außerdem jedem dazu, beide Formen zu benutzen, um zu entscheiden, was das beste für den einzelnen Patienten ist.

3. Die Reizfilterschwäche wird bisher nur stiefmütterlich in der Forschung behandelt. Es gibt darüber bisher nur eine Studie, die bestätigt, dass Reizfilterschwäche bei XXY gehäuft auftritt.

Van Rijn et al, Psychophysiological Markers of Vulnerability to Psychopathology in Men with an Extra X Chromosome (XXY), PLoS ONE, 6(5): 2011

Bei AXYS gibt es dazu einen Handout über sensory processing disorder sowie zahlreiche Berichte über motorische Schwierigkeiten, die ebenfalls bekräftigen, dass die Reizverarbeitung bei XXY anders funktioniert. Umfragen in der XXY-Community zeigen außerdem, dass sich die Reizsensitivität nicht nur auf Geräusche beschränkt, sondern alle Sinne umfasst, ebenso Sehen (Bewegungen), Geruch/Geschmack und Berührungen. Viele XXY sind außerdem emotional sehr sensibel bis hochsensibel („6. Sinn“).

Verbale Defizite, Sensibilität und Motorik („Sensomotorik“) zählen zu den wichtigsten Merkmale des autistischen Spektrums. Mitunter handelt es sich bei XXY um einen möglichen spezifischen Subtyp der breiten „Autismus-Landschaft“, der eher dem weiblichen Autismus ähnelt:

Furthermore, when analyzing results of the SRS, girls were found to have more difficulty with comprehending social cues, such as understanding the tones or facial expressions of others, understanding jokes or idioms and how to engage in a two-way conversation. Boys were found to have deficits in those domains as well as in the realm of repetitive and self-stimulatory behaviors, such as hand flapping, body rocking or scripted talk. (Quelle)

Brain, behavior and life of XXY people: a new study (2015)

The entire title of the paper is „Neuropsychology and socioeconomic aspects of Klinefelter syndrome: new developments“ by Skakkebaek et al. (2015)

I will summarize the most important findings of the paper and will add some points I missed to be discussed.

Behavior, psychiatric conditions and brain differences:

Verbal abilities are most severely affected, IQ scores are slightly lower than average.

The majority suffers from …

  • delayed early language development
  • general learning disabilities in reading and spelling
  • impairments with production of syntax, phonemic processing, word retrieval, comprehension, encoding verbal information and decreased processing speed, verbal fluency
  • executive dysfunctions related to attention, response inhibition flexibility and planning

In contrast, visiospatial function and performance IQ seem to be unaffected. (1)

There is a charateristic personality profile of XXY people, displaying a higher level of neuroticism (emotional instability) and lower levels of extraversion, openness to experience and conscientiousness.

These data are confirmed by anecdotal descriptions revealing

  • anxiety
  • increased emotional arousal
  • serious emotional difficulties
  • being unassertive
  • quiet
  • passive with withdrawn behaviour
  • having difficulties in approaching new events

Psychiatric conditions associated with XXY

  • Depression (35 % in general population, 70 % in XXY)
  • Anxiety
  • Schizophrenia
  • Autism (prevalence of 1 % in the general population, 11-27 % in XXY)
  • Attention-deficit/hyperactivity syndrome (5 % in general, 63 % in XXY)

XXY is often associated with increased level of psychological distress. Higher levels of emotional instability contribute to increased risk of depression and anxiety.

Brain differences

  • Global brain volume, total brain volume, total gray and white matter volumes were found to be significantly smaller in XXY.
  • Volumes of temporal lobe, hippocampus and amygdala were also smaller.
  • All studies except one didn’t find any correlation between cognitive performance scores and brain volumes.

It is assumed that microchanges of brain structures are more important.

Van Rijn examined the brain activity during social judgements of faces and found that XXY people had decreased activity in brain regions related to face processing (inferior temporal regions) and to the limbic system (amygdala, insula). Two other studies found that decreased language activation and/or decreased language lateralization in the posterior temporal language regions were present.

There is still uncertainty about the exact mechanisms of parental origin of the extra X chromsoome, X-chromosome inactivation and androgen recepter CAG repeat length.

Education, living, mortality and criminality

Several studies suggest that behavioral problems, learning disorders, poor educational outcome and criminal conduct could be seen.

It is also emphasized that many led normal lives and the impact of syndromal effects subsided with advancing age. (2)

XXY men  …

  • have significantly fewer partnerships
  • enter later into such partnerships
  • achieve fewer fatherhoods and for those who had luck they occur later

However, at least 25 % of all Danish Klinefelter Syndrome were registered as fathers, probably mostly due to donor semen donation.

Data also show that …

  • educational level is low leading to a lower income throughout their lifetime and that many retire early (43,5 vs. 60,3 years)
  • mortality is almost doubled, partly influenced by cohabitation and educational status (without them, less prominent)
  • criminality is enhanced for sexual abuse, arson, burglary and ‚other offenses‘ but decreased for traffic crimes (3)

If the social and economic background is taken into account, the risk is generally reduced.

XXY are relatively seldom diagnosed…. There are long delays and frequent-false negatives. Only about 25 % are diagnosed, and the majority has to wait until adulthood.

Several problems follow:

1. all current XXY studies may have selection bias and the present knowledge may not cover the undiagnosed cases.

2. 90 % of XXY remain undiagnosed until after 15 years of age, missing an important window of opportunity for correcting or alleviating the symptoms

3. we should change our current diagnostic strategy and introduce a new one, diagnosing XXY on blood from neonatal heel prick test (Guthrie test).

Early diagnosis would improve

  • cognitive functions, learning, verbal abilities and behavior, if it turns out that early testosterone supplementation is efficient, and that neuropsychological intervention before puberty is effective.(4)
  • the unhealthy body composition, with increased risk of type 2 diabetes and metabolic syndrome seen in adulthood, as well as bone structure.

Future:

Studies are currently missing focusing on proper treatment or intervention to better the phenotype.

neurocognitive deficits, linked to dyslexia and other learning-related problems, may well lead to poor socioal and economic outcome.

A holistic approach is needed.

Conclusion:

The neurocognitive phenotype of Klinefelter syndrome is clearly abnormal (5) and the need for psychological and cognitive treatment in many cases is evident.

*

Remarks on statements:

(1) „visiospatial function“ seems to be unaffected.  Studies by Jay Giedd show that visual and spatial thinking of XXY people are actually a strength of their thinking architecture. So, visiospatial function isn’t only normal but better pronounced. A lot of XXY people have a good visual memory.

(2) The social environment and intervention is very important. In countries and regions with poor density of experienced specialists, therapeutic outcome will be probably less satisfying, and increasing age could strengthen depressive mood and anxiety.

(3) The enhanced risk to commit crimes of sexual abuse [and arson] could probably be related to inappropriate testosterone supplement therapy. Overdosing testosterone might enhance emotional instability and overemphasize masculine behavior of males. It would be interesting to know whether the participants were already taking testosterone supplements and whether on a daily basis (self-medication) or in larger intervals (injections).

(4) It is important to emphasize that testosterone supplement is neither a one-cure-for-everything therapy nor necessarily suited for all children and adolescents. See additional remarks.

(5) The neurocognitive phenotype of Klinefelter syndrome is clearly DIFFERENT.

Additional remarks:

1. Though I know that science in genetics and behavior usually concentrates on deficit thinking in genetic anomalies, it would be helpful for us affected persons to highlight strengths and positive outcome. Anecdotal descriptions reveal enhanced sense of creativity, sensitivity, social justice, honesty, enhanced detail perception, good visual memory/long-term memory, good with animals.

2. In the vast majority of these studies and papers, the term „men or boys with Klinefelter syndrome“ is used, neglecting a minority of XXY people who do not identify as men, for different reasons… Either there are born intersex, or born as transgender preferring to transition into female later as a teenager or adult. Some identify as male but don’t feel well with masculinization through testosterone supplement therapy, either. A few XXY are also reported to have androgen insensitivity syndrome and testosterone therapy will probably not work for them.

One of the most difficult and heavily discussed topics in the XXY community is whether early intervention with testosterone therapy is a benefit for all XXY children, as transgender or persons who don’t want to be masculinized may not be suited to receive additional testosterone or even require estrogen therapy instead.  In these cases, the term Klinefelter’s syndrome referring to hypogonadism (testosterone deficit) doesn not seem to be appropriate.

I hope we – as XXY community and individuals – are able to convince the scientific community to put more focus on gender identity in XXY before recommending one-size-fit-all-cures for young XXY.

3. I missed some lines about sensory processing disorder. There is only one study about that:

Van Rijn et al, Psychophysiological Markers of Vulnerability to Psychopathology in Men with an Extra X Chromosome (XXY), PLoS ONE, 6(5): 2011

confirming sensory gating disorder in XXY (in other words, XXY often have difficulties to filter out background noise/distraction)

The existence of a handout about sensory processing disorder on AXYS as well as several reports about motoric difficulties suggest that sensory processing and integration disorder is likely to be common in XXY.

Anecdotal evidence is furthermore given about enhanced sensitivity to sensory stimuli like noise, light, motions, smell/taste and touch suggesting a crucial commonality with autism spectrum conditions. One should probably think of XXY as possible specific subtype of the large autism landscape.

Testosterontherapie und dennoch fruchtbar bleiben?

Aromatase-Inhibitoren werden in XXY-Zentren als Alternative bzw. Ergänzung zur Testosterontherapie verwendet, um einen Kinderwunsch aufrechtzuerhalten. Die Hypothese dabei ist:

  • Die Spermienproduktion ist auf das Verlangen nach Testosteronproduktion durch die Hoden angewiesen.
  • Das Verlangen stammt von dem bekannten Feedbackloop, der mit den Gonadotropinen LH und FSH verbunden ist.
  • Von außen zugeführtes Testosteron kann das Verlangen des Körpers zufriedenstellen.
  • Einmal zufriedengestellt stoppt der Körper die Testosteronproduktion durch die Hoden und damit auch die Spermienproduktion.
  • Daher ist die Zufuhr von Testosteron von außen nicht geeignet, um die Fruchtbarkeit zu bewahren. Die Technik der TESE (Spermienextraktion aus dem Hoden) schlägt dann wahrscheinlich fehl, weil keine lebensfähigen Spermien mehr gefunden werden.

Verringerte Mengen an Testosteronzufuhr können die Fruchtbarkeit bewahren, weil das Bedürfnis des Körpers nicht zufriedengestellt wird. Zusätzliche oder alternative Aromatase-Inhibitoren können den Körper dazu bringen, die Umwandlung von Testosteron in Östradiol zu verändern. Damit kann die therapeutische Dosis weiter verringert werden und dennoch die gewünschten positiven Auswirkungen der Hormontherapie vollbringen. Aromatase-Inhibitoren werden nur vorübergehend verwendet, bis die Vorgänge zur Unterstützung der Fruchtbarkeit abgeschlossen sind. Danach würde der Patient zur konventionellen Testosterontherapie übergehen.

Das Medikament wird „off-label“ geführt und hat sich als sicher und effektiv herausgestellt (wie von Dr. Paduch und Dr. Schlegel in der Praxis eingesetzt), dennoch ist es umstritten.

„Off-label“-Gebrauch vieler pharmazeutischer Produkte ist nicht ungewöhnlich und normalerweise ethisch vertretbar. Off-label bedeutet generell, dass das Pharmaunternehmen das Medikament nicht für den Off-Label-Zweck zertifiziert hat, da diese Zertifikationen oft viel zu teuer sind und bei geringem Kundenkreis eine solche Investition nicht gerechtfertigt ist.

Bei Aromatase-Inhibitoren handelt es sich nicht um ein waghalsiges Experiment, sondern es ist an der Cornell University gut erforscht worden. In den USA ist die „Unterstützte Fruchtbarkeit“ extrem teuer für XXY-Männer. Für den ersten Versuch nannten Dr. Schlegel und Dr. Paduch Kosten zwischen 40 000 und 6000 Dollar, die nicht von der Versicherung übernommen werden, weshalb diese Behandlung für die meisten XXY-Männer und deren Familien nicht erschwinglich ist.

Bisher existieren noch keine kontrollierten Studien über die Wirksamkeit, auch wenn moderate Erfolge verzeichnet wurden. Allerdings liegt das zum Teil auch an der sehr geringen Teilnehmerzahl aufgrund der horrenden Kosten.

Quelle: James Moore, AXYS – Association for X and Y chromosome Syndroms; weiterführende Informationen auf  http://www.genetic.org/