Zweites Kapitel „Gehirnforschung“ (Temple Grandin)

Im zweiten Kapitel widmet sich Grandin den neuen technischen Errungenschaften der Gehirnforschung, von denen sie selbst viel profitiert hat, kommen dadurch die spannenden Scans ihres Gehirns zustande, dessen visueller Bereich 400 % größer ist als der von Kontrollpersonen.

Es gibt zwei Arten von bildgebenden Scanverfahren (MRI, Magnet Resonanz Imaging):

  • Das strukturelle MRI zeigt den anatomischen Aufbau innerhalb des Gehirns.
  • Das funktionale MRI zeigt dessen Funktionsweise als Reaktion auf sensorische Reize, oder wenn eine Person eine Aufgabe ausführt.

Dabei wird der Blutstrom im Gehirn nachverfolgt, der die Nervenaktivität misst. Mehr Aktivität benötigt mehr Blut.

Problem: MRIs können nicht zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden.

Kurz wird auch angerissen, welcher Teil des Gehirns für die Exekutivfunktionen zuständig ist: der prefrontal cortex, der sich vor dem Frontallappen (frontal lobes) befindet und Teil des cerebral cortex ist. Dieser ist in vier Bereiche mit folgenden Zuständigkeiten unterteilt:

  • frontal cortex: Begründung, Ziele, Emotionen und Urteil
  • parietal cortex: sensorische Information und Zahlenverarbeitung
  • occipital cortex: Verarbeitung visueller Informationen
  • temporal cortex: akustischer Teil – Verfolgung von Zeit, Rhythmus und Sprache

Ein kleineres Cerebellum verursacht Defizite in der motorischen Koordination.

Temple Grandins Angststörung ist durch eine deutlich vergrößerte Amygdala verursacht, die ihr etwa den Schlaf raubt, wenn sie menschliche Stimmen hört, etwa wenn sich Studenten auf dem Parkplatz unter ihrem Schlafzimmerfenster unterhalten. Allerdings weist nicht jeder Autist eine vergrößerte Amygdala auf.

Weitere Einschränkungen der Deutung der MRI:

Die Normalität im autistischen Gehirn ist die Regel, nicht die Ausnahme (95%), anatomisch sind autistische Gehirne normal.

Das neurotypische Gehirn zeigt etwa erhöhte Aktivität des right temporoparietal junction (RTJ) bei direktem Blickkontakt, während das autistische Gehirn erhöhte Aktivität des RTJ zeigen, wenn Blickkontakt vermieden wird, oder anders ausgedrückt: Nichtautisten fühlen sich wohl, wenn Blickkontakt hergestellt wird, während Autisten sich wohlfühlen, wenn Blickkontakt vermieden wird.

Gleiches Verhalten kann auf unterschiedliche Gehirnstrukturen zurückgehen [vgl. hierzu die Studie über „Theory of Mind“-Defizite von XXY und Autisten, die gleiches (autistisches) Verhalten zeigen, aber demzufolge auf unterschiedliche Prozesse im Gehirn zurückzuführen sein könnten].

Eine vergrößerte Amygdala bedeutet nicht zwangsläufig Autismus.

Frühzeitiges Eingreifen bei autistischen Kindern ist deswegen von Bedeutung, weil das Gehirn im frühkindlichen Alter noch hochempfänglich für eine Neuverkabelung ist.

Grandin hilft das Wissen um ihre strukturellen Veränderungen des Gehirns, dass sie weiß, woher Ängste kommen. Das zaubert Ängste zwar nicht weg, aber zu wissen, wo sie herkommen, nimmt das Unbehagen.

Ein allgemeiner Satz über Wissenschaft:

  1. Informationen sammeln (z.B. Gehirnscans)
  2. eine Hypothese aufstellen
  3. eine Vorhersage machen, die man verifizieren kann

Kleinkinder zeigen im Alter von 0 bis 1 verbales und motorisches Brabbeln:

  • verbal: Geräusche machen, um zu hören, wie sie klingen (bezieht sich auf Hören, Sprechen)
  • motorisch: Handbewegungen, um diese zu sehen

Im Alter von 1 bis 2 sagen Kleinkinder einzelne Wörter, ab jetzt entstehen Verbindungen zwischen verbalen und motorischem Brabbeln. Bei autistischen Kindern fehlt diese Verbindung, sie kompensieren sie, indem andere Gehirnareale mehr Nervenfasern ausbilden, in Grandins Fall der visuelle Bereich („thinking in pictures“).

In so einem Fall kann die Brabbelphase normal ablaufen, aber die Sprachentwicklung verzögert sich in weiterer Folge. Bisher handelt es sich aber noch um eine Hypothese des US-Psychologen Walter Schneider, der mit HDFT arbeitet (High Definition Fiber Tracking).

Wissenschaft schreitet oft voran, wenn neue Technologien erfunden werden. Grandin vergleicht den Fortschritt in der Gehirnforschung mit dem des Teleskops unter Galileo, man könnte es „Mindoscop“ nennen.

fMRI hat die entscheidende Einschränkung, dass sie nicht die vollständige Bandbreite von Aktivitäten erfassen kann, man muss für längere Zeit still liegen bzw. den Kopf stillhalten.

Lange Zeit hat man vermutet, dass Kurzstreckenverbindungen im Gehirn mit dem Alter schwächer werden und sich Langstreckenverbindungen verstärken. Die Ergebnisse verschwanden, als Bewegung berücksichtigt wurde. 5 Jahre bahnbrechende Erkenntnisse waren bloß ein Artefakt. Speziell Autisten und ADHSler haben die größte Schwierigkeit, stillzuhalten, insofern ist das mit den Testpersonen eines fMRI fragwürdig, welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen kann.

fMRI hat von der Auflösung weiterhin nur die Möglichkeit, großräumige Aktivität sichtbar zu machen. Für kleinräumigere Aktivitäten ist die Wissenschaft noch nicht ausgereift genug, und könnte es niemals sein.

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