In ihrem Buch The Autistic Brain hat Temple Grandin die unterschiedlichen Denkweisen – in Bildern, Strukturen und Worten – ausführlich beschrieben, aber wahrscheinlich kann sich nicht jeder vorstellen, wo genau darin die Unterschiede liegen, und woher man selbst weiß, welcher Typ Denker man ist.
Ich habe insgesamt elf Jahre lang Gitarrenunterricht gehabt, tat mir aber schwer damit, Noten zu lesen und am Notenblatt zu beschriften. Am eindrücklichsten wurde das in einer Musikstunde. Jeder musste an der Tafel Tonika, Subtonika, Oktave bestimmen und die Noten beschriften. Ich hatte von den Musikern die schlechteste Trefferquote, während die Pianisten am besten abschnitten. Die meisten Klassenkameraden wunderten sich, ebenso die Musiklehrerin. Ich spiele doch Gitarre, warum kann ich keine Noten lesen?
Word-Fact-Thinker könnten das, aber ich dachte nicht in Worten oder Noten, sondern in Bildern und Strukturen. Wenn ich ein Notenbild auf dem Blatt vor mir hatte, sah ich wie ich es am Gitarrenbrett greifen musste. Ich konnte also das Notenmuster auf dem Papier aufs Griffbrett projizieren. Welchen Namen die Noten hatten, und welche Abstände dazwischenlagen, war für mich irrelevant, das interessierte [leider] nur die Schule und ich bekam entsprechend eine miserable Note.
Im Kunstunterricht malten wir mit Kohle auf Papier. Dann sollten wir das Blatt umdrehen und auf der Rückseite weitermalen, aber so, dass es passte. Dazu hätte ich das Blatt lediglich drehen müssen. Ich erinnere mich, wie ich vor dem Kunstlehrer stand und fragte, wie ich das Blatt drehen müsse, damit ich weitermalen kann. Er schaute mich ungläubig an, sagte „Das gibts doch nicht. Sowas ist mir noch nicht untergekommen“ und drehte das Blatt lediglich herum.
Grandin beschrieb dieses Phänomen damit, dass ein Bilderdenker sich um das Objekt herum bewege, während der Struktur- bzw. Musterdenke das Objekt im Raum manipuliere. Als ein reiner Strukturdenker hätte ich das Blatt im Kopf gedreht und mir so vorgestellt, wie ich vorgehen muss. Als Bilderdenker konnte ich das nicht und so fehlte die Vorstellungskraft für die richtige Ausrichtung des Objekts. Ebenso geht es mir häufig beim Schlüssel herumdrehen, beim Öffnen einer Tür, beim Aufbau eines Regals bzw. generell bei handwerklichen und mechanischen Arbeiten. Ich könnte mir das entsprechende Objekt auswendig merken, aber ich kann es gedanklich nicht drehen bzw. weiß nicht, wie es sich beim Manipulieren im Raum ändert.
Dafür bin ich in der Lage, eine Draufsicht auf meine Wohnung zu malen, inklusiver Details, wo welche Bilder hängen, wo sich die Heizkörper befinden, wo die Karten, Pinnwand, etc. Ebenso stelle ich mir beim Wandern Landkarten im Kopf vor, zoome hinein und hinaus, gehe die Wege ab, sehe die Felsnasen und die weißen Flecken für die Wiesen. Ich scrolle meine Wanderberichte auf der Website hoch und runter, weiß ungefähr, wo ich was finde. Ich weiß es nicht exakt, ich bin kein Savant, habe keine Inselbegabung wie Temple Grandin. Aber meine Vorstellungskraft geht eben großteils über Bilder.
Das, was als Wortfindungsstörung beschrieben wird, und viele XXY eint, ist ebenso das Denken in Bildern und das Fehlen des entsprechenden Wortes für das Bild. So lag meine frühere Wohnung direkt über einem Supermarkt. Immer, wenn für diesen eine Lieferung kam, hörte ich unter mir entsetzlich rumpelnde Geräusche, wie wenn Rollen über den Boden fahren. Das raubte mir für Jahre die Ruhe, bis ich mich irgendwann daran gewöhnte bzw. geräuschdämpfende Rollen eingesetzt wurden. Ich wusste genau, wie die Dinger aussahen, die die Geräusche verursachten, nämlich so:
(Quelle)
Aber wie nannte man diese rollenden Transportgeräte? Ich zermartete mir monatelang, fast jahrelang das Gehirn darüber. In der Bildquelle werden sie schlicht Rollbehälter bzw. Rollregale genannt. Das scheint laut Suchmaschine der gängige Begriff dafür. Ich wurde fast verrückt, weil ich mich beim Supermarkt bzw. der Hausverwaltung bzw. der Vermieterin über den Lärm beschweren wollte, aber nicht wusste, wie der Verursacher des Lärms hieß. Ich hatte das Bild vor Augen und stellte mir vor, wie die Metallrollen auf dem Boden dieses unangenehme Geräusch verursachten. Regale, die rollten. Rollregale eben. Im Leben ist mir dieser banale Begriff nicht eingefallen.
Noch schwieriger wird es natürlich bei einfachen handwerklichen Aufgaben, wenn ich den Handwerker rufen muss, aber nicht weiß, was eigentlich hin ist bzw. gemacht gehört, oder wenn ich elektronisches Zubehör suche, das Bild vor Augen habe, WAS ich suche, aber den zugehörigen Namen nicht weiß. Unbeholfene Erklärungsversuche, das Bild zu beschreiben enden oft im beiderseitigen Missverständnis. Könnte ich etwas besser zeichnen, könnte ich es wohl aufmalen, was ich suche. Im heutigen Zeitalter wäre Abfotografieren und im Laden zeigen wohl die eleganteste Idee.
Als Bilderdenker fotografiere ich gerne, bestimme Gipfel bei Fernsichten auf dem Berg und lege mir dabei eine Datenbank im Kopf an, präge mir Wanderkarten und Bilder genauestens ein, interessiere mich sehr für Architektur, weil sich dabei klare Linienführungen und bestimmte geometrische Muster wiederholen. Ich interpretiere bei sehr schneller Durchsicht Wetterkarten und erkenne wiederkehrende Muster (Analogien), ich beobachte die Wolken und kann damit das Wetter vorhersagen. Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten als Bilderdenker, die man trainieren und fördern kann. Mit manchen Schwächen muss man lernen zu leben. Wenn das systematische Erkennen von Strukturen nicht funktioniert, muss man sie einzeln auswendig lernen. Das Gleiche gilt für Begriffe.
Die drei Denkarten sind gleichwertig. Nicht alle Alltagsbereiche sind aber für alle Denkarten geeignet, das Gleiche gilt für Berufe und Freizeitaktivitäten. Man ist nicht besser oder schlechter – relativ zu den anderen, weil man jene oder diese Denkweise besitzt. Nur gesellschaftlich dominante Denkweisen suggerieren einen Leistungsunterschied.
Das bedeutet dann aber lediglich, dass das Potential der anderen Denkweise noch nicht erkannt, genutzt und gefördert wurde.
Vielen Dank!!!!!!!! Sowas ist wohl gemeint wenn von Synästhetik die Rede ist, und hat so viele Facetten – soziale Interaktion wie Bewegung empfinden, Menschen wie Bücher mit verschiedenen Seiten etc.. Eine unglaublich schöne Begabung, eigentlich.
Ich sitze gerade nachts um 2:58 zwischen Küche und Wohnzimmer, meine Frau und beide Kinder schlafen und bin über diese Seite gestolpert und staune. Sei es mit der Landkarte oder… Wenn ich besser zeichnen könnte…
Super Seite! Super erklärt! Nun kann man sich ein Bild machen.
Wie ist es bei dir, wenn dir jemand eine Geschichte zb. Erzählt? Schaust du dir auch den Film an? Und siehst auch den kleinen funkelnden Stein zb. In der Hand von dem Kind, an dem laufenden Bach im Wald? 😉 Das doofe ist nur, wenn man an etwas erinnert wird und muss es sich wieder und wieder anschauen…
Das ist die Kehrseite der Medaille.
Wie geschrieben, super Seite!
Das was du so schön beschrieben hast mit Bilderdenken, da bin ich voll dabei. Wenn ich bastle oder Modelle baue, so habe ich Bilder dazu im Kopf. Ich brauche dann zum Bau dessen keinen Plan, denn der Plan dazu ist in mir gespeichert und jederzeit abrufbar. Ich kann den Plan auch von allen Seiten her begutachten, wie bei einer Computer Präsentation. Auch wenn zwischen der Idee und der Umsetzung viel Zeit vergeht, so ist alles stets griffbereit in einer Lade abgelegt. Und wenn ich endlich zeit zum bauen habe dann variieren zusätzlich nur die Feinheiten in der Gestaltung. Und wenn das gewünschte Objekt endlich vor mir steht, erst dann kann ich es als abgeschlossen abhaken. Erst dann bin ich frei von diesem Projekt. Jedoch ist die Erinnerung daran stets griffbereit. Ich empfinde das als Normal. Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Ein Lieblingsspruch von mir ist: “ Ich bin anders. Das ist nicht meine Welt“ Nun seit 2018 weis ich, dass ich anders bin: Diagnose 47XXY, mit verdacht auf A-Typischer Autismus. Nun bin ich befreiter obwohl die Flashbacks aus der Kindheit, sehr an Intensität zugenommen haben. Ich begegne dem mit Gesprächstherapie, Paartherapie und Männergruppe. Obwohl letztere nicht das gelbe vom Ei darstellt. Denn normale Männer können sich das kaum vorstellen, es wird meistens immer relativiert.
Und nun bin ich froh endlich auf Gleichgesinnte zu stoßen. DANKE