Denken in Bildern und Wortfindung

In ihrem Buch The Autistic Brain hat Temple Grandin die unterschiedlichen Denkweisen – in Bildern, Strukturen und Worten – ausführlich beschrieben, aber wahrscheinlich kann sich nicht jeder vorstellen, wo genau darin die Unterschiede liegen, und woher man selbst weiß, welcher Typ Denker man ist.

Ich habe insgesamt elf Jahre lang Gitarrenunterricht gehabt, tat mir aber schwer damit, Noten zu lesen und am Notenblatt zu beschriften. Am eindrücklichsten wurde das in einer Musikstunde. Jeder musste an der Tafel Tonika, Subtonika, Oktave bestimmen und die Noten beschriften. Ich hatte von den Musikern die schlechteste Trefferquote, während die Pianisten am besten abschnitten. Die meisten Klassenkameraden wunderten sich, ebenso die Musiklehrerin. Ich spiele doch Gitarre, warum kann ich keine Noten lesen?

Word-Fact-Thinker könnten das, aber ich dachte nicht in Worten oder Noten, sondern in Bildern und Strukturen. Wenn ich ein Notenbild auf dem Blatt vor mir hatte, sah ich wie ich es am Gitarrenbrett greifen musste. Ich konnte also das Notenmuster auf dem Papier aufs Griffbrett projizieren. Welchen Namen die Noten hatten, und welche Abstände dazwischenlagen, war für mich irrelevant, das interessierte [leider] nur die Schule und ich bekam entsprechend eine miserable Note.

Im Kunstunterricht malten wir mit Kohle auf Papier. Dann sollten wir das Blatt umdrehen und auf der Rückseite weitermalen, aber so, dass es passte. Dazu hätte ich das Blatt lediglich drehen müssen. Ich erinnere mich, wie ich vor dem Kunstlehrer stand und fragte, wie ich das Blatt drehen müsse, damit ich weitermalen kann. Er schaute mich ungläubig an, sagte „Das gibts doch nicht. Sowas ist mir noch nicht untergekommen“ und drehte das Blatt lediglich herum.

Grandin beschrieb dieses Phänomen damit, dass ein Bilderdenker sich um das Objekt herum bewege, während der Struktur-  bzw. Musterdenke das Objekt im Raum manipuliere. Als ein reiner Strukturdenker hätte ich das Blatt im Kopf gedreht und mir so vorgestellt, wie ich vorgehen muss. Als Bilderdenker konnte ich das nicht und so fehlte die Vorstellungskraft für die richtige Ausrichtung des Objekts. Ebenso geht es mir häufig beim Schlüssel herumdrehen, beim Öffnen einer Tür, beim Aufbau eines Regals bzw. generell bei handwerklichen und mechanischen Arbeiten. Ich könnte mir das entsprechende Objekt auswendig merken, aber ich kann es gedanklich nicht drehen bzw. weiß nicht, wie es sich beim Manipulieren im Raum ändert.

Dafür bin ich in der Lage, eine Draufsicht auf meine Wohnung zu malen, inklusiver Details, wo welche Bilder hängen, wo sich die Heizkörper befinden, wo die Karten, Pinnwand, etc. Ebenso stelle ich mir beim Wandern Landkarten im Kopf vor, zoome hinein und hinaus, gehe die Wege ab, sehe die Felsnasen und die weißen Flecken für die Wiesen. Ich scrolle meine Wanderberichte auf der Website hoch und runter, weiß ungefähr, wo ich was finde. Ich weiß es nicht exakt, ich bin kein Savant, habe keine Inselbegabung wie Temple Grandin. Aber meine Vorstellungskraft geht eben großteils über Bilder.

Das, was als Wortfindungsstörung beschrieben wird, und viele XXY eint, ist ebenso das Denken in Bildern und das Fehlen des entsprechenden Wortes für das Bild. So lag meine frühere Wohnung direkt über einem Supermarkt. Immer, wenn für diesen eine Lieferung kam, hörte ich unter mir entsetzlich rumpelnde Geräusche, wie wenn Rollen über den Boden fahren. Das raubte mir für Jahre die Ruhe, bis ich mich irgendwann daran gewöhnte bzw. geräuschdämpfende Rollen eingesetzt wurden. Ich wusste genau, wie die Dinger aussahen, die die Geräusche verursachten, nämlich so:

rollkaesten

(Quelle)

Aber wie nannte man diese rollenden Transportgeräte? Ich zermartete mir monatelang, fast jahrelang das Gehirn darüber. In der Bildquelle werden sie schlicht Rollbehälter bzw. Rollregale genannt. Das scheint laut Suchmaschine der gängige Begriff dafür. Ich wurde fast verrückt, weil ich mich beim Supermarkt bzw. der Hausverwaltung bzw. der Vermieterin über den Lärm beschweren wollte, aber nicht wusste, wie der Verursacher des Lärms hieß. Ich hatte das Bild vor Augen und stellte mir vor, wie die Metallrollen auf dem Boden dieses unangenehme Geräusch verursachten. Regale, die rollten. Rollregale eben. Im Leben ist mir dieser banale Begriff nicht eingefallen.

Noch schwieriger wird es natürlich bei einfachen handwerklichen Aufgaben, wenn ich den Handwerker rufen muss, aber nicht weiß, was eigentlich hin ist bzw. gemacht gehört, oder wenn ich elektronisches Zubehör suche, das Bild vor Augen habe, WAS ich suche, aber den zugehörigen Namen nicht weiß. Unbeholfene Erklärungsversuche, das Bild zu beschreiben enden oft im beiderseitigen Missverständnis. Könnte ich etwas besser zeichnen, könnte ich es wohl aufmalen, was ich suche. Im heutigen Zeitalter wäre Abfotografieren und im Laden zeigen wohl die eleganteste Idee.

Als Bilderdenker fotografiere ich gerne, bestimme Gipfel bei Fernsichten auf dem Berg und lege mir dabei eine Datenbank im Kopf an, präge mir Wanderkarten und Bilder genauestens ein, interessiere mich sehr für Architektur, weil sich dabei klare Linienführungen und bestimmte geometrische Muster wiederholen. Ich interpretiere bei sehr schneller Durchsicht Wetterkarten und erkenne wiederkehrende Muster (Analogien), ich beobachte die Wolken und kann damit das Wetter vorhersagen. Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten als Bilderdenker, die man trainieren und fördern kann. Mit manchen Schwächen muss man lernen zu leben. Wenn das systematische Erkennen von Strukturen nicht funktioniert, muss man sie einzeln auswendig lernen. Das Gleiche gilt für Begriffe.

Die drei Denkarten sind gleichwertig. Nicht alle Alltagsbereiche sind aber für alle Denkarten geeignet, das Gleiche gilt für Berufe und Freizeitaktivitäten. Man ist nicht besser oder schlechter – relativ zu den anderen, weil man jene oder diese Denkweise besitzt. Nur gesellschaftlich dominante Denkweisen suggerieren einen Leistungsunterschied.

Das bedeutet dann aber lediglich, dass das Potential der anderen Denkweise noch nicht erkannt, genutzt und gefördert wurde.

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Visual thinking

In retrospective my thinking is clearly dominated by pictures.

I did VERY much case studies in the recent 10 years about weather phenomena, nothing related directly to my studies, all of them just piqued my curiousity, and studies were not such important in these moments. At these times, I tend to have a hyperfocus on special interests, I got lost in hours of performing case studies and writing explanations on weather phenomena and theories.

I could even start with the very first weeks of studying atmospheric science. I remember a screen with the current satellite imagery in a separate room of the institute. None of the students ever visited it during studying there (one year, then I changed the university). I just got caught by the progressing satellite image and all these infrared clouds on the screen forming lows and fronts, defining lows and highs. Then I started analyzing what I’ve seen in the images. I tried to analyze the position of warm front and cold front, of lows and highs, of thunderstorm areas and distinct trough axes. In the end, I made about 100 of these satellite image case studies in one year, and described in detail what I saw and what I could predict with help of additional weather maps.

I need visual thinking when I go hiking. As my short-term memory is just a pain in the ass, I photograph very much. I need these photographs to remember the time when I was a certain place. I can’t remember clock times just by looking at my watch. So pictures serve as a marker. Later on, when I write my hiking report, where I also put in the best pictures, I’m able to remember the places and clock time by the pictures. I also remember the exact trail by pictures. I almost never forget pictures and if I see a picture, I know from where it is. However, pictures are only part of the memory process. Probably much more important is the map of trails. I love especially printed maps which I can feel with my fingers, where I can denote something with a marker. Usually, I look at these maps a few times the day before hiking, to memorize the course of the trails. Don’t confuse me with a savant – I need more than just one glance! The triad, however, of memorized trails, pictures and actually going these trails enhances the memorizing effect. When I go there another time, it’s not just picture-thinking like „oh, I know this place, I recognize a certain tree or anything prominent“ but I see the map of trails in my mind and could zoom in and out, shift it, like I do it at home on the screen. Surely, I can’t identify every tiny detail of the terrain but enough to re-find the trail when seeing it again. Similar memorized thinking is present when I recognize mountains in great distance by their shape. I compare pictures of mountains or in situ views with pictures in my mind. Of course, that’s a big challenge when you see the mountains from a different angle or during wintertime when shapes are modified by snow and differently gleaming areas. I did really a large number of tours in the recent years, so my long-term memory is filled with maps, trails, pictures and mountain shapes.

Last example for visual or detail thinking: I accidently happened to get struck by thunderstorms during two walking-tours. The first one turned out to be quite embarassing for me since I got my master’s degree a few weeks before. How could that happen to a newly graduated meteorologist? Solely because he’s a nerd? Might be… I was part of a larger touring company and could not look into the latest weather maps the days before that happened. In fact, I didn’t expect that scenario and got stuck with an earlier, fair-weather scenario I had in my mind before these days. I saw different weather phenomena this day, wind phenomena, fog phenomena and especially a special kind of mid-level clouds just a few hours before a heavy thunderstorm surprised us. One year later, a similar event happened again. Hot day in summer, no model simulated precipitation in that area.  In the late morning I saw these mid-level clouds again but aligned in flat cloud streets below a – to my mind – well-defined subsidence inversion, preventing them to rise vertically. Later on, these clouds disappeared and few hours later, widespread convective clouds formed followed by another thunderstorm.

I concluded that these mid-level clouds may serve as a preceding marker for thunderstorms. It also makes sense in a meteorological way: Mid-level clouds cannot form by solar radiation but need large-scale upward motion which can only be provided by a front or trough. So if I see these clouds, I know there is large-scale upward forcing. Given all remnant ingredients for thunderstorms,  moisture and instability, thunderstorms will likely form, irrespective of what the model will promise us. As the alpine region typically gathers more moisture than the comparatively dry and flat surroundings where the vertical profiles typically originate from, I know that instabilty is more likely to be released than the stable profile suggests. And if in addition to that, mid-level clouds like Altocumulus are present, I should take the possibility of local thunderstorms into account.

I verified this theory many times in the recent years and it nearly always worked out as a preceding marker of deep-moist convection, not necessarily at a threatening thunderstorm. Whenever I’ll see these kind of clouds in the mountains, and they tend to be visible only in a short time frame in the morning, I know what could happen a few hours later and I need to be prepared or to reroute my planned tour. That’s fairly a gift in many occasions but it could lead to false alarms, too. I don’t take it too seriously: Better a false alarm then struck by a severe thunderstorm in an area where you can’t escape or seek for a shelter.

To summarize:

For decades, I did not know why I’m different compared with peers. Enhanced perception is oftentimes a burden when too many sensory stimuli affect socialising and everydaylife but enhanced detail perception in a photographic sense could be a real strength, a gift. Although too much noise is really detrimental for me, I had an advantage during playing the guitare hearing with a nearly absolute hearing. We tend to think too fast in deficits instead of looking at the pure original state: different perception – how can I use it as an advantage?

XXY is neither a disease, a disorder nor a disability.

If you want to refer to these terms, then continue with Klinefelter’s syndrome:

  • It’s a disorder because the hormone milieu is disturbed compared with 46,XY men.
  • It’s a disease as testosterone decreases faster with age then with 46,XY men and will likely cause healthy impairments.
  • It’s a disability because it causes infertility in the majority of people with Klinefelter’s syndrome.

Apart from these impairments, however, XXY is just another genetic code like in XY or XX. It can’t be inherited and happens randomly, and as the phenotype is largely different among XXY, many genetic factors influence the life of XXY men. For me personally, XXY is a neutral condition – it’s my identity, free of moral judgement and social expectations.

Strengths and Talents in XXY

Media reports, specialists and support groups mainly talk about testosterone deficit, resulting infertility and further physical effects of Klinefelter’s syndrome. I found several anecdotal evidence as well as rare neuroimaging studies suggesting that the additional X chromosome could also lead to strengths and talents in XXY. Core theme of this article will be the different types of thinking presented in Temple Grandins book „The Autistic Brain“. Weiterlesen

Die Stärken und Talente der XXY

Autistic Pride und XXY Pride

In einem Asperger-Forum wurde einmal heftig diskutiert, ob man mit dem Asperger-Syndrom auch Stärken in Verbindung bringen dürfe. Schließlich bekomme man die Diagnose ausschließlich als Folge eines Leidensdruck und unter Stärken leide man schließlich nicht [auch wenn ich diese Behauptung bei Hochbegabten oder allgemein talentierten Menschen, die sich nicht verwirklichen können, in Frage stelle]. Die anderen, die auch noch stolz auf ihren Autismus sind, seien gar keine echten Autisten, denn der Leidensdruck sei offenbar nicht vorhanden, dazu wurde generell die „autistic-pride„-Bewegung gezählt. Tja, mit diesem Pride ist es schon ein Leid, wie der Asperger-Autist dasfotobus hier verbloggt (sehr lesenswert).

Mir wurde vorgeschlagen, doch eine „Klinefelter-Pride“-Bewegung zu gründen.  Davon halte ich nichts, denn das Klinefelter-Syndrom ist der Sammelbegriff der Symptome, die aus dem Testosteronmangel (Hypogonadismus) resultieren. Darauf muss kein Betroffener stolz sein! Die Vermengung von XXY (Genotyp) und Klinefelter (Phänotyp) sorgt jedes Mal von Neuen dafür, dass man XXY-Geborene nur aus der Defizitsichtweise betrachtet. Wenn überhaupt, müsste es also „XXY-Pride“ heißen.

Ich persönlich kann diesem Pride-Begriff aber wenig abgewinnen. Stolz kann man auf die eigene Leistung sein. Ich bin weder für reines Defizitdenken noch für ein völliges Ignorieren der Schwächen. Zu schnell könnte man sich darin wiederfinden, in schwierigen Situationen zu sagen „ich kann das nicht, weil ich bin XXY“. Sicherlich fallen *einigen* XXY von uns gewisse Dinge schwieriger als *vielen* 46,XY-Männern.

Produkte der Genetik, nicht Nebenprodukte einer Störung

Eine Aussage von Temple Grandin bzw. von Michelle Dawson geht mir nicht aus dem Kopf:

Was ist, wenn die Stärken von Autisten nicht Nebenprodukte einer schlechten Verdrahtung sind, sondern Produkte der Verdrahtung?

Zu den Stärken von Autisten sind einige Veröffentlichungen erschienen, u.a.

Zuletzt genannte Studie betont, dass mit Stärken und Talenten hier keine Savant-Fähigkeiten gemeint ist! Savants sind Menschen, die eine Inselbegabung besitzen, aber es gibt weltweit höchstens 100 Savants. Die Figur Raymond in dem Film Rainman stellt einen Savant da und wird fälschlicherweise seitdem als typisch für Autisten betrachtet.

Temple Grandin stellt klar, welche besonderen Eigenheiten Autisten im Durchschnitt aufweisen:

  • Verstärkte Wahrnehmung von Details
  • Fähigkeit, Verbindungen herzustellen
  • Gutes Langzeitgedächtnis

Wer etwa…

  • Unmengen an Programmcode beherrscht (pattern thinking): IT-Programmierer, Musiker, Wissenschaftler
  • Fahrpläne auswendig lernen kann (word-fact thinking): Journalisten, schreibende Zunft.
  • in Bilder denkt (visual thinking): Graphiker, Künstler, Fotografen

… der braucht genügend Speicherplatz im Gehirn, um all diese Daten abrufen zu können.

Besonders Wissenschaftlern kommt die Fähigkeit entgegen, verschiedene Daten miteinander verknüpfen zu können, um Theorien aufzubauen und Schlussfolgerungen zu ziehen.

Was wissen wir über XXY?

Wenig.

Mir ist bisher keine einzige Studie bekannt, die XXY mit Stärken und Talenten zusammenbringt.Das hat sicherlich Gründe ….

  • Historisch betrachtet handelt es sich mit dem von Harry Klinefelter entdeckten und nach ihm benannten Klinefelter-Syndrom um eine körperliche Störung, die medizinisch behandelt werden muss.
  • Wenn die Anzahl der Geschlechtschromosomen (= Karyotyp) festgestellt wird, sei es vor der Geburt (führt leider in rund 70 % der Fälle zur Abtreibung), nach der Geburt oder – wie bei den meisten spätdiagnostizierten XXY – im Rahmen einer anderen medizinischen Untersuchung – , dann sieht der Arzt: 47, XXY, also Klinefelter-Syndrom, bitte zu einem Facharzt für Urologie/Andrologie/Endokrinologie gehen und mit Testosteronbehandlung fortfahren.
  • In vielen Studien werden XXY-Männer ausschließlich als Klinefelter-Patienten bezeichnet, was einerseits unterstellt, dass der Testosteronmangel immer behandelt werden muss, und andererseits den betroffenen Männern abspricht, dass da außer dem Testosteronmangel noch mehr sein kann, was einen XXY-Mann definiert.
  • Selbsthilfegruppen betonen zwar, dass XXY ganz normale Männer sind, aber sehen abseits von den Auswirkungen des Testosteronmangels alles losgelöst von diesem Karyotyp.

Wenn ich sehe, wie sich unter Bottom-up-Thinkern, also Forschern, die nicht in vorgefertigten Kategorien denken (Top-Down-Thinker), sondern aufgrund der Datenlage versuchen, Schlussfolgerungen zu ziehen, das Bild über Autismus gewandelt hat, dann sage ich: Es wird Zeit, dass das bei XXY auch passiert. Die viel geringere Häufigkeit von XXY gegenüber Autisten in der Bevölkerung darf keine Ausrede sein, sich mit XXY nicht näher zu befassen. Wenn nur ein Drittel der XXY-Männer diagnostiziert wird, bleiben zwei Drittel unerkannt – und es wäre vermessen anzunehmen, dass sie alle aufgrund ihrer Unauffälligkeit unerkannt bleiben. Vielleicht fanden sie bisher keinen, der ihren Sorgen und Nöten zuhört. Und diejenigen, die nie Probleme haben werden, müssen sich damit auch nie beschäftigen.

Welche Art von Denker kommen bei XXY gehäuft vor?

Das sehr spannende Kapitel in The Autistic Brain über die drei Denkweisen (siehe oben) hinterlässt die Frage, ob auch XXY zu einer bestimmten Denkweise häufiger neigen.

Lassen wir einmal die Schlagworte Klinefelter und Autismus weg: Ich würde vermuten, dass, wenn vermehrt Defizite in der Sprachentwicklung und Kommunikation auftreten, sich Menschen eher zurückziehen,  häufiger alleine sind, sich eher und länger mit Spezialinteressen beschäftigen und wahrscheinlicher Fortgeschrittener oder Experte auf diesem Gebiet werden. Kreativität und extreme Kommunikationsfreudigkeit schließen sich beinahe aus. Wer nur mit anderen Menschen zusammen ist, hat keine Zeit, Ideen zu entwickeln, wer nie Langeweile empfindet oder Auszeiten nimmt, kann keine Kreativität entstehen lassen. Idealerweise befindet man sich ein kreativer Geist innerhalb des Kontinuums zwischen extremer Introvertiertheit und extremer Extrovertiertheit.

Der Kinderpsychiater Jay Giedd fand bei 40 XXY-Kindern ein größeres Volumen an grauer Materie auf der rechten Gehirnseite, welche räumliche (visuelle) und rechnerische Fähigkeiten kontrolliert. Berichte von Konferenzen und Webseiten zeigen, dass Interessen wie Mathematik, Computer, Schach, Musik und Kunst verstärkt bei XXY auftreten und viele in diesen Gebieten beruflich tätig sind. Aufgrund der vermehrt auftretenden Lese- und Rechtschreibschwäche bei XXY-Männern könnte man vermuten, dass word-fact-thinking seltener auftritt. XXY wären demzufolge eher pattern oder visual thinker.

Es wäre interessant, das systematisch zu untersuchen. Einerseits durch eine Statistik unter XXY-Männern selbst (in diversen Selbsthilfegruppen und Organisationen), andererseits individuell durch verschiedene Tests, da gibt es beispielsweise den VVIQ, den Vividness of Visual Imagery-Quotient sowie den Grain-Resolution-Test, von der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov entwickelt. Es gibt auch Tests, die auf räumliche (spatial) Fähigkeiten abzielen und damit auf Pattern-Thinking, etwa dieser Test, bei dem man Objekte im Raum manipulieren muss. Wer eine solche Schreibwut wie ich entwickelt, ist wahrscheinlich zusätzlich oder von Grund auf auch ein word-fact-Thinker.

Wer gut im unbekannten Gelände navigieren kann, ein fotografisches Gedächtnis besitzt, sich etwa hunderte oder gar tausende Pflanzenarten merkt und wiedererkennt, oder künstlerisch tätig ist, ist ebenfalls ein visueller Denker.

Vorläufige Schlussfolgerungen nach knapp 8 Monaten Recherche:

Menschen mit zusätzlichem X-Chromosom und Autisten zeigen offenbar Gemeinsamkeiten in der Gehirnverdrahtung, mit der Neigung zu Denken in Bildern und Mustern (visual thinking, pattern thinking), das kann man hier durchaus als Stärke verbuchen, da je nach Denkweise bestimmte Berufe bevorzugt geeignet sind.

Folgende, unvollständige Beispiele stammen aus dem Buch von Temple Grandin – The Autistic Brain (S. 204-206)

Visual thinker Pattern thinker Word-fact thinker
Architekt Programmierer Journalist
Fotograf Ingenieur Übersetzer
Tiertrainer Physiker Bibliothekar
Graphikkünstler Musiker Börsenanalyst
Schmuckdesigner Statistiker Buchhalter
Meteorologe Mathematiklehrer Sprachtherapeut
Automechaniker Chemiker Historiker
Landschaftsplaner Forscher Jurist
Biologielehrer Elektriker Schriftsteller
Tiertrainer Versicherungsstatistiker Reiseleiter

Wer, wie ich bis vor wenigen Monaten, relativ wenig bisher mit Autismus bzw. Autisten direkt zu tun hatte, wird verwundert feststellen, dass Autisten weit mehr Berufe als nur den klassischen IT-Programmierer ausüben.

In der oben verlinkten Studie über Asperger-Autisten (n = 136) in Berlin studieren 60 % Sozial- und Geisteswissenschaften und nur 30 % Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Wie sich Berufe und Studienrichtungen bei XXYs verteilen, würde mich natürlich brennend interessieren.

Wer mag, bitte kommentieren – DANKE :)

PS: I will add an english version of this article soon.

7. Kapitel: Umdenken in Bildern

Im siebten Kapitel von The Autistic Brain geht Temple Grandin selbstkritisch auf Kritik einer Leserin an ihrem Buch „Thinking in Pictures“ ein. Damals dachte sie, alle Autisten denken in Bildern, bis sie darauf hingewiesen wurde, dass das nicht der Fall sei.

Jeder Autist ist verschieden.
Grandin fand heraus, dass es drei Typen von Denkern gibt:

  • verbal thinker (so denken die meisten neurotypischen Menschen: in Wort und Schrift)
  • visual thinker (in Bildern denken, vor allem Künstler und Graphiker)
  • pattern thinker (Denken in Mustern)

Ein klassischer pattern thinker ist der IT-Programmierer, der Code benutzt. Auch Kreuzworträtsel und Sudoku entwerfen ist pattern thinking. Die besten Puzzles werden von Mathematikern und Musikern gemacht. Muster findet man überall, etwa im Goldenen Schnitt, in Wortanfängen, z.B. fangen im Deutschen kleine runde Dinge oft mit Kn an: Knopf, Knospe, Knauf, Knoblauch, während lange dünne Dinge mit Str anfangen: Straße, Strahen, Strand, Streifen, Strahlen. So brachte sich Daniel Tammet, der innerhalb einer Woche fließend isländisch beherrschte, selbst Deutsch bei.

Künstler erkennen Muster oft schon lange, bevor wissenschaftliche Formeln dafür entdeckt wurden, etwa van Goghs 1889 entworfenes Starry Night mit turbulenter Strömung, dessen Gleichung nicht vor den 30ern gefunden wurde: Mathematische Denkweise ohne es zu wissen.

Es gibt zwei Typen von Mathematikern:

Jene, die Algebra beherrschen: Zahlen und Variablen.
Jene, die geometrisch denken: in Formen

Schach ist ein klassisches Beispiel für pattern thinking:

Schachmeister sehen unmittelbar zwar nur einen Zug voraus, aber es ist immer der Richtige. Sie erkennen nicht mehr Möglichkeiten, sondern die besseren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist, dass sie besser im Erkennnen und Abspeichern von Mustern sind – was von kognitiven Wissenschaftlern „chunks“ genannt wird. Chunks sind eine Sammlung vertrauter Informationen.

Ein durchschnittliches Kurzzeitgedächtnis ist imstande, 4-6 chunks zu speichern.
Ein Schachmeister kann dagegen bis zu 50 000 chunks behalten.

Patternicity ist definiert als

tendency to find meaningful patterns in both meaningful and meaningless data.

Neigung, bedeutungsvolle Muster in bedeutungsvollen und bedeutungslosen Daten zu finden.

Grandin stieß durch Internetrecherche auf Artikel der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov, die visuell thinking in object thinking (Bilder) und spatial thinking (räumliche Muster) unterteilt.

Es gibt zwei visuelle Leitungen im Gehirn:

der dorsale (rückseitige, obere) Weg: Optische Erscheinung von Objekten: Farben, Details

der ventrale (bauchseitige, untere) Weg: wie sich Objekte räumlich zueinander verhalten

Ob jemand ein Objektdenker oder ein Raumdenker ist, lässt sich anhand von diversen Tests feststellen, etwa durch den Vividness of Visual Imagery Quotient (VVIQ). Maximal können 80 Punkte erreicht werden, visual artists erreichen durchschnittlich 70,19 Punkte. Temple Grandin kam auf 71 Punkte – was ihre Stärke, in Bildern zu denken, verkörpert.

Ein weiterer Test ist der grain-resolution-Test, ebenfalls ein objektbezogener Test, bei dem es darum geht, wie grob- oder feinkörnig Materialien aufgelöst sind, z.B. ein Betonboden, Avokadoschalen oder Hühnerhaut. Visual artists erreichen durchschnittlich 11,75 Punkte, während Wissenschaftler und Architekten nicht mehr als 9 Punkte schaffen. Grandin kam auf 17, was sie verwunderte, da sie doch eine Wissenschaftlerin sei.

In Bildern denken bedeutet nicht, ein Objekt im Raum zu manipulieren, sondern seine Sichtweise auf das Objekt zu ändern. Wenn Grandin sich etwa eine große Anlage für Rindviecher (cattle handle facility) vorstellt, dreht sie nicht das Objekt, sondern bewegt ihre Augen um das Objekt herum.

Ein Mensch, der gerne schreibt UND Wissenschaftler ist, ist sowohl verbaler als auch räumlicher Denker.

Warum trifft diese Schlussfolgerung nicht auf Grandin zu? Die Antwort ist: Autismus.

In eine von Kozhevnikovs Artikeln gibt es eine Übung mit zwei abstrakten Gemälden: Eines mit großen rauschenden Farbspritzern, der ganze Eindruck des Bildes war dynamisch. Das andere mit verschiedenen Arten geometrischer Formen, der Eindruck war statisch. Beim dynamischen dachte sie an ein Kampfflugzeug, das sie in einem gerade gelesenen Buch gesehen hat, im statischen sah sie Mutters Nähkorb.

Auf die Frage danach, welches Gefühl sie beim Betrachten der Bilder entwickele, bzw. welche emotionale Reaktion sie in ihr auslöse, entgegnete sie: „Keines. Sie sieht Mutters Nähkorb darin, weil es wie Mutters Nähkorb aussehe.

Künstler benutzen emotionale Begriffe, um Bilder zu beschreiben: Zusammenprall, Durchbruch, extreme Spannung, während Wissenschaftler emotionslose Begriffe benutzen: Quadrate, Flecken, Kristalle, scharfe Kanten, Textilmuster.

Wissenschaftler beschreiben, was sie wortwörtlich sehen, während Künstler beschreiben, was sie im übertragenen Sinne (bildlich) sehen.

Wie Michelle Dawson, die autistische Eigenheiten nicht als positiv oder negativ, sondern als exakt bewertet, weist Grandin greifbaren Objekten keine emotionale Reaktion zu. Sie behandelt sie als Objekte, wortwörtlich, sie kann sie nicht im Raum manipulieren.

Grandin sieht Katastrophen, bevor sie passieren, etwa, als die Airbags zahlreiche Kinder töteten, weil sie für erwachsene Menschen entworfen wurden. Oder das Unglück im Reaktor von Fukushima, dessen Notstromgenerator sich im Keller direkt am Meer befand. Grandin ist ein visual thinker, aber ebenfalls eine Wissenschaftlerin – wegen Autismus.

Die Fähigkeit, in objektbezogenen Bildern zu denken + Autismus = wissenschaftlicher Kopf.

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!