Leitfaden für Eltern und Lehrer von XXY/Klinefelter

Vorwort:

Zufällig fand ich diesen Leitfaden, als ich nach einem Zusammenhang zwischen Klinefelter-Syndrom und der Schwierigkeit, mit Hintergrundgeräuschen (Reizfilterschwäche) umzugehen, suchte. Auch, wenn meine Schulzeit schon lange vorbei ist, erkannte ich mich in einigen geschilderten Konfliktsituationen wieder. Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Paul Collingridge (KSA) habe ich wichtige Passagen des Leitfaden ins Deutsche übersetzt.

  • um auch anderen Betroffenen im Erwachsenenalter die Möglichkeit zu geben, sich selbst besser zu verstehen; mit der Kindheit und Schulzeit Frieden zu schließen
  • damit Eltern ihre XXY-Jungen besser verstehen und frühzeitig fördern können
  • damit Lehrer begreifen, was für die Betroffenen wichtig ist und sensibilisiert für Betroffene werden, die noch keine Diagnose erhalten haben

Viele der geschilderten Probleme treffen auch auf autistische Kinder zu.

Der übersetzte Leitfaden ist auch als PDF abrufbar: bitte anklicken.

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Denken in Bildern und Wortfindung

In ihrem Buch The Autistic Brain hat Temple Grandin die unterschiedlichen Denkweisen – in Bildern, Strukturen und Worten – ausführlich beschrieben, aber wahrscheinlich kann sich nicht jeder vorstellen, wo genau darin die Unterschiede liegen, und woher man selbst weiß, welcher Typ Denker man ist.

Ich habe insgesamt elf Jahre lang Gitarrenunterricht gehabt, tat mir aber schwer damit, Noten zu lesen und am Notenblatt zu beschriften. Am eindrücklichsten wurde das in einer Musikstunde. Jeder musste an der Tafel Tonika, Subtonika, Oktave bestimmen und die Noten beschriften. Ich hatte von den Musikern die schlechteste Trefferquote, während die Pianisten am besten abschnitten. Die meisten Klassenkameraden wunderten sich, ebenso die Musiklehrerin. Ich spiele doch Gitarre, warum kann ich keine Noten lesen?

Word-Fact-Thinker könnten das, aber ich dachte nicht in Worten oder Noten, sondern in Bildern und Strukturen. Wenn ich ein Notenbild auf dem Blatt vor mir hatte, sah ich wie ich es am Gitarrenbrett greifen musste. Ich konnte also das Notenmuster auf dem Papier aufs Griffbrett projizieren. Welchen Namen die Noten hatten, und welche Abstände dazwischenlagen, war für mich irrelevant, das interessierte [leider] nur die Schule und ich bekam entsprechend eine miserable Note.

Im Kunstunterricht malten wir mit Kohle auf Papier. Dann sollten wir das Blatt umdrehen und auf der Rückseite weitermalen, aber so, dass es passte. Dazu hätte ich das Blatt lediglich drehen müssen. Ich erinnere mich, wie ich vor dem Kunstlehrer stand und fragte, wie ich das Blatt drehen müsse, damit ich weitermalen kann. Er schaute mich ungläubig an, sagte „Das gibts doch nicht. Sowas ist mir noch nicht untergekommen“ und drehte das Blatt lediglich herum.

Grandin beschrieb dieses Phänomen damit, dass ein Bilderdenker sich um das Objekt herum bewege, während der Struktur-  bzw. Musterdenke das Objekt im Raum manipuliere. Als ein reiner Strukturdenker hätte ich das Blatt im Kopf gedreht und mir so vorgestellt, wie ich vorgehen muss. Als Bilderdenker konnte ich das nicht und so fehlte die Vorstellungskraft für die richtige Ausrichtung des Objekts. Ebenso geht es mir häufig beim Schlüssel herumdrehen, beim Öffnen einer Tür, beim Aufbau eines Regals bzw. generell bei handwerklichen und mechanischen Arbeiten. Ich könnte mir das entsprechende Objekt auswendig merken, aber ich kann es gedanklich nicht drehen bzw. weiß nicht, wie es sich beim Manipulieren im Raum ändert.

Dafür bin ich in der Lage, eine Draufsicht auf meine Wohnung zu malen, inklusiver Details, wo welche Bilder hängen, wo sich die Heizkörper befinden, wo die Karten, Pinnwand, etc. Ebenso stelle ich mir beim Wandern Landkarten im Kopf vor, zoome hinein und hinaus, gehe die Wege ab, sehe die Felsnasen und die weißen Flecken für die Wiesen. Ich scrolle meine Wanderberichte auf der Website hoch und runter, weiß ungefähr, wo ich was finde. Ich weiß es nicht exakt, ich bin kein Savant, habe keine Inselbegabung wie Temple Grandin. Aber meine Vorstellungskraft geht eben großteils über Bilder.

Das, was als Wortfindungsstörung beschrieben wird, und viele XXY eint, ist ebenso das Denken in Bildern und das Fehlen des entsprechenden Wortes für das Bild. So lag meine frühere Wohnung direkt über einem Supermarkt. Immer, wenn für diesen eine Lieferung kam, hörte ich unter mir entsetzlich rumpelnde Geräusche, wie wenn Rollen über den Boden fahren. Das raubte mir für Jahre die Ruhe, bis ich mich irgendwann daran gewöhnte bzw. geräuschdämpfende Rollen eingesetzt wurden. Ich wusste genau, wie die Dinger aussahen, die die Geräusche verursachten, nämlich so:

rollkaesten

(Quelle)

Aber wie nannte man diese rollenden Transportgeräte? Ich zermartete mir monatelang, fast jahrelang das Gehirn darüber. In der Bildquelle werden sie schlicht Rollbehälter bzw. Rollregale genannt. Das scheint laut Suchmaschine der gängige Begriff dafür. Ich wurde fast verrückt, weil ich mich beim Supermarkt bzw. der Hausverwaltung bzw. der Vermieterin über den Lärm beschweren wollte, aber nicht wusste, wie der Verursacher des Lärms hieß. Ich hatte das Bild vor Augen und stellte mir vor, wie die Metallrollen auf dem Boden dieses unangenehme Geräusch verursachten. Regale, die rollten. Rollregale eben. Im Leben ist mir dieser banale Begriff nicht eingefallen.

Noch schwieriger wird es natürlich bei einfachen handwerklichen Aufgaben, wenn ich den Handwerker rufen muss, aber nicht weiß, was eigentlich hin ist bzw. gemacht gehört, oder wenn ich elektronisches Zubehör suche, das Bild vor Augen habe, WAS ich suche, aber den zugehörigen Namen nicht weiß. Unbeholfene Erklärungsversuche, das Bild zu beschreiben enden oft im beiderseitigen Missverständnis. Könnte ich etwas besser zeichnen, könnte ich es wohl aufmalen, was ich suche. Im heutigen Zeitalter wäre Abfotografieren und im Laden zeigen wohl die eleganteste Idee.

Als Bilderdenker fotografiere ich gerne, bestimme Gipfel bei Fernsichten auf dem Berg und lege mir dabei eine Datenbank im Kopf an, präge mir Wanderkarten und Bilder genauestens ein, interessiere mich sehr für Architektur, weil sich dabei klare Linienführungen und bestimmte geometrische Muster wiederholen. Ich interpretiere bei sehr schneller Durchsicht Wetterkarten und erkenne wiederkehrende Muster (Analogien), ich beobachte die Wolken und kann damit das Wetter vorhersagen. Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten als Bilderdenker, die man trainieren und fördern kann. Mit manchen Schwächen muss man lernen zu leben. Wenn das systematische Erkennen von Strukturen nicht funktioniert, muss man sie einzeln auswendig lernen. Das Gleiche gilt für Begriffe.

Die drei Denkarten sind gleichwertig. Nicht alle Alltagsbereiche sind aber für alle Denkarten geeignet, das Gleiche gilt für Berufe und Freizeitaktivitäten. Man ist nicht besser oder schlechter – relativ zu den anderen, weil man jene oder diese Denkweise besitzt. Nur gesellschaftlich dominante Denkweisen suggerieren einen Leistungsunterschied.

Das bedeutet dann aber lediglich, dass das Potential der anderen Denkweise noch nicht erkannt, genutzt und gefördert wurde.

Verschiedene Wege der Kommunikation

Das ist eine (nicht ganz wörtliche) Übersetzung des vorherigen englischen Beitrags, die sich meinen persönlichen Erfahrungen als XXY-Mensch zuwendet.

Für viele Menschen ist das persönliche Gespräch selbstverständlich, um wichtige Dinge zu besprechen. Verbal nicht beeinträchtigte Menschen bevorzugen die verbale Kommunikation. Sie lehnen die Schriftform eher ab, weil sie annehmen, dass es viel einfacher sei, jemanden einfach nur zu treffen und die Angelegenheit beizulegen, indem man Argumente austauscht, statt sich lange E-Mails zu schreiben und ähnlich lang antworten zu müssen. Das kostet zu viel Zeit. Wenn man Therapeuten oder Coaches darauf anspricht, werden sie Dir ähnliches sagen: Es ist besser, eine Angelegenheit, von Angesicht zu Angesicht beizulegen als über E-Mail oder andere schriftliche Kommunikationswege (z.B. SMS, Messenger, Whatsapp, etc.).

Auge in Auge kommunizieren ist ein Minenfeld

Was ich über mich selbst gelernt habe: Kommunikation ist unabhängig von der gewählten Form ein Minenfeld. Dennoch tue ich mir mit der direkten Kommunikation schwerer als mit der Schriftform. Wenn ich der Person gegenübersitze, mit der ich über etwas Wichtiges reden muss (kein Smalltalk), wo ich meine Meinung durchzusetzen beabsichtige, dann fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu treffen und sogar vollständige Sätze zu bilden, weder auf Deutsch noch auf Englisch (auch wenn mir letzteres mehr liegt). Verzögerungen bei der Aufnahme von Gehörtem tragen dazu bei, dass ich leichter den Faden verliere, weil ich Zeit brauche, um über das nachzudenken, was gesagt wurde, aber das Gespräch bereits voranschreitet und ich Gefahr laufe, zu vergessen, was gesagt wurde. Ich neige außerdem dazu, mich mehr darauf zu konzentrieren, was ich sagen will statt dem anderen zuzuhören. Das führt oft dazu, dass meine Argumentation lausig wird und ich Argumente vorbringe, die natürlich zu emotional sind und nicht auf Fakten basieren, und entsprechend nicht den Gesprächspartner überzeugen.

Ebenso passiert es gelegentlich, dass mit einer bestimmten Absicht in ein Gespräch gehe, und während dem Reden den Faden verliere. Ich bin mir zwar dessen bewusst, und dass die Diskussion in eine falsche Richtung abdriftet und Gefahr läuft, mit dem schlechtestmöglichen Ergebnis abzuschließen (d.h. ich hatte keinen Erfolg, sondern habe meine Situation nach dem Gespräch sogar noch verschlechtert), aber ich kann es nicht aufhalten.

Zusammenbrüche und Grübeleien als Nachwirkungen

Nach derartigen Diskussionen bin ich oft völlig erschöpft und brauche eine Pause an einem ruhigen Ort. Denn Übersensibilitäten verschlechtern sich nach dem Versuch „socialising“ zu betreiben, und jedes Geräusch und jede Bewegung in meiner Umgebung ist nur noch zuviel. Ich fühle dann den starken Impuls mich zurückzuziehen und ich sollte Menschenansammlungen besser vermeiden, um nicht eine Panikattacke zu erleiden. Manchmal verstumme ich und will für Stunden einfach nicht mehr reden oder antworten (ärgerlich, wenn mir in der Stadt dann gerade in solchen Phasen ein aufdringlicher Zeitungsverkäufer über den Weg läuft, oder ich von Aktivisten in der Fußgängerzone angequatscht werde). In anderen Fällen werde ich sehr sarkastisch und andere sind über die Wahl meiner Worte verwundert, besonders, wenn der Sarkasmus unangebracht ist. Nach worst-case-scenario-Gesprächen kommt zudem eine lange Zeit auf mich zu, in der ich wiederholt über den Gesprächsverlauf nachdenke, was ich hätte besser sagen oder weglassen sollen. Die Grübeleien sind typisch für Gespräche, die Auge in Auge stattfinden. Ich kenn das auch von anderen XXY-Menschen.

Ablenkungen tragen dazu bei, den Gesprächsfaden zu verlieren

Kommunikation bedeutet für unsere Gesprächspartner, dass sie uns mehr Zeit geben müssen. Unser Kopf ist vollgestopft mit Gedanken, mit zurecht gelegter Argumentation und Alternativen, aber unseren Gedanken Ausdruck zu verleihen, ist verzögert. Wortfindung ist oft ein Thema, auch das schlechte Kurzzeitgedächtnis hält uns davon ab, sich fachlich begründete Argumente in Erinnerung zu rufen. Für ein gut strukturiertes Gespräch, wenn es sich nicht vermeiden lässt, sind Notizen unerlässlich. Notizen helfen dabei, eigene Argumente ins Gedächtnis zu rufen, und wichtige Aussagen des Gegenübers niederzuschreiben. Zudem leiden wir oft hochgradig unter Ablenkungen, etwa Leuten, die gleichzeitig reden, Baulärm, Staubsaugergeräusche, tickende Uhren oder ein im Hintergrund laufendes Radio – ein derartiger Lärm lenkt stark ab und trägt dazu bei, rasch den Faden zu verlieren. Das Gleiche gilt für Unterbrechungen, wenn eine andere Person den Raum betritt und etwas will.

Körpersprache und Mimik könnten – für beide – irreführend sein

Neben Ablenkungen und den Faden verlieren haben wir außerdem Schwierigkeiten im Erkennen von Gesichtsausdrücken. Wir können zwar zwischen gut (fröhlich) und schlecht (wütend, traurig) unterscheiden, oft aber nicht zwischen wütend und traurig. In einem wichtigen Gespräch könnten wir den Bogen überspannen, und nicht bemerken, wann wir besser aufhören, unsere Argumentation zu verfolgen. Zudem passt unser Gesichtsausdruck nicht immer zum Inhalt dessen, was wir gerade sagen, und das kann das Gegenüber verwirren. Es könnte damit enden, dass uns das Gegenüber nicht glaubt, wenn wir zu argumentieren versuchen, und Körpersprache und Mimik schuldbewusst aussehen, oder wir sogar unabsichtlich lächeln, während wir über ein ernstes Thema reden.

Wie bereits anfangs gesagt, ist die direkte Kommunikation für VIELE von uns ein Minenfeld. Ich möchte aber betonen, dass nicht ALLE XXY damit Schwierigkeiten haben.

 

Die größten Vorteile der schriftlichen Kommunikation

  • Sie ermöglicht es mir, meine Gedanken zu sammeln, zu sortieren, und auszusprechen, ohne unter Druck zu geraten.
  • Sie ermöglicht es mir, meine Argumentation zurechtzulegen, und ich habe auch Zeit, über Fragen/Antworten nachzudenken, ehe ich darauf reagiere.
  • Ich hab die Möglichkeit, meine Argumente Schritt für Schritt anzubringen, ohne Gefahr zu laufen, den Faden zu verlieren und Wichtiges zu vergessen.
  • Ich bin nicht durch die Umgebung abgelenkt oder durch irreführende Gesichtsausdrücke (Ich bemerke nicht, wenn jemand gute Laune nur vortäuscht).
  • Ich hab Notizen in der Hand, die leicht in Erinnerung rufen kann. Zudem vergesse ich Gesagtes rasch und wichtige Aussagen können verlorengehen.)

Natürlich bin ich mir den Vorteilen der direkten Kommunikation bewusst, doch gelten diese Vorteile nicht für MICH. Ich weiß zudem, dass ich die Nachteile des Schreibens nicht vermeiden kann, wie etwa irreführende Aussagen, weil das Gegenüber mein Gesicht und meine Körpersprache nicht sieht (andererseits besser für mich, wenn er/sie das nicht tut), wenn ich eine Aussage kundgebe. Sie könnte falsch und möglicherweise beziehungsschädigend interpretiert werden, je nachdem, welches Bild und welche Vorurteile über mich existieren. Verbal kommunizierende Menschen sind dem Schreiben gegenüber allerdings eher abgeneigt, weil es zu viel Zeit kostet. Warum sollte man eine lange E-Mail schreiben, wenn man jemanden anrufen kann oder sich von Angesicht zu Angesicht unterhält?

Verschieden bedeutet nicht schlechter!

Abschließend noch ein wichtiges Anliegen: Ich beschrieb verschiedene Wege zu kommunizieren – das impliziert nicht, dass verbal oder schriftlich besser oder schlechter ist. In meinen Augen sind beide Wege gleichwertig und gültig. Es gibt noch viel mehr Menschen, die das Schreiben bevorzugen, etwa Autisten (besonders die nonverbalen), Menschen mit Mutismus, gehörlose Menschen, oder die krankheitsbedingt nicht sprechen können. Welche Ursachen oder Begründungen auch dazu führen, dass man das Schreiben der verbalen Kommunikation vorzieht – es sind legitime Formen der Kommunikation.