Leitfaden für Eltern und Lehrer von XXY/Klinefelter

Vorwort:

Zufällig fand ich diesen Leitfaden, als ich nach einem Zusammenhang zwischen Klinefelter-Syndrom und der Schwierigkeit, mit Hintergrundgeräuschen (Reizfilterschwäche) umzugehen, suchte. Auch, wenn meine Schulzeit schon lange vorbei ist, erkannte ich mich in einigen geschilderten Konfliktsituationen wieder. Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Paul Collingridge (KSA) habe ich wichtige Passagen des Leitfaden ins Deutsche übersetzt.

  • um auch anderen Betroffenen im Erwachsenenalter die Möglichkeit zu geben, sich selbst besser zu verstehen; mit der Kindheit und Schulzeit Frieden zu schließen
  • damit Eltern ihre XXY-Jungen besser verstehen und frühzeitig fördern können
  • damit Lehrer begreifen, was für die Betroffenen wichtig ist und sensibilisiert für Betroffene werden, die noch keine Diagnose erhalten haben

Viele der geschilderten Probleme treffen auch auf autistische Kinder zu.

Der übersetzte Leitfaden ist auch als PDF abrufbar: bitte anklicken.

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Was verursacht XXY: ein Exkurs zur X-Inaktivierung

Eine sinngemäße Übersetzung nach James Moore (dessen aufschlussreiche Erklärungen zu einem wichtigen Bestandteil meines Blogs werden), Leiter von www.genetic.org

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XXY ist keine vererbte Veranlagung, sondern ein „Unfall“ während der Meiose, Non-disjunction genannt (eine Visualisierung dazu).

Der Mechanismus, der die Störung verursacht, ist eine Fehlfunktion der X-Inaktivierung. Dieser Artikel erklärt wunderbar, weshalb beide X-Chromosomen bei Frauen „miteinander auskommen“, nicht aber bei Individuen mit XXY:

Interessante Auszüge aus dem Artikel:

Bei Frauen ist eines der beiden X-Chromosom in jeder Zelle inaktiv, ein recht drastischer Schritt, wenn man bedenkt, dass auf einem X-Chromosom über 1000 Gene enthalten sind. Jede Kopie eines X-Chromosoms enthält Genversionen, die nicht auf dem Partner-Chromosom enthalten sind, weshalb Frauen eine höhere Gendichte als Männer mit dem einzelnen X-Chromosom besitzen. Noch wissen die Forscher nicht, wie eine Zelle das Chromosom aussucht, das inaktiv bleibt, aber sie haben eine Reihe von Molekülen identifiziert, die die Stillegung einleiten. Der Anführer dieser Molekülgruppe ist Xist. Xist-Moleküle hüllen das betreffende X-Chromosom ein wie ein Bienenschwarm. Männer müssen mitunter mehr Proteine von ihrem X-Chromosom ausgehend produzieren, weil sie nur eines besitzen. Für Frauen wäre das ein Dilemma, sie würden sich überdosieren, daher wird ein X-Chromosom stillgelegt. Dafür können sie defekte Gene leichter durch die gesunde Kopie des zweiten X kompensieren, während Männer viel anfälliger für Defekte auf dem X-Chromosom sind, z.B. Farbenblindheit. Aber das X-Chromosom birgt auch Risiken bei Frauen. Wenn eine Zelle damit aufhört, Xist herzustellen, wacht das inaktivierte X-Chromosom auf. Die zusätzlich produzierten Proteine können zu unkontrolliertem Zellwachstum und damit zu Krebs führen.

Die Leute fragen oft, woher wir *wissen*, dass das zusätzliche X tatsächlich das zusätzliche Chromosom – im Gegensatz zum Y, das extra sein könnte. Die Fehler der X-Inaktivierung sind ein exzellenter Beweis dafür, dass das zweite X-Chromosom zusätzlich ist. XXY ist keine Frau mit einem angehängten Y, sondern ein Mann mit einem extra X. Und zwei X-Chromosomen kommen nicht miteinander aus.

Gemäß von Experten wie Dr. Nicole Tartaglia (eXtraordinarY Kids Clinic in Denver) führt die Sichtweise zur X-Inaktivierung über drei Wege:

  1. Die beiden X-Chromosomen könnten ihre Botschaften verdoppeln – die Botschaft damit verstärken (zu viel)
  2. Die beiden X-Chromosomen könnten widersprüche Botschaften senden – eines sagt „ja“ und das andere „nein“ (gemischte Botschaft)
  3. Beide X-Chromosomen könnten stumm bleiben, wenn eines von beiden senden sollte (ungenügend)

Diese drei Varianten veranschaulichen, wie Unterschiede in der X-Inaktivierung das Spektrum möglicher Auswirkungen ausmachen können. Das Scheitern der X-Inaktivierung unterscheidet sich wesentlich von Botschaft zu Botschaft.

Zu beachten ist außerdem, dass beispielsweise bei XYY kein Mechanismus für Y-Inaktivierung existiert. Es wird niemals vorausgesetzt, dass zwei Y-Chromosomen nebeneinander existieren, weshalb die beiden Y-Chromosomen von Beginn an nicht miteinander klarkommen (wie „typische Männer“). Doch die Auswirkungen sind ähnlich … eines der beiden Y-Chromosomen versagt bei der Abschaltung und das andere übernimmt das Reden.

Wenn man weitere Variationen betrachtet, etwa XXXXY, XXYY, etc…, und dass Fehler bei der X- (und Y-) Inaktivierung kombiniert werden, liegt es auf der Hand, dass zusätzliche Chromosomen zu immer größeren Auswirkungen führen. Umgekehrt hilft uns das auch beim Verständnis, weshalb die Mosaikform 46,XY/47,XXY leichter betroffen ist. Abhängig davon, wie sich die Mosaikform äußert, sind manche Betroffene sogar fertil.

Ein letztes Wort noch zu den Streitigkeiten darüber, wie XXY mit der Geschlechterfrage „männlich/weiblich“ zusammenhängt. Es gibt ÄUSSERST seltene Fälle mit Frauen und XXY-Chromosomensatz. Die bekannten Fälle lassen sich an einer Hand abzählen. In diesen Fällen ist das Y-Chromosom zusätzlich und macht sich durch Bruchstücke des angehefteten Y-Chromosoms  am sonst typisch weiblichen XX-Aufbau bemerkbar. Die neuesten Informationen deuten darauf hin, dass viele Frauen an ihren beiden X-Chromosom ein Bruchstück des Y-Chromosom angeheftet haben könnten, aber das ist ein ganz anderes Phänomen, das nichts mit 47,XXY zu tun hat.

Eine andere Sichtweise zu Autismus-Spektrum-Störungen

(Sinngemäße) Übersetzung eines Artikels von James Moore*, Geschäftsführer von AXYS (Association for X and Y Syndromes)


XXY und weitere X- und Y-Chromosomenvariationen zeigen einen sehr hohen Anteil an komorbiden Krankheitsbildern, beispielsweise ist XXY die ursprüngliche Diagnose und Hypogonadismus eine Folgediagnose, die bei nahezu 100 % der XXY auftritt.

Ähnlich verhält es sich mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) – sie sind Begleiterscheinungen von XXY. Entsprechend ist ASD kein unabhängiges Krankheitsbild, das zufällig gleichzeitig auftritt, sondern beide sind miteinander verwandt, und ebenso wie Hypogonadismus ist ASD die Folge von XXY.

Um den Unterschied zu veranschaulichen: Ich kenne einen jungen Mann mit 48,XXYY, der zystische Fibrose hat. Beide Krankeitsbilder – beide genetisch – sind komplett voneinander unabhängig. Man nennt sie gelegentlich „Doppeldiagnose„.

Warum ist das wichtig? VIELE Individuen mit XXY werden zuerst mit ASD diagnostiziert.  XXY könnte (oder auch nicht) später entdeckt werden. Unterdessen wird ASD behandelt, als sei es DIE ursprüngliche oder EINE ursprüngliche Diagnose. Wenn sowohl ASD als auch XXY diagnostiziert werden, werden sie wie eine Doppeldiagnose behandelt. Aber im Fall von XXY ist ASD eine Begleiterscheinung von XXY.

Der Anteil der Diagnosen für XXY liegt bei etwas weniger als 25 %. Aber, wie ihr wisst, ist eine ASD-Diagnose so häufig, dass die nach meinem Wissen neuesten Zahlen mehr als 1:80 angeben. Die Gefahr besteht, dass eine Person eine ASD-Diagnose erhält und die Suche dort endet. Tatsächlich jedoch offenbaren VIELE genetische Diagnosen ASD als komorbide Diagnose. Wenn also ein Kind eine ASD-Diagnose erhält, sollte die Suche nicht bei ASD aufhören. Das sollte der Auftakt für die Suche nach der WIRKLICHEN Diagnose sein. Unglücklicherweise ist das viel zu selten der Fall.

ASD und die Behandlung von ASD ist entscheidend. Ich möchte hier in keinster Weise andeuten, dass sie unwichtig ist. Aber wenn ein Kind mit ASD diagnostiziert wird und die Suche dort aufhört, sehen wir viel zu viele Kinder, deren Diagnose kaum an der Oberfläche kratzen, und viel zu viel Verwirrung über die Ursache von ASD.

* mit dessen freundlicher Genehmigung, den Text auf meinem Blog teilen zu dürfen

In einem Satz:

Testosteronmangel und Autismus sind Komorbidität/Begleiterscheinung/Folge von der genetischen Signatur XXY, während zystische Fibrose eine unabhängige Diagnose (-> Doppeldiagnose) ist.

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Meine Anmerkung:

Andererseits endet besonders in Europa, wo Autismus weniger populär ist und die Wartezeiten für eine Autismus-Diagnose aufgrund des Expertenmangels recht lange sind (im Durchschnitt 12 bis 18 Monate), die Suche häufig mit XXY und Hypogonadismus wird als primäre Diagnose betrachtet, die nachfolgend mit Testosteron behandelt wird und für die meisten XXY-Betroffenen war’s das. Die meisten XXY glauben wahrscheinlich, die Ersatztherapie mit Testosteron heilt alles. Zudem richten sich die meisten Autismus-Zentren in Deutschland und Österreich an Kinder und Jugendliche, aber die große Mehrheit der XXY wird im Erwachsenenalter diagnostiziert. Dann ist es noch viel unwahrscheinlicher, zufällig eine zweite Autismus-Diagnose zu erhalten.

PS: Das neutrale condition habe ich mit Veranlagung übersetzt, im pathologischen Sinn würde man Krankheitsbild dazu sagen.

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XXY and other X and Y chromosome variations exhibit a very high rate of related symptoms and comorbid conditions. An ideal illustration is hypogonadism associated with XXY – nearly 100%. The XXY is the primary condition, and the hypogonadism is a related condition that is there as a result of XXY.

Similarly, autism spectrum disorders (ASD) are conditions that are an outgrowth of and related to the XXY. ASD is not an independent, unrelated condition that appears coincidentally. The two are related, and XXY is the source.

To illustrate the difference, I know a young man who has 48,XXYY and he has cystic fibrosis. These two conditions – both genetic – are wholly unrelated. One is not a comorbid condition of the other. They are what is sometimes called a „dual diagnosis.“

Why is this important? MANY individuals with XXY are first diagnosed with ASD. The XXY might (or might not) be discovered later. Meanwhile, the ASD is treated as if it’s THE primary or A primary diagnosis. If ASD and XXY are both diagnosed, they are treated as if they are dual diagnoses. But, in the case of XXY, the ASD is an outgrowth of the XXY.

Diagnosis rates for XXY are slightly less than 25%. But, as you know, ASD diagnosis is so prevalent that the last numbers I heard are greater than 1:80. The risk is that a person gets an ASD diagnosis and the search ends there. In fact, however, MANY genetic conditions exhibit ASD as a comorbid condition. So, when a child is diagnosed with ASD, the search should not end with ASD. That should be the starting point for the REAL diagnosis. Unfortunately, far too often, that is not the case.

ASD and treatment for ASD is crucial. I’m not in any way suggesting that it’s unimportant. But when a child is diagnosed with ASD and the search ends there, we see far too many children whose diagnosis barely scratches the surface, and far too much confusion about the source of ASD.

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My remark:

On the other hand, especially in ctrl europe where ASD is less popular and waiting time for ASD diagnosis is very long (1-1,5 years in average) due to the lack of ASD experts, the search often ends with XXY and hypogonadism is considered as the primary diagnosis which will be subsequently treated with testosterone and for most XXY people, that’s it. Most XXY probably believe that TRT will cure everything. In addition to that, most ASD centers in Germany and Austria are addressed to children and adolescents but the vast majority of XXY will be diagnosed in adulthood. Then it’s far less likely to obtain a secondary ASD diagnosis by chance.

Summary and additional information by the AXYS brochure: http://www.genetic.org/Portals/Public/Brochures/AXYS/XXY/Brochure.pdf