Testosterontherapie und dennoch fruchtbar bleiben?

Aromatase-Inhibitoren werden in XXY-Zentren als Alternative bzw. Ergänzung zur Testosterontherapie verwendet, um einen Kinderwunsch aufrechtzuerhalten. Die Hypothese dabei ist:

  • Die Spermienproduktion ist auf das Verlangen nach Testosteronproduktion durch die Hoden angewiesen.
  • Das Verlangen stammt von dem bekannten Feedbackloop, der mit den Gonadotropinen LH und FSH verbunden ist.
  • Von außen zugeführtes Testosteron kann das Verlangen des Körpers zufriedenstellen.
  • Einmal zufriedengestellt stoppt der Körper die Testosteronproduktion durch die Hoden und damit auch die Spermienproduktion.
  • Daher ist die Zufuhr von Testosteron von außen nicht geeignet, um die Fruchtbarkeit zu bewahren. Die Technik der TESE (Spermienextraktion aus dem Hoden) schlägt dann wahrscheinlich fehl, weil keine lebensfähigen Spermien mehr gefunden werden.

Verringerte Mengen an Testosteronzufuhr können die Fruchtbarkeit bewahren, weil das Bedürfnis des Körpers nicht zufriedengestellt wird. Zusätzliche oder alternative Aromatase-Inhibitoren können den Körper dazu bringen, die Umwandlung von Testosteron in Östradiol zu verändern. Damit kann die therapeutische Dosis weiter verringert werden und dennoch die gewünschten positiven Auswirkungen der Hormontherapie vollbringen. Aromatase-Inhibitoren werden nur vorübergehend verwendet, bis die Vorgänge zur Unterstützung der Fruchtbarkeit abgeschlossen sind. Danach würde der Patient zur konventionellen Testosterontherapie übergehen.

Das Medikament wird „off-label“ geführt und hat sich als sicher und effektiv herausgestellt (wie von Dr. Paduch und Dr. Schlegel in der Praxis eingesetzt), dennoch ist es umstritten.

„Off-label“-Gebrauch vieler pharmazeutischer Produkte ist nicht ungewöhnlich und normalerweise ethisch vertretbar. Off-label bedeutet generell, dass das Pharmaunternehmen das Medikament nicht für den Off-Label-Zweck zertifiziert hat, da diese Zertifikationen oft viel zu teuer sind und bei geringem Kundenkreis eine solche Investition nicht gerechtfertigt ist.

Bei Aromatase-Inhibitoren handelt es sich nicht um ein waghalsiges Experiment, sondern es ist an der Cornell University gut erforscht worden. In den USA ist die „Unterstützte Fruchtbarkeit“ extrem teuer für XXY-Männer. Für den ersten Versuch nannten Dr. Schlegel und Dr. Paduch Kosten zwischen 40 000 und 6000 Dollar, die nicht von der Versicherung übernommen werden, weshalb diese Behandlung für die meisten XXY-Männer und deren Familien nicht erschwinglich ist.

Bisher existieren noch keine kontrollierten Studien über die Wirksamkeit, auch wenn moderate Erfolge verzeichnet wurden. Allerdings liegt das zum Teil auch an der sehr geringen Teilnehmerzahl aufgrund der horrenden Kosten.

Quelle: James Moore, AXYS – Association for X and Y chromosome Syndroms; weiterführende Informationen auf  http://www.genetic.org/

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Ist die Unfruchtbarkeit behandelbar?

Im an sich wichtigen Artikel des Nachrichtenmagazins DerSpiegel über Vorsorgeuntersuchungen bei jungen Männern ist auch ein Absatz über das Klinefelter-Syndrom zu lesen:

Auch das Klinefelter-Syndrom, eine angeborene Chromosomenstörung, die ohne frühzeitige Behandlung zeugungsunfähig macht, könnte rechtzeitig erkannt werden.

Das ist allerdings so nicht zutreffend.

Zeugungsunfähig macht nicht die Chromosomenstörung alleine, sondern der Hypogonadismus (Testosteronmangel) und der frühe Verlust der Keimzellen. Behandelt werden kann die Unfruchtbarkeit nicht, sondern man kann nur frühzeitig versuchen, lebende Spermien aus den Hoden zu entnehmen. Als unfruchtbar gelten rund 92 % der Männer mit Klinefelter-Syndrom, wobei die Wahrscheinlichkeit für lebensfähige Spermien erhöht ist, wenn nicht alle Zellen 47,XXY enthalten, sondern ein gemischter Chromosomensatz (Mosaikform), d.h. 46,XY/47,XXY vorliegt.

Im Gegenteil, eine frühzeitige Behandlung minimiert die Chancen auf noch vorhandene Fruchtbarkeit, wie beispielsweise in diesen beiden Artikeln hingewiesen wird:

NIESCHLAG ET AL. 2013:

In any event, if patients with Klinefelter syndrome wish to have children the initial step is to interrupt testosterone substitution, as testosterone suppresses residual spermatogenesis. In patients already receiving testosterone substitution, it must be interrupted for at least three to six months to allow remaining spermatogenesis to recover.

WISTOBA ET AL. 2013:

For example, testosterone treatment on a KS adolescent patient might result in an improved cognitive performance and may well treat their hypogonadism, but it will concurrently kill the few remaining testicular germ cells that the patient might have.

Der Irrtum, dass Testosteronzufuhr die Fruchtbarkeit erhöhe, rührt vermutlich daher:

6.) Sport

Sport und körperliche Fitness sind gut für die Qualität der Spermien. Durch das Training wird neben der allgemeinen Gesundheit auch der Testosteronspiegel erhöht. Lediglich bei extremen Ausdauersportlern sinken der Testosteronspiegel, die Libido und die Qualität der Spermien.

Hormonpräparate zu Steigerung des Muskelwachstums können erheblich die Produktion von Spermien reduzieren, da häufig die Hoden aufgrund der externen Testosteronzufuhr ihre eigene Testosteronproduktion einstellen.

Quelle: http://www.novafeel.de/sexualitaet/schwanger-werden/fruchtbarkeit-mann-erhoehen.htm

Den natürlichen Testosteronspiegel erhöhen, in dem man mehr Sport treibt ja, aber nicht durch künstliche Testosteronzufuhr!

Auch dieser Artikel warnt ausdrücklich davor, Unfruchtbarkeit mit Testosteronpräparaten zu behandeln:

Unfortunately, this concept is not widely recognized by physicians and even by some urologists, and it is extremely common for men to be treated in this manner.

[…]

The treatment you think you are using to help you could be the main thing preventing you from realizing your dream.

Quelle: http://www.mensfertilityct.com/male-infertility-and-testosterone.html

Wie fatal sich eine falsche Therapie bei Kinderwunsch auswirken kann, zeigt dieses Beispiel.

Fazit:

Die Zeugungsunfähigkeit lässt sich bei XXY nicht behandeln, sie ist angeboren. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass noch lebensfähige Spermien vorhanden sind. Je früher XXY erkannt wird, desto besser sind die Chancen, noch lebensfähige Spermien zu extrahieren. Die künstliche Zufuhr von Testosteron, die eigentliche Behandlung des Klinefelter-Syndroms, tötet die meist nur wenigen, verbleibenden Spermien ab. Die Chancen, dann noch Kinder zu bekommen, sinken gegen Null.