Vorurteile, wohin man schaut

Nur eine Kurzfassung meiner Gedanken:

Autismus: hat Fähigkeiten wie Rain Man, lebt in seiner eigenen Welt, ist aggressiv (Amokläufer), kann nicht reden oder kommunizieren, hat keine Gefühle, kann nicht in die Augen schauen, hat und will keine Freunde, geht nicht auf Konzerte, ist nicht gesellig, ist ein Computer-Nerd, ist geistig behindert, kann nur in Behindertenwerkstätten arbeiten, etc…

AD(H)S: Zappelkinder, brauchen alle Ritalin, um zu funktionieren

Klinefelter: Nie gehört, was ist das? Ach so, Testosteronmangel. Ja, dann ist es ja eh heilbar, lebenslange Testosterontherapie reicht. Eher unterdurchschnittlich intelligent, Legastheniker. Unfruchtbar.

etc,etc …

Egal ob körperliche Behinderung oder Verhaltensstörung (Betroffene, die großen Leidensdruck empfinden, sehen es als Störung – Betroffene, die besser damit umgehen können oder milder betroffen sind, sehen es eher als Veranlagung, als etwas, das eben dazu gehört und so akzeptiert wird) –  überall findet man haarsträubende Vorurteile und auch nicht die Neugier, sich damit profund auseinanderzusetzen.

Betroffene könnten sehr gut damit leben, wenn die Gesellschaft sich nicht so scheiße verhalten würde, sich selbst als normal betrachtet und alles andere als abnormal und damit weniger Wert. Der inklusive Teil der Gesellschaft fehlt völlig. Barrierefreiheit beginnt bereits in den Köpfen! Nennt sich auch Empathie, sich in die Rolle des anderen hineinversetzen zu können.

Es macht mich wütend, dass der Kampf gegen die Vorurteile wesentlich mehr Kraft kostet als sich selbst anzunehmen, so wie man ist. Erst die Umgebung drückt den Stempel der Abnormalität auf, weil sie nur die Schwächen sieht, nicht die Stärken.

Ist die Welt klinefeltertauglich?

Nicht wirklich.

Da das Klinefelter-Syndrom noch weniger bekannt ist als andere tiefgreifende Entwicklungsstörungen, muss hier noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.  Sieht man von den spärlichen Informationen auf Wikipedia ab, besteht sogar ein gewisser Vorteil, weil die Öffentlichkeit mit Klinefelter in den meisten Fällen nichts anfangen kann. Leider wissen auch viele Psychotherapeuten und Ärzte nur wenig bis nichts darüber. Und in einem Zeitalter, wo Fortbildung in Eigenregie in der Freizeit und auf eigene Kosten zu erfolgen hat, ist es schwierig, von den Ärzten zu verlangen, sich gefälligst darin fortzubilden.

Wir hätten weitaus weniger Sorgen mit angemessener Behandlung und Betreuung von Kindesbeinen an, wenn es mehr Spezialisten gäbe, die sich damit auskennen. So wie in den USA etwa, in den Niederlanden oder in Großbritannien.

Für die Klinefelter-Betroffenen, die ohnehin mitten im Leben stehen, Familie & Beruf haben, sich mit der Kinderlosigkeit abgefunden bzw. einen Weg, sie zu umgehen gefunden haben (etwa ICSI oder Adoption), ist ein Outing nicht das Problem bzw. oft gar nicht notwendig. Aber was ist mit den anderen, die so markante Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, dass sie in allen Teilbereichen des Lebens auf Schwierigkeiten stoßen? Für diese habe ich diesen Blog hier erstellt. Weil ich es schlicht und einfach satt habe, alles totzuschweigen. Erst, wenn die Öffentlichkeit mehr darüber erfährt, besteht auch der Anreiz, öffentliche Gelder in die Hand zu nehmen und die Betroffenen besser zu unterstützen, sei es durch staatliche Förderungen, Stiftungen oder Spenden. Förderung ist aber nicht alles, auch Verständnis muss geschaffen werden, für so viele, die von der gesellschaftlich postulierten Norm abweichen. Die Werbeindustrie und die Journalisten werkeln kräftig mit an diesem Menschen-Idealbild, das die wenigsten erfüllen können.

Um die Welt klinefeltertauglich zu machen, muss sie also über Klinefelter aufgeklärt werden, nicht mit Klischéebildern, sondern mit handfesten Informationen, genauso mit dem Hinweis, dass Klinefelter-Männer individuell verschieden sind. Dass ein Spektrum vorhanden ist, und vor allem, dass Klinefelter-Männer nicht nur Schwächen, sondern auch Stärken aufweisen.  Wenn es doch zutrifft, dass in vielen Klinefelter-Männern ein Aspie steckt, dann treffen auf ihn mitunter auch die positiven Kriterien zu, die Tony Attwood für Asperger-Autisten entwickelt hat.

Mir geht es also um beides. Sowohl darum, dass das Klinfelter-Syndrom möglichst früh bei Betroffenen erkannt wird, um rechtzeitig fördern, den Testosteronspiegel ausgleichen und ggf. psychologische Unterstützung geben zu können, aber andererseits auch hervorzuheben, dass wir keine Belastung für die Gesellschaft sind, nur durch unser Andersein. Ich glaube, dies umzusetzen, versteht man als Inklusion. Leider wissen die meisten immer noch nicht, was das ist.