Leitfaden für Eltern und Lehrer von XXY/Klinefelter

Vorwort:

Zufällig fand ich diesen Leitfaden, als ich nach einem Zusammenhang zwischen Klinefelter-Syndrom und der Schwierigkeit, mit Hintergrundgeräuschen (Reizfilterschwäche) umzugehen, suchte. Auch, wenn meine Schulzeit schon lange vorbei ist, erkannte ich mich in einigen geschilderten Konfliktsituationen wieder. Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Paul Collingridge (KSA) habe ich wichtige Passagen des Leitfaden ins Deutsche übersetzt.

  • um auch anderen Betroffenen im Erwachsenenalter die Möglichkeit zu geben, sich selbst besser zu verstehen; mit der Kindheit und Schulzeit Frieden zu schließen
  • damit Eltern ihre XXY-Jungen besser verstehen und frühzeitig fördern können
  • damit Lehrer begreifen, was für die Betroffenen wichtig ist und sensibilisiert für Betroffene werden, die noch keine Diagnose erhalten haben

Viele der geschilderten Probleme treffen auch auf autistische Kinder zu.

Der übersetzte Leitfaden ist auch als PDF abrufbar: bitte anklicken.

Einleitung:

Es stimmt, dass viele XXY-Buben später ein unauffälliges Leben führen und nicht einmal dessen bewusst sind, ein zweites X-Chromosom zu besitzen, aber es scheint so, als hätten alle bessere Erfahrungen in der Schulzeit gemacht, wenn sie entsprechende Bedingungen vorgefunden hätten. Stattdessen wurden sie vom System aussortiert und viele verließen die Schule mit geringem Selbstwertgefühl, Frust, Versagensängsten, Ungerechtigkeit, gemobbt und ausgestoßen.

Lernschwierigkeiten bei XXY resultieren aus einer Reihe von Faktoren: Sprachverarbeitung, Mobbing (speziell während der Teenager-Jahre), medizinische Behandlung, Konzentration, Selbstwertgefühl, etc…. diese Probleme beeinflussen sich gegenseitig, weshalb das Kind einer erhöhten Wahrscheinlichkeit ausgesetzt ist, Lernschwierigkeiten zu entwickeln, die sonst kontrollierbar wären.

Sprache und Artikulation

Die wahrscheinlich häufigste Eigenheit von XXY-Buben in der Schule ist ihre Schwierigkeit mit Sprache, was vor allem in der späteren Schulzeit zum echten Problem wird. Wenn mündliche Prüfungen und Aufsätze schreiben immer wichtiger werden, ist der XXY-Schüler im Nachteil. Häufig entstehen Probleme mit der Interpretation der Fragen und eine Antwort zu formulieren.

  • Aufgabenstellungen scheinen oft verpasst zu werden, können dem Lehrer gegenüber oft nicht wiederholt werden. Je komplexer die Aufgabenstellung, desto unwahrscheinlicher, dass sie befolgt wird. Lange Sätze gehen verloren. Strichlisten sind besser, aber mehrere Aufgaben zugleich (Multitasking) verursacht Schwierigkeiten. Kurze Anweisungen sind notwendig.
  • Aufgabenstellungen erfordern häufige Wiederholungen während einer Aufgabe, besonders wenn mehrere Aufgaben in Folge erledigt werden müssen.
  • Er kann nicht mehr als ein paar Sekunden zuhören. Zusammen mit einer sehr geringen Aufmerksamkeitsspanne resultiert das in frustrierenden Maß an Ablenkung für alle.
  • Hintergrundgeräusche während dem Versuch, Aufmerksamkeit zu schenken, sind stark ablenkend, ebenso Bewegungen. Folglich hat ein Lehrer selbst dann wenig Erfolg, wenn er 1:1 mit ihm arbeitet, wenn im Klassenzimmer zu viel Hektik herrscht. Hausarbeiten werden selten erledigt, wenn Bruder oder Schwester im gleichen Raum mit etwas beschäftigt sind. Und Eltern sollten nicht mit ihrem XXY-Sohn eine Diskussion beginnen, wenn im Hintergrund der Fernseher läuft. Selbst eine tickende Uhr oder ein Pfeifgeräusch können schon zu viel sein.
  • Er vergisst rasch, was gesagt wird. Visueller Input hilft hier – ein Bild sagt definitiv mehr als tausend Worte. Ein erstaunliches Gedächtnis für Bilddaten wird völlig vernichtet, wenn die Aufgabe in Worte umgewandelt wird.
  • Oft ist er verbal weit hinter den Gleichaltrigen, bei denen er bei den meisten Aufgaben sonst mithalten kann.
  • Ein schlechter Kommunikator. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit dem Selbstwertgefühl.
  • Er interpretiert wörtlich. Allgemein widerspiegelt seine Wortwahl Schwarz-Weiß-Denken. Für ihn ist es schwierig, zwischen den Zeilen zu lesen. Das kann Beziehungen zerstören, wenn im Spaß Gesagtes zu Herzen genommen wird. Spaßige, jungenhafte, sarkastische Kommentare, abwertende Begriffe werden meist falsch interpretiert.
  • Schwierigkeit in Gesprächen: Dialoge bestehen oft aus kurzen, einsilbigen Antworten mit längeren Pausen, wenn über Antworten nachgedacht wird (die Stille wird meist durch das Gegenüber ausgefüllt, wodurch die Kommunikation noch einseitiger wird).
  • Schwierigkeiten, eigene Gedanken, Meinungen und Bedürfnisse auszudrücken. Kann durch ein starkes Verlangen nach Routinen begleitet sein, wenn Änderungen bevorstehen. Wenn Kompromisse gesucht werden, sind die Bedürfnisse des Buben oft vernachlässigt. Oftmals werden sie sagen, dass die Situation OK ist, wenn das offensichtlich nicht der Fall ist.
  • Aufsätze verfassen wird zu einer sehr frustrierenden Erfahrung – Vokabular, Grammatik, logischer Aufbau, Wortfindung, schlechte Handschrift und komplexe Vorstellung lassen den Jungen damit zurück, dass er nicht weiß, wo und wie er anfangen und weitermachen soll. Wie er abschließt, ist selten ein Problem, da er selten zum Abschluss kommt.

Strategien für Lehrer

Das größte Thema für XXY-Buben ist der Umgang mit Vokabeln und die Verarbeitung des Gehörten. Anweisungen gehen beständig verloren und der verbale Ausdruck ist wahrscheinlich sowohl unverfügbar als auch ermüdend.  Es besteht außerdem das Problem mit der Konzentration, vergleichbar mit ADS/ADHS, welches beim Kind mentale Überforderung erzeugt, wenn es einen klaren Kopf bräuchte und es besser wäre, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Zu große Klassen und mangelnde Disziplin tragen dazu bei, den Fortschritt zu behindern. Selbst relativ kurze 1:1-Phasen, auf die die Arbeit in einer ruhigen, unterstützenden und produktiven Umgebung folgen, haben gezeigt, dass es eine deutliche Verbesserung geben kann, und – was noch wichtiger ist, das Selbstwertgefühl und das Gefühl für seine Fähigkeiten steigern kann.

Umgebung

  1. Ruhige und entspannte Klassenräume verringern die Wahrscheinlichkeit ständiger Ablenkung und ermöglichen entsprechend die Konzentration auf die anstehenden Aufgaben. Ruhe ist oft ein unerreichbares Ideal in Klassenzimmern, doch Gespräche, die nichts mit der Aufgabe zu tun haben, oder plötzliche Ausrufe helfen bestimmt nicht. Viele XXY-Buben haben ein sehr empfindliches Gehör. Pfeifende Elektronik, tickende Uhren können sie zur Verzweiflung treiben und ungeahnte Frustration und Wut auslösen, während es allen anderen trivial erscheint.
  2. XXY-Buben bemerken oft all jene Dinge im Klassenraum, die für den Lehrer unbedeutend oder unwichtig erscheinen. Es gibt eine schwierige Balance zwischen Ablenkung und Anregung. Helfen die Bilder an der Wand und die Objekte rund herum, bei einer Aufgabe zu bleiben, oder begünstigen sie zum Abschweifen? Sichtbare Reize können für diese Buben ein mächtiges Werkzeug sein, unterschätze nicht die Macht von etwas scheinbar Trivialem, das ins Blickfeld gerät – wo das Auge hinführt, wird der Geist rasch folgen.
  3. Routine: Schau darauf, wenn der XXY-Bub seine eigenen Routinen entwickelt – manche können den Fortschritt unterbinden -, er muss die Bedürfnisse und Erfordernisse der anderen anerkennen, und dass er nicht immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
  4. Hausarbeiten sind ein wichtiger Teil der heutiger Erziehung, doch hat der Lehrer wenig Kontrolle über die Umgebung zuhause. Schlafzimmer, zwar ruhig, sind often angefüllt mit zahlreichen Ablenkungen, die viel spannender sind als die Protagonisten von FAUST zu beschreiben! Ein sauberer Schreibtisch mit fixen Werkzeugen sind wichtig. Esszimmer können geeignet sein, wenn es bequeme Stühle und einen großen Tisch gibt, doch kann das alles wertlos sein, wenn ein Fernseher im Hintergrund läuft, selbst leise, und alles mögliche von Cartoons bis Shopping-Kanälen anzeigt!
  5. Regelmäßigkeit: Sorge für einen regen Austausch zwischen Lehrer und Eltern versichere Dich besonders, dass Regeln und Protokolle auf beiden Seiten erfüllt werden.

Anweisungen

6. Weiß das Kind, was es als nächstes tun muss? Man mag es im zwar mehrfach gesagt haben, aber Wiederholung ist keine Garantie für Verständnis. Das Kind hat größere Schwierigkeiten, mehrere Anweisungen zu verinnerlichen als andere in der Klasse, deshalb sollten Anweisungen entweder schrittweise abgearbeitet werden oder sehr klare, kurze Anweisungen in einer einfachen Liste niedergeschrieben werden, die abgehakt wird, sobald sie vollständig ist. Wiederholung in allen Stadien der Arbeit ist oft hilfreich, da der Schüler dann Fortschritt und Getanes mit dem Gedächtnis verbinden kann.

7. Sprich langsamer und lege Pausen ein, damit die Informationen sacken können.

8. Kann der Schüler die Liste der Aufgaben wiederholen? Das ist eine Art Maßstab, aber Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis bedeuten wahrscheinlich, dass diese Anweisungen nicht lange behalten werden können. Für jüngere Kinder sind bildhafte Aufgabenstellungen geeignet. Ältere Kinder reagieren gut auf Beispiele einer erledigten Aufgabe oder Stadien der Arbeit. Den Schüler darum bitten, diese Beispiele in die richtige Reihenfolge zu bringen, kann ebenso das fördern, was verlangt ist.

9. Wenn der Schüler etwas zuhause erledigen soll, ist es von entscheidender Bedeutung sich zu versichern, dass die aufgeschriebenen Aufgabenstellungen sowohl für die Eltern als auch den Schüler klar sind. Besonders wenn es um Kontext und Einschränkungen geht. Viele XXY-Buben sind von Details besessen und schwer in der Lage, das größere Bild zu sehen. Eine Geschichte wird wahrscheinlich nicht über die Anfangsszene hinaus entwickelt, Charaktäre werden bis auf die Farbe ihrer Socken beschrieben, und mit Probleme im Ausdruck führt die ganze Aktivität sehr wahrscheinlich zu Frustration und sehr geringem Fortschritt. Stelle Richtlinien fürs Schreiben auf, dass die einzelnen Teilbereiche nicht zu reglementiert sind, beispielsweise ist „maximal etwa eine halbe Seite“ weit besser als „ungefähr 150 Wörter“.

10. Mit zunehmendem Lebensalter wird es immer wichtiger, mit Anweisungen umgehen zu können. Deswegen sollte man das Kind nicht entmachten, indem man zu viel Kontrolle übernimmt, sondern stattdessen seine eigenen Fertigkeiten langsam aufbauen und ihn seine Fähigkeiten entwickeln lassen, damit er selbstsicherer wird und Selbstvertrauen aufbaut.

11. Anweisungen werden häufig vergessen, sobald sich der Bub auf seine Aufgabe konzentriert. Sieh zu, Fertigkeiten zur Verbesserung es Kurzzeitgedächtnisses und besonders dem verbalen Gedächtnis zu entwickeln, damit er auf die weit weniger tolerante und oft nachtragende Arbeitswelt vorbereitet wird.

12. Lehre solide verlässliche Techniken für Aufgaben, die universell anwendbar sind, z.B. Aufsatzgliederung, Laborberichte, Grundrechenarten. Ermutige sie zu Listen und diese durchzugehen, bevor sie damit anfangen.

13. Mit der Zeit kann man die Listen ausbauen, um zu beschreiben, wie sie eine Aufgabe bewältigen, Prioritäten aufstellen und die Teilaufgaben reihen. Einen Prozess zu schreiben verbindet Gedanken, Bewegung und Worte.

Bestandteile

Ermutige sie den ganzen Tag über zum Gebrauch einer treffenden Ausdrucksweise, mit Rücksichtnahme auf ihre besonderen Schwierigkeiten. Das Ziel ist, sie in dieser Umgebung zum Erfolg zu ermutigen und Wege zum Erreichen dieses Zieles zu entdecken. In entscheidenden Augenblicken ist das Kind mit dem Vorgang vertraut und erfahrener.

14. Überwache die Techniken, die verwendet werden, um Schlüsselteile jeder Aufgabe auszuführen. XXY-Buben können unnachgiebig werden, wie eine Aufgabe bewältigt werden sollte, doch ist diese Herangehensweise recht ineffizient.  Frühzeitiges Einschreiten, um gute oder zumindest angemessene Praktiken, Gewohnheiten und Routinen anzuerziehen, ist viel prodDuktiver als im Rückblick die perfekte Technik einzuführen versuchen. Der Wunsch nach einem System kann zu Deinem Vorteil verwendet werden, wenn es Dir gelingt, frühzeitig gute Gewohnheiten einzuimpfen. Sei aber nicht überrascht, wenn das Kind langsam darin ist, auf dieser Grundlage eine ausgereiftere Technik aufzubauen. Deshalb sollte ein Gleichgewicht darin gefunden werden, bezüglich dem vereinfachten Erlernen einer vorliegenden Aufgabe versus seiner Langzeitanwendbarkeit. Entsprechend ist es sehr wichtig, dass Lehrer und Eltern frühzeitig Stärken und Schwächen des Kindes erkennen.

15. Prioritäten beim Unterrichten – unserer Erfahrung nach sind viele XXY-Buben langsamer als ihre Gleichaltrigen beim Abschließen von Aufgaben im Klassenraum, sei es durch mangelnde Konzentration, Missverständnisse, Hindernisse beim Antwort finden, Ablenkung durch Details, etc… am Ende zählt, ob es beendet wurde oder nicht, und das kann einen hohen Erwartungsdruck mit sich bringen. Versuche nicht, dem Schüler gebenüber eine Liste an Prioritäten auszugeben, sondern ermutige ihn dazu, sich durch den ganzen Prozess zu arbeiten und seine eigene Liste aufzustellen. Lehrer sind dazu angehalten, spezielle Unterrichtsziele für diese Kinder zu entwickeln, wenn sie eine Unterrichtsstunde planen. Das bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit Eltern und anderen, um die Erfahrung im Klassenzimmer zur Lebenskunde umzuwandeln.

16. Auszeiten. Konzentration ist sehr ermüdend und kann zu Konzentrationsmängeln und kurzem Geduldsfaden führen. Er mag sich für eine ruhige Ecke zum Arbeiten entscheiden, das sollte kein Problem sein. Die anderen Kinder in der Klasse sollten das zugestehen und ihn in dieser Zeit alleine lassen, aber ihn auch willkommen heißen, wenn er sich dafür bereit fühlt. Er hat sie nicht zurückgewiesen, sondern eher die Spannung abgeschüttelt, die sich in ihm aufbaute.

17. Lerntechniken werden im Leben immer wieder benötigt, und wenn man sich gute zurechtgelegt hat, hilft das den Druck im Studium zu erleichtern. Vorschläge beinhalten …

a. Wie man seine Tasche packt, um sich zu versichern, dass alles wichtige vorhanden ist
b. Wie man seinen Schreibtisch anlegt, bevor man mit der Arbeit beginnt
c. Prüfungsfragen durchgehen
d. Zeitmanagement
e. Geschichten schreiben
f. Aufsätze gliedern und untergliedern
g. Notizen machen – der Gebrauch allgemeiner Symbole als Ersatz für lange Wörter, Überschriften, Strichlisten, Tabellen
h. Nachforschungen, besonders wann man mit der Suche aufhören sollte und mit dem Zusammenfügen weitermacht
i. Wiederholen für Prüfungen
j. Umgang mit Kritik an der Arbeit, Korrekturen, Zusammenfassungen
k. Arbeitsprotokolle und Laborberichte

18. Hab keine Furcht davor, ergänzende Techniken in den Lernprozess einzubauen, aber überwache und überprüfe deren Gebrauch in sehr regelmäßigen Abständen. Ein Taschenrechner ist ein akzeptables Mittel, um für eine einfache Formel eine Antwort abzuleiten, das sonst eine Seite mit endlosen Versuchen präzise zu sein füllen würde. Jedoch ist es auch ein Spielzeug mit unendlichen Möglichkeiten der Ablenkung. Der Rechner sollte eher am Tisch fixiert sein als in der Hand gehalten werden, wo er unmittelbar wichtiger ist als Aufgabenbuch und Stift. Detailbesessenheit und Genauigkeit können das Kind dazu bringen, den Arbeitstitel endlos zu formatieren und anzupassen statt etwas neues einzugeben, und es gibt endlose Möglichkeiten, die Menüs und Toolbars anzupassen, etc. Einen Entwurf zu schreiben und nachfolgend einzutippen, kann zusätzlichen Zeitdruck für das Kind bedeuten. Manche Eltern bevorzugen es, die Arbeit ihres Kindes jeden Abend einzutippen, obwohl dieses Angebot rasch sehr aufwendig werden kann!

19. Wenn die Eignung für Technologie augenscheinlich ist, kann das bis zu einem nahezu unbestimmten Grad vom richtigen Lehrer und Umgang ausgenutzt werden. Arbeitsblätter können einen visuelleren Weg aufzeigen, um mit Zahlen umzugehen, und das Kind kann sich rasch damit vertraut machen, Gleichungen zu entwerfen und Tabellen und Listen logisch anzulegen. Die sture Befolgung von Methoden und Disziplin können bei vielen technologischen Fertigkeiten zu einem bedeutenden Vorteil werden, beispielsweise beim Schreiben von HTML-Websiten oder in ausgereifteren Sprachen zu programmieren. Es wird immer Arbeit für Technikfreaks geben, die endlosen Seitencode bereunigen. Beginne einen „Computer-Club“, der von jemand mit Erfahrung in der Technologie geleitet wird.

20. Benutze lieber eine schnelle Zeichnung statt einer langen und fruchtlosen Beschreibung. Flussdiagramme fassen Aufgaben und Prozesse zusammen. Zeitleisten eignen sich hervorragend zum Zusammenfassen fortlaufender Ereignisse und sind ein ideales Mittel, die Abstände zwischen Ereignissen und die Ereignisse selbst zu veranschaulichen.

21. Sei Dir über Deine Handbewegungen im Klaren – sie sind ein mächtiges Werkzeug, um gesprochene Wörter zu verstärken, doch stellen sie eine große Ablenkung dar, wenn sie eine andere Botschaft transportieren als das, was ins Ohr dringt! Du solltest nicht in Gebärdensprache unterrichten (obwohl das alle Lehrer in Betracht ziehen sollten, um die Barrierefreiheit zu erhöhen), nichtsdestotrotz unterstreichen einfaches Deuten, zustimmende Gesten wichtige Teile komplexerer Sätze.

22. Benutze Metaphern und Gleichnisse, um Parallelen zu ziehen, aber sei vorsichtig, dass sie einen ohnehin schon komplexen Dialog nicht weiter verkomplizieren.

23. Gleichaltrige Partner und Mentoren in der Klasse können beide zu Höchstleistungen antreiben. XXY-Buben sind eher langsam darin, Freundschaften und soziale Fertigkeiten zu entwickeln, doch haben sie auf ergänzende Fähigkeiten. In ihren jüngeren Tagen sind diese Buben nicht abgeneigt, paarweise mit Mädchen Projektarbeit zu machen.

24. Arbeite mit ALLEN Schülern in der Klasse daran, eine Kultur der Akzeptanz und Inklusion zu entwickeln. Diese Buben werden sehr oft gemobbt, was zu furchtbaren und scheinbar unumkehrbaren Folgen führt, doch eine unterstützende Gruppe an Gleichaltrigen  kann aus dem Buben eine strahlende Persönlichkeit mit Selbstwert machen. Ermutige zu einer kommunikativen Umgebung, wo die Schüler ihre Ideen und Erfahrungen sicher teilen können, wo alle Sichtweisen gleichwertig sind und wo jene, die mit der Kommunikation hadern, unterstützt und nicht ausgeschlossen werden.

25. Gedächtnisstützen …. suche nach Möglichkeiten, die dem Schüler dabei helfen, Listen und Fakten zu behalten.  Gedankenlandkarten (Mindmapping) können dabei sehr helfen, wenngleich sie dazu ermutigt werden sollten, Systeme zu entwickeln, die nach Wichtigkeit oder Priorität zuordnen. Manchmal ist es ausreichend, dass man sich die fünf Schlüsselfakten zu einem Thema ins Gedächtnis ruft, aber bei anderen Fällen kann eine Eselsbrücke hilfreich sein.

26. Wortspiele nicht im Wettbewerbskontext können Vokabular und Wortfindung entwickeln.

27. Beurteilung – entwerfe Methoden, die weniger stark auf Aufsatzstilantworten zugeschnitten sind. Gibt es einen praktischen Weg, die Fähigkeit zu demonstrieren? Könnten Multiple-Choice-Tets oder kurze Antworten ein ähnliches Ergebnis liefern? Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Gebrauch einer Diktiermaschine zur Aufnahme verbaler Antworten hilft, da die Schwierigkeiten bereits bestehen, bevor man zu diesem Mittel greift.

Eltern und Schule

29. Du magst Dir Sorgen darüber machen, als ein Elternteil gesehen zu werden, der immer nach Treffen mit Lehrern und Schularbeitern strebt, um den Fortschritt Deines Sohnes und Lernstrategien zu besprechen. Das ist kein Problem. Lehrer sind beschäftigte Leute mit viel Papierarbeit, aber wenn die Zeit konstruktiv verbracht wird, wirst Du herausfinden, dass Deine Hilfe willkommen ist. Du kannst Deinem Sohn am meisten durch die Schulzeit helfen, wenn Du dafür sorgst, immer eingebunden zu werden.

30. Lehrer haben nicht die Zeit, um sich mit dem Lehren und Lernstrategien beim Klinefelter-Syndrom/XXY vertraut zu machen. Du kannst das jedoch.  Verlass Dich nicht aufs Internet für Informationen. Der Britische Klinefelter-Verein (KSA) fand heraus, dass dies besondere Schwächen beinhaltet und sucht stattdessen nach Magazinen und Veröffentlichungen, die von Experten überprüft und für stichhaltig erklärt wurden, und forscht außerdem selbst. Wir hoffen, dass wir bald fehlerhafte Informationen korrigieren können und dies den Eltern und Lehrern zugänglich machen können. Drucke diesen Leitfaden ruhig aus und überbringe ihn dem Lehrer Deines Sohnes.  Unterrichte die Lehrer frühzeitig über Klinefelter/XXY. Ziehe in Betracht, dass in einer großen Schule mehrere Schüler mit XXY sein könnten, dass manche von ihnen nicht einmal diagnostiziert sind, aber ähnliche Lernschwierigkeiten vorweisen, und dass Deine Bemühungen ihnen ebenso helfen könnten.

31. Achte auf die Strategien, auf die Dein Sohn reagiert und auf solche, die er besonders schwer findet. Es ist die Erfahrung von vielen Eltern, die – obwohl eingebunden – es schwer finden, die Eigenschaften oder spezielle Bedürfnisse zusammenzufassen. Wir schlagen vor, ein Tagebuch der Lernstrategien und Interventionen zu führen, und das zu benutzen, um Trends zu erkennen. Bedenke, dass sich die Bedürfnisse Eures Sohnes ändern, wenn er älter wird. Dinge, die vorher schiefgingen, könnten plötzlich funktionieren, und umgekehrt.

32. Bevor er in eine neue Klasse kommt, schreib einen Brief an den neuen Lehrer, um euer Verständnis seine Stärken und Schwächen beim Lernen hervorzuheben. Wenn ein Schulwechsel notwendig wird, warum nicht ein Treffen dafür arrangieren, wo alle Beteiligten an einem Tisch sitzen, und man mögliche Probleme und Strategien besprechen kann.

34. Überlasse das Unterrichten nicht nur dem Lehrer – der hat 30 weitere Kinder zu betreuen. Deshalb solltest Du mit den Fertigkeiten und Techniken, die Dein Sohn benutzt, vertraut sein. Du benötigst eventuell Abendunterricht, um die Themen selbst zu studieren. Lies vorher in seinen Lehrbüchern, finde heraus, was Du kannst. Versuch Aspekte zu entdecken, die schwer zu begreifen sind. Wenn Du darüber stolperst, tut es Dein Sohn wahrscheinlich auch. Was Dir dabei half, sollte ihm auch helfen.

35. Niedriges Selbstwertgefühl ist ein großes Hindernis beim Lernen. Dein Sohn braucht eine ständige Versicherung, dass er nicht dumm ist, aber auf anderen Wegen lernt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass XXY-Buben einen niedrigeren IQ als andere Kinder aufweisen – sie befinden sich durchaus innerhalb des normalen Bereichs, obwohl sie nicht so gut in Tests abschneiden, die für ihre Bedürfnisse ungeeignet sind. Für Deinen Sohn sollte es Zeitbeschränkungen für Hausarbeiten und Lernen geben, und ihn dann dazu ermutigen, Freizeitaktivitäten zu gestalten. Es wäre zu einfach, die Schularbeit überwiegen zu lassen und bloß den Spaß zu ersetzen.

36. Übernehm nicht die Arbeit für ihn. Als Elternteil ist es leicht, ihm Deine eigenen Werte und Vorstellungen mitzugeben, besonders wenn man durch die Produktivität der Streber in der Klasse beeinflusst ist. Die Arbeit zu übernehmen sorgt bloß für ein größeres Loch zwischen seinen eigenen Fähigkeiten und seiner Wahrnehmung der Erwartungen. Arbeite mit allen Mitteln zusammen, teilt euch aufwändigere Aufgaben auf, vergleicht Notizen und Ideen, aber entbinde ihn nicht von seiner Arbeit. Hilf ihm dabei, stolz darauf zu sein, was ER erreicht hat statt ihm Schuldgefühle einzureden.

37. Sieh andere Eltern und deren Kinder nicht im Wettbewerb mit Deinem Sohn. Es gibt keinen Gewinn darin, seine eigenen Vorstellungen mit einem Kind auszuleben, das klar verschieden ist.

38. Unterstütze das Kind, aber unterstütze Dich selbst ebenfalls. Baue ein starkes Netzwerk um Dich herum auf. Die Forschung durch KSA hat gezeigt, dass unterstützende Netzwerke für Eltern einen großen Unterschied machen können. In der Nachbarschaft gibt es Gruppen für Eltern mit ähnlichen Schwierigkeiten, die von anderen Veranlagungen resultieren. Vergiss nicht, um Hilfe zu bitten, bevor Du nicht mehr damit umgehen kannst!

39. Mobbing. Dieses Thema verdient einen eigenen Hilfeleitfaden. Es ist SEHR wahrscheinlich, dass Dein Sohn an einem bestimmten Punkt seiner Schulzeit gemobbt wird, egal wie unterstützend und aufmerksam die Lehrer sind. Zudem viele XXY-Buben emotional sehr empfindlich. Was für viele Burschen „bloß ein bisschen Spaß ist“, ist für sie sehr schmerzhaft und traumatisch. Wir empfehlen, bevor Probleme entstehen, sich mit Hilfsangeboten vertraut zu machen [Anm.: z.B. Mediatoren, Vertrauenslehrer, Schulpsychologe, Klassenlehrer] und auf Warnsignale zu achten. Wenn die Schule kein Interesse zeigt, mach einen großen Wirbel drum, bis sie es tun, denn Mobbing ist immer inakzeptabel.

40. Arbeite mit Deinem Sohn daran, seine Stärken zu enthüllen. Die Forschung durch KSA hat gezeigt, dass viele Buben geeignet sind für Computerarbeit oder Technik. Beides zusammen kann ausgearbeitet werden, wenn man Aufgaben versucht, die auf Problemlösung setzen, besonders wenn sie visualisiert werden. Vom zehnten und elften Lebensalter an wird er in der Lage sein, einen beruflichen Weg einzuschlagen. Kunst und Zeichnen sind in jedem Alter populär. Für ältere Buben bietet technisches Zeichnen die Gelegenheit für praktische Genauigkeit, Zeichentechniken und visuelle Interpretation – ein kleines A3-Zeichenbrett und Ausrüstung kosten nicht viel. Mit Hilfe von computergestützten Zeichenprogrammen kann aus einem Hobby eine vielversprechende Berufsmöglichkeit werden.

[ Anm.: Forschung durch den amerikanischen Kinderpsychiater Jay Giedd hat gezeigt, dass sowohl die Fähigkeit zum Denken in Strukturen und Mustern als auch in Bildern besonders ausgeprägt ist. Das betrifft nicht nur Computer und Technik, sondern auch Zeichnen, Malen, Fotografie, Meteorologie und viele andere Bereiche, wo fotografisches Gedächtnis Anwendung findet]

41. Sport ist ebenfalls populr, auch wenn geringe Muskelspannung und eine niedrigere Schmerzschwelle bedeuten, dass Teamsportarten eher zugeschaut wird als aktiv teilgenommen. Dennoch genießen sie oft gemütlichere Sportarten, die Hand-Augen-Koordinationen beinhalten, z.B. Snooker/Billard, Badminton und Bowling.  Diese sind mitunter auch dabei behilflich, soziale Fertigkeiten in einer kleinen Gruppe an Freunden zu entwickeln. Die Buben kommunizieren oft besser mit Erwachsenen oder jüngeren Kindern als mit Gleichaltirgen. Deshalb ist es günstigt für sie, wenn sie in eine Gesellschaft oder einen Verein kommen, wo es eine große Altersbandbreite gibt, die nicht bedrohlich für sie ist. Lobe ihn für seine Erfolge auf allen Ebenen, einschließlich der Tage, wo er nur da sitzen will und zuschaut, denn die Konzentration kann sehr ermüdend sein und er braucht seine Auszeiten.

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Ein Gedanke zu “Leitfaden für Eltern und Lehrer von XXY/Klinefelter

  1. Lieber Forscher,

    ganz herzlichen Dank für Deine tollen Infos in letzter Zeit für uns Eltern von xxy-Kindern.
    Wir haben einen 4,5 jährigen Sohn, der vor knapp 1,5 Jahren aufgrund eines Gentestes (wg. Entwicklungsverzögerung und Verdacht auf Mosaik-Form des Down-Syndroms) diagnostiziert wurde.
    Gerade der Leitfaden ist klasse – für uns derzeit noch nicht relevant, zeigt aber, wie viel mehr hier noch zu beachten ist. Im Klinefelter-Verein ist hier in den letzten Monaten auch ein Flyer entstanden – leider nicht so ausführlich wie der von Dir übersetzte:

    http://www.klinefelter.de/cms/media/cms/kontent/Flyer_Lehrer_und_Erzieher_Webversion.pdf

    Ich danke Dir für die viele Arbeit, die Du hier reinsteckst und vor allem auch dafür, dass Du auch Tabus (z.B. Depressionen, Autismus) thematisierst und beleuchtest. Denn KS ist in der Tat vielschichtiger als nur „Ach der kann kein Kind zeugen“. Danke. lg madieta

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