Vielfalt statt Definitionen

Im deutschen Aspieforum schrieb ein Neurobiologe den folgenden Beitrag über den Zusammenhang von Autismus und Schizophrenie, auch im Hinblick auf andere Veranlagungen interessant:


Generell muss man ganz klar sagen, dass die biologische Realität der psychiatrischen Erkrankungen stark fließend verläuft und es selten zu 100% exakt abgegrenzten Phänomenen kommt, da wir mit AD(H)S, Schizophrenie und Autismus allesamt Krankheitsbilder haben, die sich im Hinblick auf die betroffenen Hirnstrukturen stark überschneiden. Dadurch kommt es auch zu einem fließenden Übergang und Kombinationen dieser Krankheiten.

Letztendlich musst du verstehen, dass eine Diagnose eine Definition ist. Das bedeutet, man hat eine bestimmte Ansammlung von Symptomen beobachtet und darüber eine Krankheitsdefinition erschaffen, ohne bereits über die Ursachen der Beobachtung etwas zu wissen.

Da die Krankheiten unabhängig voneinander beschrieben wurden, sind Mischformen in diesen Definitionen nicht ursprünglich eingeschlossen.

In gewissem Sinne kann es dir egal sein, welche Diagnose du hast, denn das ist letztendlich lediglich der Name, den die Ärzte für dein Problem gewählt haben. Am Ende ist doch nur die Frage entscheidend, womit dir geholfen ist.

[…]

Ich zitiere im Wortlaut etwa einen namhaften Professor der Psychiatrie, wenn ich schreibe:

Einige Experten des Fachgebietes sind der Meinung, dass die gegenwärtige DSM-Diagnostik so weit von der tatsächlichen biologischen Realität entfernt liegt, dass sie den Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft teilweise gar behindern kann. Wir müssen uns letztendlich von einem einseitigen Krankheitsverständnis von Einzeldefinitionen lösen und lernen, psychiatrische Erkrankungen als negative Extremformen in der Bevölkerung vorhandener Charaktereigenschaften zu verstehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Das heißt nicht, dass die gesamte Psychiatrie Unsinn ist. Es heißt nur, dass die Fachwelt sich der Unschärfe der natürlichen Gegebenheiten durchaus bewusst ist und derzeit diskutiert, wie man Diagnoseinstrumente verbessert, damit die Definition an sich nicht der angemessenen Behandlung einer Krankheit im Wege steht.

Quelle: Aspie.de-Forum

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4 Gedanken zu “Vielfalt statt Definitionen

  1. ich finde den Beitrag des Neurobiologen absolut zutreffend.

    Seien wir mal ehrlich! Was weiss man über „offiziell“ Klinefelter? Eigentlich ausser dem Testomangel gar nichts. Testo rein, alle happy…..

    Oder wie ging das?

  2. Vor allem diese Testosteron-These vertreten die meisten Selbsthilfegruppen genauso, wenn man dort wegen Autismus fragt, sind das entweder nur einige Ausnahmefälle in Behindertenheimen, die (erst kürzlich wieder auf einem Treffen gehört) durch Impfschäden verursacht worden sind. Aber der “gewöhnliche“ KSler erkrankt nur öfters an Depressionen, sonst hat er keine neurologischen Besonderheiten (bis auf ein paar Fälle von Epilepsie).

  3. Die Mischung aus Vorurteilen gegenüber Klinefelter UND gegen Autismus ist natürlich besonders derbe. Sicherlich ist nicht jeder Autist eine Temple Grandin oder ein Dan Akroyd, aber diese Betrachtung von genetischen Veranlagungen, veränderter Gehirne und „Symptome“ rein unter der Schadensbrille stinkt zum Himmel. Für jene, die des Englisch Lesens nicht mächtig sind, habe ich auch den Artikel von Dr. Sophie van Rijn übersetzt: https://factsaboutklinefelter.com/2014/07/22/sophy-van-rijn-ein-chromosom-eine-unterschiedliche-welt-dt-ubersetzung/ – bin gespannt, mit welcher Begründung diese Sichtweise niedergeredet wird.

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