Why Autistic People are more likely to be bullied …

If you’re officially autistic or not, some of us (XXY) might have experienced this in school, too. We should raise awareness of bullying in school to prevent from long-term consequences (traumatical experience, anxiety and low self-esteem).

askpergers

 

Anyone can become a victim of bullying, but it does seem that a disproportionate number of autistic people experience bullying at some point in their life.  There are a number of reasons for this, and most of them are to do with the psychology of the person doing the bullying.  There is something about autistic people that makes them appear to be `good victims` in the eyes of a potential bully.  Probably the simplest way to illustrate this point is to list a few of the key issues below so that you can get some idea of what I am talking about.

  • Autistic people tend to stand out from the crowd – one of the fundamental principles of autism is that if you have it you are not like everybody else around you.  This doesn’t have to be a bad thing, and you don’t even have to be completely…

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Temple Grandin – „The Autistic Brain“

Vor wenigen Monaten stieß ich dank einer Asperger-Autistin auf das Buch „The Autistic Brain“ von Dr. Temple Grandin, führende Expertin für Viehhaltung, Wissenschaftlerin und Dozentin für Tierwissenschaften, und Autistin. Sie ist der Ansicht, dass Autisten eine spezielle Denkweise haben, die sich in die drei Typen Denken in Wortfakten (word-fact thinking), in Mustern (pattern thinking) und in Bildern (visual thinking) aufteilen lässt. Sie hält fest, dass Autismus individuell stark verschieden ist, dass Probleme mit Reizüberflutung stärker in den Mittelpunkt der Forschung und Therapien rücken sollten, und dass die Stärken von Autisten nicht als Nebenprodukt einer schlechten Verdrahtung, sondern als Produkt der Verdrahtung im Gehirn aufgefasst werden können.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und kapitelweise zunächst auf Englisch zusammengefasst, und dann interessante Passagen zusammengefasst, teils mit eigenen Worten, teils mit direkten Übersetzungen oder Zitaten.

Zusammenfassung und Übersetzung:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen (The Meanings of Autism)

2. Gehirnforschung (Lighting Up the Autistic Brain)

3. Sequenzierung des Gehirns (Sequencing the Autistic Brain)

4. Verstecken und Suchen (Hiding and Seeking)

5. Hinter die Labels schauen (Looking Past the Labels)

6. Kenne Deine Stärken! (Knowing your own strengths!)

7. Umdenken in Bildern (Rethinking in pictures)

8. Von den Rändern zur Mitte (From the Margins to the Mainstream)

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8. Kapitel: Von den Rändern zur Mitte

Im achten und letzten Kapitel von Temple Grandins The Autistic Brain, From the Margins to the Mainstream, geht es um das Thema Talente, Erfahrung und Fleiß, und um ein paar abschließende Ratschläge an Autisten, mit dem Alltagsleben besser klarzukommen.

Die Beziehung zwischen Natur und Fördern wurde in den vergangenen Jahren immer populärer, etwa die 10 000 Stunden-Regel. Die Regel besagt:

Um in einem Bereich ein Experte zu werden, muss man zumindest X Stunden Arbeit hineinstecken.

Oder banaler ausgedrückt: Üben, üben, üben!

Grandin stellt klar, dass man keine natürliche Begabung für einen bestimmten Job besitzt, weil zielgerichtete natürliche Begabungen nicht existieren. Üben alleine reicht nicht für ein Talent. Temple Grandin hatte Zugang zu demselben Computerterminal wie Bill Gates, aber wurde trotzdem kein Computergenie – weil sie eine andere Art des Denkens hat.

Ihrer Ansicht nach wird Erfolg durch eine Mischung aus Talent und üben bestimmt, üben alleine reicht nicht, denn wenn es im Gehirn Defizite gibt, dann sind diese nicht überwindbar. Neuroanatomie ist keine Bestimmung, ebenso wenig Genetik. Sie sagen nicht, wer man sein wird, aber wer man sein könnte. Es geht also darum, reale Stärken aufzubauen, und das Gehirn so zu formen, dass es das tun kann, was es am besten kann.

Die Plastizität des Gehirns ist nachgewiesen, u.a. an einer Studie von Londoner Taxifahrer, die innerhalb weniger Jahren den Stadtplan auswendig können müssen. Gehirne sind in der Lage, diese Unmengen an Informationen zu speichern, sich zu verändern, aber sie bilden sich auch wieder zurück – wie ein Muskel -, wenn sie nicht trainiert werden.

Grandin hebt die Vorteile der Tablet-Computer hervor:

1. Sie sind cool, es ist nichts mehr, was jemand als behindert stigmatisiert.

2. Sie sind deutlich günstiger als Geräte zur Kommunikationsunterstützung für Autisten in Klassenräumen.

3. Man sieht direkt, was man tippt oder schreibt, ohne die Verzögerung vom Schauen auf die Tastatur und dann zum Bildschirm.

Und sie liefern unzählige Anwendungsmöglichkeiten, Apps, Webinars, etc…

Man darf deswegen nicht die Defizite vergessen, aber in der Vergangenheit wurde so stark auf die Defizite fokussiert, dass man die Stärken aus den Augen verloren hat.

Für Grandin ist Autismus zweitrangig, sie ist in erster Linie Expertin für Vieh, und streicht aus ihrem Kalender explizit Tage heraus, die ausschließlich der „Rinderzeit“ gehören.

„Autismus ist sicherlich ein Teil von mir, aber ich lasse es nicht zu, mich darüber definieren zu lassen.“

Dasselbe gilt für die undiagnostizierten Asperger-Autisten im Silicon Valley. Sie werden nicht dadurch definiert, dass sie sich im autistischen Spektrum befinden, sondern durch ihre Jobs. Manche Menschen werden dazu natürlich nie Gelegenheit haben. Ihre Einschränkungen sind zu schwerwiegend, als dass sie sie bewältigen können. Aber was ist mit denen, die dazu in der Lage sind? Und was ist mit denen, die zwar nicht dazu in der Lage sind, aber die produktivere Leben führen könnten, falls man ihre Stärken identifizieren und kultivieren könnte?

Eine Möglichkeit dies herauszufinden ist die der verschiedenen Denkweisen: Denken in Wörtern, Denken in Mustern, Denken in Bildern.

Bildung

Grundschüler zusammen zu unterrichten, ist gut für die Sozialisierung. Aber wenn man alle Schüler, Autisten und Nichtautisten, in einer Klasse unterrichtet und sie alle gleich behandelt, ist das ein Fehler: Der Autist steht alleine, wird an den Rand gedrängt, bis man sich dazu entscheidet, ihn in eine Sonderschule zu bringen, wo er mit einem Haufen nichtverbaler Kinder unterrichtet wird.

Grandin nennt ein Beispiel aus ihrer Schulzeit. Sie verdankt sehr viel ihrem damaligen Wissenschaftslehrer, der ihre Stärken in Mechanik und Ingenieurswesen erkannte. Aber in einem Punkt irrte er sich: Als er sah, dass Grandin Schwierigkeiten mit Algebra hatte, verdoppelte er seine Anstrengungen. Er verstand nicht, warum ihr Gehirn nicht auf dem abstrakten, symbolischen Weg funktionierte, welcher das Lösen von X voraussetzt. Was er hätte tun können: Sie nicht dahingehend zu drängen, was nicht funktionierte, sondern sich auf ihre Stärken zu konzentrieren. Ingenieurswesen ist nicht abstrakt, sondern konkret, mit Formen und Winkeln, es handelt von Geometrie.

Aber nein. Der Lehrplan sagt, Algebra kommt vor Geometrie, und Geometrie kommt vor Trigonometrie usw. Vergiss nie, dass Du kein Algebra brauchst, um Geometrie zu lernen.

Sich auf die Stärken konzentrieren, sie vorziehen können, und wenn das Kind mit der Geräuschkulisse in der Kantine nicht umgehen kann, soll es alleine essen.

Die oben genannten Denkweisen kann man bereits im Schulalter erkennen. Ein Kind, das gerne mit Lego spielt, kann sowohl ein visual thinker als auch ein pattern thinker sein, allerdings betrachten sie Lego auf verschiedene Weise:

Der visual thinker möchte Objekte schaffen, die so wie in der Vorstellung aussehen.

Der pattern thinker denkt hingegen darüber nach, wie Teile des Objekts zusammenpassen könnten.

Grandin hatte große Probleme mit textbasierenden Physikaufgaben. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das Problem aussieht, da ihr Arbeitsgedächtnis überfordert war. Würde sie jedoch spezifische Beispiele des Problems mit verschiedenen Formeln vergleichen, könnte sie die Muster der Probleme erkennen.

Pattern thinker können das intuitiv, sie sind viel schneller damit, solche Probleme zu lösen und sind daher eher talentiert in Musik oder Mathematik. Sie verstehen die Form hinter einer Funktion, sie können Probleme mit dem Lesen haben, hängen ihre Mitschüler in Algebra jedoch weit ab, ebenso in Geometrie. Word-fact thinker sind jene, die seitenweise Monologe halten, die Filmzitate bringen, einen Fahrplan auswendig herunterrattern. Es wird wenig bringen, sie im Kunstunterricht durchzudrücken. Ihre Stärken liegen im Schreiben. Sie neigen aber dazu, Überzeugungen zu entwickeln, von denen sie nicht leicht abzubringen sind, im Internet ist daher Vorsicht geboten, wenn man sie einen Blog entwickeln lässt. Entsprechend ihrer Denkweise lassen sich die Kinder und später junge Erwachsene auch auf das Berufsleben vorbereiten.

Zum Abschluss bringt Grandin noch ein paar wichtige Kommentare bezüglich der hohen Arbeitslosigkeit unter Autisten:

1. Keine Ausreden!

„Ich bin nicht interessiert an…“ ist keine gute Entschuldigung. Es bedeutet bloß, dass man härter arbeiten muss als andere, um eine Aufgabe zu erledigen. „Ich habe eine Lernbehinderung“ ist eine noch schlechtere Entschuldigung, wenn Desinteresse dahintersteckt.

2. Stell Dich gut mit anderen (Play well with others)

Sie hört zu viele Asperger-Autisten sagen, dass sie Probleme mit der Authorität hätten. Es gibt einen Grund, warum der Chef Chef heißt – weil er der Chef ist. Beschwerden also direkt an ihn, nicht an ihm vorbei.

Es geht nicht nur darum, Konfrontationen zu vermeiden, sondern anderen auch eine Freude zu machen.

3. Regele Deine Emotionen

In dem man lernt, zu weinen. Du musst nicht vor Publikum heulen, oder vor Deinen Kollegen. Aber wenn es nur die Wahl gibt, auszuflippen oder zu heulen, dann heule. Buben, die heulen, können für Google arbeiten. Buben, die ihre Computergeräte zerstören, nicht.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird die Emotionsregelung vom Frontallappen top-down gesteuert. Wenn man die Emotion nicht kontrollieren kann, muss man sie verändern. Wenn man seinen Job behalten will, muss man lernen, Wut in Frustration umzuwandeln.

4. Denke an Dein Benehmen

Selbst wenn man bereits erwachsen ist, ist es nie zu spät, zu lernen, welche Äußerungen unpassend oder verletzend sind.

5. Verkaufe Deine Arbeit, nicht dich selbst.

Personalabteilungen sind üblicherweise von Leuten besetzt, die den Schwerpunkt auf Teamfähigkeit legen, sie könnten daher denken, dass ein Autist nicht geeignet sei. Sie könnten nicht dazu in der Lage sein, die verborgenen Talente hinter dem sozial sonderbaren Verhalten zu erkennen. Eine bessere Strategie könnte es sein, direkt zum Leiter der Abteilung Kontakt aufzunehmen, in die man möchte (auch „Vitamin B“, B = Beziehungen, genannt). Es kann außerdem nicht schaden, seine Stärken in Form von Portfolios oder Broschüren darzustellen, und mittels der modernen Handytelefonie kann man diese ständig mit sich führen und ggf. anderen zeigen.

6. Nutze Mentoren

Viele erfolgreiche Asperger-Autisten sagten, sie hatten einen Mentor, einen Lehrer, der ihre Stärken erkannte und fokussierte.

Fazit:

Statt rein nach den Defiziten zu gehen, sollte man von Gehirn zu Gehirn schauen, von Stärken zu Stärken, dann sind autistische Arbeitnehmer keine Fälle aus Nächstenliebe, sondern wertvolle Beitragende zur Gesellschaft.

Wenn jemand nicht gerne telefonieren mag, sondern lieber per E-Mail kommuniziert, dann sollte man ihm diese Möglichkeit zugestehen, solange er die Leistung erbringt.

Beispiele für die einzelnen Denkweisen:

Visual thinker Pattern thinker Word-fact thinker
Architekt Programmierer Journalist
Fotograf Ingenieur Übersetzer
Tiertrainer Physiker Bibliothekar
Graphikkünstler Musiker Börsenanalyst
Schmuckdesigner Statistiker Buchhalter
Meteorologe Mathematiklehrer Sprachtherapeut
Automechaniker Chemiker Historiker
Landschaftsplaner Forscher Jurist
Biologielehrer Elektriker Schriftsteller
Tiertrainer Versicherungsstatistiker Reiseleiter

„I know that trying to imagine where we’ll be sixty years from now is a fool’s errand. But I have confidence that whatever the thinking about autism is, it will incorporate a need to consider it brain by brain, DNA strand by DNA strand, trait by trait, strength by strength, and maybe, most important of all, individual by individual“

Ich weiß, dass die Vorstellung, wo wir in 60 Jahren sein werden, aussichtslos ist. Aber ich vertraue darauf, dass die Ansichten über Autismus die Notwendigkeit miteinschließen werden, es von Gehirn zu Gehirn, von DNA-Strang zu DNA-Strang, von Eigenheit zu Eigenheit, von Stärke zu Stärke zu betrachten – und vielleicht, was von alledem das Wichtigste ist: von Individuum zu Individuum.

Die davor zusammengefassten Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!

7. Umdenken in Bildern

XXY und Intersexualität – das unangetastete Tabu

Das Zeitalter der Coming Outs ist längst angebrochen. Homosexuelle Menschen in Schlüsselpositionen stehen zu ihrer sexuellen Identität. Sie bestimmen sie selbst. Niemand kann von außen bestimmen, ab welchem Zeitpunkt jemand als heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder intersexuell gilt. Niemand kann von außen festlegen, wie wir uns im Inneren fühlen, bis wir es ihnen mitteilen.

XXY-Männer definieren sich über weit mehr als das Klinefelter-Syndrom. Unsere Vorstellung von Normalität ist so eingebrannt in die Denkweise der Gesellschaft, dass Abweichungen in der sexuellen Identität als abnormal gelten, obwohl sie Teil des natürlichen menschlichen Spektrums sind. Indem gebetsmühlenartig versucht wird, Männer mit XXY-Chromosomensatz als normal darzustellen, als normal männlich, keinesfalls als intersexuell oder homosexuell, und schon gar nicht mit so etwas Teuflischem wie psychiatrischen Krankheiten behaftet, die auch gar nichts mit XXY zu tun haben, grenzt man jene Minderheit aus – sofern es überhaupt eine ist, dafür ist die Dunkelziffer zu groß -, die sich an den Rändern des XXY-Spektrums befindet.

Weil das äußerliche und innerliche Erscheinungsbild des Phänotyps XXY-Chromosom so vielfältig ist, kommen selbstverständlich auch andere sexuelle Identitäten als die Heterosexualität bei Männern mit XXY-Chromosomensatz vor. Vor dieser Aussage muss sich kein Mensch schämen, weder ein XXY noch ein XY. Leider Menschen bisweilen zum Verallgemeinern und zum Überdramatisieren, zum Stigmatisieren und Tabuisieren, wo doch die Gesellschaft sich gerade in der Öffnungsphase befindet. Wo es Regenbogenparaden gibt, wo Bürgermeister und Ministerpräsidenten ihre Homosexualität frei verkünden, ohne befürchten müssen, dafür verbrannt zu werden.

Inwiefern sexuelle Identitäten wie Homosexualität und Intersexualität im XXY-Spektrum häufiger als in der Allgemeinbevölkerung vorkommen, wissen wir nicht.

Bei der Intersex Society of North America (ISNA) vertritt man z.B. diesen Standpunkt:

Die Natur entscheidet nicht, wo die Kategorie männlich endet und intersexuell beginnt, oder wo die Kategorie intersexuell endet und weiblich beginnt. Menschen entscheiden. Menschen (heute üblicherweise Ärzte) entscheiden, wie klein ein Penis zu sein hat, oder wie ungewöhnlich eine Kombination von Teilen zu sein hat, bevor sie als intersexuell zählen. Menschen entscheiden, ob eine Person mit XXY-Chromosomen oder XY-Chromosomen und Androgenresistenz als intersexuell zählen wird.

In unserer Arbeit stellen wir fest, dass die Meinungen der Ärzte darüber, was als intersexuell zählen sollte, beträchtlich auseinandergehen:

  • Manche denken, du musst zweideutige Genitalien besitzen, um als intersexuell zu zählen, selbst wenn Du im Inneren großteils ein Geschlecht bist und Dein Äußeres großteils ein anderes.
  • Manche denken, Dein Gehirn muss vor der Geburt einem ungewöhnlichen Mix aus Hormonen ausgesetzt sein, damit Du als intersexuell zählst – selbst wenn Du mit atypischen Genitalien geboren wurdest, bist Du nicht intersexuell, außer Dein Gehirn hat eine atypische Entwicklung genommen.
  • Und manche denken, Du musst sowohl Ovarial- und Hodengewebe aufweisen, um als intersexuell zu zählen.

Wie wir von den zahlreich beschriebenen Symptomen des Klinefelter-Syndroms wissen, besitzen die meisten XXY-Männer eindeutige Genitalien, sie werden durch das Y-Chromosom als Mann definiert. Vom Körperbau sieht es jedoch ganz anders aus. Auch wenn die Varianz hier ebenfalls groß ist, zeigen doch zahlreiche XXY-Männer eher einen weiblichen Körperbau, mit einer anderen Muskel/Körperfett-Verteilung, spärlichem Bartwuchs und generell reduzierter Körperbehaarung. Auch die inneren Werte werden gerade im Kindesalter eher als weiblich beschrieben, als emotional, sensibel, aber auch Gerechtigkeitssinn, gewaltfrei, passiv. Nicht immer zum Vorteil, aber tendenziell eher die sanfte Form der Charakterausprägung.

Im XXY-Spektrum wird man also – mitunter gehäufter – Männer finden, die im männlichen Geschlecht wohnen, aber einen weiblichen Körperbau und eine weibliche Charakterausprägung aufweisen, die nach obiger Definition von ISNA bereits als intersexuell gelten könnten, die sich selbst vielleicht nicht als intersexuell wahrnehmen, aber mit ihren femininen Eigenschaften gut umgehen können, die sich so akzeptiert haben und nicht nach einem männlichen Adoniskörper streben, der täglich im Fitness-Center Gewichte stemmt, um das andere Geschlecht zu beeindrucken.

Leiden diese Männer unter dem Testosteronmangel? Muss man diese von ihrer Abnormalität heilen, damit sie zu richtigen Männern werden? Hier wird die Innenansicht der Betroffenen ignoriert, um die Außenansicht der gesellschaften Norm aufzudrücken. Ein Mann hat männlich auszusehen, männlich zu denken, zu fühlen, zu handeln. Diese Denkweise ist leider wenig fortschrittlich, wenig zeitgemäß und verletzt die Würde des Menschen.

Ja, vielleicht kommt es bei Männern mit XXY-Chromosomensatz sogar häufiger zu intersexuellen und homosexuellen Identitäten als in der Allgemeinbevölkerung. Ist das ein Affront gegen die anderen XXY? Für mich persönlich nicht – ich fühle mich in meiner persönlichen Integrität nicht verletzt, nur weil ein anderer XXY schwul ist. Ebenso wenig, wenn ein anderer XXY Autist ist, oder ADHS hat, oder schizotypische Verhaltensweisen zeigt. Von allen Studien, die ich bisher gelesen habe, von Schilderungen in Foren, von persönlichen Bekanntschaften weiß ich, dass die genetische Veranlagung bestimmte psychiatrische Erscheinungen fördert, ebenso wie andere sexuelle Identitäten.

Das zusätzliche X und den Testosteronmangel gibt es nur im Kombipaket: 1+1 gratis. Wie sich die Hormone aufs Gehirn auswirken, welche genetische Kombinationen und Mutationen was für einen Charakter ergeben, das ist großteils unbekannt. Die Forschung läuft weiter, aber wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem, aus überzähligem X und Hormonmangel, denn wäre das überzählige X bedeutungslos, gäbe es den Hormonmangel nicht.

Erst durch diese Mischung entsteht der weibliche Körperbau, das weibliche Innenleben, erst durch die Mischung wird das Gehirn so beeinflusst, dass auch das Verhalten eine bestimmte Ausprägung erfährt. Nicht bei allen – ich muss es leider immer wieder betonen – und immer wieder werden Medien bestimmte Aussagen verkürzt darstellen, und auch unter Betroffenen wird verkürzt.

Wenn ich hier schreibe …

  • XXY werden häufiger mit bestimmten psychiatrischen Krankheitsbildern diagnostiziert
  • XXY werden häufiger als im Durchschnitt intersexuelle oder homosexuelle Identität aufweisen

heißt das NICHT, dass alle XXY so sind oder sich nach der Geburt so entwickeln werden.

*

Meine offenen Worte in diese Richtung sollen aber jene XXY miteinschließen, die diese Identität oder Diagnose (oder beides) haben.  Sie sind Teil des XXY-Spektrums, sie sind nicht per se krank, weil sie von der subjektiv festgelegten Norm abweichen, und sie verdienen es ebenso, respektiert und gehört zu werden. Ja,  im 21. Jahrhundert sollte es möglich sein, nicht dem traditionellen Geschlechterbild zu entsprechen, und trotzdem respektiert zu werden, statt ignoriert und gemobbt.

Die einseitige, oft überdramatisierende Berichterstattung in den Medien trägt leider nicht zur Aufklärung bei, weder bei den Krankheitsbildern noch wenn im Zusammenhang mit Intersexualität von „Stigmatisierung einer Gruppe die Rede ist“.

Genau das tut leider die Deutsche Klinefelter-Vereinigung in einer Stellungnahme zu dieser Studie:

Die europäische Studie dsd-LIFE untersucht die langfristigen Folgen von hormonellen Behandlungen, Erfahrungen mit operativen Eingriffen, psychologischer und allgemeiner Unterstützung sowie die medizinische Versorgung von Patienten mit unterschiedlichen funktionellen Beeinträchtigungen der Keimdrüsen oder Nebennieren.

[…]

Wir wissen, dass die Verwendung des Begriffs „Störungen der Geschlechtsentwicklung“  (DSD) für Ihre Diagnose von einigen betroffenen Menschen nicht als passend empfunden wird. Aus diesem Grund werden die Meinungen der Studienteilnehmenden bezüglich der Bezeichnung der Diagnose erfragt und berücksichtigt.

Medizinisch werden die verschiedene Diagnosen mit beeinträchtigter Funktion der Keimdrüsen oder der Nebennieren aktuell mit dem Überbegriff „Störungen der Geschlechtsentwicklung“ (DSD; Englisch: disorders of sex development) bezeichnet. Dazu werden gezählt:

  • Menschen mit untypischen Geschlechtschromosomen (X und Y), hauptsächlich Turner Syndrom, Klinefelter Syndrom und gemischte Gonadaldysgenesie (45,X0/46,XY)
  • […]

Quelle: http://www.dsd-life.eu/participant-information-about-the-study/deutsch/informationen-zur-studie/

Das klingt doch vielversprechend! Hier geht es nicht nur um Testosteronbehandlung, sondern auch um medizinische Versorgung und Unterstützung allgemein. Von Intersexualität ist gar nicht die Rede.

Die Stellungnahme des DSKV ist öffentlich einsehbar auf der Seite der Pädiatrischen Endokrinologie:

Unter dem nebenstehenden Logo wird derzeit eine europäische Studie durchgeführt, wel-che andere Ziele verfolgt, als es auf den ersten Blick zu sehen ist. Aus diesem Grund möchte ich hier die Bedenken der DKSV e.V. zu dieser Studie zum Ausdruck bringen und den Hintergrund kurz erläutern. Diese Studie wurde schon einmal vor mehr als einem Jahr unter einem anderen Titel gestartet. Damals waren Teilnehmer, welche das Klinefelter-Syndrom oder das Turner-Syndrom hatten, generell von der Teilnahme aus-geschlossen. Da es in Deutschland allerdings nur sehr wenige Menschen gibt, welche sich selbst als intersexuell bezeichnen, kam die Studie nur auf sehr wenige Teilnehmer. Auch damals schon hat sich die DKSV e.V. dafür ausgesprochen, keine verzerrten Bilder zu konstruieren, nur um mehr Studienteilnehmer zu bekommen.
Wir haben uns im Vorstand ausführlich zu diesem Thema besprochen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Studie nicht gut für uns sein kann, da sie dazu dienen soll, dass Bild des Klinefelter-Syndroms zu verzerren. Die Studie legt zu Grunde, dass Klinefelter-Syndrom Betroffene eigentlich intersexuell sind und nach der Geburt nur mittels einer Geschlechtsangleichung „zum Jungen gezwungen“ worden wären. Ein Ziel der Studie ist es, herauszufinden, ob Menschen, welche in ihren ersten Lebensjahren eine geschlechtsangleichende Operation erhielten, später im Leben deshalb psychische oder andere medizinische Probleme bekommen haben. Zitat aus der Broschüre zur Studie: „Alle diese Diagnosen werden unter dem Überbegriff ‚Störungen der Geschlechtsent-wicklung’ (aus dem Englischen: ‚disorders of sex development’, dsd) zusammengefasst.“
Ich habe mich bereits im Namen des Vorstandes an die Durchführenden der Studie ge-wandt und eine Zusammenarbeit der DKSV e.V. ausgeschlossen, da bei uns der Be-troffene im Vordergrund steht und diesem jedweder Schutz zukommen soll. Wir möchten nicht, dass Betroffene des Klinefelter-Syndroms als intersexuelle Menschen stigmatisiert werden. Wir haben mehrfach versucht, die Durchführenden der Studie darüber aufzu-klären, dass hier ein sehr verzerrtes Bild über eine vermeintliche „fehlerhafte Ge-schlechtsentwicklung“ zu Grunde liegt, welche nicht zutrifft. Wir haben uns bereits von Anfang dafür eingesetzt, dass die Studienveranstalter einsehen, dass ein vom Klinefelter-Syndrom Betroffener nicht intersexuell ist und auch nicht geschlechtsneutral. Auch er-folgt durch die Testosterongabe keine Geschlechtsangleichung, da das männliche Ge-schlecht bereits vollständig ausgeprägt vorhanden ist und nur ein Ausgleich des Testos-teronmangels vorgenommen wird. Leider ist es uns nicht gelungen, die Veranstalter der Studie davon zu überzeugen. Da letztlich jeder eine Studie durchführen darf, kann man nicht verbieten, dass dies in dieser Art und Weise getan wird. Wir können nur aufklären und alle vom Klinefelter-Syndrom Betroffenen darum bitten, nicht daran teilzunehmen, um das Bild der Chromosomenanomalie und deren Auswirkungen nicht zu verzerren.

Ich denke, hier besteht ein Missverständnis in der Interpretation des Ziels der Studie.

Der medizinische Oberbegriff lautet Störung der Geschlechtsentwicklung, ob es den Betroffenen passt oder nicht, dieses Dilemma wird von den Studienbetreibern im Flyer auch hervorgehoben:

Es ist uns bewusst, dass einige Betroffene und Selbsthilfegruppen nicht mit dem Begriff ,DSD’ einverstanden sind. Die Studie berücksichtigt diese Kritik, dabei möchten wir Sie insbesondere um Vorschläge zur medizinischen Bezeichnung Ihrer Diagnose bitten.

Von Intersexualität ist in der Studie nirgends die Rede. Ebenso wird explizit unterschieden zwischen der Behandlung durch Testosteron und der Geschlechterangleichung durch eine Operation:

Die meisten Betroffenen mit Beeinträchtigungen der Funktion der Nebennieren oder Keimdrüsen benötigen eine lebenslange Behandlung mit Cortison oder eine Hormonbehandlung mit Testosteron oder Östrogenen ab dem Pubertätsalter. Einige Betroffene wurden in der Kindheit oder im Erwachsenenalter operiert und/oder hatten neben der medizinischen Behandlung auch psychologische Beratungen oder Psychotherapie.

Die Studie deckt eben nicht nur das Klinefelter-Syndrom ab, sondern auch andere Diagnosen. Wenn man nicht angesprochen wurde, warum muss man sich dann angesprochen fühlen?

Natürlich ist es eine Geschlechteranpassung, wenn man aus einen weiblichen Körperbau (Muskel-Fett-Verteilung) einen männlichen machen will, wenn man die Körperbehaarung vermännlichen will, wenn man aus einem schüchternen, passiven Jungen einen mutigen (mitunter aggressiven) Jungen machen will – mitunter gegen seinen Willen oder ohne sein Wissen, weil seine Diagnose verheimlicht wurde. Es findet nicht bloß ein „Ausgleich des Testosteronmangels“ statt – man verändert dadurch auch den Körperbau, mitunter auch das Innenleben des XXY-Mannes.

Ich rate daher klar, an der Studie teilzunehmen – zumindest jenen XXY-Männern, die sich unsicher über ihre Geschlechteridentität sind und bei denen eine Substitution mit Testosteron entsprechend behutsam vorzunehmen ist. Der Betroffene steht im Vordergrund, da bin ich mit dem Vorsitzenden einer Meinung, aber das geht nur über eine individuell angepasste Behandlung und nicht mit dem pauschalen Statement „das männliche Geschlecht ist bereits vollständig da, der Ausgleich des Testosteronmangels ist nur noch Formsache“.

Der Vollständigkeit halber die Ziele der Studie:

  • langfristige Folgen der Behandlung auf da allgemeine und psychische Wohlbefinden
  • Erfahrungen mit der Behandlung
  • Meinung zu ethischen Fragen
  • Verhalten von Medizin und Gesellschaft bezüglich der Diagnose
  • Informationsweitergabe an medizinisches Personal, Kindergärten, Schulen und allgemeine Bevölkerung

Alles Ziele, die dazu beitragen könnten, die hohe Dunkelziffer von 70-80 % zu reduzieren, und mit besserer Aufklärung Abtreibungen zu verhindern, und die Scheu der Betroffenen zu nehmen, offen mit XXY umzugehen und damit anderen ein Vorbild zu sein.

Und ganz wichtig: Die Studie fragt auch nach dem psychischen Wohlbefinden, davon lese ich in der Stellungnahme leider nichts. XXY ist mehr als nur Klinefelter, und Klinefelter ist mehr als nur ein männlicher Körper mit Testosteronmangel.

Gerade wegen des kolportierten Bildes, dass alle Männer eine Substitution brauchen, egal, wie sie mit ihrer Geschlechteridentität umgehen (bedeutet ja nicht zwangsläufig Operation), finde ich diese Studie umso wichtiger, um Klarheit zu schaffen und Ärzte zu sensibilisieren.

Ist die Unfruchtbarkeit behandelbar?

Im an sich wichtigen Artikel des Nachrichtenmagazins DerSpiegel über Vorsorgeuntersuchungen bei jungen Männern ist auch ein Absatz über das Klinefelter-Syndrom zu lesen:

Auch das Klinefelter-Syndrom, eine angeborene Chromosomenstörung, die ohne frühzeitige Behandlung zeugungsunfähig macht, könnte rechtzeitig erkannt werden.

Das ist allerdings so nicht zutreffend.

Zeugungsunfähig macht nicht die Chromosomenstörung alleine, sondern der Hypogonadismus (Testosteronmangel) und der frühe Verlust der Keimzellen. Behandelt werden kann die Unfruchtbarkeit nicht, sondern man kann nur frühzeitig versuchen, lebende Spermien aus den Hoden zu entnehmen. Als unfruchtbar gelten rund 92 % der Männer mit Klinefelter-Syndrom, wobei die Wahrscheinlichkeit für lebensfähige Spermien erhöht ist, wenn nicht alle Zellen 47,XXY enthalten, sondern ein gemischter Chromosomensatz (Mosaikform), d.h. 46,XY/47,XXY vorliegt.

Im Gegenteil, eine frühzeitige Behandlung minimiert die Chancen auf noch vorhandene Fruchtbarkeit, wie beispielsweise in diesen beiden Artikeln hingewiesen wird:

NIESCHLAG ET AL. 2013:

In any event, if patients with Klinefelter syndrome wish to have children the initial step is to interrupt testosterone substitution, as testosterone suppresses residual spermatogenesis. In patients already receiving testosterone substitution, it must be interrupted for at least three to six months to allow remaining spermatogenesis to recover.

WISTOBA ET AL. 2013:

For example, testosterone treatment on a KS adolescent patient might result in an improved cognitive performance and may well treat their hypogonadism, but it will concurrently kill the few remaining testicular germ cells that the patient might have.

Der Irrtum, dass Testosteronzufuhr die Fruchtbarkeit erhöhe, rührt vermutlich daher:

6.) Sport

Sport und körperliche Fitness sind gut für die Qualität der Spermien. Durch das Training wird neben der allgemeinen Gesundheit auch der Testosteronspiegel erhöht. Lediglich bei extremen Ausdauersportlern sinken der Testosteronspiegel, die Libido und die Qualität der Spermien.

Hormonpräparate zu Steigerung des Muskelwachstums können erheblich die Produktion von Spermien reduzieren, da häufig die Hoden aufgrund der externen Testosteronzufuhr ihre eigene Testosteronproduktion einstellen.

Quelle: http://www.novafeel.de/sexualitaet/schwanger-werden/fruchtbarkeit-mann-erhoehen.htm

Den natürlichen Testosteronspiegel erhöhen, in dem man mehr Sport treibt ja, aber nicht durch künstliche Testosteronzufuhr!

Auch dieser Artikel warnt ausdrücklich davor, Unfruchtbarkeit mit Testosteronpräparaten zu behandeln:

Unfortunately, this concept is not widely recognized by physicians and even by some urologists, and it is extremely common for men to be treated in this manner.

[…]

The treatment you think you are using to help you could be the main thing preventing you from realizing your dream.

Quelle: http://www.mensfertilityct.com/male-infertility-and-testosterone.html

Wie fatal sich eine falsche Therapie bei Kinderwunsch auswirken kann, zeigt dieses Beispiel.

Fazit:

Die Zeugungsunfähigkeit lässt sich bei XXY nicht behandeln, sie ist angeboren. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass noch lebensfähige Spermien vorhanden sind. Je früher XXY erkannt wird, desto besser sind die Chancen, noch lebensfähige Spermien zu extrahieren. Die künstliche Zufuhr von Testosteron, die eigentliche Behandlung des Klinefelter-Syndroms, tötet die meist nur wenigen, verbleibenden Spermien ab. Die Chancen, dann noch Kinder zu bekommen, sinken gegen Null.

Update zum Kapitel Definition

Ich habe das Kapitel Definition überarbeitet und um neue Erkenntnisse ergänzt, speziell aus den letzten Blogbeiträgen und aus Groth et al, Clinical Update von 2013:  https://factsaboutklinefelter.com/definition/

Auch zum Thema Behandlung kommt demnächst ein Update, um die Rolle des Testosterons genauer zu beleuchten.

Wer meine Blogbeiträge von Beginn an verfolgt, wird feststellen, dass der Erkenntnisgewinn ein schleichender Prozess ist. Ich hab die Bezeichnung „Klinefelter-Mann“ für mich persönlich eliminiert. Ich sehe mich heute als XXY, nicht als Störung.

Alles, was hier auf diesem Blog steht, ist mein aktueller Stand über XXY. Forschung steht niemals still, das Rad dreht sich weiter und bringt jeden Monat neue Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen, aus der Psychologie, von der Genetik, aus der Neurologie und aus der Endokrinologie. Langzeitstudien sind in Planung oder derzeit am Laufen, naturgemäß wird es hier länger, mitunter sogar Jahre dauern, bis man einen Erkenntnisgewinn ableiten kann. Viele Studien über die Wirkung der Testosterontherapie sind widersprüchlich, weil es keinen Konsenz darüber gibt, wie eine richtige Behandlung aussieht. Wann wird behandelt, wie viel in welchem Zeitraum, oral, Gel oder Spritzen? Gelten Normalwerte für XY auch für XXY, wenn die Testosteronproduktion durch das zusätzliche X-Chromosom generell anders prozessiert wird?

Viele Fragen sind offen, bei mir kommen fast täglich neue hinzu und ich suche nach Antworten. Insofern ist dieser Blog ein Prozess, der niemals endet, aber hoffentlich ein paar wichtige Fragen aufwirft an jene, die sich beruflich damit beschäftigen, und Antworten für jene liefert, die bisher keinen Ansprechpartner für ihre Fragen gefunden. Ich möchte nicht so weit gehen zu behaupten, dass die wissenschaftlichen Artikel, die ich hier verlinke, die einzige und reine Wahrheit besitzen, aber man kann deren Erkenntnisse auch nur wissenschaftlich auseinanderpflücken. Wer also auf Nummer sicher gehen will, sollte sich an Passagen halten, die ich durch Literaturquellen belegt habe.

Und wenn ihr Fragen habt, kommentiert einfach. Solange ein respektvoller Ton gewährt ist, schalte ich die Kommentare auch frei.

Der veränderte Hormonzyklus und das Rätsel der X-Inaktivierung

Übersetzung von Auszügen eines 2009 erschienenen Artikels über das Rätsel des zusätzlichen X-Chromosoms:

http://www.science20.com/chrissy039s_column/blog/mystery_extra_x_klinefelter_syndrome_and_its_missing_links

[…]

Kreislauf der Gonadotropine

FSH und LH werden durch die Hypophyse freigesetzt und wandern beide durch den Blutstrom zu den Hoden, wo FSH die Spermienproduktion und LH die Testosteronproduktion anregt. Bei normalen Männern signalisiert das erzeugte Testosteron im Blutstrom (gemeinsam mit einem weiteren Protein namens Inhibin) der Hypophyse, dass FSH und LH richtig arbeiten.  Als Reaktion verringert die Hypophyse die Ausscheidung von FSH und LH, bis die Testosteronwerte unter einen kritischen Punkt sinken. Diese Feedbackschleife ist ein übliches Phänomen der endokrinen Selbstregulierung: Bei normalen Männern ist es die Art der Hoden, der Hypophyse zu signalisieren, dass die Botschaft angekommen ist und sie ihren Job erledigen. Inneres Feedback hält die Testosteronwerte im Kreislauf in einem eng begrenzten Normalbereich – ideal für die sexuelle Funktion und den körperlichen Stoffwechsel.

Beim Klinefelter-Syndrom werden FSH und LH normal erzeugt, aber als Reaktion wird Testosteron ungenügend erzeugt, um normale Hodenfunktionen zu gewährleisten und der Hypophyse eine negative Rückmeldung zu geben. Die Hypophyse erkennt einen niedrigen oder nicht vorhandenen Testosterongehalt im Blut und bombardiert die Hoden im Gegenzug mit FSH und LH – als ein Versuch, die Testostonerwerte anzuheben, aber erfolglos.

Die Samenkanäle der Hoden – wo Spermien und Testosteron erzeugt werden – sind atrophiert und besitzen keine Funktion bei Männern mit Klinefelter-Syndrom. Die Hypophyse, die – weit von den Hoden entfernt – vom Gehirnstamm baumelt und die vergebenen Mühen ignoriert, produziert weiterhin große Mengen FSH und LH. Deshalb  zeigt die klassische Hormonprobe eines erwachsenen Klinefelter-Patienten deutlich erhöhte FSH- und LH-Werte bei verschwindend geringem Testosteron.

Das Rätsel der X-Inaktivierung

Dem ersten Bericht über einen Klinefelter-Patienten im Jahr 1942 ( von Dr. Klinefelter und Kollegen) folgte 17 Jahre später die Entdeckung der genetischen Herkunft des Syndroms. Im normalen menschlichen Genotyp enthält jede Zelle 46 Chromosomen, inklusive beider Geschlechtschromosomen: Entweder XX oder XY. Deshalb ist der normale weibliche Genotyp 46,XX, während der normale männliche 46,XY ist. Die klassische genetische Anomalie bei Klinefelter ist ein zusätzliches X-Chromosom, welche als 47,XXY-Genotyp beschrieben ist (weitere Formen existieren, sind aber viel seltener)

Das zusätzliche Chormosom erscheint als Ergebnis der nicht vorhandenen Trennung während der Meiose: Ein zusätzliches X-Chromosom schleicht sich herein, wo es während dem Prozess der Zellteilung nicht hingehört, wenn väterlicher Samen oder mütterliche Eizellen erzeugt werden. Aufgrund der Verbindung von Samen und Eizelle entsteht ein XXY-Embryo.

Unter genetischen Gesichtspunkten bestimmt das vorhandene Y-Chromosom das männliche Geschlecht. Das Y-Chromosom enthält eine Region namens SRY (sex determining region), welches für die molekularen Signale verschlüsselt, die die Entwicklung der männlichen Keimdrüsen und nachfolgender Testosteronproduktion einleitet, sowie die Entwicklung der innen- und außenliegenden Genitalien. Nachdem sie ein Y-Chromosom besitzen, sind Individuen mit Klinefelter-Syndrom im Genotyp eindeutig männlich. Aber phänotypisch sind die klassischen Erscheinungsformen des männlichen Geschlechts beim Klinefelter-Syndrom verschoben, offenbar durch das vorhandene, zusätzliche X-Chromosom aus dem Gleichgewicht gebracht.

Die Rolle des zusätzlichen X-Chromosoms ist jedoch komplizierter als angenommen:

Das Rätsel für Ärzte und Forscher liegt in einer Feinheit dessen, wie sich Geschlechtschromosomen äußern, X-Inaktivierung genannt. Bei normalen Zellen, die mehr als ein X-Chromosom enthalten (wie bei normalen weiblichen XX-Zellen), ist ein X immer inaktiv. Diese Inaktivierung geschieht frühzeitig bei der embryonalen Entwicklung und hinterlässt nur ein funktioniertes X in jeder Körperzelle. Das verbleibende, inaktivierte X wird „Barr-Körperchen“ genannt, und seine Gene tragen nicht zur Funktion dieser Zelle noch zur Funktion des Menschen bei.

X-Inaktivierung ist dafür bekannt, dass sie in allen Zellen stattfindet, die mehr als ein X-Chromosom enthalten. Das ist für Klinefelter-Forscher bedeutsam, denn es ist ebenso auf die Zellen der XXY-Männer anwendbar. Die Frage bleibt: Was unterscheidet den tatsächlichen Genotyp eines Mannes mit Klinefelter-Syndrom von dem eines normalen Mannes? Nach der X-Inaktivierung in einer XXY-Zelle verbleibt die Anzahl der aktiven Gene bei 46, einschließlich einem X, einem Y und einem inaktiven X – dem Barr-Körperchen.

Eine Teilantwort liegt darin, was über das Barr-Körperchen in normalen weiblichen XX-Zellen bekannt ist: Obwohl das Barr-Körperchen inaktiv genannt wird, gilt die Inaktivierung des zweiten X-Chromosoms nicht vollständig. Eine kleine Zahl seiner Gene bleibt wirksam. Bei XXY-Männer verursacht eines oder mehrerer dieser verbleibenden, aktiven Gene zweifellos die weiblichen, sekundären Geschlechtsmerkmale, atrophierte Kanäle und resultierende Unfruchtbarkeit, aber der exakte molekulare Mechanismus bleibt unbekannt.

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Ein Zitat einer Mutter eines Kindes mit Klinefelter-Syndrom weiter unten im Artikel:

Sie nennt es einfach „XXY“ – „Ich hasse das Wort ‚Syndrom‘ – es klingt danach, als stimmt mit ihm etwas nicht.“

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Ab wann kommt der Testosteronmangel zum Tragen?

Viele Fachärzte und auch Betroffene in der Klinefelter-Community sind der Meinung, dass auffälliges Verhalten von XXY-Männern ausschließlich auf den Testosteronmangel zurückführbar ist.

Die Medizinische Universität von South Carolina führt folgende Grenzbereiche für Testosteron für 46,XY-Männer an:

Erwachsener (Früh): 9.36-37.1 nmol/L
Frühgeborene: 1.28-6.87 nmol/L
Neugeborene: 2.6-13.9 nmol/L
Kinder, 1 to 5 Monate:  0.03-6.14 nmol/L
Kinder, 6-11 Monate:  0.07-0.24 nmol/L
Kinder, 1 to 5 Jahre:  0.07-0.87 nmol/L
Kinder, 6 to 9 Jahre: 0.10-1.04 nmol/L

Tanner-Stadien:

I:  0.07-0.8 nmol/L
II:  0.17-2.43 nmol/L
III: 0.52-9.72 nmol/L
IV:  3.64-18.91 nmol/L
V:  9.19-27.76 nmol/L

Die Werte stammen dabei von Studien aus dem Jahr 1995 (Kinder und Heranwachsende) bzw. von 2004 (Erwachsene).

Die einzelnen Tanner-Stadien beziehen sich dabei auf die Pubertätsphasen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Testostonwerte im Kindesalter verschwindend gering sind, und erst im Laufe des III. Stadiums (entspricht ca. 10-14 Jahre) deutlich zunehmen.

Vergleich XXY-XY

Die Abbildung zeigt die Durchschnittswerte von 228 Männer mit Klinefelter-Syndrom und 224 unfruchtbaren Männern mit normalem Karyotyp, blau wäre der Normalbereich (12-30 nmol/L)

Die XXY-Männer bewegen sich zwischen 7 und 15 nmol/L, also teilweise im Normbereich, wobei der Median bei 10 nmol/L liegt. (Quelle: Nieschlag 2013)

Im Vergleich zur obigen Tabelle aus den USA fällt auf, dass der untere Schwellenwert für XY-Erwachsene seit 2004 um 3 nmol/L angehoben wurde. Ob es dafür eine tatsächliche größere medizinische Bandbreite als Ursache gibt oder ob die Pharmakonzerne von der Anhebung der Grenzwerte profitieren, weil dann rascher substitutiert wird, kann ich nicht beurteilen. Der Normbereich ist jedenfalls sehr variabel und wann er von XXY-Männern verlassen wird, ist individuell sehr verschieden.

Vorläufiges Fazit ist jedenfalls, dass sich der Testosteronmangel bei XXY-Männern offenbar frühestens ab dem ca. 10. Lebensjahr bemerkbar macht, je nach Abfall des Testosteronspiegels rutscht er auch erst nach der Pubertät bzw. im jungen Erwachsenenalter unter den Normbereich.

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Meine Schlussfolgerung als Laie:

Ich kann mir nicht erklären, wie Testosteronmangel bereits im Vorschulalter Auffälligkeiten wie Schüchternheit, Passivität, motorische Defizite und Verzögerung bei der Sprachentwicklung erklären soll, wenn zu diesem Zeitpunkt aufgrund der verschwindend geringen Konzentrationen an Testosteron noch gar kein Mangel besteht bzw. offenbar vernachlässigbar ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt  würde ich laienhaft vermuten, dass die Ursache im zusätzlichen X-Chromosom bzw. in dessen verbleibenden, aktiven Genen zu suchen ist. Und je nachdem, wie viele Gene noch aktiv sind, reicht die Ausprägung dann hin zu Entwicklungsstörungen wie ADHS, Autismus, Schizophrenie, usw…. , oder es wurden so viele Gene inaktiviert, dass kaum Symptome vorhanden sind. Hinzu kommen natürlich noch erbliche Faktoren und erlerntes Verhalten durch die Eltern.

Was bisher auch durch mir bekannte Studien nicht widerlegt wurde:

Das schlechte Kurzzeitgedächtnis, beeinträchtigte Exekutivfunktionen (präfrontaler Cortex) sowie die sensorische Überempfindlichkeit bleiben auch nach der Substitution oft erhalten – Symptome, die sowohl auf ADHS als auch auf Autismus hindeuten, also im Gehirn ähnliche Bereiche betreffen könnten. Ebenso hat die Substitution keinen Einfluss auf die verstärkte Detailwahrnehmung allgemein, auf visuelles Denken und Langzeitgedächtnis.

Positive Effekte sind dagegen bei der Konzentrationsfähigkeit sowie beim Sprachfluss beobachtet wurden, was etwas im Widerspruch zur oben genannten verzögerten Sprachentwicklung im Kindesalter steht. Wobei mir auch nicht klar ist, ob die Schüchternheit Folge der generellen Mutlosigkeit ist, oder der beeinträchtigten Exekutivfunktionen (Gedankenspiralen, wie sagt man etwas, in welcher Reihenfolge, wie gehe ich auf jemanden zu, etc….), ich möchte das zumindest in Frage stellen, dass das schüchterne Erscheinungsbild bloß die Folge eines Hormonmangels ist.

Vielleicht finde ich auf dieses Rätsel noch Antworten in den zahlreichen Artikeln, die ich gefunden, aber noch nicht durchblickt habe. Würde mich ein Spezialist daraufhin weisen, wo mein Denkfehler liegt, ginge es natürlich schneller. Ob Bekräftigung oder Ablehnung meiner Theorie, spielt keine Rolle, ich möchte nur Beweise sehen, und kein pauschales „So ein Blödsinn kann nur von einem nichtstudierten Laien kommen“.