Tellerrand, Selbstkritik und Diversität des Spektrums

Je weiter ich im eigenen Erkenntnisprozess fortschreite, desto weniger kann ich die Beweggründe meiner Mitmenschen nachvollziehen. Das gleichförmige „mit dem Strom schwimmen“, nichts zu hinterfragen. „was gesagt wird, gehört gemacht“, selbst wenn es rational nicht begründbar ist.

Das stetige Hinterfragen ist ein kontinuierlicher Lernprozess über das ganze Leben hinweg. Für mich sind dabei zwei Aspekte ausschlaggebend:

  • Über den eigenen Tellerrand schauen
  • Selbstkritisch bleiben

Beide Eigenschaften fehlen vielen (herrschenden) Menschen leider. Kritisieren lässt sich niemand gerne, sich selbst kritisieren und Fehler eingestehen, fällt noch schwerer.

Aus der Sicht eines XXY bedeutet Selbstkritik für mich:

Ich bin kein Mediziner, kenne nur sehr oberflächlich die Vorgänge im Körper bei hormonellen Schwankungen, die Zusammenhänge mit der Psyche und dem Körper, und was durch die Geschlechtschromosomen verursacht wird und was nicht. Ich bin auch nicht in der Lage, professionelle Studien zu machen, die wissenschaftlichen Maßstäben gerecht werden. Was vielleicht ein genereller Vorteil ist, sowohl was Klinefelter, 47,XXY allgemein als auch Autismus betrifft: Ich bin mit keinem von allen aufgewachsen, konnte mich nie an bestimmten Denkmodellen orientieren, und gehe daher ziemlich frei von anderen Meinungen auf die Themen zu.

Ich weiß, dass man als Fachspezialist zum Tunnelblick neigt. Als autistischer XXY tendiert man dazu, alle XXY ins autistische Spektrum zu schubladisieren. Andere neigen dazu, nur von sich auszugehen. So behauptete mir gegenüber ein XXY: Nur weil er keine Probleme mit Hintergrundgeräuschen habe, könne XXY nichts mit Reizfilterschwäche zu tun haben. Nur, weil er noch nie etwas von dieser oder jener Studie gehört habe, hätte das alles nichts mit XXY zu tun. Allgemein wird so getan, als ob die gestiegene Häufigkeit für Depressionen ausschließlich auf die Kinderlosigkeit zurückzuführen sei, oder nur mit dem Testosteronmangel zusammenhängen könne.

In Autisten-Communities verhält es sich ganz ähnlich: Nur, weil jemand scheinbar gegenteilige Symptome zeige, könne er kein Autist sein. Sie machen die Diagnosekriterien daran fest, wie sie selbst diagnostiziert wurden und übersehen, dass Autismus (und XXY als mögliche Autismus-Ursache) ein großes Spektrum umfassen.

Selbstkritik bedeutet, zu hinterfragen, ob der eigene Standpunkt das Maß aller Dinge ist. Hat man bereits ausgelernt und weiß schon alles? Gerade im medizinischen Bereich gilt das NICHT. Seit Einführung der psychiatrischen Diagnosen haben sich die Kriterien und Beschreibungen stetig gewandelt. Es kann also gut sein und ist meist auch so, dass der Kenntnisstand vor 20 Jahren veraltet ist. Wenn man sich alleine betrachtet, wie viele tausende wissenschaftlichen Veröffentlichungen seitdem erschienen sind, erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass das damalige, sehr vereinfachende Bild von 47,XXY = Klinefelter-Syndrom = Testosteronmangel heute noch gültig ist.

Ebenso sind nicht alle XXY und Autisten weniger intelligent, unfähig zu kommunizieren oder Freundschaften zu schließen noch sind alle Rain Man und haben Inselbegabungen. Die weltweite Vernetzung und Erfahrungsaustausch bringt so viele neue Erkenntnisse in den vergangenen 20 Jahren, dass die wissenschaftliche Forschung nicht mehr hinterherkommt. Während die Forscher noch rätseln, ob und warum Männer so viel häufiger als Frauen zu Autismus neigen, sehen autistische Forscherinnen und Autorinnen konkrete Unterschiede in den autistischen Symptomen zwischen Männern und Frauen, ebenso wie Frauen mit ADS leichter übersehen werden, weil es weniger auffällt bzw. weniger störend auf das Umfeld wirkt.

Über den Tellerrand schauen bedeutet für mich, damals getroffene Aussagen nicht als für die Ewigkeit festzementiert zu interpretieren. Und eine Aussage ist nicht automatisch richtig, nur weil ein Experte sie getroffen hat. Auch Experten müssen selbstverständlich begründen, wie sie dazu kommen. Moment, aber machen sie das auch? Nur, wenn man sie dazu auffordert. Der durchschnittliche Patient wird selten anzweifeln, warum eine Aussage zustandekommt. Er glaubt es einfach, weil er oder sie der Experte ist. Fachärzte werden also relativ selten vom Patienten mit Fragen gelöchert, wie Aussagen oder Behandlungsansätze zustandekommen (heutzutage recherchieren Patienten selbst nach, wobei sich allerdings auch gefährliches Halbwissen ansammeln kann), zumal dazu oft auch die Zeit fehlt. Es ist nahezu unmöglich, sich mit einem Facharzt mal ausführlich über „seine Störung“ zu unterhalten, außer man ist mit einem befreundet.

Tellerränder zu überblicken bedeutet auch, einen Blick von außen zu haben. Ich bin weder ein klassischer Autist noch ein klassischer XXY. Ich gehöre zu den 25 %, die keine Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben (eher das Gegenteil), dafür habe ich weder ausgeprägte repetitive Verhaltensmuster noch besonders licht- oder berührungsempfindlich. Die fehlende absolute Identifikation führt dazu, dass ich mir eher vorstellen kann, dass die Grenzen nicht scharf gesetzt sind, sondern fließende Übergänge existieren. Und dass auch Menschen am Rande des Spektrums durchaus ähnliche Probleme haben. Ob jemand zappelt oder nicht, muss erst mal nichts mit der Kommunikationsfähigkeit oder Reizfilterschwäche zu tun haben.

Die Mischung aus Selbstkritik (ich bin nicht perfekt, ich weiß nicht alles) und über den Tellerrand schauen (es gibt Dinge, die ich vorher nicht kannte, die ich mir zwar nicht vorstellen kann, aber existieren können) resultiert letzendlich in der Akzeptanz der Vielfalt. Weg von Schwarzweiß, hin zum Spektrum des Möglichen.

Über den Tellerrand schauen bei Klinefelter bedeutet für mich:

Es gibt die Männer, die Familien gründen wollen und depressiv werden, wenn sie zeugungsunfähig sind.

Genauso gibt es Individuen, die sich als weiblich identifizieren und statt Testosteron eine Östrogentherapie bevorzugen.

Über den Tellerrand schauen bei Autismus bedeutet für mich:

Es gibt mehr weibliche Autisten als angenommen wird, weil bei manchen (nicht allen) ihr Verhalten anders aussieht als bei männlichen Autisten. Ebenso gibt es männliche Autisten, die überempathisch und hochsensibel sind. Meine These ist, dass typische Klinefelter-Autisten eher die weibliche Autismus-Ausprägung zeigen, bedingt durch niedrigen Testosteronspiegel und das zusätzliche X-Chromosom. Manche Studien deuten in diese Richtung, etwa dass Klinefelter seltener mit stereotypem Verhalten und Interessen einhergeht, was auch bei weiblichen Autisten häufiger der Fall ist. Ebenso erhält die XXY-Mehrheit eher eine ADS als eine ADHS-Diagnose – eine weitere Parallele zu Frauen, die eher ADS als ADHS diagnostiziert werden.

Abseits vom Zusammenhang Klinefelter – Autismus sehe ich eine Diagnose nicht an den Leidensdruck geknüpft. Da XXY eine Ursache von Autismus ist, behält der Betroffene sein zweites X-Chromosom selbst dann, wenn kein Leidensdruck (mehr) gegeben ist. Ebenso wenig verändern sich die Gene der idiopathischen Autisten (also derer, mit unbekannter genetischer Ursache), wenn sie gelernt haben, sich anzupassen, und nicht durchwegs zu leiden.

Tony Attwood’s Positivdiagnose von Autismus soll hier als Beispiel dafür genannt werden, sich selbst nicht ausschließlich als behindert oder psychiatrisch gestört zu betrachten. Schwächen erkennen, Stärken fördern. Autismus ist weder nur durch das Umfeld eine Behinderung noch hat das Umfeld hier gar keinen Einfluss. Tellerrand heißt, sein Vorstellungsvermögen zu erweitern, mehr Möglichkeiten zuzulassen.

Das bedeutet gerade im deutschsprachigen Raum: Autismus ist bis jetzt unterteilt in frühkindlich, Asperger und hochfunktional. Alles, was nicht da reinpasst, ist atypisch. In Nordamerika nennt man es nur noch Spektrum, und in der Forschung wird diese Einteilung zunehmend obsolet. Die bisherigen Unterteilungen basierten ausschließlich auf dem beobachtbaren Verhalten, während durch die Fortschritte in der Genetik jetzt spezifische Gentypen als Ursachen erkannt werden.

Verhalten ist subjektiv bewertet, während Gentests nicht lügen (und bevor die Diskussion beginnt: Die hohen Abtreibungsraten bei XXY und AutismSpeaks-Bestrebungen, weniger Autisten auf die Welt zu setzen, sind eine andere Baustelle). Eine dritte Möglichkeit sind Gehirnscans, aber wenn man da die letzten Studien zusammenfasst, sind die Gehirne der Autisten so verschieden, dass es kaum charakteristische Kennzeichen gibt bzw. so verdeckt sind, dass man sie noch nicht gefunden hat.

Ich bin natürlich aus Eigeninteresse eher zur Gentyp-Betrachtung geneigt, weil ich Klinefelter/XXY nicht mehr unabhängig von Autismus betrachten kann. De fakto sind die meisten aufgelisteten Symptome für Klinefelter auch Autismus-Symptome. Und umgekehrt beobachtet man auch bei Autisten gehäufter hormonelle Schwankungen, etwa Frauen mit erhöhten Testosteronwerten oder allgemein häufiger Transgender-Identitäten.

Schlussfolgerung:

Ich bin offen gegenüber neuen Theorien, gehe dennoch sehr kritisch mit den Datengrundlagen um, (insbesondere Anzahl der Teilnehmer einer Studie und Aussagekräftigkeit der Auswahl bzw. Kontrollgruppe). scheue nicht davor zurück, aufgrund der vorhandenen Datenlage eigene Theorien aufzustellen (bottom-up-approach), und mir mehr zwischen Himmel und Erde vorzustellen, was mir bis dahin bekannte Denkmodelle vorgegeben haben. Ich bin trotz Pharmalobby und Paranoia durchaus interessiert, was in den USA dazu geforscht wird, und schaue auch gerne in andere Länder. Diese Offenheit ist für mich essentiell, sonst könnte ich nicht dazu schreiben. Auch wenn es subjektiv vorbelastet ist, berücksichtige ich Erfahrungsberichte, besonders wenn sie in großer Zahl vorliegen. Und ich lese mich selbst dazu ein, schreibe Forscher und Ärzte an und gebe nicht auf, wenn keine oder eine negative Antwort kommt. Letzendlich macht es mich auch toleranter. Vor meinen intensiven Recherchen hatte ich das Autismus-Klischée im Kopf, das ADHS-Klischée, kannte weder Intersexuelle noch Transgender. Der Horizont hat sich massiv erweitert, das macht doch einiges entspannter, was die eigene Identität betrifft.

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Warum Autisten wahrscheinlicher gemobbt werden

Dieser Beitrag ist eine Übersetzung von

https://askpergers.wordpress.com/2014/11/20/why-autistic-people-are-more-likely-to-be-bullied/

Jeder kann ein Mobbingopfer werden, aber es scheint so, dass eine unverhältnismäßige Anzahl von Autisten in einem bestimmten Lebensabschnitt Mobbing erfährt. Es gibt dafür eine Reihe von Gründen, und die meisten davon haben mit der Psychologie der Person zu tun, die mobbt. Es gibt etwas über Autisten, das sie als „ideale Opfer“ in den Augen des potentiellen Mobbers erscheinen lässt. Der wahrscheinlich einfachste Weg, diesen Punkt zu veranschaulichen, ist es ein paar der Schlüsselfaktoren (siehe unten) aufzulisten, sodass ihr eine Idee davon bekommt, über was ich rede.

  • Autisten neigen dazu in einer Gruppe aufzufallen – einer der fundamentalen Grundsätze von Autismus ist, wenn Du es hast, dann bist Du nicht wie die anderen um Dich herum.  Das muss nichts Schlechtes sein, und Du musst nicht einmal komplett verschieden von den anderen sein, aber Tatsache ist, dass die meisten Mobber sich jemanden herauspicken, der zumindest etwas verschieden ist. Das kann jemand sein, der dicker oder dünner ist, oder größer oder kleiner als der Durchschnitt. Wenn jemand Autismus hat, könnten sie im Vergleich zu den anderen unterschiedlich kommunizieren oder ein anderes Verhalten zeigen. Es könnte etwas so Einfaches sein, wie sich in einer speziellen Art zu kleiden, beispielsweise trug jemand, den ich kannte, jeden Tag die gleiche Klamotten. Oder es könnte sein, sich in zwanglosen Situation sachlich auszudrücken. Der Umstand, dass jemand nach einem Opfer Ausschau hält, bedeutet, dass sogar der kleinste Unterschied eine Person mit Autismus geeignet für Mobbing erscheinen lässt.
  • Autisten haben möglicherweise nicht so einen großen Freundeskreis, der sich für sie einsetzt wie bei anderen – ich möchte klarstellen, dass dieser Punkt nicht jeden betrifft – Ich zeige nur auf, was mir viele gemobbte Autisten berichteten – es wird nicht auf jeden zutreffen. Aber einige Autisten berichten, weil sie Schwierigkeiten hatten, Freundschaften in der Schule oder am Arbeitsplatz zu schließen,  wurden sie innerhalb Tagen ihrer Ankunft herausgegriffen als Person, die noch keine Freundschaften geschlossen hat; Deshalb, wenn der Mobber nach einem Opfer sucht, wird er nicht nach einer Gruppe Ausschau halten, sondern nach einem einzelnen Individuum. Das ist der Beginn eines Teufelskreises.  Weil sie nicht rasch genug Freundschaften schließen konnten, werden sie als freundschaftslose Person bekannt, die gemobbt wird – und wer möchte Freundschaften mit dieser Person? Offensichtlich keiner, was bedeutet, dass sie sogar wahrscheinlicher weiter gemobbt werden. Natürlich sollten die Leute in der Lage sein, sich auf eine bestimmte Situation einzustellen, und Freundschaften in ihrer Geschwindigkeit und auf ihre Weise zu schließen, doch unglücklicherweise scheinen viele Schulen und Arbeitsplätze soziale Strukturen beinahe wie Gefängnisse aufzuweisen. Wenn Du in einer Gruppe bist, hast Du viel eher Leute, die auf Dich achtgeben, während man auf sich alleine gestellt viel leichter zum Mobbingopfer wird. Es sollte außerdem betont werden, dass auch Leute mit guten Freunden gemobbt werden können, aber die Mehrheit der Mobber schaut nach dem leichtestmöglichen Ziel.
  • Viele Autisten sind nicht fähig, Körpersprache oder soziale Signale zu lesen, deshalb kann es schwer für sie sein, die Absichten der anderen zu erkennen – das macht sich offensichtlich viel anfälliger dafür, wenn jemand mit ihnen etwas vorhat – vielleicht sie zu einem abgeschiedeneren Ort zu locken, sodass sie zusammengeschlagen werden können, oder sie so zu manipulieren, dass sie etwas peinliches oder illegales tun. Die Person, die das tut, könnte es nicht einmal besonders intelligent oder gut anstellen, die Absichten zu verschleiern, und es kann für jeden im Raum klar sein – aber es geht komplett an dem Autisten vorbei, dadurch werden sie automatisch ein viel einladenderes Ziel für jeden, der beabsichtigt zu mobben. Autisten unterschätzen möglicherweise die Ernsthaftigkeit dessen, was eine andere Person gerade plant. Es ist außerdem möglich, dass sie dahingehend manipuliert werden, den Mobber als ihren Freund zu betrachten. Die Signale, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn sie in eine bestimmte Situation gelockt werden (bestimmte Blicke, Gelächter oder Bemerkungen) werden vollständig übersehen. Das ermöglicht Mobbern, autistische Menschen in einer Weise zu manipulieren, wie sie es nicht mit neurotypischen Menschen machen könnten.
  • Autisten tendieren zudem dazu, Gesagtes wörtlich zu nehmen – das schließt an den obigen Punkt an, dass sie leichter zu manipulieren sind. Aber es verleiht den Worten der Mobber auch zusätzlichen Druck, der in zwei Arten daherkommt: Wenn jemand sagt „Ich werde Dich umbringen“, nehmen die meisten Menschen an, dass damit gemeint ist zusammengeschlagen zu werden. Das alleine ist schon nicht erfreulich, aber der Autist nimmt das ernst, was Leute zu ihm sagen, und sie gehen am nächsten Tag in die Schule im Glauben, jemand beabsichtige sie umzubringen, dann muss der Tribut, den jemand physisch und physisch zahlen muss, extrem sein. Den Druck zu haben, jeder einzelnen Bedrohung zu glauben, die eine Gruppe von Mobbern ausspricht, würde einen unbeschreiblichen Stress für ein Individuum bedeuten. Die Familie und ihr Leben wäre täglich bedroht. Das könnte die Schwierigkeit hinzufügen, dass der Gemobbte niemandem davon erzählt. Es würde die Erfahrung außerdem noch schrecklicher für das autistische Individuum machen. Die andere Art, dass Gesagtes wörtlich zu nehmen Probleme bereiten kann, ist Online-Mobbing. Bedrohungen und verbaler Missbrauch sind leider Alltag bei den Erfahrungen im Netz. Aber die meisten Menschen wissen, dass dies die Person am anderen Ende zum eigenen Vergnügen tut, und empfinden es nicht so, wenn sie anderen Leuten Botschaften zukommen lassen.  Wäre der Mobber nicht zufällig auf diesen besonderen Autisten gestoßen, hätte er seine Nachrichten an jemand anders gesandt. Ich versuche damit nicht zu sagen, dass es dies leichter für das Opfer macht – stellt Euch vor, wenn man jeder zufälligen Beleidigung glaubt, die von jemand online aufgeworfen wird und mit ernsthaft gemeintem Hass an Dich persönlich gesendet wurde, dann ist es kein Wunder, dass manche Leute beginnen, diesen Beleidigungen und Bedrohungen zu glauben, und sich wertlos und verängstigt fühlen.
  • Weil autistische Menschen damit kämpfen zu verstehen, wie sie sozial dazugehören, können sie alles dafür tun, was sie für notwendig empfinden, um sich den Gleichaltrigen anzupassen. Leider macht sie das unglaublich anfällig für jene, die sie einfach ärgern wollen. Ihrer Meinung nach sind sie Teil der Gruppe und haben alle Spaß zusammen, aber in Wirklichkeit sind sie bloß die Zielscheibe der Witze. Das geschieht offensichtlich nicht bei Freundschaften, aber passiert manchmal mit einem Mobber oder eine Gruppe von Mobbern.
    Weil der Wunsch dazuzugehören so groß sein kann, weiß der Autist mitunter, dass das, was zu tun von ihnen verlangt wird, falsch oder beschämend sein kann, aber tut es trotzdem lieber als weiterhin ignoriert zu werden. Das kann leider mit jedem sozial Ausgestoßenen passieren, ob sie nun autistisch sind oder nicht. Zudem ist es möglich, dass die autistische Person nicht weiß, dass sie etwas falsches oder ungesetzliches tut, und dass sie nicht versuchen, dazu gehören, weil sie Freundschaften schließen wollen, sondern um das Mobbing zu beenden.
  • Autisten zeigen oft die gewünschte Reaktion auf Mobbing – nun mögen es Mobber zu verletzen und Leute zu manipulieren – das bedeutet nicht, dass sie ihr ganzes Leben schlechte Menschen sein werden, aber in dem Moment fügen sie einem anderen Menschen körperliche und seelische Schmerzen zu – manche tun das, weil sie die Macht genießen, die ihnen über jemand anders gegeben wird, aber die meisten tun es, um zu sehen, welche Reaktion sie vom anderen erhalten. Jemand mit Autismus kann offensichtlich bis zum Zusammenbruch (Meltdown) provoziert werden – was nahezu die beste Reaktion ist, die ein Mobber erhalten kann. Sie können eine Person subtil veräppeln, was zu einem Ausbruch bei der autistischen Person führen wird, und ihn selbst als den Bösewicht hinstellt. Viele Mobber bzw. ehemalige Mobber begründeten die Verletzung von Leuten, um eine Reaktion zu erzwingen, damit, dass sie gelangweilt waren. Diesem sollte man aber nicht zu viel Bedeutung beimessen, denn in der heutigen Gesellschaft gibt es wirklich keinen Grund, gelangweilt zu sein – Internet und Mobiltelefone geben uns alles, was wir wollen, mit unseren Fingerspitzen, und trotzdem benutzen dies manche Menschen, um zu mobben. Menschen, die sich damit beschäftigen, solche Reaktionen zu erzwingen, tun das zu ihrem eigenen Vergnügen, und leider zeigen autistische Menschen oft die willkommensten Reaktionen.
  • Autistische Menschen können damit ringen, um Hilfe bei einem Problem zu bitten, weil ihre kommunikativen Fähigkeiten nicht ausreichen – vielleicht können sie physisch nicht darum bitten oder etwas darüber sagen, weil sie unfähig zum Sprechen sind? Vielleicht sind sie zu verschreckt und verängstigt, um einen Versuch zu wagen, dem Lehrer, Kollegen oder Elternteil mitzuteilen, was bei ihnen abgeht? Vielleicht glauben sie den Drohungen der Mobber und halten aus diesem Grund still? Was auch immer der Grund ist, autistische Menschen können sich manchmal in Stille leidend wiederfinden, und das zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens. Die Leute sagen, rede mit einem Lehrer oder Elternteil, als ob das alles löst – das ist ok, aber wenn Du nicht weißt, wie Du es jemand sagen sollst, wenn Du kein Vertrauen darin hast, Dich jemandem anzunähern, wenn der Gedanke, zu jemandem zu gehen und ein Gespräch zu beginnen beinahe so verschreckend ist wie gemobbt zu werden, was sollst Du dann tun? Ich biete hier keine Lösungen an, aber vielleicht ist es besser, wenn die Eltern und Lehrer selbst die Probleme erkennen, und darauf achtgeben? Es ist wirklich wichtig, dass jemand weiteres eingeweiht wird, was los ist, und die Person unterstützt, die gemobbt wird.

Das zuletzt Geschriebene sind nur ein paar Situationen, die mir widerfahren sind, als ich begann, darüber nachzudenken, warum autistische Menschen häufiger zum Mobbingopfer werden. Ich vermute, was ich tat, war mich in die Perspektive des Mobbers zu versetzen, und mich zu fragen, wenn ich jemand wehtun und damit durchkommen wollte, welche Art von Person ich als Zielscheibe benutzen würde, und warum? Es mag andere Gründen geben, und nicht jeder, der autistisch ist, wird zur Zielscheibe für Mobbing in ihrem Leben. Ich hoffe, dass die aufgezählten Faktoren für Euch einen Sinn ergeben.  Ich bin sicher, dass ich nicht alles genannt habe, und wenn Euch etwas anderes widerfahren ist, kommentiert bitte darunter, und lasst mich wissen, was es war. Ich möchte außerdem in diesem Artikel nicht andeuten, dass nur Autisten gemobbt werden, da Mobbing ein Problem ist, das jedem in der Gesellschaft passieren kann.

Der Unterschied zwischen Schüchternheit und Missverständnissen

Dieser Beitrag ist eine vollständige Übersetzung eines sehr verständlichen Blogtexts von stimmycat, die beschreibt, wie sich Schwierigkeiten in der Kommunikation als Schüchternheit bemerkbar machen können.

The following entry is a full translation of a really comprehensive text of the autistic blogger stimmycat describing how communication difficulties may express as shyness for non-autistic (= allistic) people.

Original-Artikel: https://autismthroughcats.wordpress.com/2014/08/24/shyness-and-misunderstandings/

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Ich bin schüchtern, aber ich kämpfe auch mit der Fehlverbindung zwischen meinem autistischen Kommunikationsstil und dem nichtautistischer Leute. Ich sehe diese als getrennte Bereiche, aber die Leute scheinen sie oft zu verwechseln. Deshalb erkläre ich, wie ich die Dinge sehe.

Schüchternheit ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die bedeutet, dass ich nervös werde und es mir unangenehm ist, wenn ich unter Leuten bin, die ich nicht gut kenne und wenn ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehe. Schüchternheit bedingt bei mir, dass ich nicht immer sage, was ich ausdrücken möchte.

Und ich bin autistisch und weiß oft nicht, was ich in bestimmten sozialen Situationen sagen soll. Autisten neigen dazu, zu sagen, was sie meinen und wir neigen dazu anzunehmen, dass dies jeder auch tut. Aber in A Field Guide to Earthlings, ein Buch über nichtautistisches Verhalten, schreibt Ian Ford über die viele Wege, über die nichtautistische Leute nicht das sagen, was sie meinen. Er argumentiert, dass in manchen Situationen – etwa bei Smalltalk – Dinge, die nichtautistische Leute sagen, nicht einmal der Zweck der Interaktion sind. Während sie Dinge so sagen, dass sie bedeutungsvoll klingen, können nichtautistische Leute stattdessen einen stillen Austausch haben, den eine autistische Person komplett missversteht oder nicht einmal bemerkt. Dieser Gedanke erscheint mir bizarr, aber er erklärt viel.

Manchmal drehen sich die Interaktionen von Nichtautisten über die Dinge, die sie sagen. Ich denke, das passiert an der Univeristät, wenn ich mit den Lehrenden oder anderen Studenten über Zoologie diskutiere. Der Zweck dieser Art von Interaktion ist es, Wissen und Meinungen über Zoologie auszutauschen. Ich verstehe das. Ich weiß, wie man über Zoologie diskutiert. Ich habe Wissen und Meinungen darüber, die ich gerne teile und ich verstehe allgemein, was andere Leute darüber sagen. Aber in großen Gruppen und wenn ich unter Leuten bin, weiß ich es nicht, manchmal bleibe ich still, wenn ich darüber nachdenke, was ich sagen könnte, oder ich werde nervös und sage etwas Falsches, weil ich schüchtern bin.

Aber wenn Leute Smalltalk betreiben oder eine nette Plauderei mit mir suchen, verstehe ich den Zweck dieser Interaktion nicht. In der Vergangenheit dachte ich, sie wären an dem interessiert, über das sie tatsächlich reden, wie das Wetter oder was die Leute am Wochenende getan haben, und ich versuchte, interessante Dinge zum Thema der Konversation beizutragen. Aber wir endeten gewöhnlich mit einer unangenehmen Stille und ich verstand nie, was ich falsch gesagt hatte. Manchmal konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, was ich sagen sollte, also sagte ich gar nichts.

Ich kenne viele Leute, die mir sagen, dass ich unter Leuten entspannen und aus meinem Schneckenhaus herauskommen soll, oder mich selbst mehr mögen oder mehr ich selbst sein, und Auswirkung dessen scheint zu sein, dass, wenn ich diese Dinge tue, ich eben weiß, was ich sagen will. Aber das hilft kaum. Wenn ich versuche, meine Schüchternheit zu überwinden, ende ich mit dem gleichen Ergebnis.

Wenn ich versuchte, den Ratschlägen zu folgen, wie ich mit Schüchternheit umgehen soll, regte mich das wirklich auf, wenn ich wieder und wieder zu versagen scheine, und am Ende hörte ich damit auf, es zu versuchen.

Weil ich denke, dass das Problem nicht Schüchternheit ist, sondern es einen gewissen fundamentalen Unterschied gibt, wie ich und andere Leute unsere Interaktionen wahrnehmen. Ich konzentriere mich auf Worte und scheitere dabei, zu bemerken oder zu erwidern, was eine nichtautistische Person wirklich zu tun versucht.

Vor kurzem verstand ich erst, dass Worte oft nicht im beabsichtigten Mittelpunkt stehen. Und ich denke, ich habe gelernt, manches zu imitieren, was nichtautistische Menschen machen, wenn sie plaudern. Wenn jetzt jemand sagt „Wie geht’s Dir?“ versuche ich nicht die Fragen zu beantworten, sondern zu sagen „Fein, danke! Wie geht’s Dir?“ Dies scheint erfolgreich zu sein, wenn man ein Gespräch beginnt. Und wenn mich jemand etwas anderes fragt, beantworte ich es und frage das Gleiche zurück.  Ich tat das zuvor meist nicht, weil mich gewöhnlich die Antwort nicht interessierte.  Ich denke, das ist eine gute Methode,  geeignete Fragen zu stellen – mir wurde gesagt, ich sollte das tun, aber ich hatte große Probleme, mir welche einfallen zu lassen.

Diese Nachahmung nichtautistischer Kommunikation scheint bei kurzen Gesprächen zu funktionieren, aber ich befürchte, dass die Leute mich durchschauen, wenn ich es längere Zeit aufrechtzuerhalten hätte. Ich verstehe nach wie vor nur mit Mühe und Not manche Aspekte nichtautistischen Verhaltens.

Edit: ich hätte wahrscheinlich klarstellen sollen, dass nicht jeder Autist wie ich kommuniziert.

8. Kapitel: Von den Rändern zur Mitte

Im achten und letzten Kapitel von Temple Grandins The Autistic Brain, From the Margins to the Mainstream, geht es um das Thema Talente, Erfahrung und Fleiß, und um ein paar abschließende Ratschläge an Autisten, mit dem Alltagsleben besser klarzukommen.

Die Beziehung zwischen Natur und Fördern wurde in den vergangenen Jahren immer populärer, etwa die 10 000 Stunden-Regel. Die Regel besagt:

Um in einem Bereich ein Experte zu werden, muss man zumindest X Stunden Arbeit hineinstecken.

Oder banaler ausgedrückt: Üben, üben, üben!

Grandin stellt klar, dass man keine natürliche Begabung für einen bestimmten Job besitzt, weil zielgerichtete natürliche Begabungen nicht existieren. Üben alleine reicht nicht für ein Talent. Temple Grandin hatte Zugang zu demselben Computerterminal wie Bill Gates, aber wurde trotzdem kein Computergenie – weil sie eine andere Art des Denkens hat.

Ihrer Ansicht nach wird Erfolg durch eine Mischung aus Talent und üben bestimmt, üben alleine reicht nicht, denn wenn es im Gehirn Defizite gibt, dann sind diese nicht überwindbar. Neuroanatomie ist keine Bestimmung, ebenso wenig Genetik. Sie sagen nicht, wer man sein wird, aber wer man sein könnte. Es geht also darum, reale Stärken aufzubauen, und das Gehirn so zu formen, dass es das tun kann, was es am besten kann.

Die Plastizität des Gehirns ist nachgewiesen, u.a. an einer Studie von Londoner Taxifahrer, die innerhalb weniger Jahren den Stadtplan auswendig können müssen. Gehirne sind in der Lage, diese Unmengen an Informationen zu speichern, sich zu verändern, aber sie bilden sich auch wieder zurück – wie ein Muskel -, wenn sie nicht trainiert werden.

Grandin hebt die Vorteile der Tablet-Computer hervor:

1. Sie sind cool, es ist nichts mehr, was jemand als behindert stigmatisiert.

2. Sie sind deutlich günstiger als Geräte zur Kommunikationsunterstützung für Autisten in Klassenräumen.

3. Man sieht direkt, was man tippt oder schreibt, ohne die Verzögerung vom Schauen auf die Tastatur und dann zum Bildschirm.

Und sie liefern unzählige Anwendungsmöglichkeiten, Apps, Webinars, etc…

Man darf deswegen nicht die Defizite vergessen, aber in der Vergangenheit wurde so stark auf die Defizite fokussiert, dass man die Stärken aus den Augen verloren hat.

Für Grandin ist Autismus zweitrangig, sie ist in erster Linie Expertin für Vieh, und streicht aus ihrem Kalender explizit Tage heraus, die ausschließlich der „Rinderzeit“ gehören.

„Autismus ist sicherlich ein Teil von mir, aber ich lasse es nicht zu, mich darüber definieren zu lassen.“

Dasselbe gilt für die undiagnostizierten Asperger-Autisten im Silicon Valley. Sie werden nicht dadurch definiert, dass sie sich im autistischen Spektrum befinden, sondern durch ihre Jobs. Manche Menschen werden dazu natürlich nie Gelegenheit haben. Ihre Einschränkungen sind zu schwerwiegend, als dass sie sie bewältigen können. Aber was ist mit denen, die dazu in der Lage sind? Und was ist mit denen, die zwar nicht dazu in der Lage sind, aber die produktivere Leben führen könnten, falls man ihre Stärken identifizieren und kultivieren könnte?

Eine Möglichkeit dies herauszufinden ist die der verschiedenen Denkweisen: Denken in Wörtern, Denken in Mustern, Denken in Bildern.

Bildung

Grundschüler zusammen zu unterrichten, ist gut für die Sozialisierung. Aber wenn man alle Schüler, Autisten und Nichtautisten, in einer Klasse unterrichtet und sie alle gleich behandelt, ist das ein Fehler: Der Autist steht alleine, wird an den Rand gedrängt, bis man sich dazu entscheidet, ihn in eine Sonderschule zu bringen, wo er mit einem Haufen nichtverbaler Kinder unterrichtet wird.

Grandin nennt ein Beispiel aus ihrer Schulzeit. Sie verdankt sehr viel ihrem damaligen Wissenschaftslehrer, der ihre Stärken in Mechanik und Ingenieurswesen erkannte. Aber in einem Punkt irrte er sich: Als er sah, dass Grandin Schwierigkeiten mit Algebra hatte, verdoppelte er seine Anstrengungen. Er verstand nicht, warum ihr Gehirn nicht auf dem abstrakten, symbolischen Weg funktionierte, welcher das Lösen von X voraussetzt. Was er hätte tun können: Sie nicht dahingehend zu drängen, was nicht funktionierte, sondern sich auf ihre Stärken zu konzentrieren. Ingenieurswesen ist nicht abstrakt, sondern konkret, mit Formen und Winkeln, es handelt von Geometrie.

Aber nein. Der Lehrplan sagt, Algebra kommt vor Geometrie, und Geometrie kommt vor Trigonometrie usw. Vergiss nie, dass Du kein Algebra brauchst, um Geometrie zu lernen.

Sich auf die Stärken konzentrieren, sie vorziehen können, und wenn das Kind mit der Geräuschkulisse in der Kantine nicht umgehen kann, soll es alleine essen.

Die oben genannten Denkweisen kann man bereits im Schulalter erkennen. Ein Kind, das gerne mit Lego spielt, kann sowohl ein visual thinker als auch ein pattern thinker sein, allerdings betrachten sie Lego auf verschiedene Weise:

Der visual thinker möchte Objekte schaffen, die so wie in der Vorstellung aussehen.

Der pattern thinker denkt hingegen darüber nach, wie Teile des Objekts zusammenpassen könnten.

Grandin hatte große Probleme mit textbasierenden Physikaufgaben. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das Problem aussieht, da ihr Arbeitsgedächtnis überfordert war. Würde sie jedoch spezifische Beispiele des Problems mit verschiedenen Formeln vergleichen, könnte sie die Muster der Probleme erkennen.

Pattern thinker können das intuitiv, sie sind viel schneller damit, solche Probleme zu lösen und sind daher eher talentiert in Musik oder Mathematik. Sie verstehen die Form hinter einer Funktion, sie können Probleme mit dem Lesen haben, hängen ihre Mitschüler in Algebra jedoch weit ab, ebenso in Geometrie. Word-fact thinker sind jene, die seitenweise Monologe halten, die Filmzitate bringen, einen Fahrplan auswendig herunterrattern. Es wird wenig bringen, sie im Kunstunterricht durchzudrücken. Ihre Stärken liegen im Schreiben. Sie neigen aber dazu, Überzeugungen zu entwickeln, von denen sie nicht leicht abzubringen sind, im Internet ist daher Vorsicht geboten, wenn man sie einen Blog entwickeln lässt. Entsprechend ihrer Denkweise lassen sich die Kinder und später junge Erwachsene auch auf das Berufsleben vorbereiten.

Zum Abschluss bringt Grandin noch ein paar wichtige Kommentare bezüglich der hohen Arbeitslosigkeit unter Autisten:

1. Keine Ausreden!

„Ich bin nicht interessiert an…“ ist keine gute Entschuldigung. Es bedeutet bloß, dass man härter arbeiten muss als andere, um eine Aufgabe zu erledigen. „Ich habe eine Lernbehinderung“ ist eine noch schlechtere Entschuldigung, wenn Desinteresse dahintersteckt.

2. Stell Dich gut mit anderen (Play well with others)

Sie hört zu viele Asperger-Autisten sagen, dass sie Probleme mit der Authorität hätten. Es gibt einen Grund, warum der Chef Chef heißt – weil er der Chef ist. Beschwerden also direkt an ihn, nicht an ihm vorbei.

Es geht nicht nur darum, Konfrontationen zu vermeiden, sondern anderen auch eine Freude zu machen.

3. Regele Deine Emotionen

In dem man lernt, zu weinen. Du musst nicht vor Publikum heulen, oder vor Deinen Kollegen. Aber wenn es nur die Wahl gibt, auszuflippen oder zu heulen, dann heule. Buben, die heulen, können für Google arbeiten. Buben, die ihre Computergeräte zerstören, nicht.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird die Emotionsregelung vom Frontallappen top-down gesteuert. Wenn man die Emotion nicht kontrollieren kann, muss man sie verändern. Wenn man seinen Job behalten will, muss man lernen, Wut in Frustration umzuwandeln.

4. Denke an Dein Benehmen

Selbst wenn man bereits erwachsen ist, ist es nie zu spät, zu lernen, welche Äußerungen unpassend oder verletzend sind.

5. Verkaufe Deine Arbeit, nicht dich selbst.

Personalabteilungen sind üblicherweise von Leuten besetzt, die den Schwerpunkt auf Teamfähigkeit legen, sie könnten daher denken, dass ein Autist nicht geeignet sei. Sie könnten nicht dazu in der Lage sein, die verborgenen Talente hinter dem sozial sonderbaren Verhalten zu erkennen. Eine bessere Strategie könnte es sein, direkt zum Leiter der Abteilung Kontakt aufzunehmen, in die man möchte (auch „Vitamin B“, B = Beziehungen, genannt). Es kann außerdem nicht schaden, seine Stärken in Form von Portfolios oder Broschüren darzustellen, und mittels der modernen Handytelefonie kann man diese ständig mit sich führen und ggf. anderen zeigen.

6. Nutze Mentoren

Viele erfolgreiche Asperger-Autisten sagten, sie hatten einen Mentor, einen Lehrer, der ihre Stärken erkannte und fokussierte.

Fazit:

Statt rein nach den Defiziten zu gehen, sollte man von Gehirn zu Gehirn schauen, von Stärken zu Stärken, dann sind autistische Arbeitnehmer keine Fälle aus Nächstenliebe, sondern wertvolle Beitragende zur Gesellschaft.

Wenn jemand nicht gerne telefonieren mag, sondern lieber per E-Mail kommuniziert, dann sollte man ihm diese Möglichkeit zugestehen, solange er die Leistung erbringt.

Beispiele für die einzelnen Denkweisen:

Visual thinker Pattern thinker Word-fact thinker
Architekt Programmierer Journalist
Fotograf Ingenieur Übersetzer
Tiertrainer Physiker Bibliothekar
Graphikkünstler Musiker Börsenanalyst
Schmuckdesigner Statistiker Buchhalter
Meteorologe Mathematiklehrer Sprachtherapeut
Automechaniker Chemiker Historiker
Landschaftsplaner Forscher Jurist
Biologielehrer Elektriker Schriftsteller
Tiertrainer Versicherungsstatistiker Reiseleiter

„I know that trying to imagine where we’ll be sixty years from now is a fool’s errand. But I have confidence that whatever the thinking about autism is, it will incorporate a need to consider it brain by brain, DNA strand by DNA strand, trait by trait, strength by strength, and maybe, most important of all, individual by individual“

Ich weiß, dass die Vorstellung, wo wir in 60 Jahren sein werden, aussichtslos ist. Aber ich vertraue darauf, dass die Ansichten über Autismus die Notwendigkeit miteinschließen werden, es von Gehirn zu Gehirn, von DNA-Strang zu DNA-Strang, von Eigenheit zu Eigenheit, von Stärke zu Stärke zu betrachten – und vielleicht, was von alledem das Wichtigste ist: von Individuum zu Individuum.

Die davor zusammengefassten Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!

7. Umdenken in Bildern

7. Kapitel: Umdenken in Bildern

Im siebten Kapitel von The Autistic Brain geht Temple Grandin selbstkritisch auf Kritik einer Leserin an ihrem Buch „Thinking in Pictures“ ein. Damals dachte sie, alle Autisten denken in Bildern, bis sie darauf hingewiesen wurde, dass das nicht der Fall sei.

Jeder Autist ist verschieden.
Grandin fand heraus, dass es drei Typen von Denkern gibt:

  • verbal thinker (so denken die meisten neurotypischen Menschen: in Wort und Schrift)
  • visual thinker (in Bildern denken, vor allem Künstler und Graphiker)
  • pattern thinker (Denken in Mustern)

Ein klassischer pattern thinker ist der IT-Programmierer, der Code benutzt. Auch Kreuzworträtsel und Sudoku entwerfen ist pattern thinking. Die besten Puzzles werden von Mathematikern und Musikern gemacht. Muster findet man überall, etwa im Goldenen Schnitt, in Wortanfängen, z.B. fangen im Deutschen kleine runde Dinge oft mit Kn an: Knopf, Knospe, Knauf, Knoblauch, während lange dünne Dinge mit Str anfangen: Straße, Strahen, Strand, Streifen, Strahlen. So brachte sich Daniel Tammet, der innerhalb einer Woche fließend isländisch beherrschte, selbst Deutsch bei.

Künstler erkennen Muster oft schon lange, bevor wissenschaftliche Formeln dafür entdeckt wurden, etwa van Goghs 1889 entworfenes Starry Night mit turbulenter Strömung, dessen Gleichung nicht vor den 30ern gefunden wurde: Mathematische Denkweise ohne es zu wissen.

Es gibt zwei Typen von Mathematikern:

Jene, die Algebra beherrschen: Zahlen und Variablen.
Jene, die geometrisch denken: in Formen

Schach ist ein klassisches Beispiel für pattern thinking:

Schachmeister sehen unmittelbar zwar nur einen Zug voraus, aber es ist immer der Richtige. Sie erkennen nicht mehr Möglichkeiten, sondern die besseren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist, dass sie besser im Erkennnen und Abspeichern von Mustern sind – was von kognitiven Wissenschaftlern „chunks“ genannt wird. Chunks sind eine Sammlung vertrauter Informationen.

Ein durchschnittliches Kurzzeitgedächtnis ist imstande, 4-6 chunks zu speichern.
Ein Schachmeister kann dagegen bis zu 50 000 chunks behalten.

Patternicity ist definiert als

tendency to find meaningful patterns in both meaningful and meaningless data.

Neigung, bedeutungsvolle Muster in bedeutungsvollen und bedeutungslosen Daten zu finden.

Grandin stieß durch Internetrecherche auf Artikel der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov, die visuell thinking in object thinking (Bilder) und spatial thinking (räumliche Muster) unterteilt.

Es gibt zwei visuelle Leitungen im Gehirn:

der dorsale (rückseitige, obere) Weg: Optische Erscheinung von Objekten: Farben, Details

der ventrale (bauchseitige, untere) Weg: wie sich Objekte räumlich zueinander verhalten

Ob jemand ein Objektdenker oder ein Raumdenker ist, lässt sich anhand von diversen Tests feststellen, etwa durch den Vividness of Visual Imagery Quotient (VVIQ). Maximal können 80 Punkte erreicht werden, visual artists erreichen durchschnittlich 70,19 Punkte. Temple Grandin kam auf 71 Punkte – was ihre Stärke, in Bildern zu denken, verkörpert.

Ein weiterer Test ist der grain-resolution-Test, ebenfalls ein objektbezogener Test, bei dem es darum geht, wie grob- oder feinkörnig Materialien aufgelöst sind, z.B. ein Betonboden, Avokadoschalen oder Hühnerhaut. Visual artists erreichen durchschnittlich 11,75 Punkte, während Wissenschaftler und Architekten nicht mehr als 9 Punkte schaffen. Grandin kam auf 17, was sie verwunderte, da sie doch eine Wissenschaftlerin sei.

In Bildern denken bedeutet nicht, ein Objekt im Raum zu manipulieren, sondern seine Sichtweise auf das Objekt zu ändern. Wenn Grandin sich etwa eine große Anlage für Rindviecher (cattle handle facility) vorstellt, dreht sie nicht das Objekt, sondern bewegt ihre Augen um das Objekt herum.

Ein Mensch, der gerne schreibt UND Wissenschaftler ist, ist sowohl verbaler als auch räumlicher Denker.

Warum trifft diese Schlussfolgerung nicht auf Grandin zu? Die Antwort ist: Autismus.

In eine von Kozhevnikovs Artikeln gibt es eine Übung mit zwei abstrakten Gemälden: Eines mit großen rauschenden Farbspritzern, der ganze Eindruck des Bildes war dynamisch. Das andere mit verschiedenen Arten geometrischer Formen, der Eindruck war statisch. Beim dynamischen dachte sie an ein Kampfflugzeug, das sie in einem gerade gelesenen Buch gesehen hat, im statischen sah sie Mutters Nähkorb.

Auf die Frage danach, welches Gefühl sie beim Betrachten der Bilder entwickele, bzw. welche emotionale Reaktion sie in ihr auslöse, entgegnete sie: „Keines. Sie sieht Mutters Nähkorb darin, weil es wie Mutters Nähkorb aussehe.

Künstler benutzen emotionale Begriffe, um Bilder zu beschreiben: Zusammenprall, Durchbruch, extreme Spannung, während Wissenschaftler emotionslose Begriffe benutzen: Quadrate, Flecken, Kristalle, scharfe Kanten, Textilmuster.

Wissenschaftler beschreiben, was sie wortwörtlich sehen, während Künstler beschreiben, was sie im übertragenen Sinne (bildlich) sehen.

Wie Michelle Dawson, die autistische Eigenheiten nicht als positiv oder negativ, sondern als exakt bewertet, weist Grandin greifbaren Objekten keine emotionale Reaktion zu. Sie behandelt sie als Objekte, wortwörtlich, sie kann sie nicht im Raum manipulieren.

Grandin sieht Katastrophen, bevor sie passieren, etwa, als die Airbags zahlreiche Kinder töteten, weil sie für erwachsene Menschen entworfen wurden. Oder das Unglück im Reaktor von Fukushima, dessen Notstromgenerator sich im Keller direkt am Meer befand. Grandin ist ein visual thinker, aber ebenfalls eine Wissenschaftlerin – wegen Autismus.

Die Fähigkeit, in objektbezogenen Bildern zu denken + Autismus = wissenschaftlicher Kopf.

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!

6. Kapitel: Kenne Deine Stärken!

Kapitel 6 von Temple Grandin – The Autistic Brain: Knowing your own strengths.

Dieses Kapitel ist nicht nur für Autismus generell, für die Verhältnisse in Europa im Besonderen ein Paradigmenwechsel, sondern lässt sich auch gut auf 47,XXY übertragen [dazu in einem separaten Blogeintrag mehr).

Bisher setzte jede Forschungstätigkeit im Bereich im Autismus den Schwerpunkt auf kognitive Einschränkungen („was läuft falsch?“) und Stärken wurden lediglich als Nebenprodukte einer schlechten Verdrahtung gesehen, statt als Produkte einer Verdrahtung.

Michelle Dawson ist eine autistische Autismusforscherin in Montreal, Kanada, die wissenschaftliche Studien über Autismus gezielt danach überprüft, auf welcher Datengrundlage Aussagen über Autismus getroffen werden [ihr Twitteraccount ist sehr empfehlenswert].

Bisher wurden Stärken als Kompensation für Defizite gesehen, allerdings stellte man in einem 2009 erschienenen Review von Artikeln, die diese Annahme machten, fest, dass diese umgekehrte Hypothese selten haltbar ist.

Erste atemberaubende Erkenntnisse kamen durch die Verwendung zweier Intelligenztests:
Der Wechsler-Test ist teils verbal, teils nonverbal aufgebaut, während der Raven-Test vollständig nonverbal ist.

Beim Wechsler-Test schnitten ein Drittel der Autisten als „low functioning“ ab, während beim Raven-Test nur 5 % low-functioning waren und ein Drittel hochintelligent. Die Intelligenz von Autisten wurde bisher unterschätzt!

Wir fangen jetzt in der Phase 3 (siehe 5. Kapitel) an, autismusähnliches Verhalten auf von Eigenschaft zu Eigenschaft zu betrachten und können autismusähnliche Eigenschaften ebenso von Gehirn zu Gehirn betrachten.

Temple Grandin betont an dieser Stelle, dass sie nicht suggerieren möchte, dass Autismus eine tolle Sache sei. Aber: Es ist wichtig, realistisch gesehen, von Fall zu Fall individuelle Stärken zu erkennen.

Die beiden nonverbalen Autisten aus Kapitel 5 liefern dazu unterschiedliche Statements:

Fleischmann: „Repariere mein Gehirn!“
Tito antwortet auf die Frage, ob er normal sein möchte: „Warum sollte ich Dick sein und nicht Tito?“ – er unterscheidet also sehr wohl zwischen dem handelnden (nonverbalen) Ich und dem denkenden Ich.

Mit Stärken sind ausdrücklich nicht „Savant-Fähigkeiten“ gemeint, die extrem selten unter Autisten vorhanden sind.

Eine Stärke von Autisten ist die besondere Detailwahrnehmung.

Detailwahrnehmung wurde im Kontext der „weak central coherence“ wahrgenommen, d.h. statt dem Gesamtbild nehmen Autisten nur Details wahr. Sie stellt das Herz der Einschränkungen im kommunikativen/interaktiven Bereich dar. Autisten tun sich eher schwer mit Gesichterkennung, nehmen dafür nur Teile des Gesichts oder sonstige Merkmale wie Haare, Kleidung, etc. wahr. Ihr Stärke liegt weniger in der Erkennung von sozialen Mustern, dafür in der Erkennung reiner Muster.Autisten sind beispielsweise gut bei Test mit eingebetteten Figuren, einer Variante des „in einem Bild sind Fehler versteckt“.

Studien haben ergeben, dass Autisten bei Aufgaben mit Sprachen sowohl den visuellen als auch räumlichen Bereich stärker als neurotypische Menschen aktivieren, möglicherweise, um das Defizit in sozialer Interaktion auszugleichen. In einer fMRI-Studie von 2008 fand man heraus, dass neurotypische Menschen bei der visuellen Suche vor allem in einem Bereich Gehirnaktivität zeigen, im occipitalotemporalen Bereich (visuelle Verarbeitung), während bei Autisten in allen Bereichen Aktivität gemessen wurde.

„Bottom-up“ thinking

Zurück zu Michelle Dawon, sie folgt der wissenschaftlichen „bottom-up“-Methode: Ideen stammen von allen verfügbaren Fakten.

Dem gegenüber steht die „top-down“-Methode: Daten erfassen und allgemeine Ideen von wenigen Quellen manipulieren –> Autismus ist gleichzusetzen mit Defiziten.

Wenn ein Forscher Dawson gegenüber aussagt „es ist so gut, etwas Positives in den Daten über Autismus zu sehen“, entgegnet Dawson: „Ich sehe das als genau an!“

Sie braucht sehr viele Daten, ehe sie Schlussfolgerungen zieht.Dafür schießen ihre Modelle nie übers Ziel hinaus, sie sind beinahe unfehlbar genau. Dieses Gefühl der Gewissheit führt bei autistischen Naturwissenschaftlern mitunter zum Ruf, sehr unnachgiebig und unerschütterlich zu sein. Haben sie einmal einen Beweis erhalten, wird ihre Haltung inflexibel, da sie Stück für Stück in mühsamer Arbeit die Logik dahinter erfahren haben.

„Die Schönheit einer Gleichung oder eines Beweises“

Im Gegensatz dazu ist bei top-down-Denkern die Gewissheit nicht zwingend erbracht, nicht ohne genügend unterstützende Beweise.

Bottom-up bedeutet hingegen: Ein falsches Detail beeinflusst das Gesamtbild nicht.

Assoziatives Denken

Grandins Gehirn funktioniert wie eine Suchmaschine, ihr corpus callosum bildete wesentlich mehr horizontale Fasern als normal, die im parietalen Bereich (Erinnerungen/Gedächtnis) bündeln. Viele Autisten besitzen ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis. Über ihr Langzeitgedächtnis gibt es dafür überraschend wenig Studien, die letzte von 2002 beschäftigte sich mit der Fragestellung, ob das Langzeitgedächtnis bei Autisten beeinträchtigt sei. Fakt ist: Um Details aufzunehmen, braucht man Erinnerungen, und jede Menge Daten.

„If you can’t see the trees, you’ll never see the forest.“

Kreatives Denken

Kreativität wurde im Journal Science folgendermaßen definiert:

plötzliches, unerwartetes Erkennen von Konzepten oder Fakten in einem neuen Verhältnis, das bisher nicht gesehen wurde

Das ist passiert, als Michelle Dawson die gesamte bisher dagewesene Autismusforschung, die Defizite identifiziert , auf den Kopf stellte. Sie benutzte dieselben Konzepte und Fakten wie die anderen, aber sah sie „in einem neuen noch nicht gesehenen Verhältnis“.

Grandin würde nicht so weit gehen zu sagen, dass alle Autisten kreativ sein, oder dass Kreativität ein schönes Nebenprodukt von Autismus sei. Studien des gesamten Genoms zeigen, dass manche „de novo copy number variations“ sich bei Autismus und Schizophrenie überlappen, und sehr kreative Menschen zeigen ein erhöhtes Risiko für Schizophrenie oder andere Psychopathologien.  Autistisch zu sein erhöht die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Art von Kreativität.

„Bottom-up, details-first“-Denker haben wahrscheinlicher kreative Durchbrüche, da sie nicht wissen, wohin die Reise hinführen wird. Sie häufen Details an, ohne zu wissen, was sie bedeuten und ohne notwendigerweise emotionale Bedeutung beizumessen. Sie streben nach Verbindungen, die sie hoffentlich zum großen Ganzen führen werden, aber sie wissen nicht, wo das sein wird, bis sie dort angekommen sind. Sie erwarten Überraschungen.

Das autistische Gehirn ist wahrscheinlicher dafür geeignet, einen kreativen Satz nach Vorne zu machen.

  • beachtet Details
  • mächtiges Gedächtnis
  • Fähigkeit, Verbindungen herzustellen

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

5. Kapitel: Hinter die Labels schauen.

Im zweiten Teil von „The autistic brain“ von Dr. Temple Grandin geht es um die diagnostischen Begrifflichkeiten und wie hilfreich diese im Alltag von Autisten sind.

Grandin beginnt mit dem Skikurs und wie schlecht sie Skifahren kann, man fand heraus, dass ihr Cerebellum 20 % kleiner als der Durchschnitt ist, was motorische Koordinationsschwierigkeiten erklärt. Sie könnte jetzt sagen, dass sie nicht Skifahren kann, weil sie autistisch ist, oder wegen ihrem kleineren Cerebellum.

Die Veränderung des Cerebellums beschreibt die biologische Ursache des Symptoms, das ist der Unterschied zwischen einer Diagnose und einer Ursache. Wie fragwürdig labels (Bezeichnungen) sind, sieht man anhand der im vorherigen Kapitel beschriebenen Über- und Unterreaktion auf die gleiche Erfahrung: Zu viel Information.

Von außen betrachtet kann Grandin nicht Skifahren, weil sie Autistin ist. Vom Inneren her ist es dagegen das Cerebellum. Das ist das Problem der Label-fixierten Denker.

Don’t worry about labels. Tell me what the problem is. Let’s talk about specific symptomes.

Ein Individuum ist gekennzeichnet durch Unterschiede im Gehirn, etwa durch Unterschiede im corpus callosum, im cerebellum, durch die Anzahl der de novo Genmutationen, durch die Position der Mutationen auf dem Chromosom: ein breites Kontinuum.

Im Jahr 2011 stellte ein Artikel fest, dass viele akzeptiert haben, dass bestimmte austische Eigenheiten wie soziale Probleme, beschränkte Interessen und Probleme mit der Kommunikation ein Kontinuum umfassen, das von der Allgemeinbevölkerung bis zu Autismus in der Extremform reicht. Man braucht keine Autismusdiagnose mehr, um sich auf dem Spektrum wiederzufinden.

Der Autismusfragebogen, von Simon Baron-Cohen erfunden, besteht aus 50 Aussagen, die bei Kontrollpersonen eine durchschnittliche Punktzahl 16 von 50 ergaben, 80 % derer mit Autismusdiagnose oder verwandter Störung hatten über 32 Punkte. Aber wo liegt der Schwellenwert für Autismus? Das interessiert Label-fixierte Denker.

Label-thinking – sich an Bezeichnungen festklammern

Label-thinking kann zur eingeschränkten Denkart führen, ich kann das und das nicht tun, weil ich autistisch bin, es kann aber auch dazu führen, dass man durch die Diagnose beruhigt ist, aber sich fragt, wie Außenstehende darüber denken. Schätzungsweise die Hälfte der Mitarbeiter in technischen Firmen im Silicon Valley würden als autistisch diagnostiziert werden, was sie tunlichst vermeiden. Eine Generation davor hätten sie als schlicht als begabt gegolten, jetzt, wo es eine Diagnose gibt, versuchen sie Ghettoisierung zu vermeiden.

Label-thinking beeinflusst die Behandlung: Ein autistisches Kind mit Magendarmproblemen wird nicht behandelt, weil es heißt „Oh, Autismus, das ist das Problem!“ Dabei bedeutet das nicht, dass die Probleme nicht behandelt werden können.

Es beeinflusst auch die Forschung: Die Forscher beklagen sich oft darüber, dass die Größe der Fehlerbalken bei autistischen Daten doppelt so groß sind wie bei Kontrollpersonen. Was darauf hindeutet, dass in einem Sample große Abweichungen gibt, die in Subgruppen kategorisiert werden müssten.

Es wird behauptet, dass manche Lösungen für sensorische Überreizungen bei Autisten nicht funktionieren, dabei sah Temple Grandin selbst, dass es funktionierte, etwa gefärbte Sonnengläser. Allerdings funktioniert dieser Trick im Schnitt nur bei 3-4 von 20 Autisten, da Individuen im unterschiedlichen Ausmaß an Reizfilterschwäche leiden.

Die Schlussfolgerung der Forscher: Die Hilfsmittel funktionieren nur bei 15-20 % der Autisten, d.h. aber, es hilft durchaus, wenn auch nur einer Subgruppe.

Sie möchte Labels aber auch nicht verteufeln, sie sind wichtig für die Diagnose, Behandlung und um schlicht nicht ignoriert zu werden. Vorteile entstehen im medizinischen Bereich, in der Erziehung, Versicherungsbeiträge und bei sozialen Programmen. Zudem macht es für Forscher durchaus sein, autistische Personen mit Kontrollpersonen zu vergleichen, allerdings nicht immer, denn: Autismus ist keine „one-size-fits-all„-Diagnose. Erst der Mangel an Genauigkeit der Diagnose definiert das Spektrum.

Problematik der neuen DSM-V-Kriterien für Autismus

Im DSM-IV ging man von einem Triadmodell aus:

  1. Defizite in der sozialen Interaktion
  2. Defizite in der sozialen Kommunikation
  3. Beschränkte, wiederholende Verhaltensmuster und Interessen

Der DSM-V wirft 1. und 2. in einen Topf der Kommunikationsdefizite, das Dyadmodell:

  1. Defizite in der sozialen Kommunikation und Interaktion
  2. Beschränkte, wiederholende Verhaltensmuster und Interessen

Dass soziale Kommunikation und Verhaltensmuster getrennt werden müssen, ist wissenschaftlich nachvollziehbar, da unterschiedliche Teile des Gehirns betroffen sind. Die Vereinigung von sozialer Interaktion und Kommunikation jedoch nicht.

Soziale Interaktion umfasst nonverbales Verhalten wie z.B. Augenkontakt oder Lächeln.

Soziale Kommunikation umfasst die verbale und nonverbale Fähigkeit, sich mit jemandem zu unterhalten, gleiche Ideen und Interessen zu teilen.

In einer Studie von 2011 fand man in 200 fMRI und DTI-Studien heraus, dass im bildgebenden Verfahren keine Grundlage für diese Einteilung gibt. Die Autoren schlugen sogar zwei weitere Kategorien entsprechend dem DSM-IV vor.

Im DSM-IV gab es die folgenden 3 Kategorien:

  • Autistische Störung (klassischer Autismus)
  • Asperger-Autismus
  • Nicht näher spezifierte tiefgreifende Entwicklungsstörung (atypischer Autismus, PDD-NOS)

Im DSM-V gibt es nur noch eine Kategorie:

  • Autismus-Spektrum-Störung

Was ist mit PDD-NOS und Asperger passiert?

Vorher war es so: Der große Unterschied zwischen Asperger und klassischer Autismus ist Sprachverzögerung. Wenn man vorher eine Sprachverzögerung als Kind aufwies, fiel man in die Autismus-Kategorie. Falls nicht, unter Asperger. Jetzt fallen auch Aspies in die Autismuskategorie, die keine Sprachverzögerung aufweisen.

Was ist mit vorher nichtdiagnostizierten Autisten, die nur die eine Hälfte der Dyade erfüllen: Defizite sozialer Kommunikation und Interaktion, aber nicht beschränkte Verhaltensmuster und Interessen? Das zählt künftig zur Kommunikationsstörung, genauer gesagt Soziale Kommunikationsstörung, worum es sich grundsätzlich um Autismus ohne wiederholende Verhaltensmuster und beschränkte Interessen handelt. Was grundsätzlich Quatsch ist! Die sozialen Beeinträchtigungen sind nach Grandin der Kern von Autismus, weniger wiederholende Verhaltensmuster.

„So having a diagnosis of social impairment that’s distinct from the diagnosis of autism is the same like having a diagnosis of autism that is distinct from the diagnosis of autism“

Eine Diagnose „soziale Beeinträchtigungen“ zu erhalten, die von Autismus unterschieden wird, ist das gleiche wie eine Autismus-Diagnose zu erhalten, die sich von der Autismus-Diagnose unterscheidet.

Jene, die vorher als Aspies diagnostiziert worden wären, müssten lernen, dass sie offiziell nicht mehr zu den neurologischen Entwicklungsstörungen gehören, sondern zu einer anderen Diagnosekategorie zusammen mit Unruhe stiftend, Impulskontrolle und Verhaltensstörungen. Die Entscheidung dafür wird letzendlich von der Einzelmeinung eines Arztes getroffen – was unwissenschaftlich erscheint.

Aus biologischer Sicht: Die neue Diagnosekategorie umfasst 6 Diagnosen, wovon nur eine eine wissenschaftliche Grundlage aufweist: Störung der Impulskontrolle (Jähzornigkeit). Neuroimaging zeigt, dass in diesem Fall die  Kontrolle vom Frontal Cortex Richtung Amygdala nicht funktioniert. Bei den anderen Diagnosen riecht es nach Temple Grandin sehr nach „wenn wir das so benennen, müssen wir ihnen keine Autismus-Unterstützung geben und können die Polizei die Angelegenheit erledigen lassen.“ Der DSM könne diese Kategorie genauso „Werft sie ins Gefängnis“ nennen.

Zweitens übersehen diese Diagnosen den begabten, aber oft frustrierten typischen Aspie, der in einer wenig verständnisvollen Umgebung arbeitet.

PDD-NOS umfasste laut DSM-IV jene Entwicklungsstörungen, die die Autismuskriterien nicht erfüllen, weil sie zu spät einsetzten, atypische und/oder unterschwellige Symptome aufweisen. Im DSM-V kommen sie hingegen in eine weitere Kategorie neurologischer Entwicklungsstörungen: intellektuelle Entwicklungsstörungen – spezifische, intellektuelle oder allumfassende Entwicklungsverzögerung, die nicht näher klassifiziert werden.

Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab, dass von 657 nach dem DSM-IV diagnostizierten Autisten nur 60 % gemäß DSM-V die Diagnose Autismus behalten würden. Auswirkungen hätte dies vor allem auf die staatlich [in den USA] garantierten Ansprüche auf Unterstützung bzw. Hilfeleistungen. Auch auf die Forschung hätte dies Einfluss: Jetzt würden sprachverzögerte und nicht sprachverzögerte Autisten in einen Topf geworfen. Ein Blick in die Literatur zeigt, dass sprachverzögerte Autisten wesentlich stärker mit Reizproblemen zu kämpfen haben. Die Vergleichbarkeit in der Forschung wäre nicht mehr gegeben.

Der DSM-V besteht dank label-fixiertem Denken aus einer Fülle von Diagnosen, für die es gar nicht genügend Gehirnsysteme gibt.

Statt über die Benennung einer Zusammenstellung von Symptomen nachzudenken, könnten wir den einzelnen Symptomen nun bestimmte Ursachen zuordnen. Die Forschung wäre nun so weit, dass wir Symptome und Biologie verbinden können (*).

Das Kapitel beschließt mit einem Rückblick auf die Geschichte der Autismus-Diagnosen:

Phase I umfasst die Zeit von 1943 bis 1980, von der Entdeckung des Autismus durch Kanner bis zum DSM-III. In dieser Zeit suchte man die Ursache von Autismus, wegen der damalig populären Psychoanalyse mehr im Verhalten durch Erziehung („Kühlschrankmutter“).

Phase II reicht von 1980 bis 2013, bis zum DSM-IV, als man spezifische Symptome suchte, um Geisteskrankheiten zu behandeln.

Phase III startet nun ab 2014 mit den großen Fortschritten in den Neurowissenschaften und in der Genetik. Wie Phase I geht es um Ursachenforschung, aber mit 3 großen Unterschieden:

  1. Es geht weniger um Denken als um das Gehirn. Neurowissenschaften und Genetik erlauben einen tieferen Einblick.
  2. Es handelt sich um eine Suche nach Ursachen (Mehrzahl!), die der Komplexität des Gehirns geschuldet sind.
  3. Wir sollten nicht nach einer oder mehrerer Ursachen für Autismus suchen, sondern für das jeweilige Symptom im gesamten Spektrum.

Die Zukunft besteht nach Temple Grandin im Fokus auf Symptome statt auf Diagnosen („labels“), und Forscher sollten nicht auf Selbstbeobachtungen scheißen.

Statt alle Autisten müsste man kleine Subgruppen mit sehr spezifischen Eigenheiten betrachten, auf Symptom-neben-Symptom-Basis, mit spezifischen Änderungen im Gehirn.

Die Behandlung könnte vielmehr in gemeinsamen Mechanismen statt auf psychiatrische Diagnosekategorien wurzeln.

(*) Ergänzung:

Dieser Meinung ist auch einer der führenden Autismusforscher, Jaak Panksepp:

[…] psychology needs to become biologically-oriented. We have this wonderful discipline, but one where people seem to be doing the same thing over and over again, especially with the many verbal and pencil and paper approaches. Psychology departments have very few people that really understand the way the brain operates, and that is a great shortcoming of the area. If we all knew much more about the brain, we would be able to help kids with problems, as well as adults with problems, much better. We could finally become a solid science.

Quelle: http://www.autism-help.org/points-brain-chemistry-autism.htm

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen