Neurotypische verstehen – Übersetzung einer Satire

Folgender Text ist die Übersetzung aus dem Englischen: „Understanding neurotypicality“ (Link zum Original)

Neurotypismus verstehen

Neurotypismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die wahrscheinlich von Geburt an besteht, und in der die betroffene Person die Welt in einer sehr eigenartigen Weise sieht. Es ist ein Rätsel; ein Mysterium, das die Betroffenen in einen lebenslangen Kampf um sozialen Status und Anerkennung gefangen hält. Nahezu alle neurotypische Individuen zeigen drei wesentliche Beeinträchtigungen:

  • die Unfähigkeit, unabhängig von einer sozialen Gruppe zu denken,
  • ausgeprägte Beeinträchtigungen beim logischen und kritischen Denken
  • sowie das Unvermögen Spezialinteressen zu entwickeln (abseits sozialer Aktivitäten).

Meine Hoffnung ist, dass dieser Artikel uns dabei hilft, die sehr verschiedenartige Welt der Neurotypischen zu verstehen.

Neurotypische Individuen offenbaren Schwierigkeiten bei der Bildung einer individuellen Identität, bzw. außerhalb der Grenzen der akzeptierten Normen ihrer sozialen Gruppen zu denken. Offensichtlich besitzt jede Gruppe, zu der ein Neurotypischer gehört, ihre eigenen „offiziellen“ Ansichten, und jeder Neurotypische innerhalb dieser Gruppe soll diese Überzeugungen übernehmen. So seltsam das klingt, sie tun das oft sehr bereitwillig und zögern nicht dabei, diese Überzeugungen zu verstärken und die Gruppenhomogenität zu dieser Überzeugung zu gewährleisten.

Es scheint einen angeborenen Trieb bei Neurotypischen zu geben, sich in dieser Weise in Gruppen einzufügen, und ihre eigenen, innewohnenden Ansichten und Wünsche automatisch anzupassen, um ins Gruppenideal zu passen. Der bizarre Mangel an Unabhängigkeit erklärt die Neigung der Neurotypischen, sich für verschiedenste Modeerscheinungen zu begeistern, oder für bestimmte Trends. Neurotypische ändern entsprechend dieser Trends ihre Art zu reden oder sich zu kleiden, und andere Neurotypische bewundern solch ein „trendiges“ Verhalten und ahmen dieses nach. Deshalb sind Neurotypische leichte Beute für TV-Werbung und andere Werbestrategien, das den Erwerb oder Gebrauch zahlreicher Produkte als gesellschaftlich wünschenswert oder „cool“ begehren lässt.

Das Bedürfnis neurotypischer Individuen, auf den neuesten Trend „aufzuspringen“, ist von ihren ausgeprägten Bedenken abhängig, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Neurotypische entwickeln ihr Selbstbild zumindest ebenso abhängig von den Ansichten ihrer Gleichgesinnten wie von ihren eigenen. Sie nehmen sich selbst nicht auf gleiche Art als Individuen wahr wie Du oder ich das tun; sie sehen sich selbst als individuelle Mitglieder einer Gruppe, aber in der Praxis lasten die Vorstellungen der anderen schwer auf ihnen und es gibt einen starken Antrieb, die Akzeptanz und Bewunderung anderer um sie herum zu erlangen, einschließlich vollkommen Fremder. Es gibt eine eingebaute Tendenz der Neurotypischen, sich einzufügen, sozusagen „Teil der Herde“ zu werden. Vielen von ihnen wird niemals bewusst, wie sehr ihre Ansichten von der Gruppe diktiert werden. Sie wollen die Dinge, die die Gruppe für wünschenswert erwachtet, und sie verinnerlichen diesen Wunsch so vollständig, dass es sich für sie anfühlt, als wäre es aus eigener Motivation entstanden.

Die überentwickelten sozialen Zentren im neurotypischen Gehirn sind zudem für ihren merkwürdigen, ineffizienten Kommunikationsstil verantwortlich. Wir haben alle schon die seltsame Tendenz der Neurotypischen gesehen, die ihre wahren kommunikativen Absichten unter Schichten häufig widersprüchlicher Aussagen verbergen. Sie neigen dazu, Sachen eher implizit als explizit festzustellen, und so vage, dass daraus oft Missverständnisse resultieren. Das scheint ein Auswuchs des neurotypischen Wunschs zu sein, seine Beliebtheit und sozialen Status aufrechtzuerhalten; sie scheinen zu glauben, dass ihre Beliebtheit eher aufrechterhalten wird, wenn sie indirekt potentiell langweilige oder anstößige Dinge behaupten. Diese zwanghafte Besorgnis über ihren sozialen Status macht die Kommunikation mit Neurotypischen manchmal eher schwierig. Sie sind unfähig, Dinge direkt in einer Weise auszudrücken, die leicht und unzweideutig von jedem, der die Sprache versteht, interpretiert werden kann. Sie sind außerdem in ihrer Fähigkeit begrenzt, Aussagen direkt zu interpretieren, ohne zwischen den Zeilen zu lesen versuchen; sie missverstehen auf diese Art oft die grundlegendsten Aussagen.

Menschen mit Neurotypismus neigen zu einer sehr schwammigen Kommunikation. Sie stellen Vermutungen über das Wissen ihrer Zuhörer an und lassen Teile aus, die dem Zuhörer mutmaßlich bekannt sind. Es ist ziemlich offensichtlich, dass diese Spekulationen oft falsch sein werden. Unglücklicherweise wird der Zuhörer, der nicht versteht, allgemein nicht um die Klarstellung derartiger Zweideutigkeiten bitten, da er befürchtet, vom Redner für dumm oder ignorant gehalten zu werden. Üblicherweise sind bei Neurotypischen das Bild nach außen und ihr Status wichtiger als effektive Kommunikation und generell die Wahrheit. Auf diese Art ist die Kommunikation unter Neurotypischen sehr beschränkt und die Furcht davor, als dumm gesehen zu werden, hält jeden Beteiligten davon ab, den Wahrheitsgehalt der Unterhaltung zu überprüfen. Entsprechend bleiben die meisten Kommunikationspannen von zumindest einem, wenn nicht allen Neurotypischen, die sich an einer derartigen Unterhaltung beteiligen, unentdeckt.

Neurotypische Individuen haben typischerweise eine sehr begrenzte Fähigkeit für logisches und rationales Denken. Die neueste Forschung auf diesem Gebiet weist daraufhin, dass neurotypische Menschen nicht fähig sind, ihre Emotionen von ihrer Logik zu trennen, und sie beides oft miteinander verwechseln. Das ist eine offensichtliche Erklärung für die manchmal schreckliche Unlogik, die in neurotypischem Verhalten hervortritt. Neurotypische zeigen typischerweise sehr eingeschränktes kritisches Denken, und sind leicht von eher unlogischen Dingen zu überzeugen. Leider sind die meisten gesellschaftlichen Positionen, die logisches und rationales Denken erfordern, von Neurotypischen besetzt, was eher von ihrer schieren Anzahl abhängig ist als von jeglicher Eignung für den Job. Das schließt Tätigkeiten mit wichtigen Funktionen ein wie etwa Geschworene, Gesetzgeber, Richter, Wähler, Ärzte und viele andere. Würde ihre Herdenmentalität nicht zu großen Fortpflanzungsraten führen, wäre ihre Zahl kleiner und sie könnten eher Tätigkeiten ausüben wie Verkäufer, Rezeptionist, Kassierer und andere, wo rationales Denken weniger gewichtet ist als soziales Miteinander.

Neurotypische haben eine sehr begrenzte Fähigkeit, sich für längere Zeit oder wiederholt auf ein Thema zu konzentrieren. Die augenscheinliche Abwesenheit von Spezialinteressen bei Neurotypischen ist bemerkenswert. Ihre Konzentration auf normale Interessensgebiete wie Computer, Technik, wissenschaftliche Interessen, Geschichte oder andere akademische Bereiche ist begrenzt und kurzlebig sowie relativ selten. Offenbar teilen nahezu alle Neurotypischen ein einziges Spezialinteresse: Kontakte knüpfen und pflegen. Das ist die einzige Aktivität, die eine Person mit Neurotypismus länger als nur für kurze Augenblicke ausüben kann. Die stereotype neurotypische Angewohnheit des „Plauderns“, bzw. verbal mit anderen zu kommunizieren, selbst wenn keine wichtigen oder nützlichen Informatione ausgetauscht werden, ist bemerkenswert, und kann recht oft bei Neurotypischen beobachtet werden, die sich an wiederkehrendem Sozialverhalten beteiligen. Warum der neurotypische Verstand so wenig flexibel bezüglich der Spezialinteressen ist, kann derzeit noch nicht erklärt werden. Soziales Interesse ist nicht wahnsinnig nützlich, was die Gesellschaft allgemein betrifft, und Neurotypische sind kaum in der Lage für bedeutende Erfindungen bzw. den gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben.

Ohne signifikantes Eingreifen werden Neurotypische für weitere Generationen von uns abhängig sein. Unglücklicherweise sorgt die neurotypische Herdenmentalität für hohe Geburtenraten an Nachwuchs, der genetisch für Neurotypismus empfänglich ist, entsprechend wird die Häufigkeit des Neurotypismus beängstigend hoch bleiben. Zum Glück ging der prozentuale Anteil neurotypischer Geburten kürzlich zurück, obwohl er immer noch viel zu hoch ist, um beruhigt zu sein. Solange die Zahl der Neurotypischen so hoch bleibt, ist es unwahrscheinlich, dass sie uns ermöglicht, heilende Bemühungen einzuleiten, die ihnen beim Überwinden ihrer Behinderung behilflich ist.

Wir denken mitunter, dass es so traurig ist, wie neurotypische Kinder dazu trainiert werden, eine Gruppenmentalität aufrechtzuerhalten und ihre wahre Individualität aufzugeben, doch erscheint es zu diesem Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass die neurotypischen Eltern dieser Kinder in der Lage sein werden, ihre zuvor erwähnten logischen Beeinträchtigungen zu überwinden, um einzusehen, wie wichtig das Eingreifen ist, wenn ihre Kinder ihr volles Potential ausschöpfen sollen. Es liegt an uns, sie aufzuklären, und ihnen zu zeigen, dass jedes Kind Größe besitzt, selbst wenn es mit Neurotypismus diagnostiziert wurde. Es kann Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben, wenn wir diese Kinder rechtzeitig erreichen.

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Über das Wesen der Depression und sein Umfeld

In aller Regelmäßigkeit dringt das Tabuthema Depression bis in die Öffentlichkeit vor. Meist aber nicht im Zusammenhang einer fundierten Ursachenforschung und der Umgang mit Betroffenen, sondern entweder durch einen prominenten Suizid oder wie seit einigen Tagen durch einen wahrscheinlich absichtlich verursachten Flugzeugabsturz durch einen Piloten.

Ironischerweise wird erst über Depression gesprochen, wenn die Betroffenen bereits tot sind. Für die zahllosen depressiven Lebenden ist das nur ein schwacher Trost und die zudem häufig unsensible Berichterstattung über Suizide (vgl. diesen Leitfaden zur Berichterstattung) kann im schlimmsten Fall zum Werther-Effekt führen.

Wenn in vielen Medienberichten von Depression die Rede ist, geht es in erster Linie um die wirtschaftlichen Folgen, wie Krankenstände, krank arbeiten, Fehlerhäufigkeit erhöhen, dann wie derzeit um Verknüpfungen mit Tötungsverhalten, ohne die genaueren Hintergründe zu kennen. Aber es geht kaum um die Ursachen von Depressionen, die sehr vielfältiger Natur sein können. Neben psychischen Ursachen können auch körperliche Ursachen (z.B. Hormonschwankungen) oder Medikamenten-Nebenwirkungen dahinterstehen.

Das größte Problem in unserer Region (und wahrscheinlich in vielen anderen Ländern auch) ist, dass es ….

i) zu wenig Therapeuten und Psychiater gibt, vor allem Spezialisten für bestimmte psychiatrische Erscheinungsformen

ii) zu wenig Therapeuten und Psychiater von der Kasse übernommen werden

iii) ein Zuschuss von knapp 22 € bei durchschnittlich 70-100 € Kosten pro Sitzung relativ wenig ist.

und viertens: Es wird zwar recht schnell die Diagnose Depression gestellt und Medikamente gegeben, aber nicht tiefer gegraben.

Bei einem Autisten wirken sich Depressionen häufig anders aus als bei Nichtautisten und entsprechend fruchten die auf neurotypische Menschen spezifizierten Ratschläge dann seltener. Das betrifft auch das soziale Umfeld. Während in rund 80 % der Autismusfälle die genetische Ursache unbekannt ist, gibt es bei den verbleibenden 20 % einen klaren genetischen Hintergrund, wie etwa die X- und Y-Chromosomenabweichungen. Und nicht immer ist jemand mit XXY, XYY, XXX, X0 so eindeutig vom äußeren Erscheinungsbild anders dass man sofort auf diese Ursache kommen würde.

Bei geschätzten 70 % an depressiven XXY-Menschen und der ebenso geschätzten Dunkelziffer von rund 70 % ist meine starke Vermutung, dass sich unter den Nichtdiagnostizierten auch viele depressive Menschen befinden. Männer gehen heutzutage vielleicht eher zum Therapeuten als noch vor 20 oder 30 Jahren, aber vermutlich immer noch viel weniger als Frauen. Und dann passiert es eben, dass zwar eine Depression diagnostiziert wird, eventuell medikamentös behandelt, aber nicht tiefer geschaut, ob auch körperliche Ursachen dahinterstecken können. Ein Chromosomentest könnte Abhilfe schaffen. Gleiches gilt bei den Primärdiagnosen ADHS und Autismus. Das darf zwar – in diesen Fällen – nicht dazu führen, dass man dann nur noch mit Hormonersatztherapie weitermacht, aber es heißt eben auch, dass die Ursache tiefer liegt und die Behandlung eventuell umfassender sein sollte (etwa Vorbeugung von Osteoporose, Herzerkrankungen, generell Ausdauer und Energie). Das trifft sicher nicht nur bei Klinefelter/XXY zu, sondern auch bei anderen Krankheitsbildern.

In meinem Fall ist die Depression ein klares Symptom, und zwar nicht ursächlich durch den Testosteronmangel, sondern durch kommunikative (und exekutive) Schwierigkeiten, die durch die genetische Veranlagung mit dem zweiten X-Chromosom begünstigt wurden.  Das ist nicht unveränderlich, aber es hilft zu erkennen, woher diese Schwierigkeiten kommen und wie man in kleinen Schritten versuchen kann, gegenzusteuern.

Viele Menschen glauben immer noch, dass Depressionen dasselbe wie depressive Verstimmungen sind, eben launische Phasen, die von alleine wieder weggehen, oder wo es ausreicht, unter Leute zu gehen. Zu erkennen, wo die Ursachen liegen, setzt nicht zwangsläufig einen Schalter im Gehirn um, und von heute auf morgen kommuniziert man plötzlich hürdenfrei. Das Umfeld MUSS entgegenkommen, erkennen, dass sich jemand bemüht, und vor allem erkennen, dass Depressionen ernstzunehmen sind und dass bereits der Alltag den Betroffenen viel Kraft kostet. Jede zusätzliche Veränderung, unerwartete Ereignisse oder extremer Stress verschärft die Depression.

Viel zu oft erhöhen gut gemeinte Ratschläge den Erwartungsdruck, und verschärfen das Schuldbewusstsein, weil man nicht einmal *einfache* Ratschläge umsetzen kann, sondern weiter auf der Stelle tritt. Und selbst wenn sich die Bedingungen bessern, legt das keinen Schalter um – das Gehirn reagiert verzögert, und muss sich erst anpassen. Die Skepsis überwiegt – je nach Trauma durchaus berechtigt.

Kritische Phasen in der Depression sind, wenn der Ausgleich nicht mehr da ist. Wenn das, was einen bisher vom Hirnfasching abhielt, nicht mehr hilft, sei es Sport, Wandern, Malen, Fotografieren oder sonstige Freizeitaktivitäten – wenn die mentale Schlaflosigkeit dominiert, die hier Blogger-Kollegin BloosPlanet sehr anschaulich beschrieben hat. Zurück in den Flow kommen, zurück in die Gedankenlosigkeit ermöglicht es dem Geist, die notwendigen Ruhepausen zu finden, statt unablässig nachzudenken und innerliche Dystopien abspielen zu lassen.  Das gelingt aber in einem stressigen und verständnislos reagierendem Umfeld nicht. Depression heißt auch, dass alles langsamer abläuft, während die Welt immer schneller wird. Man agiert nicht mehr, sondern reagiert nur noch, meist zu spät, bis sich ein Aufgabengebirge vor einem auftürmt, das unbewältigbar erscheint. Die eigenen Fortschritte erscheinen einem vernichtend klein, wenn sich neue Probleme auftun, und können rasch wieder in alte Muster zurückwerfen. Das Umfeld muss daher darauf Rücksicht nehmen, dass für den depressiven Menschen die Zeit langsamer abläuft, und nicht mit dem Umgebungstempo übereinstimmt.

Oft reagiert das Umfeld gar nicht oder teilnahmslos. Andeutungen, dass man Hilfe braucht, werden nicht ernstgenommen. Die wenigsten Betroffenen werden so offen sein und sagen „Ich hab Depressionen. Ich brauche Deine Hilfe“, sondern es werden oftmals Andeutungen sein, vielleicht auch zunehmender Sarkasmus, Zurückgezogenheit, Schwarzmalerei, etc…. die häufigste Antwort ist dann „Du musst Deine Einstellung ändern.“ – aber das klappt eben nicht auf Knopfdruck. Manchmal ist das Beklagen gar nicht auf die beklagte Sache gemünzt, sondern Ausdruck einer tiefersitzenden Frustration, so wie bei Leuten, die sich andauernd über das schlechte Wetter beklagen, also über etwas, das gar nicht in ihrer Kontrolle ist. Mit Einstellungssache alleine ist das aber nicht getan. Wenn die Depression durch Kommunikationsschwierigkeiten und andauernde Missverständnisse entsteht, dann stellt sich viel eher die Frage, wie man die Kommunikation zwischen einander verbessern kann. Zur Kommunikation gehören jedoch mindestens zwei. Das ist keine Einbahnstraße und die Bringschuld liegt nicht nur bei dem, der Kommunikationsschwierigkeiten an sich feststellt.

Es mutet seltsam an, dass gerade Autisten, die häufig eher überempathisch bzw. hochsensibel sind, Empathielosigkeit attestiert wird, während es der Mehrheit der neurotypisch denkenden Menschen nicht gelingt, sich in den Zustand eines depressiven Menschen hineinzuversetzen, oder in das eines reizüberfluteten Autisten. Diese Empathie ist aber die Voraussetzung dafür, dem anderen entgegenzukommen, und sei es nur durchs Zuhören und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, das in einem Zustand größter Verzweiflung oder Reizüberflutung ausgesprochen wird.

Depressive Menschen wollen nicht auf ihre Depression reduziert werden, nicht darauf, was sie alles nicht (mehr) können. Das Wichtigste ist, den kritischen Punkt zu überwinden, der vom ‚In den Flow‘ kommen abhält, der die Gedankenstrudel auflöst, der dazu führt, wieder zu agieren und nicht verspätet zu reagieren. Manchmal kann das eine Bekanntschaft sein, ein Begleiter, ein Erfolgserlebnis oder auch die Wertschätzung dessen, was man ist, was man kann, was man gerne getan hat und gerne tun würde. Es gibt kein Patentrezept gegen Depressionen. Jeder überwindet sie in unterschiedlichem Tempo, und andere leben ihr Leben lang damit. Es gibt die unterschiedlichsten Ursachen und Ausprägungsformen – individuell eben, wie jeder Mensch ist.

Verschiedene Wege der Kommunikation

Das ist eine (nicht ganz wörtliche) Übersetzung des vorherigen englischen Beitrags, die sich meinen persönlichen Erfahrungen als XXY-Mensch zuwendet.

Für viele Menschen ist das persönliche Gespräch selbstverständlich, um wichtige Dinge zu besprechen. Verbal nicht beeinträchtigte Menschen bevorzugen die verbale Kommunikation. Sie lehnen die Schriftform eher ab, weil sie annehmen, dass es viel einfacher sei, jemanden einfach nur zu treffen und die Angelegenheit beizulegen, indem man Argumente austauscht, statt sich lange E-Mails zu schreiben und ähnlich lang antworten zu müssen. Das kostet zu viel Zeit. Wenn man Therapeuten oder Coaches darauf anspricht, werden sie Dir ähnliches sagen: Es ist besser, eine Angelegenheit, von Angesicht zu Angesicht beizulegen als über E-Mail oder andere schriftliche Kommunikationswege (z.B. SMS, Messenger, Whatsapp, etc.).

Auge in Auge kommunizieren ist ein Minenfeld

Was ich über mich selbst gelernt habe: Kommunikation ist unabhängig von der gewählten Form ein Minenfeld. Dennoch tue ich mir mit der direkten Kommunikation schwerer als mit der Schriftform. Wenn ich der Person gegenübersitze, mit der ich über etwas Wichtiges reden muss (kein Smalltalk), wo ich meine Meinung durchzusetzen beabsichtige, dann fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu treffen und sogar vollständige Sätze zu bilden, weder auf Deutsch noch auf Englisch (auch wenn mir letzteres mehr liegt). Verzögerungen bei der Aufnahme von Gehörtem tragen dazu bei, dass ich leichter den Faden verliere, weil ich Zeit brauche, um über das nachzudenken, was gesagt wurde, aber das Gespräch bereits voranschreitet und ich Gefahr laufe, zu vergessen, was gesagt wurde. Ich neige außerdem dazu, mich mehr darauf zu konzentrieren, was ich sagen will statt dem anderen zuzuhören. Das führt oft dazu, dass meine Argumentation lausig wird und ich Argumente vorbringe, die natürlich zu emotional sind und nicht auf Fakten basieren, und entsprechend nicht den Gesprächspartner überzeugen.

Ebenso passiert es gelegentlich, dass mit einer bestimmten Absicht in ein Gespräch gehe, und während dem Reden den Faden verliere. Ich bin mir zwar dessen bewusst, und dass die Diskussion in eine falsche Richtung abdriftet und Gefahr läuft, mit dem schlechtestmöglichen Ergebnis abzuschließen (d.h. ich hatte keinen Erfolg, sondern habe meine Situation nach dem Gespräch sogar noch verschlechtert), aber ich kann es nicht aufhalten.

Zusammenbrüche und Grübeleien als Nachwirkungen

Nach derartigen Diskussionen bin ich oft völlig erschöpft und brauche eine Pause an einem ruhigen Ort. Denn Übersensibilitäten verschlechtern sich nach dem Versuch „socialising“ zu betreiben, und jedes Geräusch und jede Bewegung in meiner Umgebung ist nur noch zuviel. Ich fühle dann den starken Impuls mich zurückzuziehen und ich sollte Menschenansammlungen besser vermeiden, um nicht eine Panikattacke zu erleiden. Manchmal verstumme ich und will für Stunden einfach nicht mehr reden oder antworten (ärgerlich, wenn mir in der Stadt dann gerade in solchen Phasen ein aufdringlicher Zeitungsverkäufer über den Weg läuft, oder ich von Aktivisten in der Fußgängerzone angequatscht werde). In anderen Fällen werde ich sehr sarkastisch und andere sind über die Wahl meiner Worte verwundert, besonders, wenn der Sarkasmus unangebracht ist. Nach worst-case-scenario-Gesprächen kommt zudem eine lange Zeit auf mich zu, in der ich wiederholt über den Gesprächsverlauf nachdenke, was ich hätte besser sagen oder weglassen sollen. Die Grübeleien sind typisch für Gespräche, die Auge in Auge stattfinden. Ich kenn das auch von anderen XXY-Menschen.

Ablenkungen tragen dazu bei, den Gesprächsfaden zu verlieren

Kommunikation bedeutet für unsere Gesprächspartner, dass sie uns mehr Zeit geben müssen. Unser Kopf ist vollgestopft mit Gedanken, mit zurecht gelegter Argumentation und Alternativen, aber unseren Gedanken Ausdruck zu verleihen, ist verzögert. Wortfindung ist oft ein Thema, auch das schlechte Kurzzeitgedächtnis hält uns davon ab, sich fachlich begründete Argumente in Erinnerung zu rufen. Für ein gut strukturiertes Gespräch, wenn es sich nicht vermeiden lässt, sind Notizen unerlässlich. Notizen helfen dabei, eigene Argumente ins Gedächtnis zu rufen, und wichtige Aussagen des Gegenübers niederzuschreiben. Zudem leiden wir oft hochgradig unter Ablenkungen, etwa Leuten, die gleichzeitig reden, Baulärm, Staubsaugergeräusche, tickende Uhren oder ein im Hintergrund laufendes Radio – ein derartiger Lärm lenkt stark ab und trägt dazu bei, rasch den Faden zu verlieren. Das Gleiche gilt für Unterbrechungen, wenn eine andere Person den Raum betritt und etwas will.

Körpersprache und Mimik könnten – für beide – irreführend sein

Neben Ablenkungen und den Faden verlieren haben wir außerdem Schwierigkeiten im Erkennen von Gesichtsausdrücken. Wir können zwar zwischen gut (fröhlich) und schlecht (wütend, traurig) unterscheiden, oft aber nicht zwischen wütend und traurig. In einem wichtigen Gespräch könnten wir den Bogen überspannen, und nicht bemerken, wann wir besser aufhören, unsere Argumentation zu verfolgen. Zudem passt unser Gesichtsausdruck nicht immer zum Inhalt dessen, was wir gerade sagen, und das kann das Gegenüber verwirren. Es könnte damit enden, dass uns das Gegenüber nicht glaubt, wenn wir zu argumentieren versuchen, und Körpersprache und Mimik schuldbewusst aussehen, oder wir sogar unabsichtlich lächeln, während wir über ein ernstes Thema reden.

Wie bereits anfangs gesagt, ist die direkte Kommunikation für VIELE von uns ein Minenfeld. Ich möchte aber betonen, dass nicht ALLE XXY damit Schwierigkeiten haben.

 

Die größten Vorteile der schriftlichen Kommunikation

  • Sie ermöglicht es mir, meine Gedanken zu sammeln, zu sortieren, und auszusprechen, ohne unter Druck zu geraten.
  • Sie ermöglicht es mir, meine Argumentation zurechtzulegen, und ich habe auch Zeit, über Fragen/Antworten nachzudenken, ehe ich darauf reagiere.
  • Ich hab die Möglichkeit, meine Argumente Schritt für Schritt anzubringen, ohne Gefahr zu laufen, den Faden zu verlieren und Wichtiges zu vergessen.
  • Ich bin nicht durch die Umgebung abgelenkt oder durch irreführende Gesichtsausdrücke (Ich bemerke nicht, wenn jemand gute Laune nur vortäuscht).
  • Ich hab Notizen in der Hand, die leicht in Erinnerung rufen kann. Zudem vergesse ich Gesagtes rasch und wichtige Aussagen können verlorengehen.)

Natürlich bin ich mir den Vorteilen der direkten Kommunikation bewusst, doch gelten diese Vorteile nicht für MICH. Ich weiß zudem, dass ich die Nachteile des Schreibens nicht vermeiden kann, wie etwa irreführende Aussagen, weil das Gegenüber mein Gesicht und meine Körpersprache nicht sieht (andererseits besser für mich, wenn er/sie das nicht tut), wenn ich eine Aussage kundgebe. Sie könnte falsch und möglicherweise beziehungsschädigend interpretiert werden, je nachdem, welches Bild und welche Vorurteile über mich existieren. Verbal kommunizierende Menschen sind dem Schreiben gegenüber allerdings eher abgeneigt, weil es zu viel Zeit kostet. Warum sollte man eine lange E-Mail schreiben, wenn man jemanden anrufen kann oder sich von Angesicht zu Angesicht unterhält?

Verschieden bedeutet nicht schlechter!

Abschließend noch ein wichtiges Anliegen: Ich beschrieb verschiedene Wege zu kommunizieren – das impliziert nicht, dass verbal oder schriftlich besser oder schlechter ist. In meinen Augen sind beide Wege gleichwertig und gültig. Es gibt noch viel mehr Menschen, die das Schreiben bevorzugen, etwa Autisten (besonders die nonverbalen), Menschen mit Mutismus, gehörlose Menschen, oder die krankheitsbedingt nicht sprechen können. Welche Ursachen oder Begründungen auch dazu führen, dass man das Schreiben der verbalen Kommunikation vorzieht – es sind legitime Formen der Kommunikation.

Warum Autisten wahrscheinlicher gemobbt werden

Dieser Beitrag ist eine Übersetzung von

https://askpergers.wordpress.com/2014/11/20/why-autistic-people-are-more-likely-to-be-bullied/

Jeder kann ein Mobbingopfer werden, aber es scheint so, dass eine unverhältnismäßige Anzahl von Autisten in einem bestimmten Lebensabschnitt Mobbing erfährt. Es gibt dafür eine Reihe von Gründen, und die meisten davon haben mit der Psychologie der Person zu tun, die mobbt. Es gibt etwas über Autisten, das sie als „ideale Opfer“ in den Augen des potentiellen Mobbers erscheinen lässt. Der wahrscheinlich einfachste Weg, diesen Punkt zu veranschaulichen, ist es ein paar der Schlüsselfaktoren (siehe unten) aufzulisten, sodass ihr eine Idee davon bekommt, über was ich rede.

  • Autisten neigen dazu in einer Gruppe aufzufallen – einer der fundamentalen Grundsätze von Autismus ist, wenn Du es hast, dann bist Du nicht wie die anderen um Dich herum.  Das muss nichts Schlechtes sein, und Du musst nicht einmal komplett verschieden von den anderen sein, aber Tatsache ist, dass die meisten Mobber sich jemanden herauspicken, der zumindest etwas verschieden ist. Das kann jemand sein, der dicker oder dünner ist, oder größer oder kleiner als der Durchschnitt. Wenn jemand Autismus hat, könnten sie im Vergleich zu den anderen unterschiedlich kommunizieren oder ein anderes Verhalten zeigen. Es könnte etwas so Einfaches sein, wie sich in einer speziellen Art zu kleiden, beispielsweise trug jemand, den ich kannte, jeden Tag die gleiche Klamotten. Oder es könnte sein, sich in zwanglosen Situation sachlich auszudrücken. Der Umstand, dass jemand nach einem Opfer Ausschau hält, bedeutet, dass sogar der kleinste Unterschied eine Person mit Autismus geeignet für Mobbing erscheinen lässt.
  • Autisten haben möglicherweise nicht so einen großen Freundeskreis, der sich für sie einsetzt wie bei anderen – ich möchte klarstellen, dass dieser Punkt nicht jeden betrifft – Ich zeige nur auf, was mir viele gemobbte Autisten berichteten – es wird nicht auf jeden zutreffen. Aber einige Autisten berichten, weil sie Schwierigkeiten hatten, Freundschaften in der Schule oder am Arbeitsplatz zu schließen,  wurden sie innerhalb Tagen ihrer Ankunft herausgegriffen als Person, die noch keine Freundschaften geschlossen hat; Deshalb, wenn der Mobber nach einem Opfer sucht, wird er nicht nach einer Gruppe Ausschau halten, sondern nach einem einzelnen Individuum. Das ist der Beginn eines Teufelskreises.  Weil sie nicht rasch genug Freundschaften schließen konnten, werden sie als freundschaftslose Person bekannt, die gemobbt wird – und wer möchte Freundschaften mit dieser Person? Offensichtlich keiner, was bedeutet, dass sie sogar wahrscheinlicher weiter gemobbt werden. Natürlich sollten die Leute in der Lage sein, sich auf eine bestimmte Situation einzustellen, und Freundschaften in ihrer Geschwindigkeit und auf ihre Weise zu schließen, doch unglücklicherweise scheinen viele Schulen und Arbeitsplätze soziale Strukturen beinahe wie Gefängnisse aufzuweisen. Wenn Du in einer Gruppe bist, hast Du viel eher Leute, die auf Dich achtgeben, während man auf sich alleine gestellt viel leichter zum Mobbingopfer wird. Es sollte außerdem betont werden, dass auch Leute mit guten Freunden gemobbt werden können, aber die Mehrheit der Mobber schaut nach dem leichtestmöglichen Ziel.
  • Viele Autisten sind nicht fähig, Körpersprache oder soziale Signale zu lesen, deshalb kann es schwer für sie sein, die Absichten der anderen zu erkennen – das macht sich offensichtlich viel anfälliger dafür, wenn jemand mit ihnen etwas vorhat – vielleicht sie zu einem abgeschiedeneren Ort zu locken, sodass sie zusammengeschlagen werden können, oder sie so zu manipulieren, dass sie etwas peinliches oder illegales tun. Die Person, die das tut, könnte es nicht einmal besonders intelligent oder gut anstellen, die Absichten zu verschleiern, und es kann für jeden im Raum klar sein – aber es geht komplett an dem Autisten vorbei, dadurch werden sie automatisch ein viel einladenderes Ziel für jeden, der beabsichtigt zu mobben. Autisten unterschätzen möglicherweise die Ernsthaftigkeit dessen, was eine andere Person gerade plant. Es ist außerdem möglich, dass sie dahingehend manipuliert werden, den Mobber als ihren Freund zu betrachten. Die Signale, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn sie in eine bestimmte Situation gelockt werden (bestimmte Blicke, Gelächter oder Bemerkungen) werden vollständig übersehen. Das ermöglicht Mobbern, autistische Menschen in einer Weise zu manipulieren, wie sie es nicht mit neurotypischen Menschen machen könnten.
  • Autisten tendieren zudem dazu, Gesagtes wörtlich zu nehmen – das schließt an den obigen Punkt an, dass sie leichter zu manipulieren sind. Aber es verleiht den Worten der Mobber auch zusätzlichen Druck, der in zwei Arten daherkommt: Wenn jemand sagt „Ich werde Dich umbringen“, nehmen die meisten Menschen an, dass damit gemeint ist zusammengeschlagen zu werden. Das alleine ist schon nicht erfreulich, aber der Autist nimmt das ernst, was Leute zu ihm sagen, und sie gehen am nächsten Tag in die Schule im Glauben, jemand beabsichtige sie umzubringen, dann muss der Tribut, den jemand physisch und physisch zahlen muss, extrem sein. Den Druck zu haben, jeder einzelnen Bedrohung zu glauben, die eine Gruppe von Mobbern ausspricht, würde einen unbeschreiblichen Stress für ein Individuum bedeuten. Die Familie und ihr Leben wäre täglich bedroht. Das könnte die Schwierigkeit hinzufügen, dass der Gemobbte niemandem davon erzählt. Es würde die Erfahrung außerdem noch schrecklicher für das autistische Individuum machen. Die andere Art, dass Gesagtes wörtlich zu nehmen Probleme bereiten kann, ist Online-Mobbing. Bedrohungen und verbaler Missbrauch sind leider Alltag bei den Erfahrungen im Netz. Aber die meisten Menschen wissen, dass dies die Person am anderen Ende zum eigenen Vergnügen tut, und empfinden es nicht so, wenn sie anderen Leuten Botschaften zukommen lassen.  Wäre der Mobber nicht zufällig auf diesen besonderen Autisten gestoßen, hätte er seine Nachrichten an jemand anders gesandt. Ich versuche damit nicht zu sagen, dass es dies leichter für das Opfer macht – stellt Euch vor, wenn man jeder zufälligen Beleidigung glaubt, die von jemand online aufgeworfen wird und mit ernsthaft gemeintem Hass an Dich persönlich gesendet wurde, dann ist es kein Wunder, dass manche Leute beginnen, diesen Beleidigungen und Bedrohungen zu glauben, und sich wertlos und verängstigt fühlen.
  • Weil autistische Menschen damit kämpfen zu verstehen, wie sie sozial dazugehören, können sie alles dafür tun, was sie für notwendig empfinden, um sich den Gleichaltrigen anzupassen. Leider macht sie das unglaublich anfällig für jene, die sie einfach ärgern wollen. Ihrer Meinung nach sind sie Teil der Gruppe und haben alle Spaß zusammen, aber in Wirklichkeit sind sie bloß die Zielscheibe der Witze. Das geschieht offensichtlich nicht bei Freundschaften, aber passiert manchmal mit einem Mobber oder eine Gruppe von Mobbern.
    Weil der Wunsch dazuzugehören so groß sein kann, weiß der Autist mitunter, dass das, was zu tun von ihnen verlangt wird, falsch oder beschämend sein kann, aber tut es trotzdem lieber als weiterhin ignoriert zu werden. Das kann leider mit jedem sozial Ausgestoßenen passieren, ob sie nun autistisch sind oder nicht. Zudem ist es möglich, dass die autistische Person nicht weiß, dass sie etwas falsches oder ungesetzliches tut, und dass sie nicht versuchen, dazu gehören, weil sie Freundschaften schließen wollen, sondern um das Mobbing zu beenden.
  • Autisten zeigen oft die gewünschte Reaktion auf Mobbing – nun mögen es Mobber zu verletzen und Leute zu manipulieren – das bedeutet nicht, dass sie ihr ganzes Leben schlechte Menschen sein werden, aber in dem Moment fügen sie einem anderen Menschen körperliche und seelische Schmerzen zu – manche tun das, weil sie die Macht genießen, die ihnen über jemand anders gegeben wird, aber die meisten tun es, um zu sehen, welche Reaktion sie vom anderen erhalten. Jemand mit Autismus kann offensichtlich bis zum Zusammenbruch (Meltdown) provoziert werden – was nahezu die beste Reaktion ist, die ein Mobber erhalten kann. Sie können eine Person subtil veräppeln, was zu einem Ausbruch bei der autistischen Person führen wird, und ihn selbst als den Bösewicht hinstellt. Viele Mobber bzw. ehemalige Mobber begründeten die Verletzung von Leuten, um eine Reaktion zu erzwingen, damit, dass sie gelangweilt waren. Diesem sollte man aber nicht zu viel Bedeutung beimessen, denn in der heutigen Gesellschaft gibt es wirklich keinen Grund, gelangweilt zu sein – Internet und Mobiltelefone geben uns alles, was wir wollen, mit unseren Fingerspitzen, und trotzdem benutzen dies manche Menschen, um zu mobben. Menschen, die sich damit beschäftigen, solche Reaktionen zu erzwingen, tun das zu ihrem eigenen Vergnügen, und leider zeigen autistische Menschen oft die willkommensten Reaktionen.
  • Autistische Menschen können damit ringen, um Hilfe bei einem Problem zu bitten, weil ihre kommunikativen Fähigkeiten nicht ausreichen – vielleicht können sie physisch nicht darum bitten oder etwas darüber sagen, weil sie unfähig zum Sprechen sind? Vielleicht sind sie zu verschreckt und verängstigt, um einen Versuch zu wagen, dem Lehrer, Kollegen oder Elternteil mitzuteilen, was bei ihnen abgeht? Vielleicht glauben sie den Drohungen der Mobber und halten aus diesem Grund still? Was auch immer der Grund ist, autistische Menschen können sich manchmal in Stille leidend wiederfinden, und das zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens. Die Leute sagen, rede mit einem Lehrer oder Elternteil, als ob das alles löst – das ist ok, aber wenn Du nicht weißt, wie Du es jemand sagen sollst, wenn Du kein Vertrauen darin hast, Dich jemandem anzunähern, wenn der Gedanke, zu jemandem zu gehen und ein Gespräch zu beginnen beinahe so verschreckend ist wie gemobbt zu werden, was sollst Du dann tun? Ich biete hier keine Lösungen an, aber vielleicht ist es besser, wenn die Eltern und Lehrer selbst die Probleme erkennen, und darauf achtgeben? Es ist wirklich wichtig, dass jemand weiteres eingeweiht wird, was los ist, und die Person unterstützt, die gemobbt wird.

Das zuletzt Geschriebene sind nur ein paar Situationen, die mir widerfahren sind, als ich begann, darüber nachzudenken, warum autistische Menschen häufiger zum Mobbingopfer werden. Ich vermute, was ich tat, war mich in die Perspektive des Mobbers zu versetzen, und mich zu fragen, wenn ich jemand wehtun und damit durchkommen wollte, welche Art von Person ich als Zielscheibe benutzen würde, und warum? Es mag andere Gründen geben, und nicht jeder, der autistisch ist, wird zur Zielscheibe für Mobbing in ihrem Leben. Ich hoffe, dass die aufgezählten Faktoren für Euch einen Sinn ergeben.  Ich bin sicher, dass ich nicht alles genannt habe, und wenn Euch etwas anderes widerfahren ist, kommentiert bitte darunter, und lasst mich wissen, was es war. Ich möchte außerdem in diesem Artikel nicht andeuten, dass nur Autisten gemobbt werden, da Mobbing ein Problem ist, das jedem in der Gesellschaft passieren kann.

Der Unterschied zwischen Schüchternheit und Missverständnissen

Dieser Beitrag ist eine vollständige Übersetzung eines sehr verständlichen Blogtexts von stimmycat, die beschreibt, wie sich Schwierigkeiten in der Kommunikation als Schüchternheit bemerkbar machen können.

The following entry is a full translation of a really comprehensive text of the autistic blogger stimmycat describing how communication difficulties may express as shyness for non-autistic (= allistic) people.

Original-Artikel: https://autismthroughcats.wordpress.com/2014/08/24/shyness-and-misunderstandings/

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Ich bin schüchtern, aber ich kämpfe auch mit der Fehlverbindung zwischen meinem autistischen Kommunikationsstil und dem nichtautistischer Leute. Ich sehe diese als getrennte Bereiche, aber die Leute scheinen sie oft zu verwechseln. Deshalb erkläre ich, wie ich die Dinge sehe.

Schüchternheit ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die bedeutet, dass ich nervös werde und es mir unangenehm ist, wenn ich unter Leuten bin, die ich nicht gut kenne und wenn ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehe. Schüchternheit bedingt bei mir, dass ich nicht immer sage, was ich ausdrücken möchte.

Und ich bin autistisch und weiß oft nicht, was ich in bestimmten sozialen Situationen sagen soll. Autisten neigen dazu, zu sagen, was sie meinen und wir neigen dazu anzunehmen, dass dies jeder auch tut. Aber in A Field Guide to Earthlings, ein Buch über nichtautistisches Verhalten, schreibt Ian Ford über die viele Wege, über die nichtautistische Leute nicht das sagen, was sie meinen. Er argumentiert, dass in manchen Situationen – etwa bei Smalltalk – Dinge, die nichtautistische Leute sagen, nicht einmal der Zweck der Interaktion sind. Während sie Dinge so sagen, dass sie bedeutungsvoll klingen, können nichtautistische Leute stattdessen einen stillen Austausch haben, den eine autistische Person komplett missversteht oder nicht einmal bemerkt. Dieser Gedanke erscheint mir bizarr, aber er erklärt viel.

Manchmal drehen sich die Interaktionen von Nichtautisten über die Dinge, die sie sagen. Ich denke, das passiert an der Univeristät, wenn ich mit den Lehrenden oder anderen Studenten über Zoologie diskutiere. Der Zweck dieser Art von Interaktion ist es, Wissen und Meinungen über Zoologie auszutauschen. Ich verstehe das. Ich weiß, wie man über Zoologie diskutiert. Ich habe Wissen und Meinungen darüber, die ich gerne teile und ich verstehe allgemein, was andere Leute darüber sagen. Aber in großen Gruppen und wenn ich unter Leuten bin, weiß ich es nicht, manchmal bleibe ich still, wenn ich darüber nachdenke, was ich sagen könnte, oder ich werde nervös und sage etwas Falsches, weil ich schüchtern bin.

Aber wenn Leute Smalltalk betreiben oder eine nette Plauderei mit mir suchen, verstehe ich den Zweck dieser Interaktion nicht. In der Vergangenheit dachte ich, sie wären an dem interessiert, über das sie tatsächlich reden, wie das Wetter oder was die Leute am Wochenende getan haben, und ich versuchte, interessante Dinge zum Thema der Konversation beizutragen. Aber wir endeten gewöhnlich mit einer unangenehmen Stille und ich verstand nie, was ich falsch gesagt hatte. Manchmal konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, was ich sagen sollte, also sagte ich gar nichts.

Ich kenne viele Leute, die mir sagen, dass ich unter Leuten entspannen und aus meinem Schneckenhaus herauskommen soll, oder mich selbst mehr mögen oder mehr ich selbst sein, und Auswirkung dessen scheint zu sein, dass, wenn ich diese Dinge tue, ich eben weiß, was ich sagen will. Aber das hilft kaum. Wenn ich versuche, meine Schüchternheit zu überwinden, ende ich mit dem gleichen Ergebnis.

Wenn ich versuchte, den Ratschlägen zu folgen, wie ich mit Schüchternheit umgehen soll, regte mich das wirklich auf, wenn ich wieder und wieder zu versagen scheine, und am Ende hörte ich damit auf, es zu versuchen.

Weil ich denke, dass das Problem nicht Schüchternheit ist, sondern es einen gewissen fundamentalen Unterschied gibt, wie ich und andere Leute unsere Interaktionen wahrnehmen. Ich konzentriere mich auf Worte und scheitere dabei, zu bemerken oder zu erwidern, was eine nichtautistische Person wirklich zu tun versucht.

Vor kurzem verstand ich erst, dass Worte oft nicht im beabsichtigten Mittelpunkt stehen. Und ich denke, ich habe gelernt, manches zu imitieren, was nichtautistische Menschen machen, wenn sie plaudern. Wenn jetzt jemand sagt „Wie geht’s Dir?“ versuche ich nicht die Fragen zu beantworten, sondern zu sagen „Fein, danke! Wie geht’s Dir?“ Dies scheint erfolgreich zu sein, wenn man ein Gespräch beginnt. Und wenn mich jemand etwas anderes fragt, beantworte ich es und frage das Gleiche zurück.  Ich tat das zuvor meist nicht, weil mich gewöhnlich die Antwort nicht interessierte.  Ich denke, das ist eine gute Methode,  geeignete Fragen zu stellen – mir wurde gesagt, ich sollte das tun, aber ich hatte große Probleme, mir welche einfallen zu lassen.

Diese Nachahmung nichtautistischer Kommunikation scheint bei kurzen Gesprächen zu funktionieren, aber ich befürchte, dass die Leute mich durchschauen, wenn ich es längere Zeit aufrechtzuerhalten hätte. Ich verstehe nach wie vor nur mit Mühe und Not manche Aspekte nichtautistischen Verhaltens.

Edit: ich hätte wahrscheinlich klarstellen sollen, dass nicht jeder Autist wie ich kommuniziert.

XXY: Ich suche keine Ausreden – ich setze persönliche Grenzen

Der autistischen Bloggerin Sonnolenta gelingt es immer wieder, in gut verständlichen Sätzen Situationen zu beschreiben, die sowohl für Autisten als auch für manche XXYs problematisch sind – meist soziale Situationen.

Den folgenden Text hat sie am Neujahrstag geschrieben und ich übersetze ihn gerne, da er nicht nur auf Autismus, sondern auch auf XXY anwendbar ist, bzw. auf jede Form einer psychischen Erkrankung bzw. unsichtbaren, kommunikativen Störung.

http://sonnolenta.com/2015/01/01/autism-im-not-making-excuses-im-setting-limits/

Falls es eins gibt, was ich seit meiner Autismus-Diagnose von 2011 gelernt habe, dann sich selbst Grenzen zu setzen. Ich war das niemals gewohnt, wie Du siehst. Ich hätte mich selbst härter und härter dazu getrieben, die Erwartungen von jedem und allem um mich herum zu erfüllen.
Und das hat niemals gut geendet. Ich kam von einem Meltdown zum anderen. Mein Selbstvertrauen wäre gestiegen, nur um im Nebel und Scham nach dem Meltdown niedergeknüppelt zu werden. Ich fühlte mich wie ein kleines Schiff, das auf der schweren See hin und her geworfen wird, ohne Aussicht auf Besserung. Zu anderen Zeiten fühlte ich mich ein Ertrinkender.

Die Leute, die mich umgaben, machten meine Situation nicht leichter oder erträglicher. Sie machten es schlimmer – was schwierig war, weil es Leute waren, die unbedingt akzeptieren und lieben hätten sollen. Sie stießen mich härter und härter, und wenn ich niederging, drückten sie scharf ihren Ärger und Missgefallen aus. Wenn ich um Hilfe bat, teilten sie mir mit, dass ich auf falsche Art um Hilfe bat. Oder sie kritisierten die Gründe, weshalb ich überhaupt erst um Hilfe bat. Sie verstärkten schmerzhafte Muster der Selbsterkennung, in dem sie mich an die Tatsache erinnerten, dass ich beschämend oder schwierig war. Inakzeptabel oder seelisch krank. Unangemessen oder unreif. Oder dass, wenn ich Hilfe brauchte, es bedeutete, dass ich hoffnungslos oder wertlos war. Jede positive Qualitäten, die ich haben könnte, wurden aus dem Fenster geworfen, da diese Qualitäten nicht im Entferntesten den Umstand kompensierten, dass da „jemand nicht ganz bei Sinnen“ wäre. Und so ging ich durchs Leben – ich wollte immer den Leuten gefallen, sie zufrieden machen, sie sehen lassen, dass ich nicht all diese „schlechten“ Dinge war, doch versagte ich kläglich beinahe täglich, da ich mich weit über meine persönlichen Grenzen hinaus antrieb. Dieser endlose Zyklus trug dazu dabei, dass ich Depressionen, Panikattacken und schwere Schlaflosigkeit bekam, sowie gestörtes Essverhalten.

Der Erhalt der Autismus-Diagnose war anfangs eine Offenbarung. Sie brachte mich dazu, den Sinn in den Dingen zu erkennen. Sie war ein frischer Wind, der mir erlaubte aufzuhören, mich selbst fertigzumachen und weit über meine Grenzen zu treiben. Ich war nicht „normal“. Und das war vollkommen richtig so. Ich würde niemals „normal“ sein. Und je schneller ich das anerkannte und mein Leben neu ausrichtete, desto schneller würde ich ein Leben leben können, das sich mehr im Einklang mit meiner einzigartigen Neurologie und Fähigkeiten befand.

Nichtdiagnostizierter Autismus verbunden mit komorbider Depression und Angsterkrankung halfen dabei, meine zahlreichen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Unterschiede zu erklären. Aber nichtdiagnostizierter Autismus und seelische Erkrankungen, die damit einhergehen, waren keine Ausrede.

Falls Autismus ein „Grund“ wäre, müsste ich die Kontrolle darüber übernehmen. Ich müsste mein Leben neu organisieren, damit Autismus nicht als Ausrede gebrauchen müsste. Ich hatte viel Arbeit vor mir. Ich übernahm die Verantwortung für mein Leben, indem ich deutliche Grenzen setzte. Leider fand ich heraus, dass viele Leute nicht zwischen „Grund“ und „Ausrede“ unterscheiden. Darum lasst mich versuchen, diese Konzepte besser zu erklären:

Ein Grund erklärt die Tatsachen, die um ein Problem oder eine Situation bestehen, während eine Ausrede versucht, das Problem oder die Situation zu rechtfertigen, üblicherweise durch Verleugnung. Wenn ihr „Autism AND reason AND excuse“ googelt, erhaltet ihr tausende Ergebnisse.  Das ist nicht nur in der erwachsenen Autismus-Community ein heißes Thema, sondern auch unter den Eltern von autistischen Kindern. Autismus als Ausrede verwenden.

Als ich herausfand, dass ich autistisch war, brach ich dazu auf, Dinge in meinem Leben und in meiner Umgebung zu identifizieren, die zu Stress, Meltdown-Auslöser oder Defizite der Exekutivfunktionen beitrugen. Ein typisches Muster vor der Diagnose war für mich, sich selbst zu zwingen, in eine bestimmte Situation zu passen – egal, wie sehr ich meinen Körper und Geist damit stresste. Ich war der Überzeugung, dass ich bloß eine schwache/fehlerhafte Person war, die sich „eine dickere Haut zulegen“ lassen sollte und Schwierigkeiten  aushalten sollte, um sich zu ändern und zu verbessern. Doch das Problem mit dieser Methode war, dass ich rasch meine Ressourcen verbrauchte, was mich ohne die Fähigkeit zurückließ, mit Stress umzugehen, ein normales Gespräch zu führen, mit Leuten zu interagieren, Geduld und Voraussicht in sozialen Situationen zu haben, und Meltdowns zu vermeiden. Ich machte eine Reihe von sozialen Fehlern. Ich konnte zu den Leuten grob sein, ohne es zu bemerken. Ich erfuhr ausgeprägte emotionale Dysregulierung, und lebe in einem Zustand des nahen oder vollständigen Meltdowns.

Diesen Weg fortzusetzen, als ich erst einmal herausfand, dass ich autistisch war, wäre verantwortungslos und katastrophal. Autismus war der GRUND dafür, meinen Lebensstil zu ändern. Ich entschied mich dafür, Kontrolle und Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, da ich autistisch bin. Falls ich mich dazu entschlossen hätte, Autismus als Ausrede in diesem Beispiel zu verwenden, hätte ich mein Leben weiter in der Art gelebt, die kontraproduktiv und ungesund für mich wäre – sowohl neurologisch als auch psychisch. Und wenn Dinge den Bach heruntergingen und ich auf Schwierigkeiten traf? Ein Ausrede-enthaltenes Beispiel würde etwa so aussehen:

„Es geschah, weil ich autistisch bin. Ich habe keine Kontrolle darüber. So sieht es aus. Ich bin autistisch, und wenn Du das nicht magst, dann lern damit zu leben.“

<— GENAU DAS HIER. Das ist ein Beispiel dafür, Autismus als Ausrede zu gebrauchen, und das ist nicht, wie ich mich entschied, mein autistisches Leben zu handhaben.

Obwohl ich aktive Kontrolle über mein Leben übernehme und große Veränderungen in meinem Lebensstil herbeiführe, empfinde ich weiterhin die Last des Missfallens in vielen Situationen. Leute, die mir das Gefühl geben, ich könnte mein Leben nicht in einer „normalen“, extrovertierten, aktiven und neurotypischen Weise leben, dann suche ich Ausflüchte. Ich fühle mich so in meinem Leben, und besonders in meinen Angelegenheiten. Ich fühle mich ständig über meine persönlichen Grenzen gestoßen, die ich für mich selbst aufstellte, um meine zahlreichen Bedürfnisse am besten zu kontrollieren. Ich möchte nicht über diese Grenzen gestoßen werden, da ich nicht überwältigt werden und zusammenbrechen will. Ich will innerhalb meiner Grenzen bleiben, so wie ein Automotor nicht über seine Drehzahlgrenze gedrängt werden will. Dränge den Automor für lange Zeit in den roten Bereich, und was passiert? Schließlich ergibt sich eine Kettenreaktion mechanischer Fehlfunktionen.

Die Gesellschaft diktiert, dass eine Person in der Lage sein sollte, etwas von A bis Z zu tun, und falls sie das nicht können, sind sie kein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Gesellschaftliche Standards entscheiden darüber, was akzeptabel, angemessen und genug ist. Behinderte Menschen fallen selten in diese gesellschaften Standards. Menschen mit unsichtbaren Behinderungen? Das kann sogar komplizierter sein, da die Gesellschaft statt unsere Behinderungen zu sehen und anzuerkennen, sich dafür entscheidet, ein Label aufzudrücken. Die Gesellschaft fällt ein Urteil und sagt „Du bist faul“ oder „Du bist geisteskrank“ oder „Du bist schwierig“ und so weiter und so fort. Reicht es nicht, einfach anzuerkennen, dass Menschen verschieden sind und dass manche Menschen Grenzen setzen müssen, was sie können und mit was sie nicht umgehen können? Warum erhält die Gesellschaft das Recht, sich als Richter, Geschworene und Henker zu verhalten? Ich weiß keine Lösung für meine derzeitige Zwickmühle – ich weiß nur, dass ich die Wellen zurückdrücken muss. Sehr vorsichtig.

Klare persönliche Grenzen setzen ist für autistische Menschen sehr wichtig. Wir brauchen Ordnung, Routine und Struktur. Selbst kleine Änderungen oder Unterbrechungen können beträchtlichen Stress und Chaos für uns erzeugen. Wie ein kleiner Stein, der deine Windschutzscheibe trifft und einen winzigen Riss erzeugt, der sich plötzlich ausdehnt und eine viel größere Fläche umfasst. Eine Kettenreaktion wird in Gang gebracht, die rasch einen Dominoeffekt weiterer Symptome und Auswirkungen nach sich zieht. Mein Job als eine neurodivergente Person, die so verantwortungsvoll wie möglich mit meiner Neurologie umzugehen versucht, ist es, dies zu vermeiden. Weil Autismus eine gültige Begründung ist, aber ich verweigere mich, es als Ausrede zu benutzen.