Das „Coming-Out“ – pro und contra

Soll man verheimlichen, das Klinefelter-Syndrom zu haben oder offen damit umgehen? Das hängt einerseits vom Leidensdruck ab, andererseits auch von der inneren Stärke, und nicht zuletzt auch von der Frage, ob es eher ein körperlicher oder ein seelischer Leidensdruck ist.

Gründe für ein Coming Out:

  • Scham oder ständige Nachfragen wegen unerfülltem Kinderwunsch
  • Hänseleien oder Mobbing wegen körperlichen Besonderheiten
  • Starke Stimmungswechsel als Folge der Hormonschwankungen
  • Schwierigkeiten wegen „KS-typischer Verhaltensweisen“ (z.B. ADHS, autistische Verhaltenszüge, Reizüberflutung beim Lernen oder am Arbeitsplatz)
  • Testosteronmangel oder -therapie beeinträchtigt das Berufsleben

Gründe gegen ein Coming Out:

  • In der Fachliteratur bzw. im Internet steht nichts Stichfestes, man weiß selbst nicht, was alles zutrifft.
  • Das Umfeld ist nicht interessiert oder verhält sich abweisend nach dem Coming Out, weil es damit überfordert ist bzw. nicht weiß, wie es darauf reagieren soll.
  • Der (potentielle oder aktuelle) Arbeitgeber sieht nur die Defizite und nicht die Stärken des Mitarbeiters.

Eine Verpflichtung für ein „Coming Out“ besteht grundsätzlich gar nicht. Es gibt viele Männer mit Klinefelter-Syndrom, die ein ganz normales Leben führen und ihren Beruf ohne Einschränkungen ausüben können. Es ist eine ganz persönliche Entscheidung, und hängt wie gesagt davon ab, in welchen Bereichen man durch das Klinefelter-Syndrom einen so starken Leidensdruck hat, dass ein Outing einer Befreiung gleich kommt.

Menschen mit Klinefelter-Syndrom, die keine Probleme damit haben, ist es mitunter gleichgültig, ob es andere wissen oder nicht. Sie kleben es sich nicht auf die Stirn, aber haben auch keine Hemmungen zuzugeben, wenn sie auf ihre Besonderheiten angesprochen werden. Das setzt natürlich auch ein gewisses Selbstbewusstsein voraus. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Mehrheit eher unter den körperlichen Folgen leidet, d.h. unter der Muskelschwäche, der verstärkten Brustentwicklung und unter kleinen Genitalien, etwa wenn man gemeinsam Sport treibt und sich duscht, in der Sauna sitzt oder im Freibad ist. Das kann, muss aber nicht die Ursache für Mobbing sein.

Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, dann hatte ich natürlich damit zu kämpfen, immer schwächer zu sein, die Reckstange, auch wegen der Höhenangst, nicht hinaufturnen zu können, vor allem aber mit Wahrnehmungsstörungen (Ball werfen und fangen, Koordination beim Fußball spielen) und eben besonders durch mein Sozialverhalten. Ich interessierte mich großteils nicht für die Interessen meiner Mitschüler, redete lieber mit den Lehrern als mit Gleichaltrigen und verstand nie, wie man den Unterricht rein zum Schabernack missbrauchen kann, ich wollte etwas LERNEN und übernahm sogar freiwillig Referate, um meine Note zu verbessern. Ich suchte mir meine Themen oft sogar selbst aus, auch später im Studium, nach meinem Interesse. Mir etwas zuweisen lassen, das war oft ungut. Ich tat alles aus eigenem Antrieb, brachte mir auch viel neben dem Studium bei, sogar das meiste für meinen Brotberuf.

Dieses Verhalten, mehr zu tun, als unbedingt notwendig war, eckte IMMER an. Zudem ließ ich mich oft hänseln und verarschen, ohne es zu bemerken. Und ich galt natürlich als Lehrerfreund, also das Feindbild schlechthin in jeder Schulklasse, speziell im Pubertätsalter. Dass ich körperlich nicht so gut mithalten konnte, schob ich damals auch auf das selektische Benotungssystem in Bayern, das nach dem Geburtsjahr die Messlatte anhob, und da ich einer der älteren in der Klasse war, musste ich trotz geringer Körpergröße und -gewicht größere Leistungen vollbringen als der Rest, was de fakto nirgends zu schaffen war. Ich war nicht komplett unsportlich, sondern fuhr sehr viel Rad bei jedem Wetter, versteckte mich also auch nicht zuhause.

Schwierigkeiten durch Verhaltensauffälligkeiten sind im Kindesalter nicht ungewöhnlich, und – in meinen Augen zurecht – bekriteln Experten, Eltern und gut informierte Betroffene, dass man in das Kindesalter nicht zu viel hineininterpretieren sollte. Ein Coming-Out im Jugendalter hat also möglicherweise keinen Sinn bzw. wird auch falsch aufgenommen. Mein Beitrag hier zielt allerdings mehr auf Erwachsene ab, was ich vielleicht betonen sollte.

Für das Berufsleben gilt: Der offene Umgang eines Mitarbeiters mit dem Klinefelter-Syndrom ermöglicht es Vorgesetzten oder Kollegen, sich besser auf ihn einzustellen und auch so manche komische Verhaltensweisen zu verstehen, die bei Menschen mit Klinefelter-Syndrom eben nicht zwangsläufig intuitiv vorhanden sein müssen (der Konjunktiv ist notwendig, weil Klinefelter-Menschen vom zusätzlichen X-Chromosom abgesehen verschieden sind; jeder ist EINZIGARTIG), auf der anderen Seite auch Stärken herausstreichen, sich etwa auf Details fokkussieren zu können und bei Spezialinteressen eine schnelle Auffassungsgabe zu besitzen.

Aber es ist nicht nur ein besseres Verständnis füreinander, das dadurch möglich wird. Durch diesen Schritt eines Mitarbeiters entsteht auch eine Pflicht des Arbeitgebers, die Inklusion des Kollegen zu ermöglichen. Vor allem kommt es aber auf die Aufgeschlossenheit des Teams an. Und genau hier liegt natürlich die Gefahr – und die Angst vieler Menschen im Klinefelter Autismus-Spektrum: „Wenn ich publik mache, dass ich das Klinefelter-Syndrom habe Autist oder Autistin bin, werde ich gemobbt oder gar entlassen.“ Ja, diese Gefahr besteht. Solche Fälle sind durchaus schon vorgekommen. Allerdings machen viele Menschen im Klinefelter-Autismus-Spektrum auch ohne ein „Comingout“ die gleichen Erfahrungen.

modifiziert nach dem Blogbeitrag über „Coming Out“ bei Autismus

Im Gegensatz zu Autisten haben Klinefelter-Männer die Schwierigkeit, dass über Klinefelter viel weniger bekannt ist, besonders wenig zu den Forschungen aus den vergangen 10-15 Jahren. Es besteht dann die Gefahr, dass Klinefelter rein auf die körperlichen Defizite reduziert wird, und man denkt, die Testosterontherapie könne alles ausgleichen. Vieles, was man derzeit aus einer oberflächlichen Internetrecherche erfährt, ist jedoch nicht stichfest und hebt nur die Defizite hervor, und nicht die, ich sage es provokant, positiven Aspekte der klinefeltertypischen (autistischen) Wesensmerkmale (wie dem Blick für Details, Ehrlichkeit, schnelle Auffassungsgabe für spezielle Interessen, Fähigkeit zur Selbstkritik, etc.), die eben nichts mit dem Testosteronmangel als vielmehr mit dem zusätzlichen X-Chromosom zu tun haben.

, dass ein offener Umgang mit Klinefelter Autismus Missverständnisse auflösen kann, wenn zuvor Probleme mit den Kollegen oder dem Vorgesetzten aufgetreten sind. Dennoch: Die Entscheidung ist eine ganz persönliche. Niemand muss ohne Not das Thema Klinefelter Autismus öffentlich machen. Manchmal aber kann dies vor dem Schlimmsten bewahren, nämlich einer Kündigung.

Wie der Querdenkender in seinem Blog auch formuliert hat, überwiegt leider in unserer Gesellschaft immer noch das Defizitdenken. Inklusion ist weiterhin out. Lieber zahlen Firmen Strafen als Behinderte aufzunehmen. Es ist hilft da nur die Aufklärung der Öffentlichkeit, aber auch der Arbeitgeber.

Deswegen ist es wichtig, dass die Betroffenen, die es sich leisten können, die das Selbstbewusstsein entwickeln, die keine Einschränkungen haben oder diese aktiv angehen, auch Aufklärungsarbeit leisten. Ich zähle mich dazu, ich will aufklären und die Scheu nehmen, ich möchte, dass das Klinefelter-Syndrom nicht nur als Behinderung gesehen wird, sondern dass damit auch Stärken verbunden sind, Talente, die man nicht ungenutzt liegen lassen sollte. Dass die Leistungsfähigkeit nicht nur von dem Testosteronspiegel abhängig ist, sondern auch stark mit der Motivation abhängig sein kann, in seinem Fachgebiet tätig zu sein.

Outing ja oder nein – das ist eine ganz persönliche Entscheidung, die einem niemand abnehmen kann, aber auch nicht aufdrängen darf.

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Ein Gedanke zu “Das „Coming-Out“ – pro und contra

  1. Ich persönlich bin immer offen für alles, auch was Klinefelter und Arbeitgeber betrifft. Da ich sehr unter den körperlichen Beschwerden leide, konnten meine Arbeitszeiten sowie die Tätigkeiten besser integriert werden und führte weniger zu Unstimmigkeiten….
    Aber wie bereits im Artikel erwähnt ist jeder Mensch (Mann) anders, einige sind stärker wie ich betroffen andere kaum!
    Ich bin jetzt Mitte 50, arbeite seit 7 Jahren nicht mehr, da ich allerlei körperliche Beschwerden habe…. meine gekürzte Geschichte kannst Du in meinem Blog lesen unter:

    http://klinefelter-syndrom-47xxy.blogspot.com.es

    Einen schönen Gruss aus Andalusien

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