7. Kapitel: Umdenken in Bildern

Im siebten Kapitel von The Autistic Brain geht Temple Grandin selbstkritisch auf Kritik einer Leserin an ihrem Buch „Thinking in Pictures“ ein. Damals dachte sie, alle Autisten denken in Bildern, bis sie darauf hingewiesen wurde, dass das nicht der Fall sei.

Jeder Autist ist verschieden.
Grandin fand heraus, dass es drei Typen von Denkern gibt:

  • verbal thinker (so denken die meisten neurotypischen Menschen: in Wort und Schrift)
  • visual thinker (in Bildern denken, vor allem Künstler und Graphiker)
  • pattern thinker (Denken in Mustern)

Ein klassischer pattern thinker ist der IT-Programmierer, der Code benutzt. Auch Kreuzworträtsel und Sudoku entwerfen ist pattern thinking. Die besten Puzzles werden von Mathematikern und Musikern gemacht. Muster findet man überall, etwa im Goldenen Schnitt, in Wortanfängen, z.B. fangen im Deutschen kleine runde Dinge oft mit Kn an: Knopf, Knospe, Knauf, Knoblauch, während lange dünne Dinge mit Str anfangen: Straße, Strahen, Strand, Streifen, Strahlen. So brachte sich Daniel Tammet, der innerhalb einer Woche fließend isländisch beherrschte, selbst Deutsch bei.

Künstler erkennen Muster oft schon lange, bevor wissenschaftliche Formeln dafür entdeckt wurden, etwa van Goghs 1889 entworfenes Starry Night mit turbulenter Strömung, dessen Gleichung nicht vor den 30ern gefunden wurde: Mathematische Denkweise ohne es zu wissen.

Es gibt zwei Typen von Mathematikern:

Jene, die Algebra beherrschen: Zahlen und Variablen.
Jene, die geometrisch denken: in Formen

Schach ist ein klassisches Beispiel für pattern thinking:

Schachmeister sehen unmittelbar zwar nur einen Zug voraus, aber es ist immer der Richtige. Sie erkennen nicht mehr Möglichkeiten, sondern die besseren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist, dass sie besser im Erkennnen und Abspeichern von Mustern sind – was von kognitiven Wissenschaftlern „chunks“ genannt wird. Chunks sind eine Sammlung vertrauter Informationen.

Ein durchschnittliches Kurzzeitgedächtnis ist imstande, 4-6 chunks zu speichern.
Ein Schachmeister kann dagegen bis zu 50 000 chunks behalten.

Patternicity ist definiert als

tendency to find meaningful patterns in both meaningful and meaningless data.

Neigung, bedeutungsvolle Muster in bedeutungsvollen und bedeutungslosen Daten zu finden.

Grandin stieß durch Internetrecherche auf Artikel der kognitiven Neurowissenschaftlerin Maria Kozhevnikov, die visuell thinking in object thinking (Bilder) und spatial thinking (räumliche Muster) unterteilt.

Es gibt zwei visuelle Leitungen im Gehirn:

der dorsale (rückseitige, obere) Weg: Optische Erscheinung von Objekten: Farben, Details

der ventrale (bauchseitige, untere) Weg: wie sich Objekte räumlich zueinander verhalten

Ob jemand ein Objektdenker oder ein Raumdenker ist, lässt sich anhand von diversen Tests feststellen, etwa durch den Vividness of Visual Imagery Quotient (VVIQ). Maximal können 80 Punkte erreicht werden, visual artists erreichen durchschnittlich 70,19 Punkte. Temple Grandin kam auf 71 Punkte – was ihre Stärke, in Bildern zu denken, verkörpert.

Ein weiterer Test ist der grain-resolution-Test, ebenfalls ein objektbezogener Test, bei dem es darum geht, wie grob- oder feinkörnig Materialien aufgelöst sind, z.B. ein Betonboden, Avokadoschalen oder Hühnerhaut. Visual artists erreichen durchschnittlich 11,75 Punkte, während Wissenschaftler und Architekten nicht mehr als 9 Punkte schaffen. Grandin kam auf 17, was sie verwunderte, da sie doch eine Wissenschaftlerin sei.

In Bildern denken bedeutet nicht, ein Objekt im Raum zu manipulieren, sondern seine Sichtweise auf das Objekt zu ändern. Wenn Grandin sich etwa eine große Anlage für Rindviecher (cattle handle facility) vorstellt, dreht sie nicht das Objekt, sondern bewegt ihre Augen um das Objekt herum.

Ein Mensch, der gerne schreibt UND Wissenschaftler ist, ist sowohl verbaler als auch räumlicher Denker.

Warum trifft diese Schlussfolgerung nicht auf Grandin zu? Die Antwort ist: Autismus.

In eine von Kozhevnikovs Artikeln gibt es eine Übung mit zwei abstrakten Gemälden: Eines mit großen rauschenden Farbspritzern, der ganze Eindruck des Bildes war dynamisch. Das andere mit verschiedenen Arten geometrischer Formen, der Eindruck war statisch. Beim dynamischen dachte sie an ein Kampfflugzeug, das sie in einem gerade gelesenen Buch gesehen hat, im statischen sah sie Mutters Nähkorb.

Auf die Frage danach, welches Gefühl sie beim Betrachten der Bilder entwickele, bzw. welche emotionale Reaktion sie in ihr auslöse, entgegnete sie: „Keines. Sie sieht Mutters Nähkorb darin, weil es wie Mutters Nähkorb aussehe.

Künstler benutzen emotionale Begriffe, um Bilder zu beschreiben: Zusammenprall, Durchbruch, extreme Spannung, während Wissenschaftler emotionslose Begriffe benutzen: Quadrate, Flecken, Kristalle, scharfe Kanten, Textilmuster.

Wissenschaftler beschreiben, was sie wortwörtlich sehen, während Künstler beschreiben, was sie im übertragenen Sinne (bildlich) sehen.

Wie Michelle Dawson, die autistische Eigenheiten nicht als positiv oder negativ, sondern als exakt bewertet, weist Grandin greifbaren Objekten keine emotionale Reaktion zu. Sie behandelt sie als Objekte, wortwörtlich, sie kann sie nicht im Raum manipulieren.

Grandin sieht Katastrophen, bevor sie passieren, etwa, als die Airbags zahlreiche Kinder töteten, weil sie für erwachsene Menschen entworfen wurden. Oder das Unglück im Reaktor von Fukushima, dessen Notstromgenerator sich im Keller direkt am Meer befand. Grandin ist ein visual thinker, aber ebenfalls eine Wissenschaftlerin – wegen Autismus.

Die Fähigkeit, in objektbezogenen Bildern zu denken + Autismus = wissenschaftlicher Kopf.

Bisher zusammengefasste Kapitel:

1. Geschichte der Autismus-Diagnosen

2. Gehirnforschung

3. Sequenzierung des Gehirns

4. Verstecken und Suchen

5. Hinter die Labels schauen

6. Kenne Deine Stärken!

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