Bin ich das Komma oder der Bindestrich?

Salman Rushdie schrieb über seinen Buchtitel „Osten, Westen“, dass das Komma entscheidend sei: Er sei das Komma.

So geht es mir als diagnostizierter 47,XXY-Karyotyp auch.

Ich kann mich in viele Betroffene mit zusätzlichem X-Chrosomosom nicht hineinversetzen, da bei mir kein unerfüllter Kinderwunsch besteht. Ebenso wenig Beziehungsprobleme deswegen. . Viele XXY-Männer leiden unter dem Testosteronmangel – ich leide höchstens daran, dass mir manchmal die Kraft beim Sporteln fehlt, und keine Zugewinne an Muskelkraft spüre. Sonst war ich schon immer mehr ein Denker denn ein Körpermensch.  Viele Betroffene leiden auch unter Legasthenie, während ich mit Rechtschreibung und Grammatik nie auf Kriegsfuß stand, das Lesen, Schreiben ebenso wie die Fremdsprachen liebe. Ich könnte den ganzen Tag nur schreiben – und liebe es, neue Wörter zu erfinden, in Stakkato-Sätzen als auch in Bandwurmsätzen zu schreiben.

Viele Beiträge in entsprechenden Foren drehen sich um die Testosteronbehandlung, um sich *männlicher* zu machen. Vielleicht bin ich mit meiner übersensiblen *femininen* Denkweise aber auch glücklich, hat sie doch zu einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn geführt. Ich bin sogar darüber froh, nicht zu den aggressiven und gewalttätigen Menschen zu gehören, ich brauche keine Leithahn-Kämpfe, um jemanden zu beeindrucken.

Mir fällt aber andererseits auf, dass ich mit Autisten viel besser kommunizieren kann als mit  Neurotypischen. Ich finde mich in sovielen Denk- und Verhaltensweisen wieder, auch wenn mein Rucksack zum Glück nicht durch starre Rituale,  extreme Licht- und Hautempfindlichkeit, monotones Essverhalten und auffälliges Stimmingverhalten beschwert wurde. Die sensorische Überempfindlichkeit („inhibitory skills“) bei XXY ist zwar nachgewiesen, ebenso aber auch, dass Stereotypen geringer ausgeprägt sind. Viele fallen deswegen nicht unter das Autismusspektrum.  Ich weiß nicht, wohin ich falle, aber in Biographien und Alltagsschilderungen von Asperger-Autisten entdeckte ich bisher mehr Gemeinsamkeiten als in jenen von Klinefelter-Betroffenen, die relativ *altersgerecht* verliefen.

Ich bin das Komma zwischen den Syndromen – viel mehr als das: Ich bin der Bindestrich. 

Denn seit ich von Zusammenhängen weiß, interessiert mich beides. Ich scanne das Netz ab nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Für XXY-Männer existiert keine adäquate Verhaltenstherapie. Vielleicht können sie sich aber etwas von den Therapieansätzen für Asperger-Autisten abschauen, teilen sie doch einige Verhaltensweisen. Den Betroffenen ist es herzlich egal, nach wem ihre Verhaltensauffälligkeiten benannt werden, sie suchen angemessene Hilfe.

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